Bruno Willi
Schweiz

Pride-Schabbat: «Glauben und queere Identität sind kein Widerspruch»

Zum Auftakt der Pride am 20. Juni in Zürich lädt die jüdische Gemeinschaft an diesem Freitag erstmals zum multireligiösen Pride-Schabbat. Am Pride-Sonntag folgt der traditionelle ökumenische Gottesdienst im Grossmünster. Bruno Willi, Seelsorger und Leiter der HIV-Aidsseelsorge der Katholischen Kirche im Kanton Zürich, spricht über Dialog, Zugehörigkeit und Hoffnung.

Sarah Stutte

Am 12. Juni findet im Rahmen der Zurich Pride erstmals ein multireligiöser Pride-Schabbat in der Jüdischen Liberalen Gemeinde Zürich statt. Wie ist es dazu gekommen und welche Religionsgemeinschaften beteiligen sich?

Bruno Willi: Die Initiative kam von der jüdischen Queer-Gruppe mit dem Wunsch, im Rahmen der Pride eine interreligiöse Feier zu veranstalten. Für den ursprünglich vorgesehenen Termin gab es einzelne Vorbehalte, aber ich fand die Idee sehr wichtig. So entstand das heutige Format: Queere Menschen aus verschiedenen Religionsgemeinschaften sind zu Gast bei der jüdischen Gemeinschaft. Beteiligt sind Menschen aus dem Judentum, dem Islam, dem Hinduismus, dem Buddhismus und dem Christentum. Nach der Schabbat-Feier gibt es ein gemeinsames Essen und Gespräche. Menschen aus unterschiedlichen religiösen Traditionen können erzählen, wie sie ihren Glauben und ihr Queersein erleben.

Menschen nehmen an der Pride-Parade in Zürich am 17. Juni 2023 teil.
Menschen nehmen an der Pride-Parade in Zürich am 17. Juni 2023 teil.

Wie schwierig oder wie sensibel war die Vorbereitung eines solchen Anlasses angesichts der Spannungen rund um den Gaza-Israel-Krieg?

Willi: Die Vorbereitung war schwierig. Gleichzeitig war für uns klar, dass es an diesem Abend nicht um Politik gehen soll. Im Zentrum stehen Menschen und ihre Erfahrungen. Antisemitismus kann man letztlich nur mit Menschlichkeit begegnen. Wir wollen zeigen, dass Religionen für Menschen da sind und dass Menschen in ihren Gemeinschaften willkommen sein sollen.

«Ausgrenzung erleben queere Menschen oft auch innerhalb ihrer eigenen Religionsgemeinschaften.»

Die Veranstaltung trägt den Titel «Zwischen Zugehörigkeit und Ausgrenzung». Wächst gerade in einer Zeit zunehmender gesellschaftlicher Spannungen das Bedürfnis nach solchen Begegnungen?

Willi: Wir müssen dem Negativen etwas Positives gegenübersetzen. Ausgrenzung erleben queere Menschen nicht nur in der Gesellschaft, sondern oft auch innerhalb ihrer eigenen Religionsgemeinschaften. Viele möchten ihren Glauben nicht aufgeben, sondern dazugehören. Der Anlass setzt deshalb ein Zeichen nach aussen und nach innen: Queere Menschen sind Teil dieser Religionsgemeinschaften und wollen dort ihren Platz haben.

Die Kirchen an der Zurich Pride 2022.
Die Kirchen an der Zurich Pride 2022.

Neben dem interreligiösen Anlass organisieren Sie auch den ökumenischen Pride-Gottesdienst vom 21. Juni im Grossmünster mit. Welche Botschaft möchten Sie den Besucherinnen und Besuchern in diesem Jahr mitgeben?

Willi: Viele Menschen, die diesen Gottesdienst besuchen, haben in ihrem Leben Ablehnung oder Verletzungen erfahren. Wir möchten ihnen zusprechen, dass sie von Gott angenommen sind. Im Gottesdienst greifen wir die Berufungsgeschichte Samuels auf. Gott ruft Samuel bei seinem Namen und traut ihm etwas zu. Diese Erzählung erinnert daran, dass jeder Mensch von Gott gewollt ist, seine Identität leben kann und einen Platz hat. Der Gottesdienst soll deshalb ein Ort der Hoffnung, der Ermutigung und der Bestärkung sein.

Die Zurich Pride steht 2026 unter dem Motto «Protect Queer/Trans Youth – Zugang schafft Zukunft». Wird dieses Anliegen auch im Gottesdienst eine Rolle spielen, und wenn ja, wie?

Willi: Ja, das Thema wird vorkommen. Trans Jugendliche stehen heute oft unter besonderem gesellschaftlichem Druck. Viele erleben Vorurteile oder mangelnde Akzeptanz. Als Kirchen haben wir die Aufgabe, Menschen in solchen Situationen zu begleiten. Es ist wichtig, dass junge Menschen Räume finden, in denen sie ernst genommen werden und ihre Zukunft mit Zuversicht gestalten können.

Die Pride findet dieses Jahr ohne Festival statt, durchgeführt wird lediglich der Demonstrationsumzug. Erwarten Sie deshalb weniger Teilnehmende an kirchlichen Veranstaltungen?

Willi: Das glaube ich nicht unbedingt. Der Pride-Gottesdienst war immer auch ein eigenständiger Anlass und bildete gewissermassen den Abschluss des Wochenendes. Deshalb gehe ich nicht davon aus, dass der Wegfall des Festivals grosse Auswirkungen auf den Gottesdienst haben wird.

«Ich hoffe, dass wir künftig auch bei anderen Religionsgemeinschaften zu Gast sein können.»

Könnte der Pride-Schabbat auch in den kommenden Jahren stattfinden?

Willi: Das wäre mein grosser Wunsch. Ich finde dieses Format unglaublich wertvoll. Ich hoffe, dass wir künftig auch bei anderen Religionsgemeinschaften zu Gast sein können. Dass die Jüdische Gemeinde uns eingeladen hat, ist keineswegs selbstverständlich. Gerade deshalb ist dieser Anlass für mich ein starkes Zeichen des gegenseitigen Respekts und der Gastfreundschaft.

Martin Stewen eröffnet den ökumenischen Gottesdienst zur "Zurich Pride" in der Kirche St. Peter und Paul 2023
Martin Stewen eröffnet den ökumenischen Gottesdienst zur "Zurich Pride" in der Kirche St. Peter und Paul 2023

Kirchen engagieren sich heute sichtbarer an der Pride als noch vor einigen Jahren. Haben Sie den Eindruck, dass sich die Haltung der Kirchen gegenüber queeren Menschen tatsächlich verändert hat?

Willi: In Teilen ja. Die Öffnung gegenüber queeren Menschen erleben wir in unserer Arbeit schon seit vielen Jahren. Das zeigt sich auch institutionell: Die HIV-Aidsseelsorge wird, gemäss unserer neuen Strategie, vermutlich im Herbst 2026 einen Namenswechsel vollziehen. Damit soll unser Engagement für queere und andere vulnerable Menschen ausdrücklich auch im Namen sichtbar sein. In der katholischen Kirche gibt es heute mehr Bewusstsein dafür, dass Menschen unabhängig von ihrer sexuellen Orientierung oder Geschlechtsidentität einen Platz in der Kirche haben.

Kann eine interreligiöse Pride-Veranstaltung auch ein Zeichen gegen gesellschaftliche Polarisierung sein – gerade in einer Zeit, in der internationale Konflikte bis in lokale Gemeinschaften hineinwirken?

Willi: Absolut. Schon die Tatsache, dass wir als queere Menschen verschiedener Religionen gemeinsam zu Gast in einer jüdischen Gemeinde sein dürfen, ist ein starkes Zeichen. Es zeigt, dass Glauben und queere Identität kein Widerspruch sind. Solche Begegnungen schaffen Verständnis und bauen Brücken – innerhalb der Religionsgemeinschaften ebenso wie in der Gesellschaft.

Rechnen Sie rund um die Veranstaltungen mit kritischen oder negativen Reaktionen – sei es aus kirchlichen Kreisen oder aus der Gesellschaft – und wie gehen Sie damit um?

Willi: Kritik gehört dazu. Wir erleben immer wieder, dass Menschen unsere Arbeit ablehnen. Gleichzeitig sehen wir, wie wichtig diese Angebote für viele Betroffene sind. Deshalb lassen wir uns davon nicht entmutigen. Entscheidend ist für mich, dass wir Menschen begleiten und unterstützen können.

Sie engagieren sich seit 19 Jahren in der HIV-Aidsseelsorge und in der Begleitung queerer Menschen. Was gibt Ihnen heute Hoffnung?

Willi: Hoffnung geben mir die Menschen selbst. Ich erlebe jeden Tag, wie Menschen schwierige Situationen bewältigen und wie wichtig Unterstützung und Gemeinschaft sein können. Wir schaffen Räume, in denen Menschen einfach sein dürfen, wie sie sind. Wenn ich sehe, dass Menschen dadurch Halt, Würde und neue Perspektiven gewinnen, dann gibt mir das Zuversicht.

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Pride-Schabbat und ökumenischer Gottesdienst

Der multireligiöse Pride-Schabbat findet am Freitag, 12. Juni 2026, von 18.45 bis 21 Uhr in der Jüdischen Liberalen Gemeinde Zürich statt. Nach dem Schabbat-Gottesdienst mit Dela Hüttner und Stimmen aus den abrahamitischen Religionen folgt ein vegetarisches Gemeindeessen sowie ein moderierter Austausch über Erfahrungen von Zugehörigkeit und Ausgrenzung in religiösen und queeren Gemeinschaften. Der Eintritt kostet 20 Franken.

Der ökumenische Pride-Gottesdienst wird am Sonntag, 21. Juni 2026, um 14 Uhr im Grossmünster Zürich gefeiert. Unter dem Motto «Willkommen sein schafft Zukunft» steht die biblische Berufungsgeschichte Samuels im Zentrum. Nach dem Gottesdienst sind alle Besucherinnen und Besucher zu einem Apéro eingeladen. Neben dem römisch-katholischen Seelsorger Bruno Willi wirken am Gottesdienst mit: die evangelisch-reformierte Pfarrerin Priscilla Schwendimann, die christkatholische Pfarrerin Melanie Handschuh, Lea Blattner vom Zwischenraum Schweiz und Urs Bertschinger von der Projektleitung Regenbogenkirche/EMK Zürich 2. (sas)


Bruno Willi | © zVg
11. Juni 2026 | 17:00
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