Wenn «Antisemitismus zur Religion wird»
Vor kurzem konnte eine Podiumsdiskussion an der Universität Luzern zum aktuellen Stand des Antisemitismus in der Schweiz nur unter umfangreichen Sicherheitsmassnahmen stattfinden. Die antisemitischen Vorfälle haben zugenommen, mehr Aufklärung und Bildung stossen an Grenzen.
Francesco Papagni
Kürzlich luden das Institut für jüdisch-christliche Forschung der Universität Luzern und die Gesellschaft Schweiz-Israel zu einer hochkarätig besetzten Podiumsdiskussion ein. Professor Christian Rutishauser hielt das Einleitungsreferat zum Stand des Antisemitismus in der Schweiz.
2025 gab es 177 gemeldete Vorfälle, von der verbalen Attacke bis zu Anschlägen auf Leib und Leben, während im digitalen Raum 2185 Vorfälle gemeldet wurden. Dies sind die Ereignisse, die zur Anzeige gebracht worden sind. Die Dunkelziffer liegt um ein Vielfaches höher.
Untätigkeit der Behörden
Seit dem terroristischen Überfall der Hamas auf Israel am 7. Oktober 2023 haben die antisemitischen Vorfälle sprunghaft zugenommen und verharren jetzt auf hohem Niveau. Jüdinnen und Juden in der Schweiz haben Angst und erleben den öffentlichen Raum als bedrohlich. Viele verzichten darauf, ihre jüdische Identität offen zu zeigen.
Rutishauser zitierte aus einem offenen Brief von Hannah Einhaus an den Stadtrat von Bern, der die in der Bundesstadt besonders gewalttätigen Umtriebe gegen die jüdische Präsenz thematisierte, wobei sie die Untätigkeit der Behörden anprangerte.
Ein Weltdeutungsangebot
Besonders verankert ist der sich als Antizionismus deklarierende Antisemitismus in der Kulturszene und in den geisteswissenschaftlichen Fakultäten der Hochschulen. So überrascht es nicht, dass am Zürich Film Festival der Film «Naza» gezeigt wurde – ein Werk, das sich als Dokumentarfilm verkauft, aber eine extrem einseitige Sicht des Gazakriegs verbreitet und der mit den Mitteln der Suggestion arbeitet.
Rutishauser fragte: «Geht es um Aufklärung und um legitime Kritik oder steckt ein Kalkül dahinter?» Antizionismus sei jedenfalls international zum «Codewort» geworden, um sich selbst auf der Seite des Guten und der Gerechtigkeit zu positionieren. Mit dem realen Konflikt in Nahost hat dies nur noch mittelbar zu tun. Vielmehr bietet der Antizionismus bzw. Antisemitismus eine einfache Weltdeutung an, die vorgibt, Gut und Böse eindeutig bestimmen zu können. Rutishauser geht so weit, Antisemitismus als Religion zu bezeichnen.
Endkampf zwischen Gut und Böse
Dies mag auf den ersten Blick übertrieben klingen, hat aber einiges für sich. An einer Wand im Zürich-Stauffacher stand: «When Palestine will be free, we all will be free» (zu deutsch: «Wenn Palästina frei sein wird, werden wir alle frei sein.»)
Der Kampf um die «Befreiung Palästinas» ist also mehr als ein Kampf unter vielen, es ist der Schlüssel zur Befreiung der ganzen Menschheit. Das bedeutet im Umkehrschluss, dass der Gegner keine begrenzte Macht ist, sondern das Böse schlechthin. Es geht um nichts weniger als um einen endzeitlichen Kampf. Danach werden Frieden und Gerechtigkeit in der Welt herrschen – ein pervertierter Messianismus.
Gegen solche Narrative engagiert sich Rutishauser als Professor für Judaistik und gibt Seminare, in denen die schon vorchristlich präsenten Vorurteile analysiert werden. «Hat der Antisemitismus mit der Gottesfrage zu tun?» Das ist die Frage, die sich die Theologie stellen müsse.
Selbstkritik
An der anschliessenden Diskussion beteiligten sich Marianne Binder, Ständerätin des Kantons Aargau, Daniel Rickenbacher, NZZ-Reaktor und Ralph Levin, Vizepräsident des Schweizerischen Israelitischen Gemeindebundes SIG sowie ehemaliger Regierungsrat von Basel-Stadt.
Marianne Binder bekannte selbstkritisch, ihre Generation sei zu wenig aufmerksam gewesen, der Kampf gegen Antisemitismus sei vernachlässigt worden. Sich zu engagieren brauche eine dicke Haut. Sie selbst sei schon als «Judenhure» beschimpft worden. Worauf Ralph Levin bemerkte, dass die Hemmungen nach dem 7. Oktober gefallen seien: Heute erscheinen viele Posts im Internet mit vollem Namen.
«Passiver Widerstand»
Binder plädierte für mehr Aufklärung und Bildung, was bei Rutishauser auf einen Nerv traf. Als Hochschullehrer mache er ja nichts anderes, sagte der Jesuit ziemlich emotional, er erkenne aber auch seine eigenen Grenzen. Er erlebe «passiven Widerstand» bei seinen Bemühungen, bekannte der Jesuit. Damit meinte er Untätigkeit, Unwille und Unverständnis gegenüber der Gefahr des Antisemitismus.
Tatsächlich ist der Widerstand nicht nur passiv: Die Veranstaltung an der Uni Luzern musste durch ein massives Aufgebot eines bewaffneten Sicherheitsdienstes geschützt werden, weil Aufrufe gegen die Diskussion kursierten. Rickenbacher nannte dies «Antisemitismus von oben», da es sich nicht um gesellschaftlich marginale Gruppen handeln würde.
Zur Auswanderung genötigt
Auf die Zukunftsperspektiven angesprochen, gab sich der NZZ-Redaktor pessimistisch: Die jüdischen Gemeinden seien weiche Ziele, eine Intifada, das heisst, ein gewalttätiger Aufstand sei auch in Europa möglich. Er verglich die Situation der Juden Europas mit der Situation in den arabischen Ländern der Fünfziger Jahre, wo die Juden für jeden Missstand verantwortlich gemacht wurden. Die damals noch zahlreichen jüdischen Gemeinden seien alle zur Auswanderung genötigt worden.
In Europa könne sich das wiederholen. Die judenfeindlichen Gruppen würden hierzulande jedenfalls relativ frei agieren und sich vernetzen. Darauf erzählte die Aargauer Ständerätin von einem Bruder eines Opfers des 7. Oktobers, der bei einer Tour durch Europa erschüttert war von der Gleichgültigkeit, mit der das Publikum seine Schilderungen aufnahm.
«Wir zählen jetzt auf den Bund»
Der ehemalige Regierungsrat von Basel-Stadt setzt seine Hoffnungen auf eine nationale Strategie gegen Antisemitismus, die in Bern gerade ausgebrütet wird. «Wir zählen jetzt auf den Bund», sagt er. Es stehen verschiedene Massnahmen zur Diskussion wie etwa ein Monitoring des Internets. Die so wichtige Aufklärung an den Schulen ist allerdings Sache der Kantone, weil das in ihre Zuständigkeit fällt.
Der Professor für Judaistik spricht sich für Dialog und Begegnung aus. Wer der anderen Seite begegne, mache eine Erfahrung – das ist mehr als Wissensvermittlung. Oder sind Verbote die Lösung? Die Aargauer Ständerätin hat einen Vorstoss für das Verbot von Nazi-Symbolen eingereicht.
Aufgabe der Behörden
Zu wenig zur Sprache kam während der Podiumsdiskussion die Rolle des Staates bzw. der Kantone, die für die innere Sicherheit zuständig sind. Im Kanton Zürich setzt sich Regierungsrat Mario Fehr dezidiert für den Schutz jüdischen Lebens ein und fordert, Pro-Palästinademonstrationen zu verbieten, wenn es Anzeichen gibt, dass antisemitische Parolen gerufen werden.
Dafür steckt er Kritik ein. Die für die Bewilligung zuständige Stadt Zürich ist der Forderung des Sicherheitsdirektors nicht gefolgt. In Bern und in Lausanne haben die städtischen Behörden den Ernst der Lage genauso wenig erkannt. An der unbewilligten Pro-Palästinademo vom 11. Oktober 2025 wurde in Bern ein Restaurant angezündet. Fast wäre das ganze Haus abgebrannt, und es hätte möglicherweise Tote gegeben. Das zeigt, welche Gewalt-Eskalation auch in der Schweiz droht.
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