Denise Nussbaumer: «Ich kann Gmür nichts mehr glauben»
Vor einem Monat hat der «Beobachter» den Fall «Denise Nussbaumer» aufgedeckt und grosse Schatten auf das ehemalige Vorzeigebistum Basel geworfen. Nun gibt es weitere Vertuschungsvorwürfe gegen den Bischof Felix Gmür. In einem Gastbeitrag schreibt Denise Nussbaumer: «Die Fehler und die Vertuschung haben System.» Den Beteuerungen des Bischofs, dass Opfer im Zentrum stünden, kann sie nicht glauben.
Denise Nussbaumer*
Als ich heute die Artikel zu Thomas Pfeifroth im «SonntagsBlick» gelesen habe, war ich schockiert. Nicht überrascht, aber schockiert. Es tut mir für Thomas Pfeifroth unendlich leid, was er erleben musste, sowohl der ihm zugefügte sexuelle Missbrauch als auch die erneute Traumatisierung durch Gmür und die katholische Kirche. Gleichzeitig gibt mir Pfeifroths Geschichte das Gefühl, nicht allein zu sein.
Gmür übernimmt keine Verantwortung
Gmür übernimmt keine Verantwortung. Bei Thomas Pfeifroth scheint er seinen Spielraum nicht genutzt zu haben. Ausserdem hat er einen völlig unsensiblen Brief voller «victim blaiming» geschrieben. Gmür soll «irritiert» gewesen sein, dass Pfeifroth sich erst 2011 an das Bistum Basel wandte.
Das ruft Erinnerungen wach. Auch mich hat Bischof Gmür 2020 für die Einstellung der Voruntersuchung fälschlicherweise verantwortlich gemacht. Erst als ihm aufgrund der Recherchen von Journalisten und Journalistinnen nichts Anderes übrig blieb, hat der Bischof ein paar Fehler eingestanden, aber die Verantwortung abgeschoben.
Verantwortungsverweigerung hat System
Die schönen Worte, die Gmür seit Jahren in der Öffentlichkeit äussert, haben aus meiner Sicht wenig mit der Realität zu tun. Ich habe recherchiert und mir seine Aussagen der letzten Jahre angeschaut. Immer wieder beteuert der Bischof, dass die Opfer nicht alleine gelassen werden dürfen, dass die Opfer ihr Recht bekommen und in den Mittelpunkt gestellt werden müssen. Und ich muss sagen: Es klang für mich alles immer glaubwürdig.
«Ich habe Gmür lange abgenommen, dass er es ernst meint.»
Ich habe Gmür lange abgenommen, dass er es ernst meint. Auch deshalb habe ich mich 2019 mit meinem Fall an das Bistum Basel gewendet. Ich dachte, dort wäre ich sicher. Ich dachte, man würde mir zuhören und glauben. Zumal, da das Fachgremium und die Kommission Genugtuung meinen Fall als glaubwürdig und schwerwiegend eingestuft – ihn also vorgeprüft hatten. Dennoch hat Gmür die Voruntersuchung eingestellt. Heute kann ich Gmür nichts mehr glauben. Aufgrund meiner eigenen Erfahrung. Und die Geschichte von Thomas Pfeifroth zeigt für mich, dass die Verantwortungsverweigerung und das Misstrauen gegen Missbrauchsopfer System haben.
Kein «bedauerlicher Einzelfall»
Die Geschichte von Thomas Pfeifroth zeigt, dass der Umgang mit mir durch das Bistum Basel und seinen Vorsteher Gmür kein «bedauerlicher Einzelfall» war. Die Fehler und die Vertuschung haben System. Und es ist kein Problem vergangener Zeiten. Ja, der Grossteil der im Rahmen der Pilotstudie identifizierten Fälle sexuellen Missbrauchs mag in den 1950er bis 1970er Jahren passiert sein. Aber der Umgang damit und mit den Betroffenen ist noch heute dilettantisch und ohne jegliche Empathie. Die Opfer werden auch heute nicht wahrgenommen. Ihnen geschieht weiterhin Unrecht. Sie stehen nicht im Zentrum.
Bis heute hat Gmür mich nicht persönlich kontaktiert. Von der Stellungnahme zu seinem Umgang mit meiner Geschichte habe ich aus den Medien erfahren. Ich weiss nicht genau, warum mir ein Gesprächsangebot so wichtig wäre. Denn ich vermute gleichzeitig, dass mir ein Gespräch mit ihm nicht helfen würde. Wahrscheinlich hoffe ich trotzdem weiterhin, von Gmür zu hören, weil es das richtige Handeln wäre. Weil es ein Zeichen wäre, dass ich als Opfer wahrgenommen werde. Dass er sich traut, mir in die Augen zu schauen und seine Fehler einzugestehen.
Was mir die heute bekannt gewordene Geschichte von Thomas Pfeifroth zeigt: Felix Gmür hat in zwei völlig unterschiedlichen Fällen fehlerhaft gehandelt. Der Fall von Pfeifroth war am Anfang seines Bischofsamtes. Mein Fall war vor drei Jahren. Es scheint hier also auch keine Lernkurve gegeben zu haben. Und ich frage mich – sind die Geschichte von Thomas Pfeifroth und mir auch nur die Spitze des Eisbergs? Und wie viele solcher Fälle braucht es noch, bis endlich echte Konsequenzen folgen?
*Denise Nussbaumer ist ein Pseudonym. Der richtige Name ist der Redaktion bekannt.
Anlaufstellen für Missbrauchsbetroffene
Eine Liste mit kirchlichen und weiteren Anlaufstellen für Missbrauchsbetroffene ist hier zu finden.
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