Vorwand Klavierunterricht: Tessiner Priester missbrauchte Mädchen
Ein Priester missbrauchte jahrelang Kinder, denen er angeblich gratis Klavierstunden gab. Ein anderer verging sich an einem Internatsschüler. Darüber berichten zwei betroffene Frauen und ein Mann in einer RSI-Sendung zu Missbrauch in der Kirche. Die Fälle und der Umgang damit ähneln jenen von anderswo. Nur: Im Bistum Lugano wurden Dokumente absichtlich und gezielt zerstört.
Regula Pfeifer
Eines haben die drei Opfer von Missbrauch gemeinsam: Sie haben niemandem vom Missbrauch erzählt. Zumindest nicht in ihrer Kindheit, damals, als es immer wieder geschah. «Wer hätte mir geglaubt?», fragen alle drei irgendwann.
Die Sendung «Falò» des Tessiner Fernsehens RSI rollt mit eindrücklichen Zeugnissen und schönen Bildern auf, wie Missbrauch in der katholischen Kirche des Südkantons geschah – und geschehen konnte. Die Sendung wurde am letzten Donnerstag ausgestrahlt, sie ist online nachzuschauen.
Zwei Frauen – ein Schicksal
Die Sendung heisst «L’abus – la chiesa cattolica nella bufera» (Der Missbrauch – die katholische Kirche im Sturm»). Die beiden Frauen, die vor der Kamera anonym Zeugnis ablegen, wuchsen in derselben Gemeinde auf und wurden vom selben Priester missbraucht. Sie erzählen erstmals in ihrem Leben davon – rund 50 Jahre nach der Gewalterfahrung. Sie wussten vorher nicht, dass sie dasselbe Schicksal teilten.
Der Priester sei bewundert worden für seine Fähigkeiten als Komponist, berichtet RSI. Der Mann dirigierte einen Kinderchor und gab privat Klavierunterricht.
Die Frau mit dem Pseudonym Elisabetta erzählt in der Sendung: «Ich ging zum Pfarrhaus hinauf. Da war der Saal, in dem er Klavierlektionen gab. Dann war man allein. Klavierspielen habe ich nie gelernt. Er unterrichtete nicht Klavier.»
«Während er Klavier spielte, legte er die Hände, die Finger, wohin er nicht durfte.»
Elisabetta
Was der Priester stattdessen tat, beschreibt sie so: «Während er Klavier spielte, legte er die Hände, die Finger, wohin er nicht durfte. Das hat er bei verschiedenen Gelegenheiten getan. Ich ging nach Hause, ging ins Zimmer hinauf. Ich erinnere mich, dass ich weinte. Ich hatte das Gefühl, mich schmutzig zu fühlen.» Nachträglich habe sie sich immer wieder gefragt: «Wieso habe ich es ihn machen lassen?»
Während die Mutter Kaffee machte…
Die andere Frau, in der RSI-Sendung Agata genannt, war als Mädchen eben vom Spital zurückgekehrt, wo sie wegen einer Krankheit im Koma gelegen hatte, als der Übergriff bei ihr zuhause geschah. Agata erzählt: «Also, meine Mama ging Kaffee machen. Er liess mich auf seine Knie sitzen. Mit der Entschuldigung, die Wunde anzuschauen, und all das – hat er mir die Finger reingesteckt, ruhig. Als ob es natürlich wäre. Als dann er hörte, dass meine Mutter zurückkam, hat er mich wieder zurechtgemacht. Ich wusste, da war etwas falsch. Ich hatte aber auch die Gewissheit, dass niemand glauben würde. Ich wusste, dass ich nie etwas sagen würde.»
Der damalige Tessiner Bischof Giuseppe Martinoli erfuhr irgendwann vom Treiben dieses Priesters, wie der «Corriere del Ticino» gemäss RSI berichtete. Ende der 1970er-Jahre verbot Martinoli dem Priester, Kinder zu empfangen, um Klavierlektionen zu geben. Doch offenbar ohne Erfolg.
Verurteilt, aber nur kurz in der Klinik
Daraufhin gingen fünf Familien vor Gericht. Der Priester wurde verurteilt, musste aber nicht ins Gefängnis, sondern in eine psychiatrische Klinik. Doch die Übergriffe fanden damit kein Ende. Nach einem Jahr in der Klinik arbeitete der Priester-Musiker wieder als Hilfsmitarbeiter in der Pfarrei Novazzano. Bedingung war, dass ein Tutor ihn kontrollierte. Der Propst der Pfarrei hätte dies tun sollen – gemäss den Vorgaben des Bistums.
Das scheint nicht funktioniert zu haben, gemäss den Recherchen von RSI: «Nur vier Jahre später ist in einem Brief des Bischofs an den Priester zu lesen: Ich bin zufrieden, dass du darauf verzichtet hast, Klavierlektionen in deinem Haus zu geben. Ich finde, das ist das Beste für dich und für die anderen.»
Oliviero Bernasconi war zu jener Zeit Generalvikar des Bistums Lugano. Als RSI ihn mit der Aussage konfrontiert, dass der Mann auch nach der Verurteilung wieder Klavier unterrichtete, sagt er entrüstet: «Nein, aber das nicht!» Er habe den Priester selbst manchmal eingeladen, den Kirchenchor mit der Orgel zu begleiten. «Aber ich war dabei», betont er.
«Der Priester ging mich mit grosser Gewalt an.»
Bruno
Bruno (Pseudonym) berichtet über Missbrauch im Internat. Er lebte in einem Salesianer-Kollegium. Dort habe ein Regime von Angst und Bestrafung geherrscht. «Nachts kam der Priester, der machte, was er machte», sagt Bruno. «Ich habe den Priester gefühlt, der mich mit grosser Gewalt anging. Er hat die Decke weggenommen und die Leintücher. Dann fühlte ich ihn über mir und ich wurde bewegungslos.»
Bruno hat sich bei der diözesanen Kommission für Fälle von Missbrauch gemeldet, die es seit 2009 im Bistum Lugano gibt. Und im Radio darüber berichtet. Daraufhin hätten sich weitere Betroffene gemeldet, berichtet RSI.
Die erwähnten Beispiele sind jenen aus anderen Regionen der Schweiz und international sehr ähnlich. Auch der Umgang des Bistums mit Tätern und Opfern unterscheidet sich kaum von andernorts. Einen Unterschied gibt es aber, wie RSI betont: Den Umgang mit Dokumenten.
Absichtliche Zerstörung von Dokumenten
«Ein Teil der kirchlichen Archive, die problematische Dokumente aufbewahrten, ist nicht mehr aufzufinden», sagt die Tessiner Historikerin Vanessa Bignasca. Sie hat im Geheimarchiv des Bistums Lugano einen Text eines ehemaligen Bibliothekars gefunden, geschrieben 1999. Dieser beweist: Es gab eine gewollte, systematische Zerstörung von Dokumenten.
Der aktuelle Verantwortliche des Geheimarchivs, Carlo Cattaneo, empfängt RSI vor der Türe des Geheimarchivs. Er sagt: Den Schlüssel fürs Geheimarchiv habe nur der Bischof, er selbst nicht. Und er sagt, das Geheimarchiv enthalte Dokumente über «Fälle von Moral, von Missbrauch».
Cattaneo bezeichnet die Zerstörung von Dokumenten nicht als Problem. Das sei damals so vorgesehen gewesen. Problematisch sei hingegen, dass die Zerstörung nicht aktenkundig festgehalten wurde. Denn «das verlangt das Kirchenrecht».
Wie RSI berichtet, gab es bereits 1995 eine Aktenvernichtungsaktion. Demnach steht in einem Brief von 1995, den der damalige Generalvikar Oliviero Bernasconi an den damaligen Nuntius schrieb: Bischof Eugenio Corecco habe den Befehl gegeben, alles zu verbrennen, was in den Schränken des Bischofs betreffend die Priester war.»
In anderen Archive forschen
Die Folge solcher Aktionen: Viele Dokumente, die problematische Priester betrafen, existieren heute nicht mehr. Um den Missbrauch in der Kirche zu erforschen, müssen die Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler auf andere Archive ausweichen – etwa auf Gerichtsarchive oder auf Archive der Nuntiatur. Wobei die Gerichtsarchive nur ganz wenige Fälle dokumentieren, die überhaupt vor Gericht kamen. Und zu den Archiven der Nuntiatur ist noch kein Zugang gewährt worden, wie die Zürcher Professorinnen Marietta Meier und Monika Dormann in der Sendung sagen.
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