Schweiz

Ökumenische Jury von Locarno zeichnet iranischen Film «Paradise» aus

Locarno, 16.8.15 (kath.ch) «Paradise» heisst der Preisträger der Ökumenischen Jury am Filmfestival Locarno. Der iranische Film wurde unter erschwerten Bedingungen heimlich gedreht und zeigt die Situation im Schulwesen von Teheran. Insgesamt war die Ausgabe 2015 eine künstlerisch anspruchsvolle und reichhaltige Auswahl des internationalen Filmschaffens. Auf der Piazza Grande beeindruckte der politische Film «Der Staat gegen Fritz Bauer», der mit dem Publikumspreis ausgezeichnet wurde.

Im Zentrum von «Paradise» steht eine junge Lehrerin, die selbst Teil des gewaltsamen Systems ist und deshalb unter Depressionen leidet. Der Film zeigt die Situation von Frauen und Mädchen im Iran. Zudem zeichnete die Jury zwei weitere Filme aus dem Internationalen Wettbewerb mit einer lobenden Erwähnung aus; darunter auch den Gewinner des Goldenen Leopards «Right Now, Wrong Then» aus Südkorea.

Catherine Wong, die Präsidentin dere Ökumenischen Jury aus Hong Kong, zeigte sich sehr beeindruckt von der Filmauswahl: «Ich bin sehr überzeugt von der Bandbreite der Filme. Wir hatten in der Jury rund zwölf Filme, die wir ausführlich diskutiert haben. Insbesondere die asiatischen Filme haben einen starken Eindruck hinterlassen.» Die Jury konzentrierte sich bei der Preisvergabe auf drei Filme, die den Kriterien der kirchlichen Jury am besten entsprachen.

Preisträger zeigt Gewalt im Alltag – aber auch Hoffnungszeichen

Der sozial engagierte und mit einem genauen Blick ausgestattete Regisseur Sina Ataeian Dena aus dem Iran überzeugte die Jury mit seinem Erstlingswerk «Ma dar Behesht». Mit dem englischen Titel «Paradise» ist die Ambivalenz des Films jedoch nicht eingefangen; handelt es sich doch keineswegs um einen Zustand des grössten Glücks. Vielmehr geht es im Film um strukturelle Gewalt, die vor allem Frauen und Mädchen trifft.

Die 24-jährige Primarlehrerin Hanieh gehört zum Mittelstand in Teheran. Sie arbeitet in einem trostlosen Vorort und muss jeden Tag einen langen Arbeitsweg zurücklegen. Deshalb möchte sie sich ins Zentrum der Stadt transferieren lassen. Doch ihr Antrag steckt irgendwo in der komplizierten Administration fest. Als sie eines Tages in der Schule ankommt, werden zwei Mädchen vermisst, die womöglich entführt wurden. Angesichts dieses Ereignisses werden die Probleme der jungen Lehrerin belanglos.

«Ein starker, mutiger Film»

Der Film konzentriert sich auf Alltagsszenen in der Schule, die Rolle der Lehrerin und der Schulleiterin, die beide Teil des Systems sind; zudem auch auf die kleinen Fluchten der Hauptfigur. Wie der Regisseur die Mechanismen der institutionellen Gewalt offen legt ist beeindruckend. Die Jury begründete die Vergabe des Preises an den Film wie folgt: «Ein starker, mutiger iranischer Film über das tägliche Leben von Hanieh, einer jungen Lehrerin an einer Primarschule in den südlichen Vororten von Teheran. Dank spärlichen Freiheitsmomenten lassen sich trotz der einschnürenden Verhältnisse, welche iranische Frauen erdulden müssen, Hoffnungszeichen erahnen.»

Laut Angaben des katholischen Jury-Delegierten von Signis, Charles Martig, ist der Preis mit einer Verleihförderung von 20’000 Franken verbunden, die von den evangelisch-reformierten Kirchen und der römisch-katholischen Kirche der Schweiz gestiftet wird. Der Film «Paradise» wird vom Verleiher Filmcoopi in die Schweizer Kinos gebracht, voraussichtlich im ersten Quartal 2016. «Die Filmcoopi ist auf Arthouse-Filme mit politischem Inhalt spezialisiert und ist als mittelgrosser Verleiher prädestiniert für die Lancierung des Films», sagt Charles Martig. Mit der Verleihförderung sei es möglich, den Film «Paradise» einem interessierten Arthouse-Publikum zugänglich zu machen.

Mit zwei lobenden Erwähnungen für «Bella e perduta» von Pietro Marcello (Italien) und «Right Now, Wrong Then» von Hong Sangsoo (Südkorea) signalisiert die Ökumenische Jury, wie reichhaltig und ergiebig der Internationale Wettbewerb von Locarno in dieser Ausgabe war. Vor allem der Südkoreaner Hong Sangsoo ist mit einem Goldenen Leoparden für den besten Film und einem silbernen Leoparden für den besten männlichen Darsteller der grosse Gewinner von Locarno.

Aufsehen erregender Film über ultraorthodoxe Juden

Für Überraschung und nachhaltige Irritation sorgte der israelische Film «Tikkun», der in die fremde und neurotische Welt des ultraorthodoxen Judentums eindringt. Mit Haim-Aaron steht ein junger, religiöser Intellektueller im Mittelpunkt, der alle anderen mit seinem Rigorismus und seiner Leibfeindlichkeit übertreffen will. Nach einer selbstauferlegten Fastenzeit bricht er eines Abends zusammen. Die Notärzte erklären ihn für tot, doch der Vater, der ihn nicht verlieren will, übernimmt die Wiederbelebung.

Entgegen jeder Erwartung erwacht Haim-Aaron wieder auf. Nach diesem Unfall verliert er jedes Interesse für das Studium der Thora. Seine körperlichen Bedürfnisse machen sich übermächtig bemerkbar. Er begibt sich auf eine Reise in die Abgründe des Begierden. Sein Vater, der als Kosher-Metzger arbeitet, wird von Schuldgefühlen geplagt: er scheint überzeugt zu sein, dass er dem Willen Gottes zuwider gehandelt hat. Immer mehr dringen die bösen Geister in das Leben der ultraorthodoxen Familie ein.

«Tikkun» irritiert und verstört, weist aber auch deutlich auf neurotische Züge eines religiösen Fundamentalismus hin. Es handelt sich um einen aussergewöhnlichen Einblick, eine ästhetische Parforce-Tour in Schwarz-Weiss-Bildern.

Fritz Bauer: eine starke Geschichte aus dem Nachkriegs-Deutschland

Auf der Piazza Grande zeigte der künstlerische Direktor Carlo Chatrian eine gelungene Mischung aus Publikumsfilm und gehobener Unterhaltung. Herausragend war dabei der deutsche Film «Der Staat gegen Fritz Bauer». Regisseur Lars Kraume wirft einen Blick auf die wenig bekannte Rolle des Generalstaatsanwalts Fritz Bauer, der sich in den 1950er-Jahren für die Ergreifung des SS-Obersturmbannführers Adolf Eichmann einsetzte.

In einer spannungsreichen Dramaturgie erzählt der Film von den Widerständen im deutschen Staatsapparat, die Kriegsverbrecher ausfindig zu machen und vor Gericht zu stellen. Bauer, der selbst Jude war, versucht nach seiner Rückkehr aus dem dänischen Exil die Verantwortlichen für die Kriegsverbrechen des Dritten Reiches in Frankfurt vor Gericht zu stellen. Es handelt sich um ein aussichtsloses Verfangen, denn die Regierung scheint fest dazu entschlossen zu sein, die Vergangenheit zu verdrängen und den wirtschaftlichen Aufbau zu forcieren.

Da Fritz Bauer der deutschen Justiz misstraut, nimmt er mit dem israelischen Geheimdienst Mossad Kontakt auf und begeht dabei Hochverrat. Der Film zeigt jedoch, dass es Fritz Bauer um die Zukunft Deutschlands geht und macht aus ihm einen Helden aus Überzeugung. Bauer hat einen wesentlichen Beitrag dazu geleistet, dass Eichmann in Jerusalem vor Gericht gestellt wurde und engagierte sich in den 1960er-Jahren für die Auschwitz-Prozesse in Deutschland.

Film über Christen in Irak sorgte für Kontroverse

Im Vorfeld des Festivals hatte das Giornale del Popolo berichtet, dass der Film «Noun» der Regisseurin Aïda Schlaepfer abgelehnt wurde. Der Kurzfilm handelt von der äusserst schwierigen Situation der Christen im Irak. Er zeigt die traumatisierten Menschen im Flüchtlingslager in Ebril, die einen Teil ihrer Familie verloren haben. Zudem zeigt Schlaepfer, die selbst Muslima mit schiitischem Hintergrund ist und in der Schweiz lebt, wie Kinder auf die traumatisierenden Ereignisse reagieren.

«Noun» ist eine Anklage gegen den IS, der mit grausamen Methoden die Vertreibung und Vernichtung der Christen im Irak vorantreibt. «Noun» wirft aber auch die Frage auf, wieso die internationale Gemeinschaft nichts unternimmt, um die Vertreibung und Vernichtung der Christen im Irak zu bekämpfen.

In der katholisch geprägten Zeitung Giornale de Popolo wurde dem Festival vorgeworfen, dass es diesen wichtigen Film links liegen liess. Die Festivaldirektor lehnte den Film offensichtlich ab, weil seine künstlerische Qualität nicht den Kriterien entsprach. Die Regisseurin nutzte die Ausgangslage, ihren Film trotzdem in Locarno zu zeigen, jedoch ausserhalb des Festivalprogramms und mit beachtlichem Erfolg. (cm)

kath.ch: Interview mit Catherine Wong, Präsidentin der Ökumenischen Jury

Giornale del Popolo: Kontroverse rund um den Film «Noun» (Italienisch)

PardoLive: Video mit Catherine Wong und Charles Martig (Englisch)

Ökumenische Jury Locarno: Franz-Xaver Hiestand, Ola Sigurdson, Catherine Wong, Gaëlle Courtens, Thomas Wipf, Martin Ernesto Bernal Alonso | © Filmfestival Locarno 2015
16. August 2015 | 18:55
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Preis der Ökumenischen Jury

Seit 1973 ist jedes Jahr eine Ökumenische Jury am wichtigsten Schweizer Filmfestival in Locarno präsent. Seither zeichnet das Gremium Filme aus, die das Publikum für religiöse, menschliche oder soziale Werte sensibilisieren. Das Preisgeld von 20’000 Franken, das an den Verleih des ausgezeichneten Films in der Schweiz gebunden ist, wird von den evangelisch-reformierten Kirchen und der römisch-katholischen Kirche der Schweiz gestiftet. Die Mitglieder der Ökumenischen Jury werden von den beiden internationalen kirchlichen Filmorganisationen Interfilm (www.inter-film.org) und Signis (www.signis.net) gestellt und gehören verschiedenen christlichen Konfessionen an.

Preis 2015

Paradise (MA DAR BEHESHT), von Sina Ataeian Dena, Iran/Deutschland 2015

Ein starker, mutiger iranischer Film über das tägliche Leben von Hanieh, einer jungen Lehrerin an einer Primarschule in den südlichen Vororten von Teheran. Dank spärlichen Freiheitsmomenten lassen sich trotz der einschnürenden Verhältnisse, welche iranische Frauen erdulden müssen, Hoffnungszeichen erahnen.

Lobende Erwähnungen

Right Now – Wrong Then (JIGEUMEUN MATGO GEUTTAENEUN TEULLIDA), von Hong Sangsoo, Südkorea 2015

Ein Film über Liebe, Aufrichtigkeit, Integrität und den Mut, soziale Schranken zu überwinden. Er zeigt mit zärtlichem Humor, wie kleine Veränderungen in der Kommunikation neue Möglichkeiten des Umgangs miteinander eröffnen.

Bella e perduta, von Pietro Marcello, Italien 2015

Eine prophetische Fabel auf der Basis einer wahren Geschichte über den Respekt und die Sorge für unser «gemeinsames Haus». Nicht nur eine politische Aussage, sondern auch ein poetisches Erlebnis.

Die Mitglieder Ökumenischen Jury am Filmfestival Locarno 2015:

Catherine Wong, Hong Kong (Präsidentin)
Martin Ernesto Bernal Alonso, Argentien
Gaëlle Courtens, Italien
Franz-Xaver Hiestand, Zürich
Ola Sigurdson, Schweden
Thomas Wipf, Schweiz

kirchen.ch/filmjury