Caritas Schweiz: «Einwanderung bereichert die Schweiz»
Am 14. Juni 2026 stimmen die Schweizer Stimmberechtigten über die Volksinitiative «Keine 10-Millionen-Schweiz!» der SVP ab. Die Präsidentin der Caritas Schweiz, Monika Maire-Hefti, argumentiert im Interview mit kath.ch, warum Einwanderung wichtig ist für die Schweiz. Sie zeigt sich überzeugt: Eine Beschränkung der Bevölkerung würde katastrophale Folgen für die Schweiz zeitigen.
Wolfgang Holz
Frau Maire-Hefti, die Initiative «Keine 10-Millionen-Schweiz!» verlangt, die ständige Wohnbevölkerung zu begrenzen: Vor 2050 müsste die Bevölkerung der Schweiz unter 10 Millionen Menschen bleiben. Was halten Sie von diesem Plan?
Monika Maire-Hefti: Ich halte diese Initiative für äusserst gefährlich. Die Massnahmen zur Beschränkung der Bevölkerung, die bei einer Annahme umgesetzt werden müssten, hätten katastrophale Folgen für die Schweiz. Sie gaukelt vor, einen Weg für eine nachhaltige Entwicklung der Schweiz aufzuzeigen. Dafür setzt sie die guten Beziehungen zu Europa aufs Spiel und ist bereit, völkerrechtliche Errungenschaften der letzten 50 Jahre zu opfern.
«Es geht in diesem Abstimmungskampf auch um die Frage, wie wir über Zuwanderung sprechen wollen.»
Es ist ja nicht zu leugnen, dass es in der Schweiz zunehmend dichter und enger zugeht aufgrund der Zuwanderung ausländischer Arbeitskräfte. Andererseits tragen doch gerade die vielen zugewanderten Arbeitskräfte in erheblichem Masse zum schweizerischen Wohlstand bei. Sehen Sie das auch so?
Maire-Hefti: Einwanderung bereichert die Schweiz. Das ist schon seit langer Zeit so. Es geht in diesem Abstimmungskampf auch um die Frage, wie wir über Zuwanderung sprechen wollen. In der heutigen Debatte wird die Ursache für gesellschaftliche Herausforderungen zu oft und fälschlicherweise bei Migrantinnen und Migranten gesucht.
Wie meinen Sie das?
Maire-Hefti: Wir haben steigende Ausgaben im Gesundheitsbereich. Dafür verantwortlich sind der medizinisch-technische Fortschritt und die steigende Lebenserwartung der Bevölkerung. Dass Migrantinnen und Migranten höhere Kosten verursachen, wie behauptet wird, ist falsch.
«Wir sind in der Schweiz doch ganz offensichtlich auf Migrantinnen und Migranten angewiesen.»
Die Zuwanderung hat zwar einen Einfluss auf den Wohnungsmarkt. Für hohe Mieten viel ausschlaggebender sind aber Faktoren wie der Anstieg an Einpersonenhaushalten, die steigende Wohnfläche pro Person, die allgemeine Teuerung sowie der Anstieg des Referenzzinssatzes. Auch die Bautätigkeit und die teils zu hoch angesetzten Mietpreise spielen eine Rolle. Solche Zusammenhänge müssen wir richtigstellen. Für Caritas ist es wichtig, den Wert der Zuwanderung für die Schweiz sichtbar zu machen und aufzuzeigen, dass Migration ein wesentliches Element für das Funktionieren unserer Gesellschaft ist.
Nicht nur der Wohlstand in der Schweiz wird durch viele ausländische Fachkräfte in der Schweiz gesichert. Auch das ganze gesellschaftliche System würde durch die dauerhafte Begrenzung der Zuwanderung in Schieflage geraten – denn wer kümmert sich um die Senioren in den Pflegeheimen, wer sorgt sich um die Kranken in den Spitälern, und wer arbeitet auf dem Bau, um nur einige Sparten zu nennen, wenn nicht ausländische Arbeitskräfte?
Maire-Hefti: Da stimme ich Ihnen bei. Wir sind in der Schweiz doch ganz offensichtlich auf Migrantinnen und Migranten angewiesen.
«Sie sind als Menschen ein wichtiger Teil der Gesellschaft und tragen in vielfacher Hinsicht zum Zusammenhalt bei. Das erfordert Wertschätzung.»
Was aus der Migrationspolitik der vergangenen Jahrzehnte und insbesondere der Ära der «Gastarbeiter» gelernt werden muss, ist, dass Zugewanderte nicht einfach als Arbeitskräfte betrachtet werden dürfen. Sie sind als Menschen ein wichtiger Teil der Gesellschaft und tragen in vielfacher Hinsicht zum Zusammenhalt bei. Das erfordert Wertschätzung und rechtliche Sicherheit. Die Initiative geht genau in die andere Richtung: Sie macht die Situation von Zugewanderten in der Schweiz prekärer.
Was sind unterm Strich die Hauptargumente der Caritas Schweiz aus menschenrechtlicher und christlicher Hinsicht, um auf diese Volksinitiative zu reagieren bzw. diese abzulehnen?
Maire-Hefti: Wir teilen die Bedenken, dass sich die Initiative negativ auf den Standort Schweiz auswirken würde, mit breiten Kreisen der Wirtschaft und der Politik. Zentral für das Nein der Caritas ist aber auch, dass sie auf die verletzlichsten Menschen zielt.
«Mit einem solchen Schritt würde die Schweiz die Glaubwürdigkeit als Verfechterin von humanitären Werten und Vermittlerin in internationalen Krisen verlieren.»
Die geforderten unverhältnismässigen Massnahmen im Asylbereich würden den Flüchtlingsschutz komplett untergraben. Aufgrund der Initiative müssten sogar die Genfer Flüchtlingskonvention, die Europäische Menschenrechtskonvention und die Kinderrechtskonvention gekündigt werden. Mit einem solchen Schritt würde die Schweiz die Glaubwürdigkeit als Verfechterin von humanitären Werten und Vermittlerin in internationalen Krisen verlieren.
Vor Jahren lancierte die SVP schon die Masseneinwanderungsinitiative. Jetzt kommt wieder so eine diskriminierende Begrenzungsinitiative zur Abstimmung. Hat die Schweiz wirklich einen Mangel an Solidarität, ein soziales Problem oder gar nur ein Luxusproblem – schliesslich leben in den gleichgrossen Niederlanden jetzt schon 18 Millionen Menschen?
Maire-Hefti: Es stellt sich die Frage, welche Sicht auf unsere Gesellschaft überhandnimmt. Dass Migration und Flucht polarisieren in der politischen Debatte, ist nicht neu. In den 70er Jahren wurde die Schwarzenbach-Initiative knapp abgelehnt, die die Einwanderung stark beschränkt hätte.
«Wir wollen eine Schweiz, wo alle Menschen ein würdiges Leben führen können.»
Die aktuelle Initiative trägt massgebend dazu bei, dass sich das gesellschaftliche Klima gegenüber zugewanderten Menschen stetig verschlechtert. Am laufenden Band werden gesetzliche Verschärfungen und Restriktionen gefordert. Es braucht das Engagement all jener, die sich für ein offenes und solidarisches Zusammenleben einsetzen und an konstruktiven Lösungen mitarbeiten um die Herausforderungen zu meistern. Wir wollen eine Schweiz, wo alle Menschen ein würdiges Leben führen können. Die SVP- Initiative bewirkt genau das Gegenteil! Darum stimme ich Nein am 14. Juni.
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