Der Missbrauchsskandal und das Verhalten der St.Galler Bischöfe hat in der katholischen Basis tiefe Betroffenheit und Wut ausgelöst. Am Montagabend sind rund 500 Gläubige, darunter viele Mitarbeitende der katholischen Kirche, dem Aufruf zu einer Art Trauerfeier gefolgt. In einem sogenannten Anhörkreis haben Dutzende in Wortmeldungen Enttäuschung und Wut, aber auch Hoffnung ausgedrückt.
«So nicht!» lautet der Titel einer Zeitungsanzeige, mit der 107 kirchliche Mitarbeitende im Dekanat St. Gallen ihre Betroffenheit angesichts der Missbrauchsstudie, aber auch ihren Wunsch nach System- und Kulturwandel zum Ausdruck gebracht haben. Viele positive Reaktionen hat dieses Inserat bereits ausgelöst.
Thomas Pfeifroth erhebt schwere Vorwürfe gegen einen Priester, der im Bistum Basel angestellt ist. Dieser soll ihn 1982 missbraucht haben. Pfeifroth ist seit 2005 selbst Priester. 2011 wandte er sich erstmals an Bischof Felix Gmür – dieser liess den Missbrauchsbetroffenen auflaufen. Als er Bischof Gmürs Statement zur Missbrauchsstudie las, sei ihm «fast der Kopf geplatzt».
Vertuschung, Befangenheit und Lernresistenz: Zum Wochenende stehen Felix Gmür und Joseph Bonnemain in schlechtem Licht. Der vatikanische Sonderermittler Bonnemain ist befangen und dem Basler Bischof sind zu viele «Fehler» passiert. Er ist nicht mehr tragbar, schreibt Annalena Müller in ihrem Kommentar.
Das Bistum Basel hat in einer Medienmitteilung auf die Vertuschungsvorwürfe reagiert. Die Mitteilung beruft sich auf das Kirchenrecht und insistiert, dass Felix Gmür richtig gehandelt habe. Aber die Mitteilung unterschlägt wichtige Details.
Vor einem Monat hat der «Beobachter» den Fall «Denise Nussbaumer» aufgedeckt und grosse Schatten auf das ehemalige Vorzeigebistum Basel geworfen. Nun gibt es weitere Vertuschungsvorwürfe gegen den Bischof Felix Gmür. In einem Gastbeitrag schreibt Denise Nussbaumer: «Die Fehler und die Vertuschung haben System.» Den Beteuerungen des Bischofs, dass Opfer im Zentrum stünden, kann sie nicht glauben.
Keine Kirchensteuergelder mehr für die Bischöfe – das kann sich die Präsidentin der Römisch-Katholischen Zentralkonferenz der Schweiz (RKZ) und Luzerner Synodalrätin, Renata Asal-Steger, vorstellen. «Ich schliesse nicht aus, dass wir zukünftig den Bischöfen die Geldzahlungen verweigern, sollte sich zu wenig bewegen.» Grundlegende Strukturen der Kirche müssten geändert werden, um Missbrauch im kirchlichen Kontext zu verhindern.
Das Bistum Basel kommt nicht zur Ruhe. 2011 soll sich Bischof Felix Gmür geweigert haben, einen Missbrauchsfall nach Rom zu melden. Er berief sich dabei auf die Verjährung. Es ist das zweite Mal innert einem Monat, dass Gmür Nichthandeln vorgeworfen wird.
Das Forschungsteam der Universität Zürich hatte Zugang zu den Archiven der Nuntiatur in Bern gefordert. Diese wird dem Team verweigert. Das erschwert die Aufarbeitung der Missbrauchsgeschichte der Schweizer Kirche. Die Nuntiatur ist die Vermittlerin zwischen den Schweizer Diözesen und Rom.
Der Termin stand schon lange in der Agenda. Alle fünf Jahre besucht der St. Galler Bischof die Gläubigen in Rapperswil-Jona SG. Am Freitagabend dominierte das Thema «Missbrauch» die Begegnung. «Wir stehen da mit Schmerz, es ist ein Schmerz des Versagens», sagte Büchel in der schlichten Eucharistiefeier. Anschliessend konnten Pfarreiangehörige die Fragen stellen, die ihnen seit Veröffentlichung der Pilotstudie zum Missbrauch in der Schweiz unter den Nägeln brennen.
‹›