Vorbereitungsarbeiten für das Taizé-Treffen | © taize.fr
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Vorbereitungsarbeiten für das Taizé-Treffen | © taize.fr

«Explo 17» und das Europäische Taizé-Treffen in Basel im Vergleich

Zürich, 26.12.17 (kath.ch) Die Vorbereitungsarbeiten für das Taizé-Endjahrestreffen treten in die Schlussphase. Aus ganz Europa reisen am Dienstag die ersten tausend jungen Leute ein. Sie helfen beim Aufbau der Infrastruktur. Auch die Vorbereitung der «Explo» in Luzern ist im Schlussspurt. Ein Vergleich der beiden Treffen lohnt sich – schon rein um zu wissen, wie Jugend und Kirche heute ticken.

Vera Rüttimann

Sowohl das Europäische Taizé-Treffen in Basel wie der überkonfessionelle Grossevent «Explo 17» auf der Luzerner Allmend werden am Jahresende zehntausende junge Menschen anziehen. Einerseits unterscheiden sich die beiden Veranstaltungen stark in ihrer Gestaltung und Ausrichtung, andererseits gibt es überraschende Gemeinsamkeiten zwischen den Grossanlässen.

Der ökumenische Austausch mit Freikirchen ist noch nicht so weit fortgeschritten.

Während am Jahresende das Innere der St. Jakobshalle und des Eisstadions in Basel mit Tausenden von Kerzen und orangenen Stoffbändern ausgestaltet wird, gibt es an der «Explo 17» in Luzern Lightshows, Lobpreisgesänge und coole Live-Bands. Zehntausende werden zu diesen nachweihnächtlichen Grossereignissen strömen. Vertreter der katholischen Landeskirche bekunden zum Teil Hemmungen, sich an der «Explo» einzubringen. Woran liegt das?

Unterschiedliche Traditionen

Hansruedi Kleiber, Pastoralraumleiter der katholischen Kirche der Stadt Luzern, erklärt: «Der ökumenische Austausch mit Freikirchen ist noch nicht so weit fortgeschritten wie mit den reformierten Kirchen. Wir haben verschiedene Geschichten und unterschiedliche Traditionen. Darüber müssen wir gemeinsam nachdenken.» Eine gemeinsame Annäherung müsse sorgfältig und reflektiert erfolgen, sonst bleibe sie oberflächlich.

Die Denkweisen trennen sich vor allem einmal inhaltlich-theologisch.

Diejenigen, die diesen Dialog führen, wissen um die Unterschiede im Glaubensstil. So auch Andreas Baumann, reformierter Pfarrer im luzernischen Rothenburg, der unterstreicht: «Die Denkweisen trennen sich vor allem einmal inhaltlich-theologisch. Taizé-Spiritualität und freikirchliche Spiritualität sind zudem in der Ausdrucksweise verschieden: Taizé betont mehr die Innerlichkeit, die Kontemplation, die Expo mehr die Äusserlichkeit, die Euphorie.»

Das Gemeinsame suchen

Andreas Baumann wird die «Explo» auch dieses Jahr besuchen. Seit 2015 gehört er zur Gruppe «Miteinander in Luzern», die aus Katholiken, darunter der Luzerner Hofpfarrer Ruedi Beck, zwei reformierten Pfarrern und zwei Pastoren aus Freikirchen besteht. Schon lange beobachtet Andreas Baumann eine gegenseitige Annäherung zwischen Freikirchen und Landeskirchen.

Wir müssen zusammenarbeiten.

Peter Jans, der als Mitglied des kantonalen katholischen Kirchenparlamentes als Verbindungsglied zum Explo-Komitee wirkt, kann mit Schubladen wenig anfangen. Er ist überzeugt: «Das ist gestrig und es interessiert heute viele nicht mehr. Wir müssen zusammenarbeiten.» Campus für Christus, der Organisator der «Explo», werde, so Jans, immer in die freikirchliche Ecke gesteckt. Dabei seien über die Hälfte der Mitarbeiter dort in den Landeskirchen tätig.

Emotionen, Offenheit, Common Spirit

Fragt man Leute, die beide Anlässe besuchen, sprechen sie vor allem von den Gemeinsamkeiten.

Die Offenheit: Jonas Oesch, reformierter Pfarrer in Horw, erzählt: «Oft sitzt man an einem Taizé-Treffen plötzlich am Tisch mit Leuten, die einen ganz andern kirchlichen Background haben. Begegnet man sich im Gespräch mit gegenseitigem Interesse und Offenheit, dann ist dieser Austausch für alle sehr kostbar. Wenn ‘die Katholikin’ oder ‘der Freikirchler’ plötzlich ein Gesicht erhält und die heissen Fragen direkt gestellt werden können, dann werden Vorurteile abgebaut.»

Wenn ‘die Katholikin’ oder ‘der Freikirchler’ plötzlich ein Gesicht erhält, werden Vorurteile abgebaut.

Von aussen höre er immer wieder die Befürchtung, an der «Explo» würden sich die «Extremen» treffen, doch die würden sich auf differenzierte Gespräche gar nicht erst einlassen. Jonas Oesch sagt: «Wer für sich in Anspruch nimmt, die Wahrheit gepachtet zu haben und sein Christsein in Abgrenzung zu anderen Christen lebt, für den dürfte die Luft an einer ökumenischen Konferenz knapp werden.»

Die Musik und die Gesänge: Peter Jans, Synodalrat der katholischen Kirche Luzern, sagt: «Da spüre ich – wie am Taizé-Treffen – eine Energie, die die Möglichkeiten hat, in unserer Gesellschaft positive Entwicklungen zu fördern.»

Die theologische Offenheit: Andreas Baumann sagt: «Die Expo will ein möglichst weites Spektrum ansprechen. So rannte ich offene Türen ein mit meinen Vorschlägen, auch einen liberalen reformierten Theologen wie Gottfried Locher einzuladen, oder statt des üblichen Lobpreises auch einmal eine ‘Taizé-Form des Lobpreises’ anzubieten. Nun stehen Gottfried Locher und Prior Frère Alois unter den Referenten. Das gefällt mir.»

Viele junge Leute von heute sind kritisch und sensibel.

Was bieten die Landeskirchen?

Die Explo und das Europäische Taizé-Treffen werden Zehntausende junge Menschen anziehen. Da drängt sich die Frage auf: Bieten die Landeskirche zu wenig gemeinschafsstiftende Treffen dieser Art?

Valentin Beck, Bundespräses von Jungwacht Blauring Schweiz, verneint und zählt eine ganze Palette an Angeboten auf: Da sei das nationale Minifest, das Bistumsjugendtreffen oder das Ranfttreffen von Jungwacht Blauring Schweiz (Jubla), das sich 2017 zum 40. Mal jährte.

Überdies seien auch weitere Jubla-Grossanlässe wie Kantonslager zu nennen, zumal Jubla von ihrem Selbstverständnis her Teil der Kirche ist. Der Hauptfokus des Jubla-Wirkens liege jedoch auf der lokalen, also pfarreilichen Ebene. Peter Jans führt die Adoray-Treffen auf, ein Angebot für junge Leute von der katholischen Kirche.

Mit intellektuellen Worten und besinnlicher Stille ist es nicht getan.

Die reformierte Landeskirche schafft es hingegen weniger, kirchliche Grossanlässe wie die «Explo» auf die Beine zu stellen. Eine Ausnahme ist die Street-Church in Zürich oder zuletzt die «Reform’action» in Genf. Wollten die reformierten Kirchen selbst einen Grossanlass organisieren, so wäre nebst unterschiedlichen theologischen Ausrichtungen und Gemeindeverständnissen, so Jonas Oesch, auch die föderalistische Struktur dieser Gemeinschaft eine Herausforderung.

Der katholischen Kirche komme bei der Lancierung solcher Treffen ihre zentralistische Organisationsstruktur zugute. Kenner der beiden Treffen sind sich einig: Freikirchen haben durch jahrzehntelanges Einüben mehr Wissen im Organisieren von Grossanlässen.

Von den Freikirchen lernen

Was können wir von den Freikirchen und den Machern der «Explo» lernen? Was nicht funktioniere, weiss Hansruedi Kleiber, sei das unkritische Überstülpen von freikirchlichen Konzepten: «Viele junge Leute von heute sind kritisch und sensibel. Sie reagieren ablehnend, wenn man sie mit Äusserlichkeiten für eine Sache gewinnen will, hinter denen sie nicht stehen können.»

Das sieht Jonas Oesch genauso, doch fehlt ihm manchmal in den Landeskirchen der Mut, neue Wege zu gehen. «Heutige Jugendliche lassen sich nicht mehr einfach was vordiktieren. Sie hinterfragen den Glauben und wollen in der Kirche selbst mitgestalten. Mit intellektuellen Worten und besinnlicher Stille ist es nicht getan», sagt er. In reformierten Angeboten vermisst der Horwer Pfarrer manchmal die Emotionen, Leidenschaft und Alltagsnähe. Taizé und die «Explo» seien auch deshalb attraktiv, weil gerade dafür Raum geschaffen werde.

Bis zu 100’000 Personen sind im Basler Taizé-Treffen direkt involviert

Die Halle an der Explo17 | © explo.ch
Die Halle an der Explo17 | © explo.ch
Gebet in der Taizé-Gemeinschaft | © taize.fr
Gebet in der Taizé-Gemeinschaft | © taize.fr

Beide Seiten können nur gewinnen

Weil derart grosse kirchliche Anlässe wie Explo und Taizé in der Schweiz so selten sind, plädieren die engagierten Kirchenleute Ruedi Beck, Peter Jans, Jonas Oesch und Andreas Baumann dafür, beide Anlässe als Gewinn für die Schweizer Kirche zu sehen. Die Vorfreude auf die beiden kirchlichen Treffen am Jahresende ist spürbar. Jonas Oesch freut sich besonders auf die gemeinsame Lichterfeier an der «Explo 17», welche für ihn «ein starkes Zeichen der Einheit und Versöhnung in einer zunehmend polarisierten Gesellschaft ist».

Peter Jans hofft auf versöhnliche Gesten. In diesem Kontext verweist er auf das 500-Jahr-Jubiläum der Reformation in diesem Jahr. Er sagt: «Die Essenz daraus ist doch, dass Christen den Weg gemeinsam gehen müssen, nicht getrennt.» Absichtserklärungen und Toleranz allein nützen jedoch nichts, man müsse auf den anderen zugehen. Er ist überzeugt: «Beide Seiten können nur gewinnen.» (vr)

 

 

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