Michael Fent: «Die Menschen im Senegal nehmen mir die Angst vor dem Missionieren»
Michael Fent (39) arbeitet seit mehr als eineinhalb Jahren als Vikar in einer Pfarrei im Senegal. Im Interview mit kath.ch berichtet der Schweizer Priester, inwiefern seine Arbeit missionarisch ist, warum er immer eine weisse Soutane trägt und welchen Eindruck er vom Glauben der Menschen in dem westafrikanischen Land hat.
Barbara Ludwig
Sie sind seit Januar 2025 in der Pfarrei Saint-Christophe in Dakar als Vikar tätig. Wie kam es zu diesem Einsatz?
Michael Fent*: Mein Bischof Joseph Maria Bonnemain hatte mich angefragt, ob ich bereit wäre, für eine gewisse Zeit im Senegal zu wirken. Ich habe Ja gesagt – und bereue es keine Sekunde.
Eine Tätigkeit als Vikar ist auch in der Schweiz möglich, das wissen Sie aus eigener Erfahrung. Was macht den Unterschied aus?
Fent: Der Unterschied zur Schweiz ist gewaltig. Der Glaube in Afrika ist extrem lebendig. Die Menschen im Senegal sind auf eine ganz natürliche Art und Weise religiös. Es ist in Afrika allgemein unvorstellbar, an nichts zu glauben. Ob Christ, Muslim oder Heide – jeder ist hier religiös. Während es in Europa gerade umgekehrt ist. Hier ist man definitiv ein Aussenseiter, wenn man seinen Glauben praktiziert. Es ist wie beim Sämann: Während man in Europa den Samen des Evangeliums oft auf betonartigen Boden auswirft, streut man ihn im Senegal auf Humus aus, wo er sofort zu spriessen beginnt. Als Priester eine einmalige Erfahrung. Ich selbst blühe da auch auf.
Gelten Sie als Schweizer Priester, der im Ausland tätig ist, automatisch als Missionar?
Fent: Ja, das könnte man so sagen. Vor allem, weil ich im Senegal den Spiritanern, also der Kongregation vom Heiligen Geist, angeschlossen bin. Und die gehören nun wirklich zu den ganz grossen Missionsorden von Afrika. Sie haben in den 1840er Jahren als erste den Glauben nach Senegal gebracht und hier die Kirche aufgebaut. Gleichzeitig kann man mich jetzt, wo ich in Dakar in einer normalen Pfarrei als Vikar tätig bin, eigentlich nicht als Missionar im klassischen Sinn bezeichnen. Aber bald – nach meinem Heimaturlaub – komme ich wirklich in die Pampa, auf eine neue Mission auf dem Land, mit Lehmhüttchen und so weiter. Da werde ich dann eher ein Missionar wie im Bilderbuch sein.
«In Afrika ist das alles viel lockerer. Das ist befreiend.»
Inwiefern ist Ihre alltägliche Arbeit missionarisch?
Fent: Mission heisst, Christus zu den Menschen und die Menschen zu Christus zu bringen. In diesem Sinne ist jeder Priester missionarisch. Oder sollte es zumindest sein. So wie jeder Christ zur Mission aufgerufen ist. Im Senegal gibt es viele Muslime, da ist man im Alltag immer wieder mit der Mission konfrontiert. Ich habe einen Muslim, der regelmässig zu mir kommt, weil es sich fürs Christentum interessiert. Er hat mich wegen der Soutane auf der Strasse erkannt, ist mir nachgelaufen und hat mich angesprochen. Im Senegal lerne ich immer mehr die Angst vor dem Missionieren abzulegen. In der Schweiz ist Missionieren ein absolutes Tabu. Die Leute reagieren extrem allergisch darauf. In Afrika ist das alles viel lockerer. Das ist befreiend.
Beschreiben Sie die Pfarrei Saint-Christophe anhand einiger Fakten.
Fent: Unsere Pfarrei liegt im Nord-Westen von Dakar, beim alten Flughafen. Daher der Name Saint Christophe, der Heilige Christophorus ist der Patron der Reisenden. Wir sind nur 500 Meter vom Meer entfernt, nicht weit vom westlichsten Punkt des ganzen afrikanischen Kontinents überhaupt. Es ist eine Spiritaner-Pfarrei, schon ziemlich alt für senegalesische Verhältnisse. Sie wurde 1955 errichtet. Die drei Stadtviertel, die unsere Pfarrei umfasst – Yoff , Almadies und Ngor – gehören zu den eher wohlhabenderen. Weil Dakar für Westafrika ein strategisch wichtiger Punkt ist, haben hier viele ausländische Firmen und vor allem die Uno ihre Niederlassung. Deshalb ist unsere Pfarrei sehr international. Kongolesen, Togolesen, Leute aus Guinea, der Elfenbeinküste usw. leben und arbeiten hier. Und kommen zu uns in die Messe.
Wer ist Ihr Chef? Sind Sie in ein Pfarreiteam eingebunden?
Fent: Mein Pfarrer und Vorgesetzter ist ein Spiritanerpater aus Senegal. Zudem haben wir noch einen zweiten Vikar, ebenfalls ein Spiritaner und Senegalese. Wir sind also zu dritt.
«Es gibt unzählige solche Geschichten. Ohne die Soutane wären sie nie passiert.»
Auf Ihren Videos sieht man Sie in eine weisse Soutane gekleidet. Tragen Sie in der Öffentlichkeit stets eine weisse Soutane? Wieso?
Fent: Ja, immer. Ich mag sie. Ich habe mir hier einige schneidern lassen, für 70 Franken pro Stück. In den Missionsgebieten darf man sie offiziell in weiss tragen, weil schwarz zu heiss wäre. Die Leute sind bezüglich der Soutane absolut locker drauf. Die Christen lieben das. Aber auch mit den Muslimen komme ich deswegen – zum Beispiel im Taxi – oft ins Gespräch über den Glauben. Einige Muslime bitten mich manchmal, wenn sie mich auf der Strasse sehen, sogar um den Segen. Den erteile ich ihnen dann gerne im Namen des dreifaltigen Gottes. Einmal war ich in einem Getränkemarkt. Da sprach mich ein junger Katholik an. Er wolle beichten. Oder im Supermarkt fragte mich mal eine katholische Kassierin, was genau sie tun müsse, um heiraten zu können. Es gibt unzählige solche Geschichten. Ohne die Soutane wären sie nie passiert.
Sind Sie mit armen Menschen, Elend und Not konfrontiert?
Fent: Nein, zumindest nicht in meiner Pfarrei. Es gibt schon arme Leute. Punktuell. Gerade vor den Sommerferien hatte ich einen tragischen Fall, wo ich einer Familie finanziell geholfen habe. Aber im Grossen und Ganzen erlebe ich keine krasse Armut, sondern nur bescheidene Verhältnisse. Wenn es um wirkliche Armut geht, dann sind es vor allem gestrandete Flüchtlinge aus Sierra Leone und Liberia, die bei uns an die Pfarrtüre klopfen. Wir geben ihnen meistens etwas zu Essen, was sie auch gerne annehmen.
A propos Armut: Ist die Pfarrei Saint-Christophe arm? Kann sie Ihnen einen Lohn zahlen?
Fent: Die Pfarreien im Senegal sind finanziell allgemein nicht auf Rosen gebettet. Es gibt keine Kirchensteuer, wir leben allein von der Sonntagskollekte der Gläubigen. Vor allem wenn grössere Renovationen an der Kirche oder Bauprojekte anstehen, wird es schwierig. Als ich zu Beginn meines Aufenthalts den Erzbischof von Dakar besuchen durfte, sagte er mir, seine grösste Sorge sei die Finanzierung des Baus der vielen neuen Kirchen, die geplant seien. Der Lohn der Priester wird von der Diözese bezahlt, umgerechnet 180 Franken. Das ist zwar etwas unter dem Durchschnittslohn, reicht aber.
Was gefällt Ihnen besonders in Dakar oder hat Sie bislang speziell beeindruckt?
Fent: Die Menschen, ganz klar. Die Leute beeindrucken mich. Sie sind sehr freundlich und offen. Eine gute Atmosphäre. Ich habe nie Kriminalität oder irgendeine gefährliche Situation erlebt.
Was erleben Sie als schwierig, was macht Ihnen Mühe?
Fent: Als ich diesen August auf Heimaturlaub in die Schweiz zurückkam, ist mir als Erstes die gute Luft aufgefallen. Dakar ist eine absolute Pestwolke. Aber mit der Zeit habe ich so sehr daran gewöhnt, dass es mir nicht einmal mehr aufgefallen ist. Zudem ist der Strassenverkehr die Hölle. Sehr gefährlich. Am meisten liebe ich, wenn sie links blinken und dann rechts abbiegen. Oder wenn Kutschen unterwegs sind und man ihnen im letzten Moment noch ausweichen muss. Das Beste, was ich bis jetzt gesehen habe, war jemand mit Rollerblades auf dem Pannenstreifen der Autobahn. Wenn es nicht so gefährlich wäre, wäre es einfach nur lustig. Ansonsten leben wir hier im Alltag viel bescheidener als in der Schweiz, vor allem auch kulinarisch. Frische Milch habe ich hier nie getrunken, denn es gibt nur Milchpulver. Und die Hitze ist während vier Monaten extrem.
«Die Gläubigen wollen reinen Wein eingeschenkt bekommen. Sie wollen die ganze Wahrheit. Herrlich.»
Welchen Eindruck haben Sie vom Glauben der Menschen, mit denen Sie in Kontakt kommen?
Fent: Es ist ein sehr lebendiger Glaube. Die Menschen sind echt gläubig. Und sie lieben es, katholisch zu sein. Sie sind stolz darauf. Es ist schwierig, das zu beschreiben. Man müsste selbst hierherkommen, um das zu erleben. Ich würde sagen, ihr Glaube ist natürlich, katholisch, nicht oberflächlich, sondern persönlich – und sicherlich von Herzen. Zudem kann man hier als Priester alles sagen. Wirklich alles. Da stört sie gar nicht. Nicht so wie in der Schweiz, wo man die sogenannten heissen Eisen ja nicht erwähnen darf. Hier in Afrika ist das alles kein Problem. Im Gegenteil: Die Gläubigen wollen reinen Wein eingeschenkt bekommen. Sie wollen die ganze Wahrheit. Herrlich.
Was meinen Sie mit heissen Eisen?
Fent: Im interreligiösen Dialog wäre ein solches heisses Eisen zum Bespiel die Aussage: «Jesus Christus ist der einzige Mittler zwischen Gott und den Menschen, der einzige Erlöser.» In der Ökumene die Aussage, dass die katholische Kirche die einzig Wahre, die einzig von Christus gegründete Kirche, ist. Und im innerkirchlichen Bereich beispielsweise die Sonntagspflicht. Nämlich, dass die Teilnahme an der Sonntagsmesse nicht nur eine nette Einladung, sondern eine «unter schwerer Sünde» gebotene Verpflichtung ist. Oder zu sagen, dass Sex vor der Ehe oder die ausgelebte Homosexualität schwere Sünden sind. Und dass nicht alle automatisch in den Himmel kommen, sondern dass nach dem Tod das persönliche Gericht folgt, wo jeder vor Christus Rechenschaft ablegen muss. All das sind heisse Eisen – also Wahrheiten, die Anstoss erregen können.
«Die Beichte ist für mich das faszinierendste Phänomen hier. Als Priester kann man hier Beichthören, bis einem die Ohren wackeln.»
Frappant ist im Vergleich zur Schweiz die verbreitete Beichtpraxis – davon berichten Sie in einem Video. Haben Sie eine Erklärung dafür, warum die Gläubigen in Dakar zur Beichte gehen?
Fent: Ja, die Beichte ist für mich das faszinierendste Phänomen hier. Als Priester kann man hier Beichthören, bis einem die Ohren wackeln. Vor allem im Advent und der Fastenzeit. Da haben wir jeweils Barmherzigkeitsabende, an denen die anderen Priester des Dekanats auch mithelfen. In den «Martyrs de l’Ouganda» zum Beispiel, einer der grössten Pfarreien unseres Dekanats, haben wir von nachmittags um halb fünf bis um zehn Uhr nachts Beichte gehört. Wir waren 32 Priester in der Kirche. Bei Wallfahrten kann man dasselbe erleben. In Popenguine, dem nationalen Marienheiligtum, habe ich dieses Jahr bei der Pfingstwallfahrt von 20.45 Uhr bis um sieben Uhr morgens Beichte gehört. Das war eine meiner schönsten Erfahrungen. Auch im Alltag wird oft gebeichtet.
Warum ist das so?
Fent: Ich weiss es nicht, wahrscheinlich weil es natürlicher Bestandteil ihres allgemein sehr gesunden Glaubens ist. Jedenfalls haben die Leute meistens ein klares Sündenbewusstsein und ein feines Gewissen. Es ist einfach nur super.
Wie lange wollen Sie im Senegal bleiben? Können Sie sich vorstellen, für immer dort zu bleiben?
Fent: Mein Vertrag dauert drei Jahre. Jetzt ist Halbzeit. Danach sehen wir weiter. Ob ich für immer dortbleibe, ist noch offen. Es gefällt mir sehr gut in Afrika. Von dem her liegt vielleicht eine kleine Verlängerung drin. Aber das hängt vor allem von meinem Bischof und dem Provinzial der Spiritaner, also meinem Chef vor Ort, ab.
*Michael Fent (39) ist im Thurgau als ältestes von vier Kindern aufgewachsen. Nach der Matura absolvierte er ein Studium der Fotografie in Lausanne. Dann trat er ins Priesterseminar ein und studierte Theologie in Chur und Rom. Seit 2020 ist Fent Priester des Bistums Chur. Vor seinem Einsatz im Senegal war er während drei Jahren in Steinen (SZ) als Vikar tätig. Am Freitag, 25. September, nimmt er am «Tag der Missionarinnen und Missionare» in Freiburg i.Ü. teil. Der Anlass wird von Missio Schweiz organisiert.
Hier geht es zur › Bestellung einzelner Beiträge von kath.ch.




