Antisemitismus an einer Demo 2021 in Bern.
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Muslimischer Antisemitismus – ein später Import aus Europa

Antisemitismus ist kein Wesensmerkmal des Islams, schreibt Autor Omar Kamil in einem neuen Buch. Erst als giftiger Import aus Europa habe Judenhass im Zuge des Nahostkonflikts um sich gegriffen. Aber es bleiben Fragen.

Christoph Schmidt (KNA)

Zu Antisemitismus im Islam sind seit dem Terroranschlag der Hamas auf Israel am 7. Oktober 2023 etliche Bücher erschienen. Viele analysieren theologische Aspekte wie judenfeindliche Aussagen in Koran und Sunna.

Omar Kamil wählt in seinem neuen Werk einen anderen Ansatz. «Muslimischer Antisemitismus. Woher er kommt, wie er wirkt und was wir tun können» – seit Donnerstag auf dem Markt – sucht die Wurzeln von Judenfeindschaft unter Muslimen vor allem im europäischen 19. und 20. Jahrhundert. Das macht die Untersuchung interessant und schärft die Kontroverse über den religiösen Einfluss.

Kamil, Privatdozent am Seminar für Judaistik/Jüdische Studien der Martin-Luther-Universität Halle-Wittenberg, beginnt mit einer Geschichte jüdisch-islamischer Nähe, die im heutigen politischen Klima selten aufscheint. Judentum und Islam verbindet nicht nur eine gemeinsame monotheistische Tradition oder ähnliche religiöse Vorschriften von Beschneidung bis Schweinefleischverbot.

Inspiration und Austausch

Der Autor verweist auf eine jahrhundertelange Geschichte geistigen Austauschs, auf «feine Fäden gegenseitiger Inspiration, Anregung und gelehrter Auseinandersetzung». Eine prägende Figur ist Moses Maimonides (1138 in Córdoba geboren), der das jüdische Religionsrecht systematisch ordnete und dabei vom islamischen Rechtsdenken beeinflusst wurde.

Zugleich beschreibt Kamil den blutigen Konflikt Mohammeds mit den jüdischen Stämmen Medinas. Die «Leute der Schrift» wurden von den Muslimen zunehmend als Gegner betrachtet. Dennoch war jüdische Geschichte unter dem Islam vielschichtig. Juden waren als schutzbefohlene «Dhimmis» ebenso wie Christen rechtlich benachteiligt, konnten aber über Jahrhunderte bedeutende Gemeinden und kulturelle Zentren bilden. Unterbelichtet bleibt, dass es auch im islamischen Mittelalter schwere Ausschreitungen gegen Juden gab – etwa unter den Almohaden in Spanien oder den ägyptischen Mamluken.

Den entscheidenden Wendepunkt sieht der Autor erst in der Moderne. Viele antisemitische Verschwörungsmythen seien nicht im Islam entstanden, sondern im Europa des 19. Jahrhunderts. Die Legende von jüdischen Ritualmorden etwa war muslimischen Gesellschaften zunächst fremd. Auch die berüchtigten «Protokolle der Weisen von Zion», eine gefälschte Sammlung vermeintlich geplanter Verschwörungen, waren ein europäisches Machwerk, bevor sie in der arabischen Welt zum Bestseller wurden. Detailliert zeigt Kamil, wie christlich-arabische Autoren antisemitische Schriften aus Europa übersetzten und weitertrugen.

Muslime reagierten mit Skepsis

Wichtig ist, dass muslimische Intellektuelle diesen Import zunächst keineswegs begeistert aufnahmen. Muhammad Raschid Rida (1865-1935), führender Vertreter der islamischen Reformbewegung, bezeichnete den europäischen Antisemitismus anfangs noch als Ausdruck einer moralischen und politischen Krankheit.

Überzeugend arbeitet Kamil heraus: Erst im Zuge des Nahostkonflikts wurde Antisemitismus ein breiter Teil des arabischen politischen Diskurses. Mit der Gründung Israels 1948, der Niederlage und der Vertreibung Hunderttausender Palästinenser, der Nakba, veränderte sich die Lage grundlegend. «Politische Kritik verwandelte sich in metaphysische Anklage», so Kamil. Israel, Zionismus und Judentum wurden zunehmend gleichgesetzt.

Wende mit dem Sechstagekrieg

Erst nach dem Sechstagekrieg 1967 und dem Scheitern des arabischen Nationalismus wurde eine explizit religiös begründete, islamistische Variante bestimmend. Vorbereitet von Autoren wie Sayyid Qutb, dem Vordenker der ägyptischen Muslimbrüder, verbanden sich moderne antisemitische Stereotype mit islamischer Überlieferung und Koranexegese.

Der politische Konflikt wurde zunehmend religiös aufgeladen. Kamils zentrale These: «Der Antisemitismus ist nicht Teil des ‘Wesens’ von Religion oder Kultur, sondern eine historische Abweichung, die sich korrigieren lässt.»

Stereotype weit verbreitet

Doch er räumt ein, dass Umfragen unter Muslimen deutlich höhere Zustimmung zu antisemitischen Aussagen ergeben als unter Christen oder Konfessionslosen. Ein Blick auf das in Koran und Sunna stark verankerte Solidaritätsgebot der islamischen Umma, der weltweiten muslimischen Gemeinschaft, wäre im Kontext des Nahostkonflikts aufschlussreich gewesen.

Politisch heikel ist Kamils Verbindung von Schoah und Nakba. Die Einzigartigkeit des Judenmords der Nazis bestreitet er nicht, plädiert aber dafür, beide Erinnerungsgeschichten stärker aufeinander zu beziehen. Sinnvoll bleibt sein Vorschlag, die jüdisch-islamische Geschichte als Gegenmittel gegen Judenfeindschaft zu nutzen. Diese sei «kein Ausdruck islamischer Stärke, sondern eine Verengung, die die eigene Tradition verkürzt und schwächt».

Insgesamt liefert das Buch trotz einiger Schwächen eine faktenreiche historische Differenzierung in der Debatte um muslimischen Antisemitismus. Gerade weil er in seiner heutigen Form aus der Geschichte entstanden ist, so Kamils Hoffnung, kann er auch überwunden werden.

Kamil, Omar: Muslimischer Antisemitismus. Woher er kommt, wie er wirkt und was wir tun können, Verlag C. H. Beck, 235 Seiten, München 2026.

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Antisemitismus an einer Demo 2021 in Bern. | © Keystone
20. August 2026 | 14:00
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