Lisbeth Binder ist Tochter eines Priesters – er hat ihre Mutter vergewaltigt. Vor über einem Jahr wurde der Film «Unser Vater» ausgestrahlt und die Geschichte von Binder und ihren fünf Halb-Geschwistern erzählt. Seither ist klar: Es gibt noch mehr Kinder.
Der Westschweizer Diakon Daniel Pittet ist als Bub jahrelang von einem Ordensmann vergewaltigt worden. Nun schreibt er ein Buch über sexuellen Missbrauch in Familien. Er sagt: «Es gibt unglaublich viel sexuellen Missbrauch in der Schweiz. Und der verursacht grosses Leid.» Mit Aufklärung will er das Problem an der Wurzel packen.
Die Pilotstudie zum Missbrauch in der katholischen Kirche der Schweiz hat die Menschen im letzten September aufgeschreckt. Seither sind im Bistum Basel 120 neue Missbrauchsmeldungen eingegangen. Diese bearbeiten zwei Anwaltskanzleien.
«Ein schwerwiegender Verlust» sei der Austritt der Deutschschweizer Frauenorden, sagt der Präsident der Dachorganisation der Ordensgemeinschaften (Kovos), Daniele Brocca. Doch auch ohne Mitgliedschaft sollten sie sich an den Kosten der Missbrauchsstudie beteiligen. Die Massnahmen gegen Missbrauch beträfen die gesamte Kirche, unabhängig von Zugehörigkeiten.
Ein Priester missbrauchte jahrelang Kinder, denen er angeblich gratis Klavierstunden gab. Ein anderer verging sich an einem Internatsschüler. Darüber berichten zwei betroffene Frauen und ein Mann in einer RSI-Sendung zu Missbrauch in der Kirche. Die Fälle und der Umgang damit ähneln jenen von anderswo. Nur: Im Bistum Lugano wurden Dokumente absichtlich und gezielt zerstört.
Die Journalistin Francesca Luvini (55) hat mit Opfern, mit Kirchenvertretern, aber auch mit Bürgerinnen und Bürgern gesprochen – um mehr herauszufinden über sexuellen Missbrauch durch Kleriker und den Umgang damit im Tessin. Nicht äussern wollte sich der emeritierte Bischof Pier Giacomo Grampa, was Luvini sehr bedauert. Am Donnerstagabend erscheint das Resultat ihrer Recherchen im Tessiner Fernsehen RSI.
Missbrauch und dessen Vertuschung sind mitverursacht von missbrauchs- und vertuschungsbegünstigenden Faktoren in der Struktur und Kultur der Katholischen Kirche. Dieser Aspekt fehle im Massnahmenkatalog, schreibt Mentari Baumann, Geschäftsführerin Allianz Gleichwürdig Katholisch, in einem Kommentar.
Bei einem Mediengespräch haben Spitzenvertreter der Schweizer Kirche einen Zwischenstand zur Umsetzung von Massnahmen gegen Missbrauch präsentiert. Das föderalistische System der Schweiz ist dabei ein Bremsklotz. Zudem: Nicht jedes Bistum zieht mit.
Betroffene von sexuellem Missbrauch in der katholischen Kirchen sollen künftig überall in der Schweiz gleich behandelt werden. Heute stellen die drei nationalen kirchlichen Organisationen SBK, RKZ und KOVOS die Massnahmen dafür vor.
Am kommenden Montag will die katholische Kirche über erste Massnahmen informieren, mit denen sie systemische Defizite angehen, die Missbrauchsfälle begünstigt haben. Eine davon hat «Blick» bereits heute publik gemacht: schweizweit einheitliche Eignungsprüfungen für alle Kirchenmitarbeitenden – nicht nur Priester wie bisher.
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