Klares Bekenntnis zum Caritas-Geburtstag: «Wir müssen politisch sein»
Die Caritas Schweiz feiert ihren 125. Geburtstag: Ein Jubiläum, dass nicht nur deutlich macht, wie sich das schweizerische Hilfswerk in der Vergangenheit stark gemacht hat, um Armut in der Schweiz und weltweit zu bekämpfen. Das Jubiläum zeigt auch auf, welche Zielsetzungen die Zukunft bedingt.
Wolfgang Holz
Armut hat sehr viele Gesichter. Beispiel: die alleinerziehende Mutter Valeria. Sie wohnt mit ihren beiden Kindern, die sieben und zwölf Jahre alt sind, in einer Vierzimmerwohnung in der Stadt Zürich. Die alleinerziehende Mutter arbeitet Teilzeit in einer Kinderkrippe und ist ergänzend auf Sozialhilfe angewiesen. Ihre Wohnung liegt jedoch über dem Mietzinslimit der Sozialhilfe. Deshalb muss sie dringend eine günstigere Wohnung finden. Schon jetzt müssen sich die Kinder gegenüber Gleichaltrigen stark einschränken und auf Extras verzichten, schildert ein Armutsporträt in der Ausstellung.
Die Wohnungssuche gestaltet sich jedoch schwierig. Eine vergleichbare Wohnung zu einem günstigeren Preis ist in der Stadt Zürich kaum zu finden. Die Caritas fordert deshalb, dass Bund, Kantone und Gemeinden den gemeinnützigen Wohnungsbau stärken, bezahlbaren Wohnraum schaffen und Haushalte mit kleinem Einkommen gezielt entlasten. Zudem engagiert sie sich für mehr Transparenz im Mietmarkt und gegen missbräuchlich hohe Mieten.
Fünf Dimensionen
Dies ist ein Beispiel von persönlicher Armut aus der Caritas-Ausstellung «Ungleich verteilt. Was Armut mit uns zu tun hat»* zum 125 Jahr-Jubiläum des Schweizer Hilfswerks. Die Ausstellung, die noch bis zum 30. September zu sehen ist, betrachtet Armut anhand von fünf Dimensionen: Wohnen, Arbeit, Bildung, Gesundheit und Teilhabe und ist dabei jeweils aufgeteilt in den Bereich Schweiz und den Bereich Welt, wo die Caritas Schweiz in 25 Ländern in Hilfsprojekte investiert.
Laut Angaben von Caritas Schweiz sind in der Schweiz rund 1,45 Millionen Menschen von Armut betroffen oder davon bedroht. Weltweit sind es rund 1,1 Milliarden Menschen. Die Ursachen seien vielfältig: persönliche und familiäre Lebensereignisse, gesellschaftliche und wirtschaftliche Strukturen, bewaffnete Konflikte, soziale und politische Ungleichheit sowie der fortschreitende Klimawandel.
Bauern im Tschad
Szenenwechsel in der Ausstellung. Thema Arbeit. Landwirtschaft in Afrika. Im Jahr 2024 wurde die Provinz Batha im Tschad von extremen Wetterereignissen getroffen. Auf die schlimmste Dürre seit 40 Jahren folgten verheerende Überschwemmungen. Viele Menschen verloren Ernten und Viehbestände, auf die sie für ihre Ernährung und ihr Einkommen angewiesen sind. In der Provinz Batha im Tschad unterstützt Caritas Schweiz gefährdete Familien dabei, ihre Ernährung zu sichern und ein eigenes Einkommen zu erwirtschaften, wie in der Ausstellung zu lesen ist.
Bäuerinnen und Bauern erhalten konkret Schulungen zu klimaresilienten Anbaumethoden und agrarökologischer Landwirtschaft. Getreidebanken sorgen dafür, dass Saatgut sicher gelagert werden kann und auch in Trockenzeiten verfügbar bleibt. Frauen werden beim Aufbau von Spar- und Kreditgruppen unterstützt, damit sie eigene wirtschaftliche Perspektiven entwickeln können.
Ausstellung beliebt
«Es ist schön, dass die Caritas Schweiz in so einer Ausstellung mal ausführlich darlegt, mit welcher Hilfe sie arme Menschen in aller Welt unterstützt», findet eine Besucherin am Jubiläumstag in der Ausstellung. Ein anderer Besucher merkt an, dass die Ausstellung der Caritas etwas zu text- und faktenlastig geraten sei. «Man hätte vielleicht mit noch mehr emotionalen Fotos zu Armut und Filmmaterial operieren können», schlägt ein Besucher vor. Laut Daria Jenni, der Online-Kommunikationsverantwortlichen von Caritas Schweiz, ist die Ausstellung, die seit 9. September läuft, durchaus beliebt in Luzern. «Viele Schulklassen haben sich in der Caritas-Schau schon über unsere Arbeit informiert.»
«Jetzt kann ich mir richtig vorstellen, wie schwierig es solche Personengruppen täglich haben, und wie viel Energie sie aufbringen müssen, um ihr Leben bestreiten zu können.»
Beliebt sind auf alle Fälle die Computer-Stationen in der Ausstellung, an denen man sich anhand bestimmter Personenmodule – Rentner, alleinerziehende Mutter, kinderreiche Familie – per Zahlenbeispiele den «Armutsalltag» von Betroffenen simulieren kann.
Armut in der Schweiz
«Jetzt kann ich mir richtig vorstellen, wie schwierig es solche Personengruppen täglich haben, und wie viel Energie sie aufbringen müssen, um ihr Leben bestreiten zu können», sagt eine Frau lächelnd – die selbst zugibt, nicht von Armut betroffen zu sein. Ein grosses Verdienst der Ausstellung erscheint zweifellos die Tatsache, dass der Armut in der Schweiz, einem vermeintlich so reichen Land, so viel Raum gewidmet wird.
Besonders konkret können Besuchende die Welt der internationalen Hilfskontakte der Caritas Schweiz auch anhand von kleinen «Gadgets» erleben, die man gratis mit nach Hause nehmen darf. Zum Beispiel eine Dose kosovarischen Ajvars. Butter für die Haut aus dem Tschad. Chili-Gewürz aus Asien. Bunte Glasperlenkreationen von kambodschanischen Schulkindern.
Podiumsdiskussion über Rolle der Caritas
Am Tag des 125-Jahrjubiläums seit der Gründung vom 23. September 1901, ging auch eine Podiumsdiskussion über die Bühne. Monika Maire-Hefti, Präsidentin der Caritas Schweiz, stellte klar, dass sich seitdem viel verändert habe in Sachen Armut und Gesellschaft.
«Es geht heute nicht mehr nur darum, Not zu lindern, sondern Armut zu bekämpfen und armutsbetroffenen Menschen zu gewähren, ein würdiges Leben führen zu können.» Denn Armut bedeute weit mehr als «nur zu wenig Geld zu haben, sondern auch gesund zu bleiben und am Leben in der Gesellschaft teilnehmen zu können.» Sorge bereitet ihr, dass sich die Schere zwischen Arm und Reich immer weiter öffne. Mut macht Maire-Hefti, «dass wir viele sind: Zivilpersonen, Institutionen, soziale Organisationen, die das soziale Netz enger schnüren und die Lücken verkleinern».
Braucht es einen Systemwandel?
Angesichts solcher Statements zur weltweiten Armut erhebt sich die Frage, ob es nicht grundsätzliche Systemkorrekturen in der Schweiz und in der globalen Welt mit seinen neoliberalen Wirtschaftssystemen braucht. Und ob es für die nächsten 125 Jahre seitens der Caritas noch realistisch bleibt, Systemmängel weiter finanziell und sozial zu beheben zu versuchen.
In diesem Sinn warf denn Livia Leykauf, Leiterin der Kommunikation von Caritas Schweiz, die Frage «Reicht es, Not zu lindern?» in die Diskussionsrunde – an der Andreas Lustenberger, Mitglied der Geschäftsleitung, Aline Masé, Leiterin Grundlagen und Politik, sowie Martina Weber, Leiterin Internationale Zusammenarbeit, teilnahmen.
Armutsbekämpfung kein gesellschaftlicher Luxus
Am plakativsten brachte wohl Aline Masé das zukünftige Credo auf den Punkt, indem sie postulierte: «Wir von der Caritas Schweiz müssen politisch sein, um Strukturen der Armut verändern zu können.» Armutsbekämpfung sei kein gesellschaftlicher Luxus, sondern es gehe darum, die «dringende Ungleichheit einzudämmen».
Sie liess dabei auch durchblicken, dass sie die Vermögenssteuer in der Schweiz forcieren will. Die Vermögenssteuer hierzulande ist bekanntlich eine kantonale und kommunale Steuer, die jährlich auf das private Reinvermögen von natürlichen Personen erhoben wird. Auf Bundesebene gibt es keine Vermögenssteuer.
Masé machte auch klar, dass sie die Armutsfrage in der Schweiz nicht in erster Linie mit der zunehmenden Migration verknüpft sehen möchte. «Man darf die Armut nicht auf die Ausländerfrage reduzieren. Denn von den Strukturen, die Armut hervorrufen, sind alle betroffen.» Sagte es und forderte beispielsweise, dass Kinder zukünftig kein Armutsrisiko mehr sein dürften. Dass Wohnen und Gesundheit Grundrechte sein müssten. Mit gutem Grund. «Investitionen in die Armutsbekämpfung sorgen langfristig für Investitionen in eine stabile Gesellschaft.»
*Die interaktive Jubiläumsausstellung «Ungleich verteilt – was Armut mit uns zu tun hat» von der Caritas Schweiz findet vom 9. bis 30. September in der Adligenswilerstrasse 15 in Luzern statt. Öffnungszeiten: Montag bis Samstag von 10 bis 17 Uhr
Caritas Schweiz blickt auf 125 Jahre Engagement gegen Armut zurück. Der am 23. September 1901 vom Kapuzinerpater Rufin Steimer nach deutschem Vorbild gegründete Schweizerische Caritas-Verband verstand sich zunächst als katholisch geprägte Nothilfe. Heute arbeitet das Hilfswerk gemeinsam mit armutsbetroffenen Menschen und setzt sich auch für strukturelle und politische Veränderungen ein. Gemeinsam mit 16 unabhängigen regionalen Caritas-Organisationen bietet Caritas Schweiz in der Schweiz rund 350 Angebote an, darunter Schuldenberatungen, Caritas-Märkte und Kurse für digitale Kompetenzen. International ist das Hilfswerk nach eigenen Angaben in rund 20 Ländern tätig und engagiert sich in den Bereichen Armut, Migration, Katastrophenhilfe und Klima. Rund 1500 Mitarbeitende sind für Caritas Schweiz im In- und Ausland tätig. Nach Angaben der Organisation unterstützt sie jährlich rund 500’000 Menschen weltweit. Weltweit leben laut Uno rund 1,1 Milliarden Menschen in Armut, darunter mehr als die Hälfte Kinder. (woz)Von der Nothilfe zum Kampf gegen Armut
Hier geht es zur › Bestellung einzelner Beiträge von kath.ch.




