Schweiz

ZIID kündigt Geschäftsführerin Andrea König

Das Zürcher Institut für interreligiösen Dialog (ZIID) kommt nicht zur Ruhe. Vor einem Jahr gab es drei Kündigungen. Später ging der Theologe Samuel Belouhl. Nun feuert der Stiftungsrat die Geschäftsführerin Andrea König. Sie arbeitet künftig für den Bundesanwalt.

Raphael Rauch

Schon länger steckt das ZIID in finanziellen Schwierigkeiten. Vor einem Jahr sprach Stiftungsratspräsident Gerold Lauber von einer «existentiell gefährlichen finanziellen Schieflage». Die Gründe dafür sind vielfältig: weniger Besucher, weniger Mandate, weniger Fördergelder, aber auch Management-Fehler in der Vergangenheit.

Im Januar 2020 traf kath.ch Gerold Lauber. Der CVP-Politiker und Zürcher Alt-Stadtrat bestimmt seit Herbst 2018 die Geschicke des ZIID. Damals sprach der Stiftungsratspräsident seiner Geschäftsführerin Andrea König das Vertrauen aus.

Samuel M. Behloul, früherer Fachleiter Christentum am Zürcher Institut für interreligiösen Dialog ZIID

Weniger Fachbereiche, mehr Teamwork

Der Stiftungsrat beschloss, das ZIID neu aufzustellen. Es sollte keine nach einzelnen Religionen aufgeteilte Fachbereiche mehr geben, dafür aber mehr Teamwork. Der Judaistin Annette Böckler und einer Sekretärin wurde gekündigt. Eine weitere Sekretärin ging von selbst.

Doch der Befreiungsschlag blieb aus. Im Juni wurde bekannt: Samuel Behloul kündigte zum 1. September. Seitdem ist der römisch-katholische Theologe Gemeindeleiter im multireligiösen Pastoralraum Aarau. Die Muslimin Hannan Salamat liebäugelte ebenfalls mit einer Kündigung. Die deutsche Religionswissenschaftlerin konnte aber mit einer Gehaltserhöhung ans Institut gebunden werden.

Dafür kündigte der Stiftungsrat letztes Jahr der Geschäftsführerin Andrea König (62). Wie es zum Zerwürfnis kam, ist unklar. König teilt kath.ch mit, sie dürfe sie nicht äussern. (siehe Kasten Stellungnahme Gerold Lauber).

Hannan Salamat, Islamwissenschaftlerin am ZIID.

«Fachfremde Übergangslösung»

Königs Nachfolger Michael Bürgi gilt als fachfremde Übergangslösung: Er lebte in den letzten drei Jahren in San Francisco und war zuvor «Co-Geschäftsstellenleiter für ein nationales Forschungskompetenzzentrum im Bereich Nachhaltigkeit an der ETH Zürich», wie der ZIID-Website zu entnehmen ist. Bürgi ist laut ZIID ad interim beschäftigt.

Was die Strategie betrifft, scheint Stiftungsratspräsident Gerold Lauber einen Salto rückwärts zu machen. Vor einem Jahr hatte er sich noch dafür eingesetzt, die Fachbereiche Christentum, Judentum und Islam aufzulösen.

Damals sagte Lauber zu kath.ch: «Die drei bisherigen Fachleitungen Judentum, Christentum und Islam werden aufgehoben. Die Strategie wird über die neuen Arbeitsbereiche ‹Religion im Dialog› und ‹Religion und Gesellschaft› abgebildet.»

Schwerpunkt Judentum doch wieder besetzt

Davon ist nun wohl keine Rede mehr. Seit Dezember verstärkt die promovierte Theologin Tabitha Walther das ZIID-Team – »als Programm- und Fachverantwortliche mit Schwerpunkt Christentum», wie auf der ZIID-Website steht. «Frau Walther ist reformierte Pfarrerin und absolvierte eine Zusatzausbildung zur interreligiösen Spitalseelsorgerin in Standford, USA. Sie forschte zur Praxis der Seelsorge in einer religiös vielfältigen Gesellschaft.»

Das ZIID ging 2016 aus dem Zürcher Lehrhaus hervor, das sich als Ort sah, «wo Juden und Christen gemeinsam lernen können». Seit dem Juli 2020 hat das ZIID keine jüdische Fachreferentin mehr – der Judaistin Annette Böckler wurde gekündigt. Inzwischen arbeitet die deutsche Jüdin für die Uni Mainz.

Vor einem Jahr hielt Lauber das Thema Judentum für verzichtbar. Die jüdischen Gemeinden seien selbst sehr aktiv im interreligiösen Dialog, hiess es damals. Auch die jüdischen Mitglieder im Stiftungsrat, Jacques Picard und Dominic Pugatsch, unterstützten die Abschaffung des Fachbereichs Judentum.

Annette Böckler

Auch hier scheint es einen Salto rückwärts zu geben. Der Website ist zu entnehmen: «Die Stelle des Programm- und Fachverantwortlichen mit Schwerpunkt Judentum werden wir im kommenden Jahr wiederbesetzen. Bis es soweit sein wird, stehen uns unsere Stiftungsräte weiterhin mit Rat und Tat zur Seite.»

Überqualifizierte Sekretärin

Im Sekretariat sitzt mittlerweile eine wohl überqualifizierte Mitarbeiterin: Lejla Delic studierte «an der Universität Bern Islamwissenschaft und Nachhaltige Entwicklung und unterrichtet als Religionspädagogin Kinder, Jugendliche und Erwachsene in der Bosnischen Moschee in Schlieren».

Andrea Königs Trauerphase über die Kündigung dürfte nur von kurzer Dauer gewesen sein. Die Ethnologin ist eine weit gereiste Frau. Sie hat früher als Journalistin in Kenia gearbeitet und war später für das Rote Kreuz und die DEZA im Sudan unterwegs. Auch in Jerusalem kennt sie sich bestens aus. Vor dem ZIID arbeitete sie in der reformierten Helferei in Zürich. Vom 1. Februar an wird sie für die Bundesanwaltschaft in Bern arbeiten.

«Frau Andrea König wird ab dem 1. Februar das Kommunikationsteam der Bundesanwaltschaft verstärken. Sie wird die Position als Spezialistin Kommunikation einnehmen», bestätigt ein Sprecher. Wie schwierig Kommunikation ist, hat Andrea König in den letzten Jahren beim ZIID öfter erleben müssen.

Amir Dziri, Professor am Schweizerischen Zentrum für Islam und Gesellschaft in Freiburg

Neue Mitglieder im Stiftungsrat

Auch im Stiftungsrat rumpelt es. Mit Amir Dziri hat der Shootingstar der Islamischen Theologie den Stiftungsrat verlassen. Neu hinzu kam dafür Omar Kassab aus Küsnacht. Der Deutsche hat Politikwissenschaft studiert und wurde im Bereich der Wirkungsevaluation an der ETH promoviert. Der Uni-Website ist zu entnehmen, dass er Mitbegründer und Generalsekretär der NGO Syrian Refugee Crisis ist.

Neu im Stiftungsrat ist auch Thomas Münch. Er ist katholischer Seelsorger an der Zürcher Predigerkirche. Auch eine Frau verstärkt den mehrheitlich männlich dominierten Stiftungsrat: Elika Palenzona-Djalili. Die Iran-Kennerin arbeitet am Institut für Islamwissenschaft der Uni Bern.

Bereits 2019 hatten Leo Metzler, Christian Rutishauser, Martin Sarbach, Stefan Schreiner und Dilek Ucak den Stiftungsrat verlassen.

«Katholisch Stadt Zürich» steigt aus ZIID aus

Der katholische Stadtverband Zürich ist am 31. Dezember 2020 als Mitträger beim ZIID ausgeschieden. «Da zum Zeitpunkt des Entscheides das Budget des ZIID für 2021 bereits verabschiedet war, zahlte Katholisch Stadt Zürich einmalig noch den Beitrag von 30’000 Franken für das Jahr 2021», teilt Oliver Kraaz mit. Er ist Sprecher des katholischen Stadtverbandes. Die Zürcher Kantonalkirche zahlt jährlich 120’000 Franken ans ZIID. (rr)


Andrea König, ehemalige Geschäftsführerin, und Gerold Lauber, Stiftungsratspräsident des ZIID – Aufnahme vom Januar 2020. | © Raphael Rauch
28. Januar 2021 | 12:00
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«Personalsuche mit Zeit und Umsicht angehen»

Stiftungsratspräsident Gerold Lauber nimmt auf Anfrage von kath.ch wie folgt Stellung:

«Der Stiftungsrat hat die Geschäftsleitungsstelle im Dezember 2020 interimistisch mit Dr. Michael Bürgi besetzt, um die Weiterführung des Betriebs zu gewährleisten. Herr Bürgi steht bis August 2021 zur Verfügung. Er und der Stiftungsrat sind sich einig, dass die Geschäftsstelle des ZIID langfristig wieder von einer Persönlichkeit geleitet werden sollte, die inhaltlich gut im Thema verankert ist und ein starkes Netzwerk mitbringt. Die interimistische Anstellung von Herrn Bürgi bietet nun die Möglichkeit, diese wichtige Personalsuche mit der nötigen Zeit und Umsicht anzugehen.

Nach den zahlreichen personellen Wechseln im vergangenen Jahr ist es eine der dringlichsten Aufgaben von Herrn Bürgi, die Grundlagen zu schaffen, dass das neue Team gut zusammenarbeiten und weiterhin ein qualitativ hochstehendes Bildungsangebot anbieten kann.

Die interreligiöse Bildungsarbeit wird auch in Zukunft die Kernaufgabe des ZIID sein. Dazu gehört zum einen die theologische Weiterbildung für Kirchgemeinden, Pfarreien und ein allgemein- interessiertes Publikum, wobei das ZIID vermehrt auch jüngere Zielgruppen ansprechen möchte. Zum andern hat das ZIID schon im vergangenen Jahr damit begonnen, ein Bildungs- und Beratungsangebot für Menschen aufzubauen, die in ihrem Alltag mit Fragen des interreligiösen Zusammenlebens konfrontiert sind. Dieses Angebot richtet sich in einem ersten Schritt an Schulen und Organisationen des Gesundheitswesens. Weitere Zielgruppen sollen schrittweise hinzukommen.» (kath.ch)