Rudolf Nussbaumer
Story der Woche

Wie war das Gespräch mit Bischof Joseph Bonnemain, Rudolf Nussbaumer?

Dekan Rudolf Nussbaumer findet, der verpflichtende Verhaltenskodex des Bistums Chur könne als Machtmissbrauch interpretiert werden. Er spricht sich für ein verpflichtendes Schutzkonzept wie im Bistum Basel oder St. Gallen aus. Eine Fortbildung bei der Präventionsbeauftragten Karin Iten lehnt er ab: «Ich habe kein Interesse daran.» Den Verhaltenskodex werde er unter der Prämisse von Bibel und Lehramt unterschrieben.

Sarah Stutte

Was sagen Sie zu den Präzisierungen zum Verhaltenskodex?

Rudolf Nussbaumer*: Ich habe das Schreiben kurz überflogen. Ich kann damit leben, sonst würde ich es nicht unterschreiben.  

Bischof Joseph Bonnemain stellt in Chur den Verhaltenskodex vor.
Bischof Joseph Bonnemain stellt in Chur den Verhaltenskodex vor.

Darin betont Bischof Joseph Bonnemain, es gehe beim Verhaltenskodex nicht um die reine Unterschrift, sondern um eine Auseinandersetzung mit dem Inhalt. 

Nussbaumer: Wir setzen uns schon länger mit dem Inhalt des Verhaltenskodex auseinander. Das ist bei uns in den Dekanaten schon seit einem Jahr aktuell. 

Sie sind doch Dekan. Läge es nicht in Ihrer Verantwortung, dafür zu sorgen, dass nicht nur Unterschriften gesammelt werden, sondern auch der Kulturwandel passiert?

Nussbaumer: Wir fangen erst nach den Besprechungen mit Mitarbeiter- und Jugendführerteams an, auch die Unterschriften zu sammeln und dem Generalvikariat weiterzuleiten.

Der neue Verhaltenskodex zum Umgang mit Macht im Bistum Chur gibt zu reden.
Der neue Verhaltenskodex zum Umgang mit Macht im Bistum Chur gibt zu reden.

Bischof Joseph Bonnemain schreibt, er erwarte, dass alle Seelsorgenden und kirchlichen Mitarbeitenden den Kodex annehmen. Behaupten Sie nach wie vor, das sei Machtmissbrauch?

Nussbaumer: Für die Churer Version ja! Man kann es als Zwang empfinden! Bisher hat sich noch niemand aus unserem Bistum klar gegen einen Verhaltenskodex ausgesprochen – das meiste darin ist ja vernünftig. Für mich persönlich ist das kein Problem. Ich habe schon vor einem Jahr gesagt: Ich unterschreibe den Kodex einfach mit dem Zusatz, dass ich mich auf die Heilige Schrift und auf das Lehramt berufe. Ich habe jedoch auch andere Stimmen gehört und diese fragen, warum sie etwas versprechen müssen, das so weitreichend ist? Bei gewissen Stellen könnte man meinen, dass Weisungen des Paulus nicht mehr genannt oder vorgelesen werden dürften. 

"Love is Love"
"Love is Love"

Was empfinden Sie als weitreichend?

Nussbaumer: Jede und jeder darf seine Meinung haben und niemand soll bekehrt werden. Doch gerade die Passagen im Verhaltenskodex, die Unterzeichnende dazu verpflichten, eine gewisse Ideologie anzunehmen, widerlegt dies. 

«Ich kann das doch einfach so stehen lassen.»

Was meinen Sie mit Ideologie?

Nussbaumer: Die LGBTQ-Ideologie. Wenn sich beispielsweise jemand von den Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern outen will, ist das seine oder ihre persönliche Sache. Im Kodex steht aber, dass sich jede Pfarrei dazu verpflichte, ein Outing vorbehaltlos zu unterstützen. Warum? Ich kann das doch einfach so stehen lassen und muss mich weder dafür noch dagegen aussprechen. So kommt auch niemand in Konflikt mit seinen theologischen Überzeugungen.

Eine einschneidende Begegnung: Der Vater einer Regenbogenfamilie trifft auf Papst Franziskus.
Eine einschneidende Begegnung: Der Vater einer Regenbogenfamilie trifft auf Papst Franziskus.

Jesus hat niemanden ausgeschlossen. Papst Franziskus will, dass LGBTQ nicht ausgegrenzt werden. Haben Sie das Gefühl, eine inklusive Kirche ist zu sehr eine Weisung von oben nach unten?

Nussbaumer: Was der Papst sagt, finde ich selbstverständlich. Aber das heisst nicht, dass ich diese Verbindungen segnen muss, weil es – wie die Kirche sagt – nicht der biblischen Schöpfungsordnung entspricht, ohne die wir schon lange ausgestorben wären. Aber einzeln soll ich alle segnen und das Beste wünschen. Ich könnte mir vorstellen, ihre Freundschaft mit den Werten von Treue und Sorge zu segnen, wobei eine Vermischung mit dem Segen des Jaworts von Frau und Mann wohl zu vermeiden ist. 

Franz Kreissl, Leiter des Pastoralamts, ist im Bistum St. Gallen für die Präventionsarbeit zuständig.
Franz Kreissl, Leiter des Pastoralamts, ist im Bistum St. Gallen für die Präventionsarbeit zuständig.

Finden Sie die Schutzkonzepte aus St. Gallen und Basel besser formuliert?

Nussbaumer: Ja, ich habe mir beide jetzt schon einige Male durchgelesen. Thomas Boutellier meinte zwar in seinem Kommentar auf kath.ch, ein Verhaltenskodex und ein Schutzkonzept seien nicht dasselbe. Auch wenn hier nicht die Bezeichnung Verhaltenskodex benutzt wird, geht es auch in den Schutzkonzepten um Verhaltensregeln. Warum soll also die Version von St. Gallen oder Basel, die weniger Seiten umfasst als diejenige des Bistums Chur, weniger wert sein? 

Thomas Boutellier ist Verbandspräses im Verband Katholischer Pfadi.
Thomas Boutellier ist Verbandspräses im Verband Katholischer Pfadi.

Im selben Kommentar widerspricht Thomas Boutellier Ihrer Behauptung, dass die Unterzeichnung der Selbstverpflichtung in den anderen Bistümern friedlicher verlief. 

Nussbaumer: Ich weiss von einem Laientheologen, dass darüber im Bistum Basel nicht gestritten wurde. In unserem Bistum stellt sich auch die Frage, was wir mit den älteren Geistlichen machen, die ab und zu bei uns im Dekanat Aushilfe leisten. Müssen sie auch alle auf ihre alten Tage noch eine solche Schulung besuchen? 

«Es braucht diese Auseinandersetzung unbedingt!»

Ist eine Schulung also unnötig?

Nussbaumer: Ganz und gar nicht. Es braucht diese Auseinandersetzung unbedingt! Grundsätzlich wissen ja alle, um was es geht. Dass es gegenseitigen Respekt bedarf und ich meine Meinung niemandem aufzwingen kann. Umgekehrt muss ich mich auch nicht zwingen lassen, alles öffentlich zu verteidigen, was die einzelnen kirchlichen Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter tun. 

Bischof Joseph Bonnemain.
Bischof Joseph Bonnemain.

Fordert Bischof Joseph Bonnemain zu viel? 

Nussbaumer: Das möchte ich mit einer Gegenfrage beantworten. Warum wird immer gesagt, dass wir alle Menschen sind und fehlerhaft, doch plötzlich wollen alle Heilige sein? Keine Seelsorgerin und kein Seelsorger wünscht sich, dass sich eine Kollegin oder ein Kollege übergriffig verhält. Natürlich hoffen wir, dass keine solchen Grenzüberschreitungen passieren. Aber dass das schlussendlich überhaupt nicht mehr vorkommt, dafür ist auch ein Verhaltenskodex keine Garantie. 

«In allen Berufen können leider solche Vorfälle passieren.»

Trotzdem ist der Verhaltenskodex notwendig, oder?

Nussbaumer: Ja, auf jeden Fall. Ich versuche schon länger, die Priester und Laienmitarbeitenden, die mit gewissen Passagen Mühe haben, trotzdem zur Unterschrift zu bewegen. Dies mit dem Zusatz des Vorbehalts auf die Bibel und das Lehramt. Eine Verbindlichkeit in den Verhaltensregeln ist grundsätzlich notwendig. Was ich aber darüber hinaus sage ist, dass sich jede und jeder nur bemühen kann, aber nichts versprechen. In allen Berufen, in denen es um die Nähe zu Menschen geht, können leider solche Vorfälle passieren. 

Bischof Joseph Bonnemain beim Fest zu Ehren des "Señor de los Milagros".
Bischof Joseph Bonnemain beim Fest zu Ehren des "Señor de los Milagros".

Inzwischen haben Sie Bischof Joseph Bonnemain persönlich getroffen. Wie lief das Gespräch ab?

Nussbaumer: Wir haben knapp eine Stunde lang diskutiert und konnten uns in diesem Gespräch finden. Mein Leserbrief wurde auch angesprochen. Ich habe noch einmal betont, dass uns in Chur vor drei Jahren versprochen wurde, diese Debatte um den Verhaltenskodex im Priesterrat zu führen. Hier sitzen Theologen, die Kritik gerne anbringen würden. Das kam aber nicht zustande.

Die Domherren des Bistums Chur.
Die Domherren des Bistums Chur.

Warum nicht? 

Nussbaumer: Weil es zu diesem Zeitpunkt noch keinen neuen Bischof gab und deshalb der Priesterrat aufgelöst war. Stattdessen beauftragte das Bistum zwei Personen – Karin Iten und Stefan Loppacher – damit, den Kodex auszuarbeiten. Und alle anderen müssen diesen nun einfach so in dieser Version schlucken. Es ist aber wichtig, den kirchlichen Mitarbeitenden nicht nur etwas vorzusetzen, sondern darüber auch mit ihnen zu sprechen. Nun soll der Verhaltenskodex doch noch im Priesterrat traktandiert werden. Ich bin gespannt, ob das der Fall sein wird. 

Karin Iten stellt den Verhaltenskodex des Bistums Chur vor.
Karin Iten stellt den Verhaltenskodex des Bistums Chur vor.

Besonders die Präventionsbeauftragte Karin Iten haben Sie in Ihrem Brief scharf kritisiert. Wären Sie bereit, eine Fortbildung bei ihr zu besuchen?

Nussbaumer: Ich habe kein Interesse daran, zumal auch ein anderer Dekan zögerte, sie einzuladen. Unser Dekanatsvorstand hat sich gewünscht, um unsere bisher friedliche Einheit zu waren, dass jemand anderes als Karin Iten bei uns die Schulung durchführt und diese fand ich sensationell. Man kann nicht mit Zwang versuchen, die Menschen zu erziehen. Es wäre traurig, wenn wir in der Kirche nicht mehr miteinander umgehen könnten und uns gegenseitig zuhören würden, auch wenn wir anderer Meinung sind.

Seelsorger sind nahe bei den Menschen und müssen doch Abstand wahren. Hier Andreas Beerli.
Seelsorger sind nahe bei den Menschen und müssen doch Abstand wahren. Hier Andreas Beerli.

Wer hat die Fortbildung bei Ihnen dann geleitet?

Nussbaumer: Als neutrale Person empfahl uns das Generalvikariat Andreas Beerli, Leiter der kirchlichen Anlaufstelle für Gemeindeberatung, Coaching und Supervision, den ich sehr positiv in der Armeeseelsorge kennengelernt hatte. Der Dekanatsvorstand sagte sofort zu.

Dieses Plakat (Ausschnitt) ist Teil der Ausstellung "Take Care", die im Kunsthaus Zürich zu sehen ist und war Teil einer "Stop Aids"-Kampagne.
Dieses Plakat (Ausschnitt) ist Teil der Ausstellung "Take Care", die im Kunsthaus Zürich zu sehen ist und war Teil einer "Stop Aids"-Kampagne.

Homosexualität ist für Papst Franziskus ähnlich sündhaft wie heterosexueller Sex ausserhalb der Ehe. Warum machen Sie Stimmung gegen die angebliche LGBTQ-Ideologie?

Nussbaumer: Weil von einer Minderheit ständig Vorschriften kommen. Und wehe, wenn dann jemand ein Bibelzitat nennt, dann wird schikaniert. Wie oft habe ich in Discos, Bars, Restaurants oder auf der Strasse mit Menschen dieser Gruppen diskutiert. Und in den meisten Fällen gingen wir versöhnt oder sogar als Freunde auseinander, weil wir schliesslich einander unsere Ansichten und Empfindungen liessen. Eben: Darum reden, diskutieren und an scheinbaren Problemen nicht vorbeileben! 

Mario Pinggera
Mario Pinggera

Was sagen Sie Ihrem Mitbruder Mario Pinggera, der den Konflikt um den Verhaltenskodex als Stellvertreterkrieg wertet? Eigentlich geht’s doch darum, dass das Grichting-Lager die Bischofswahl verloren hat.

Nussbaumer: Dass es solche Mitbrüder geben mag, kann ich nicht ausschliessen. Ich persönlich war schon lange nicht mehr an ihren halbjährlichen Besinnungstagen. Ich meine, die meisten sind früher gut mit ihm ausgekommen und unterstützen ihn auch jetzt im Gebet. Aber eine echte Bischofswahl gab es gar nicht, trotz öffentlichen Versprechens des damaligen Nuntius, weil der Abt von Disentis wohl akzeptabel war, aber Zürich nicht wirklich kannte. Der Tessiner Kandidat kann kaum deutsch. Und Bonnemain wäre gemäss Kirchenrecht nur drei Jahre Bischof – bis zu seinem 75. Geburtstag.

Bischof Joseph Maria Bonnemain filmt die Tanzdarbietung beim peruanischen Fest "Señor de los Milagros".
Bischof Joseph Maria Bonnemain filmt die Tanzdarbietung beim peruanischen Fest "Señor de los Milagros".

Der Heilige Stuhl hat klargestellt: Bonnemain soll mindestens fünf Jahre lang Bischof sein, also bis zu seinem 78. Geburtstag.

Nussbaumer: Ich persönlich habe Bonnemain gesagt: «Ich finde es Vorsehung Gottes, dass du nicht gewählt wurdest (wegen der genannten Gründe). Aber ich finde es ebenso als Vorsehung, dass du jetzt vom Papst ernannt worden bist. Weil es niemand anderen gibt, der unsere Diözese so gut kennt und wieder etwas zusammenführen könnte. Wir beten in unserer Pfarrei täglich früh weiter für dich!» 

Sie gehören dem "Churer Priesterkreis" an und kritisieren den Verhaltenskodex: die Domherren Roland Graf (l.) und Franz Imhof.
Sie gehören dem "Churer Priesterkreis" an und kritisieren den Verhaltenskodex: die Domherren Roland Graf (l.) und Franz Imhof.

Warum versteckt sich der konservative Churer Priesterkreis hinter dem Domherrn Roland Graf?

Nussbaumer: Ich vermute, dass die Priester ihre Ruhe haben und in ihren Pfarreien normal weiter arbeiten können.

Was soll die neuerliche Kritik des Priesterkreises?

Nussbaumer: Ich weiss davon nichts. Wenn, dann vielleicht, weil noch eine weitergehende Präzisierung vom Bischof erwartet wurde, während andere schon dafür dankbar waren.  

* Rudolf Nussbaumer ist Priester des Bistums Chur, Dekan von Innerschwyz und Pfarrer von Steinen SZ. In einem Leserbrief im «Boten der Urschweiz» erklärte er, dass er die Unterschrift zum Churer Verhaltenskodex als Zwang und Machtmissbrauch empfinde. Auch empfahl er Bischof Joseph Bonnemain, sich von der Präventionsbeauftragten Karin Iten zu trennen.

18.02.2023, 17.00 Uhr: Wir haben den Vorspann korrigiert. Nun wird klarer, dass Dekan Rudolf Nussbaumer nicht per se gegen ein verpflichtendes Präventionskonzept ist, sondern den verpflichtenden Verhaltenskodex des Bistums Chur kritisch sieht. Auch hat er den Verhaltenskodex des Bistums Chur noch nicht unterschrieben, sondern wird ihn unter der Prämisse von Bibel und Lehramt erst noch unterschreiben.


Rudolf Nussbaumer | © Christian Merz
17. Februar 2023 | 05:00
Lesezeit : ca. 7  Min.
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