Impression während der Trauerfeier zum Missbrauchsskandal in St. Gallen
Schweiz

500 Gläubige trauern wegen Missbrauchsskandal: «Dieses Licht kann uns niemand nehmen»

Der Missbrauchsskandal und das Verhalten der St.Galler Bischöfe hat in der katholischen Basis tiefe Betroffenheit und Wut ausgelöst. Am Montagabend sind rund 500 Gläubige, darunter viele Mitarbeitende der katholischen Kirche, dem Aufruf zu einer Art Trauerfeier gefolgt. In einem sogenannten Anhörkreis haben Dutzende in Wortmeldungen Enttäuschung und Wut, aber auch Hoffnung ausgedrückt.

«Schön, dass ihr hier seid, kommt gut nach Hause.» Mit diesen Worten beendet die Seelsorgerin Hildegard Aepli am Montagabend die Versammlung im Chorraum der St. Galler Kathedrale, wie in einer Medienmitteilung der Katholischen Kirche im Lebensraum St. Gallen geschildert wird. Die meisten der rund 500 Gläubigen stehen langsam auf, verlassen den Raum. Einige umarmen sich. Andere wischen sich Tränen aus den Augen.

Gedrückte Stimmung, aber auch Erleichterung

Die Stimmung ist bedrückt; aber auch Erleichterung macht sich breit. Katholikinnen und Katholiken teilen Freude, aber auch Leid und gehen als Gemeinschaft durch dunkle Stunden. Die Seelsorgerinnen Stefania Fenner und Hildegard Aepli sowie Dompfarrer Beat bekommen von allen Seiten Komplimente.

Hildegard Aepli
Hildegard Aepli

Zusammen mit kirchlichen Mitarbeitenden haben sie zu diesem Anlass, eine Art Trauerfeier per «Tagblatt»-Inserat eingeladen. Nach einer Einleitung zur kürzlich veröffentlichten Studie über sexuellen und spirituellen Missbrauch in der katholischen Kirche sowie einem Lagebericht im Bistum St. Gallen haben die Organisatorinnen den Anwesenden in einem Anhörkreis das Wort überlassen. Dabei wurde der Enttäuschung und der Wut ordentlich Luft gemacht.

«Wir sind die Kirche»

«Ich bin wütend wegen der Reformunfähigkeit der Kirche.» «Wir sind eine liberale, aufgeklärte Gesellschaft. Wir müssen die Sache selber angehen.» «Sagt unser Bischof überhaupt die Wahrheit, ich weiss es nicht mehr.» Die Wortmeldungen der Anwesenden blieben alle unkommentiert. Der Anhörkreis hatte den Zweck, den Gedanken Raum zu geben.

Dompfarrer Beat Grögli bei einer Predigt (Archiv).
Dompfarrer Beat Grögli bei einer Predigt (Archiv).

Allerdings brandete Applaus auf, als eine Seelsorgerin aus Winterthur Komplimente für den Anlass und dieses Vorgehen aussprach. Auch dringliche Voten, es mögen endlich Reformen geschehen, wurden teilweise mit Applaus quittiert.

Tradition der irischen Mönche

Ein Gläubiger erinnerte an die irische Tradition des St.Galler Klosters: Schon vor Jahrhunderten hätten sich die Mönche Rom widersetzt. Sie hätten ihre traditionellen irischen Gewänder behalten und jene aus Rom abgelehnt. Einige wollten in ihren Wortmeldungen auch Mut machen und Hoffnung schöpfen. Schliesslich werde die Kirche durch das Volk und die Basis und nicht durch den Klerus gestaltet.

Taizé-Lied gesungen

Zum Schluss des Anlasses haben die Gläubigen das Taizé-Lied «Dans nos obscurité» angestimmt. Dazu gab es die Gelegenheit, eine Kerze anzuzünden und in die Mitte der Gemeinschaft zu stellen. Das Taizé-Lied singt von der Botschaft, dass auch in der Dunkelheit ein Licht scheint. «Ein Licht, das uns niemand nehmen kann», wie es Dompfarrer Beat Grögli im Nachgang sagte. (woz)


Impression während der Trauerfeier zum Missbrauchsskandal in St. Gallen | © zVg
19. September 2023 | 15:30
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