Es ist ein Schlag, der tief sitzt. Aus dem Kloster Saint-Maurice ist seit Sonntagabend bekannt, dass neun Priester in Fälle von sexuellen Übergriffen auf Minderjährige verstrickt sind. Einige von ihnen sind immer noch im Amt. «Die Recherche von RTS deckt nicht nur Einzelfälle auf, sondern ein ganzes System», sagt Charles Martig im Kommentar. «Das ist schockierend.»
Der Kanton Wallis und die Diözese Sitten haben eine gemeinsame Charta ausgearbeitet, um sexuellen Missbrauch in der katholischen Kirche zu bekämpfen. Die Grundsatzerklärung sieht unter anderem vor, dass Seelsorgende bei ihrer Einstellung einen Strafregisterauszug und einen Sonderprivatauszug vorlegen müssen.
Durch Zufall erfährt die Schweiz: Der Papst hat der Einrichtung eines nationalen Kirchenstrafgerichts zugestimmt. Die Meldung, der Papst habe die Öffnung der Nuntiaturarchive in Bern veranlasst, beruht hingegen auf einem Missverständnis. Die Kommunikation der Bischofskonferenz bringt die Bischöfe um eine Erfolgsmeldung.
Der Papst hat der Schaffung eines nationalen Kirchenstraf- und Disziplinargerichts zugestimmt. Die Meldung, dass der Papst auch die Archive der Nuntiatur öffne, sei hingegen «nicht korrekt», sagt Felix Gmür im Interview mit kath.ch.
Die Schweizer Bischöfe zeigen sich lernfähig. Für die Aufarbeitung von Missbrauchsfällen holen sie sich externe Hilfe. Und gestern wurde bekannt: Felix Gmür und Joseph-Maria Bonnemain lobbyieren beim Papst für die Schweizer Themen. «Für ein notorisch träges System wie die katholische Kirche, ist das Wandel in Lichtgeschwindigkeit». Das gelte es anzuerkennen, schreibt Annalena Müller in ihrem Kommentar.
Felix Gmür und Joseph-Maria Bonnemain haben Papst Franziskus zu Gesprächen getroffen. Themen waren das geplante nationale Kirchenstrafgericht, die Aussetzung der Aktenvernichtung und die Öffnung der Nuntiatur-Archive in Bern. Das Präsidium der RKZ wertet das «Engagement der Bischöfe und die Bereitschaft des Papstes für dieses Treffen sehr positiv».
Statt Geldhahn-Drohung forderte die Synode in Solothurn jüngst Reformen – unter anderem zur Gleichstellung der Frau und zur Abschaffung des Zölibats. Solothurner Katholiken wollen auch keine Akten mit Missbrauchsbezug vernichten. Der Landeskirchenrat Thurgau sieht bereits «positive Schritte» in Form der vom Bistum Basel inzwischen getroffenen Reformmassnahmen.
Seit Freitag ist es amtlich. Bischof Joseph Bonnemain erhält als Sonderermittler zwei Engel zur Seite gestellt. Brigitte Tag und Pierre Cornu schauen ihm über die Schulter, wenn es um die Untersuchung gegen seine Amtsbrüder in der Bischofskonferenz geht. «Das schafft Vertrauen», meint Charles Martig. Aber er betont auch: «Das Ganze ist und bleibt ein kirchenrechtliches Verfahren.»
Als einzige Fraktion hat das Obere Entlebuch die finanziellen Zwangsmassnahmen gegen das Bistum Basel abgelehnt. Urs Corradini hält den Entscheid der Luzerner Synode für unkatholisch. Sie «macht den Bischof zum Befehlsempfänger einer Synode». Den Eindruck zu erwecken, «der Bischof hätte noch nichts gegen Missbräuche unternommen, wird weiteres Misstrauen» schüren, sagt der Diakon.
Die katholische Kirche ahndet sexuelle Übergriffe in ihrem Umfeld unprofessionell. Darüber sind sich kirchliche Expertinnen und Experten auf dem Podium der Universität Zürich einig. «Wir wussten früher nicht, wie mit Missbrauchsmeldungen umgehen. Und wir sind heute nicht viel weiter», sagte Nicolas Betticher, Offizial am Interdiözesanen schweizerischen kirchlichen Gericht.
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