Markus Hofer, Theologe und Buchautor

Markus Hofer über die radikale Lebensform des Franz von Assisi

Vor 800 Jahren gestorben, fasziniert Franz von Assisi bis heute viele Menschen. Wer war der Mann, der auf jeglichen Besitz verzichtete? Tiere als Geschwister ansah und den Franziskaner-Orden gründete? Auf Spurensuche mit dem österreichischen Theologen und Buchautor Markus Hofer.

Weitere Themen:

  • Kaum eine Persönlichkeit aus dem Mittelalter ist so gut dokumentiert wie Franz von Assisi. Was ist neu an der Biografie?
  • Umgang mit den historischen Quellen: Was stimmt tatsächlich? Was ist ausgeschmückt, was schlicht erfunden?
  • Franz von Assisi hat das Evangelium wortwörtlich genommen War er ein Fundamentalist?
  • Berührt hat er die Menschen seiner Zeit vor allem mit seinen Predigten. Was war das Aussergewöhnliche?
  • Er hat über lange Zeitperioden gefastet und sich auch gezüchtigt. Doch seinen Brüdern hat er die extreme Askese verboten. Warum?
  • Der berühmte «Sonnengesang» von Franz inspiriert Menschen bis heute. Was bedeutet Markus Hofer dieser Lobgesang auf den Schöpfer?
  • Wer sich mit Franz befasst, stösst auch auf Klara von Assisi: In welcher Beziehung standen die beiden zueinander?
  • Franz von Assisi stirbt mit 44 oder 45 Jahren und hinterlässt ein Testament: Weshalb sorgte es für heftige Kontroversen?
  • Jorge Mario Bergoglio hat sich 2013 als erster Papst überhaupt den Namen Franziskus gegeben: Was bedeutet das für den Heiligen?
  • Das Buch von Markus Hofer: «Franz von Assisi. Ein radikales Leben neu erzählt», 184 Seiten, Tyrolia-Verlag 2026
Transcript
Speaker:Markus Hofer [:

Er muss Funken gesprüht

2

:

haben. Er hat innerlich sicher geglüht. Also 

er wird mal mit Händen und Füßen geredet haben,

3

:

wie es die Italiener eh gerne machen. 

Und er hat sich dann können auch fast

4

:

in die religiöse Ekstase hineinsteigern. Er hat 

manchmal bei Predigen dann sogar angefangen zu

5

:

tanzen. Also das hat die Menschen sicher noch 

mehr fasziniert als der Inhalt der Predigten.

6

:Sandra Leis [:

Das sagt der österreichische Theologe und

7

:

Buchautor Markus Hofer. Vor 800 Jahren gestorben, 

fasziniert Franz von Assisi bis heute viele

8

:

Menschen. Wer war der Mann, der auf jeglichen 

Besitz verzichtete, Tiere als Geschwister ansah

9

:

und den Franziskaner-Orden gründete? Darüber 

spreche ich mit Markus Hofer, der eine Biografie

10

:

über Franz von Assisi geschrieben hat. Ich bin 

Sandra Leis und besuche meinen Gast in seinem

11

:

Zuhause in Götzis in Vorarlberg. Markus Hofer, 

ganz herzlich willkommen zu unserem Gespräch.

12

:Markus Hofer [:

Gerne, freut mich.

13

:Sandra Leis [:

Im allerersten Satz Ihrer

14

:

Biografie schreiben Sie, dass 

Ihre Frau skeptisch gewesen sei,

15

:

als Sie begonnen haben, sich intensiv mit 

Franz von Assisi auseinanderzusetzen. Warum?

16

:Markus Hofer [:

Ihr Argument war,

17

:

du bist doch überhaupt kein Asket. Und Franz von 

Assisi war ein großer Asket. Das Thema hat mich

18

:

schon ein bisschen beschäftigt und das muss sich 

dann irgendwie lösen. Die Lösung war für mich,

19

:

er hat die Askese geliebt. Ich liebe 

sie nicht. Aber wenn man das tut,

20

:

was man liebt, dann hat es Kraft. Und 

so können wir beide gut miteinander.

21

:Sandra Leis [:

Sie forschen schon seit sehr vielen Jahren

22

:

über Franz von Assisi, haben auch Bücher über 

ihn geschrieben und legen jetzt zum 800. Todestag

23

:

eine Biografie vor. Im Untertitel heißt sie «ein 

radikales Leben neu erzählt». Was ist das Neue?

24

:Markus Hofer [:

Treffende Frage. Das Neue sind nicht die

25

:

Inhalte. Also es sind keine neuen Fakten gekommen, 

keine neuen Quellenschriften entdeckt worden. Aber

26

:

ich will es nochmal neu erzählen. Für heutige 

moderne Menschen, vielleicht etwas griffiger,

27

:

etwas kantiger, vielleicht auch etwas weniger 

fromm, wenn man will, und so, dass es auch noch

28

:

mehr ins Leben hineingreift. Also das denke ich, 

ist das neu erzählt. Neue Fakten gibt es keine.

29

:Sandra Leis [:

Die Fakten haben Sie ja

30

:

ausführlich studiert, also Sie kennen alle 

Quellen und es gibt eigentlich kaum eine

31

:

andere Persönlichkeit aus dem Mittelalter, die 

so gut dokumentiert ist. Deshalb meine Frage,

32

:

wie können Sie denn wissen, ob etwas 

historisch tatsächlich zutrifft oder ob es

33

:

ausgeschmückt ist oder gar schlicht erfunden? 

Wie gehen Sie da vor mit dem ganzen Material?

34

:Markus Hofer [:

Das war eine spannende Frage, fast

35

:

kriminalistisch. Das, was man Textkritik nennt, 

man muss also die Quellenschiften vergleichen,

36

:

schauen, welche ist die älteste oder wer hat 

offensichtlich nur von jemanden abgeschrieben.

37

:

Dann kann man das schon weglassen, das ist 

nicht wichtig. Und dann gibt es eben diese

38

:

erste Lebensbeschreibung, da auch die Frage, 

wer hat es geschrieben, wer hat den Auftrag

39

:

gegeben. Der Auftrag kam von Papst persönlich. 

Also der Auftraggeber hat auch Interessen,

40

:

da muss man sicher auch papstfreundlich sein, was 

Franz auch war, keine Frage. Und dann ist es immer

41

:

wieder verändert worden, und irgendwann 

wollte man eine neue Lebensbeschreibung,

42

:

weil man mehr gewusst hat als bei der ersten. Und 

man hat die Brüder gebeten, dass sie Erinnerungen

43

:

aufschreiben. Und da sind dann drei Gefährten 

gewesen, die am Anfang wirklich nah bei ihm waren,

44

:

und die haben sehr viele Dinge authentisch 

aufgeschrieben. Manches ist dann in die offizielle

45

:

Biografie hinübergewandert, aber nicht alles. Und 

dann werde ich aber genau auf das neugierig. Was

46

:

ist nicht hinübergewandert? Was erzählen sie, was 

dann so im offiziellen Status nicht mehr passt?

47

:Sandra Leis [:

Ja, das ist interessant

48

:

herauszufinden, das zu vergleichen.

49

:Markus Hofer [:

Da wird’s dann spannend. Ein schönes

50

:

Beispiel für mich ist immer, er zieht sich ja 

nackt vor dem Vater aus und gibt ihm alles zurück,

51

:

was er von ihm hat. In der ersten, 

ältesten Beschreibung wirklich nackt,

52

:

und wenn man seine radikale Mentalität 

kennt, das kann nicht anders gewesen sein.

53

:Sandra Leis [:

Also das stimmt, glauben Sie.

54

:Markus Hofer [:

Das stimmt ganz sicher, weil das war auch die

55

:

vom Papst beauftragte, die erste. Und dann in der 

nächsten hat er schon ein kleines Tüchlein um sich

56

:

und dann in der ganz offiziellen schon bereits 

einen ganzen Bußgürtel. Also da merkt man, in

57

:

welche Richtung die Geschichtsschreibung geht. Und 

das muss man manchmal dann gegen den Strich lesen.

58

:

Und so kommt man dann schon drauf, was historisch 

wahrscheinlich ist und was vielleicht weniger.

59

:Sandra Leis [:

Ja. Lassen Sie uns in groben Zügen zusammenfassen,

60

:

was man über Franz von Assisi weiß. Also er kommt 

als Sohn eines reichen Tuchhändlers zur Welt,

61

:man weiß aber nicht genau,:

ist nicht bekannt. Dann verbringt er eine eher

62

:

unbeschwerte, aber auch sehr ausschweifende 

Jugend und will Ritter werden. Er macht auch

63

:

Kriegserfahrungen, und dann kehrt er nach Assisi 

zurück und verschreibt sich ganz dem Glauben. Er

64

:

bricht mit dem Vater. Gibt ihm alles zurück und 

verzichtet auf allen Reichtum. Schon bald folgen

65

:

ihm andere Männer, und schließlich gründet er 

dann den Franziskaner-Orden. Überliefert ist auch,

66

:

dass er in den Orient gezogen ist, also im Rahmen 

der Kreuzzüge, um den Sultan zum Christentum zu

67

:

bekehren. Das ist ihm nicht gelungen. Dann 

kehrte er erschöpft und auch erblindet,

68

:

das sagen auch alle Quellen, dass er fast 

erblindet ist. Kehrt er nach Assisi zurück,

69

:. Oktober:

Da ist er 44 oder 45 Jahre alt,

70

:

und zwei Jahre später wird er vom Papst 

heiliggesprochen. Das sind mal so die Eckdaten.

71

:Markus Hofer [:

Gute Zusammenfassung.

72

:Sandra Leis [:

Lassen Sie uns über diesen

73

:

Verzicht auf allen Reichtum sprechen. Wie muss 

man sich das konkret vorstellen? Was heißt das?

74

:Markus Hofer [:

Also einmal, es war ein langer Weg der Suche.

75

:

Das war nicht so plötzlich. Ich sag immer wieder 

Paulus, den hat es vom Pferd geworfen, der Saulus.

76

:

Und dann ist er als Paulus wieder aufgestanden. Es 

war ein langer, spannender Weg. Und letztendlich

77

:

hat er seine Berufung darin gefunden, dass er 

das Evangelium wortwörtlich ernst nimmt für sich.

78

:

Christus sagt, ein Apostel geht hinaus, verkündet 

mein Wort, nimmt nichts mit, keine Schuhe, keinen

79

:

Gürtel, keine Tasche. Und das hat er dann wörtlich 

in sein Leben umgesetzt. Und da auch natürlich die

80

:

Armut, wenn man nichts dabeihat und keine Vorräte 

anlegt, sondern darauf angewiesen ist, was die

81

:

wohlwollenden Menschen einem da schenken, spenden. 

Und das war sein Weg. Und das hat er wortwörtlich,

82

:

in aller Radikalität, umgesetzt! Vielleicht 

spannend noch die Frage bei wortwörtlich,

83

:

könnte man sagen, war er ein Fundamentalist? 

Natürlich hat er die Bibel wortwörtlich genommen,

84

:

aber der große Unterschied zu unseren heutigen 

Fundamentalisten, er hat es auf sich angewandt.

85

:Sandra Leis [:

Und nicht auf die anderen.

86

:Markus Hofer [:

Heutige Fundamentalisten wissen,

87

:

was für alle anderen gut und richtig 

wäre, und das ist der große Unterschied.

88

:Sandra Leis [:

Sie schreiben in Ihrer

89

:

Biografie auch, dass Franziskus auf 

Geld verzichtet hat bzw. er hat Geld

90

:

komplett abgelehnt. Aber wie hat er das begründet?

91

:Markus Hofer [:

Natürlich war Christus arm,

92

:

da ist im Evangelium nie von Geld die Rede, 

aber er ist auch gerade von wohlhabenden Frauen

93

:

ausgehalten worden. Das ist so noch einmal ein 

Stück weit auch ein bisschen sein eigener Tick.

94

:Sandra Leis [:

Schon ein bisschen, das

95

:

kommt auch in seiner Regel vor, dort schreibt er 

auch ein Kapitel darüber, über dieses Geldverbot.

96

:Markus Hofer [:

Die Münzen, die hat er

97

:

in den Boden geworfen und in den Dreck 

hineingestampft, die sind des Teufels.

98

:Sandra Leis [:

Also da sind Sie sicher, dass das stimmt?

99

:Markus Hofer [:

Ja, ja, natürlich. Solche Dinge hat man später

100

:

gemildert. Also, gerade die Schrulligkeiten, 

die kommen in späteren amtlichen Schriften

101

:

kaum mehr so vor. Und darum glaube ich schon, 

dass sie echt sind. Ich habe überhaupt nichts

102

:

gegen seine Schrulligkeiten. Die bringen ihn mir 

höchstens näher, die machen ihn mir menschlicher.

103

:Sandra Leis [:

Also er hatte auch was Extremes

104

:

ein Stück weit. Er hat ja auch sehr lange und 

über lange Zeitperioden gefastet. Also so stark,

105

:

dass Sie selber im Buch schreiben, dass 

es eigentlich ungesund gewesen sei. Was

106

:

vermuten Sie, weshalb hatte er das quasi 

bis zum Exzess getrieben, sein Fasten?

107

:Markus Hofer [:

Am Totenbett bekennt er,

108

:

ich habe viel gesündigt gegenüber Bruder Esel. 

Und damit hat er seinen eigenen Körper gemeint.

109

:

Die ganze Natur sind Brüder und Schwestern, 

der eigene Körper ist Bruder Esel, und den

110

:

muss man schinden und schlagen. Also irgendwo, 

ich glaube schon, dass er diese Askese geliebt

111

:

hat. Und interessant ist, dass er es seinen 

Brüdern verboten hat, zu extrem zu fasten. Die

112

:

Menschen sind unterschiedlich, die verschiedenen 

Körper brauchen Unterschiedliches. Der eine tut

113

:

sich leichter, der andere tut sich schwerer, das 

ist alles okay. Er hat ihnen Bußgürtel verboten.

114

:Sandra Leis [:

Aber selber hat er ihn gebraucht.

115

:Markus Hofer [:

Für ihn hat das nie gegolten.

116

:

Er hat in einer radikalen Weise auch 

gefastet, wie er es den Brüdern eigentlich

117

:

verboten hat. Und darum, irgendwann denke 

ich, er hat diese Askese auch gelebt.

118

:Sandra Leis [:

In der extremen Form,

119

:

also mit Fasten und sich kasteien, 

man muss es schon so sagen.

120

:Markus Hofer [:

Es gibt auch Belege, dass er, wenn das Essen

121

:

zu gut war, das er bekommen hat, hat er Asche 

hineingestreut, damit es nicht so gut schmeckt.

122

:Sandra Leis [:

Sie haben vorhin gesagt,

123

:

er hat das Evangelium wortwörtlich genommen. 

Also er war ja kein bahnbrechender Theologe,

124

:

auch kein Intellektueller. Aber wie haben 

denn seine Predigten die Menschen zu seiner

125

:

Zeit überzeugt? Das isja auch überliefert, 

dass er da sich ins Zeug gelegt hat. Aber

126

:

wie muss man sich das konkret vorstellen? 

Wie hat er es gemacht? Was denken Sie?

127

:Markus Hofer [:

Also da würde ich viel geben,

128

:

wenn es ein Video gäbe von so einer Predigt. Der 

Text allein kann es nicht gewesen sein. Er hat

129

:

damals ein Beispiel verfasst. Nur kurz, er beginnt 

mit dem Lobpreis Gottes: Fürchtet und ehret,

130

:

lobet und preist, sagt Dank und betet an den 

Herrn, den Allmächtigen. Dann kommt tut Buße,

131

:

bringt würdige Früchte der Buße. Wisst nämlich, 

dass ihr bald sterben werdet. Und es endet mit,

132

:

nehmt euch in acht, enthaltet euch von allem 

Bösen. Und harret aus im Guten bis ans Ende.

133

:

Also so die ganz klassische Bußpredigt. 

Es kommt natürlich hinzu, dass man damals

134

:

schon geglaubt hat, die Endzeit kommt bald, und 

dann kommt ein tausendjähriges Friedensreich.

135

:

Also ich glaube, es war nicht unbedingt der Inhalt 

dieser Bußpredigt, aber er muss auf eine derart

136

:

faszinierende Weise gepredigt haben. Es gibt einen 

authentischen Text eines Studenten in Bologna,

137

:

der ihn gehört hat, aber kein Theologe. Er sagt 

auch, er war nicht von gewinnendem Äußeren.

138

:Sandra Leis [:

Er war ziemlich hässlich und ungepflegt.

139

:Markus Hofer [:

Eher. Abstehende Ohren

140

:

und klein. Aber er muss Funken gesprüht haben. 

Er hat innerlich sicher geglüht. Also er wird

141

:

einmal mit Händen und Füßen geredet haben, 

wie es die Italiener eh gerne machen. Und

142

:

er hat sich dann können auch fast in die 

religiöse Ekstase hineinsteigern. Er hat

143

:

manchmal bei Predigen dann sogar angefangen 

zu tanzen. Also das hat die Menschen sicher

144

:

noch mehr fasziniert als der Inhalt der 

Predigt. Und das andere natürlich auch,

145

:

er hat das immer auch verkörpert, was er 

gepredigt hat. Er hat das getan und nicht

146

:

nur anderen gepredigt. Und vor allem denke ich 

mir, er war vielleicht der authentischste Mensch,

147

:

den es je gegeben hat. Und das wirkt 

natürlich, das hat eine Überzeugungskraft.

148

:Sandra Leis [:

Also der Bote war identisch

149

:

mit der Botschaft, wenn man 

es so zusammenfassen will.

150

:Markus Hofer [:

Genau. Die Botschaft und der Bote waren da eins.

151

:Sandra Leis [:

Und das hat schon

152

:

wahrscheinlich viele Menschen dann begeistert.

153

:Markus Hofer [:

Das hat Kraft. Das hätte auch heute noch Kraft.

154

:Sandra Leis [:

Und auf der anderen Seite

155

:

wurde er aber auch verhöhnt und auch 

seine Brüder. Sie wurden ja zum Teil

156

:

auch öffentlich geschlagen und so. Also sie 

sind schon nicht nur auf Wohlwollen gestoßen.

157

:Markus Hofer [:

Vor allem am Anfang. Man

158

:

konnte es ja nicht einordnen. Sind 

diese Spinner, haben die einfach nur

159

:

einen Vogel? Oder ist das wirklich was 

Religiöses? Muss man das ernst nehmen?

160

:

Wo er das erste Mal mit einer leeren 

Schüssel hinauf ist in die Stadt Assisi,

161

:

um Speisen zu sammeln, da hat man alles Mögliche 

hineingeworfen, Appetitliches und Unappetitliches.

162

:

Und das Verrückte ist, der Kerl isst alles. Und 

am Ende sagt er, und das, was mir bitter war,

163

:

wurde mir süß. Da kann man ihn nur entweder völlig 

ablehnen und sagen, er hat einen Knall und fertig.

164

:

Oder er fasziniert irgendwie, zumindest 

Hut ab, auch wenn ich es nicht nachmache.

165

:Sandra Leis [:

Franz von Assisi hat ja auch

166

:

zahlreiche Gebete und Gesänge geschrieben. Das 

berühmteste Stück ist sicher der «Sonnengesang»,

167

:

und den hat er ja angesichts seines 

Todes verfasst. Darin besingt er sein

168

:

geschwisterliches Verhältnis zur 

gesamten Schöpfung und jubiliert,

169

:

obwohl es ihm ja ganz schlecht geht. Was bedeutet 

Ihnen, Markus Hofer, dieser «Sonnengesang»?

170

:Markus Hofer [:

Also ich habe das früher

171

:

so gekannt aus Filmen wie von Zeffirelli, wo Franz 

und Clara platonisch verliebt durch die Mohnfelder

172

:

Umbriens spazieren, und dazu kommt dann der 

Sonnengesang von Donovan gesungen. Wunderschön,

173

:

haarscharf am Kitsch vorbei. Für mich hat 

er viel mehr Tiefe noch einmal bekommen,

174

:

wo ich gemerkt habe, wann und wie hat er den 

geschrieben. Also da war er schwer krank,

175

:

er hat nicht mehr liegen können beim Schlafen, 

weil dann der Eiter sich in den Augen gestaut

176

:

hat. Er war so in einem Felsschlupf drinnen, 

wo es Mäuse gegeben hat, er muss unheimliche

177

:

Schmerzen gehabt haben. Und in dieser Situation 

beginnt er seinen Lobpreis der Schöpfung. Wow!

178

:

Also das ist weit, weit weg 

von jeder Naturschwärmerei.

179

:

Sondern das ist eine Zuversicht, die 

können wir uns kaum, kaum vorstellen.

180

:Sandra Leis [:

Also, er ist ein tief religiöser Mensch, oder?

181

:Markus Hofer [:

Und auch der ganze «Sonnengesang»

182

:

ist kein Lob auf die Natur, sondern ein Lob auf 

Gott, den Schöpfer, der diese Natur geschaffen

183

:

hat. Das hört man halt vielleicht nicht 

immer mehr so gern. Man nimmt mehr so die

184

:

schwärmerische Naturanbetung. Das war es nicht. 

Das war wirklich ein Lob für den Schopfer.

185

:Sandra Leis [:

Sie haben vorhin Clara erwähnt.

186

:

Wer sich mit Franz von Assisi beschäftigt, stößt 

irgendwann auf diesen Namen. Sie hat ja später

187

:

dann auch den Klarissenorden gegründet und auch 

eine erste Regel geschrieben. Wie schätzen Sie das

188

:

Verhältnis der beiden ein? Also gekannt haben 

sie sich wahrscheinlich, aber was denken Sie?

189

:Markus Hofer [:

Also es war sicher zuerst

190

:

schon mal ein abgekartetes Spiel, dass die Clara 

nachts aus der Stadt flüchten hat können. Das war

191

:

nicht so einfach. Und da hat es auch mal eine 

Begegnung gegeben mit dem Franz, aber immer mit

192

:

Zeugen. Er wäre nie allein mit einer Frau im Raum 

geblieben. Und sicher, wo sie dann kommt zu ihm

193

:

des Nachts und er nimmt sie in den Orden letztlich 

auf, also er schneidet ihr auch die Haare ab,

194

:

da war er sicher zuerst schon mal stolz und 

dann vermutlich völlig ratlos. Ich glaube,

195

:

die haben alle zusammen keine Ahnung gehabt, wie 

sie mit dieser Situation umgehen. Auf der einen

196

:

Seite ist klar, eine junge Frau kann nicht allein 

als Wanderpredigerin durch die Gegend ziehen, viel

197

:

zu gefährlich. Und eine Truppe, es waren damals 

vielleicht acht oder höchstens zwölf Brüder,

198

:

mit einer einzigen Frau durch die Lande ziehen, 

das geht irgendwie auch nicht. Da entstehen dann

199

:

Dynamiken, die man eigentlich im Grunde auch 

nicht will. Und so haben sie dann vom Bischof

200

:

von Assisi dieses kleine Kloster San Damiano 

bekommen, und da hat sie sich dann mit Schwestern,

201

:

die gleich dazu kamen, zurückgezogen. Ganz 

radikal. Sie hat noch radikaler gelebt als er.

202

:Sandra Leis [:

Ist zu vermuten.

203

:Markus Hofer [:

Hat aber lange gelebt. Ich

204

:

glaube 40 Jahre. Also sie ist lang nach 

ihm erst gestorben. Ich vermute, dass es,

205

:

nachdem sie in San Damiano war, nie mehr viel 

Kontakt gegeben hat zwischen ihm und Clara.

206

:

Also die ganzen späteren Geschichten, wo sie 

dann da romantisch durch die Gegend wandern

207

:

und sich austauschen, die sind erst so 150 Jahre 

später überhaupt entstanden. Das ist Romantik,

208

:

da stecken Fantasien drin, aber das dürfte nicht 

die Realität gewesen sein. Er war gegenüber Frauen

209

:

radikal zurückhaltend. Ich vermute, dass er ein 

sehr vitaler Mann war, und wenn dann weibliche

210

:

Reize kommen, dann hat er Angst vor dem, was das 

auslösen könnte. Ich glaube, das war der Grund,

211

:

warum er sich da. . . Es gibt Äußerungen, 

das klingt dann fast schon frauenfeindlich,

212

:

wie er bewusst so einen Bogen um Frauen gemacht 

hat. Darum wäre es für mich unvorstellbar,

213

:

dass er öfter und häufig längere 

Spaziergänge mit Clara gemacht hätte.

214

:Sandra Leis [:

Sie haben vorhin gesagt,

215

:

er sei kein Naturschwärmer gewesen, 

sondern eigentlich wollte er immer die

216

:

Schöpfung Gottes preisen. Gleichwohl gilt er 

ja für viele Menschen bis heute als Vorbild,

217

:

als Bewahrer der Schöpfung. Aus Ihrer 

Sicht kann man also nicht sagen,

218

:

dass sein umfassendes Naturverständnis 

sein Vermächtnis ist. Ist das falsch?

219

:Markus Hofer [:

Das wäre etwas zu eingeengt. Natürlich,

220

:

ich habe nichts dagegen, wenn man jetzt von 

der Öko-Bewegung auch den Franziskus entdeckt.

221

:

Und das ist auch völlig okay, wenn er jetzt 

auch der Patron des Tierschutzes ist oder so.

222

:

Das passt auf jeden Fall. Aber man muss 

die Kirche schon etwas im Dorf lassen.

223

:

Natürlich waren ihm die Tiere wichtig, 

aber er war dort überhaupt nicht neutral.

224

:

Am allerliebsten waren ihm die Lerchen. 

Weil die Lerchen, die schauen aus wie die

225

:

Franziskaner. Graue, unscheinbare Kutte, 

hinten so eine kleine Kapuze auf dem Kopf,

226

:

und sie essen von der Straße, so wie sie auch 

einfach alles gegessen haben, was sie bekommen

227

:

haben. Also die Lerchen waren ihm mit Abstand am 

wichtigsten vor allen anderen. Im «Sonnengesang»

228

:

kommen gar keine Tiere vor, was nichts heißen 

muss, und Vegetarier war er ganz sicher nicht.

229

:

Also da muss man schon vorsichtig sein, dass man 

ihn nicht zu sehr jetzt heute instrumentalisiert.

230

:Sandra Leis [:

Klar, aber er hat den

231

:

Menschen nicht als Krone der Schöpfung gesehen,

232

:

sondern der Mensch ist eingebettet, ist Teil 

der Schöpfung. Das kann man schon sagen, oder?

233

:Markus Hofer [:

Auf jeden Fall! Natürlich, im mittelalterlichen

234

:

Denken ist der Mensch nicht auf derselben Stufe 

mit den Tieren. Er ist schon Krone der Schöpfung,

235

:

aber mit den ganzen Tieren und mit Sonne, Mond 

und Sternen und Feuer und Pflanzen und alles

236

:

zusammen Geschöpf Gottes. Also, dass wir da eine 

Verantwortung haben. In Stichwort Nachhaltigkeit

237

:

darf man ihn ganz sicher interpretieren. Auch 

wenn er das Wort noch gar nicht verstanden hätte.

238

:Sandra Leis [:

Das gab es damals noch gar nicht,

239

:

genau. Zur Beliebtheit des Franz von Assisi 

hat ja auch Jorge Mario Bergoglio beigetragen.

240

:Er hat:

den Namen Franziskus gegeben. Wenn Sie das

241

:

jetzt die letzten Jahre anschauen, wie hat 

sich das ausgewirkt auf Franz von Assisi?

242

:Markus Hofer [:

Er hat ihm ein bisschen die Show gestohlen

243

:

damit. Also mich hat es erst gewundert, vor 

allem weil er ein Jesuit ist. Und es gab früher

244

:

unzählige Witze über Jesuiten und Franziskaner. 

Und die hochgebildeten Jesuiten haben die weniger

245

:

gebildeten Franziskaner nicht immer so ernst 

genommen. Und jetzt nennt sich ein Jesuit,

246

:

der Papst wird, Franziskus. Hat mich natürlich 

auch gefreut. Und es steckt schon was dahinter,

247

:

schon ein Stück Bekenntnis. Also die 

ganze Natur-Enzyklika «Laudato sí»,

248

:

das ist ja der Beginn des «Sonnengesangs», 

also das war für mich schon authentisch,

249

:

aber es war verrückt, in kürzester Zeit 

haben die Leute unter Franziskus den Papst

250

:

gemeint und nicht mehr den Heiligen aus 

Assisi. Ich hab's dann einmal gegoogelt,

251

:

also die ganzen Stichworte zuerst bezogen 

sich alle auf den Papst, wenn ich Franziskus

252

:

eingegeben habe. Ein Buch, das ich neu aufgelegt 

habe, mit dem Titel «Franziskus für Männer»,

253

:

dann hat mich jemand gefragt, hat jetzt der 

Papst ein Männerbuch geschrieben, die denken

254

:

bei Franziskus alle an den Papst, in diesem Sinn 

meine ich. Er hat mit den Namen ein Stück weit

255

:

ihm dann auch die Öffentlichkeit gestohlen 

oder genommen. Ohne böse Absicht natürlich.

256

:Sandra Leis [:

Franz von Assisi wird ja

257

:

regelmässig vereinnahmt, eben auch von der 

Öko-Bewegung oder weiß ich von wem allem,

258

:

also er passt überall ein bisschen hin 

und letztlich doch in keine Schublade.

259

:

Ich möchte drei Beispiele nennen und von Ihnen 

hören, ob Sie sagen, diese Zuschreibung, ja die

260

:

stimmt einigermaßen oder nein, das ist komplett 

falsch. War Franz von Assisi ein Kirchenreformer?

261

:Markus Hofer [:

In direktem Sinne sage ich nein. Er

262

:

hat den Auftrag, also dieses Kreuz in San Damiano 

hat zu ihm gesprochen, mit dem Auftrag, stelle

263

:

meine Kirche wieder her, und dann hat er drei 

Kapellen renoviert. Also das war sein Verständnis

264

:

von «Stelle meine Kirche wieder her.» Natürlich 

hat man es dann übertragen, interpretiert. Er

265

:

selber hat es ja schon mal nicht so verstanden. Er 

war sehr papsttreu, er hat die Priester verehrt,

266

:

also als unmittelbaren Kirchenrebell 

oder Reformer würde ich ihn nicht sehen.

267

:Sandra Leis [:

Er hat ja auch nicht

268

:

die Leute, weiß ich was, zu Streiks oder 

irgendwelchen Aufruhren oder so bewegt.

269

:Markus Hofer [:

Überhaupt nicht. Er hat auch kein

270

:

kirchenpolitisches Programm vertreten. Was er 

getan hat, war seine Lebensform und die der

271

:

Brüder, die sich frei dazu entschieden haben. Das 

war kein Programm für alle anderen. Gott sei Dank,

272

:

wir wären ja ausgestorben, wenn damals alle 

Franziskaner und Franziskanerinnen geworden wären.

273

:Sandra Leis [:

Das stimmt. War Franz

274

:

von Assisi ein Friedensstifter?

275

:Markus Hofer [:

Ja, da gibt es also schon Beispiele,

276

:

noch relativ kurz vorm Tod, wo es also Konflikte 

gab in der Stadt oben, wahrscheinlich auch

277

:

zwischen Bürgern und Adeltum, und da hat er dann 

wirklich auch diesen Konflikt geschlichtet. Friede

278

:

war ihm sehr, sehr wichtig, und da hatte er dann 

auch sogar noch eine Strophe zum «Sonnengesang»

279

:

dazu gedichtet zum Thema Frieden. Also 

Friedenstifter kann man ihn ganz sicher sehen.

280

:Sandra Leis [:

Gut zu wissen.

281

:Markus Hofer [:

282

:

Es gibt noch eine Begebenheit, wenn Sie’s 

wollen: Ganz am Anfang, wo er im Krieg war,

283

:

noch vor seiner Bekehrung. Da waren alle in 

einem Raum, haben da geschlafen und da war einer,

284

:

das war ein kleiner Schurke, der hat einen anderen 

betrogen, und dann wurde er ausgeklammert. Was

285

:

macht Franziskus? Er geht zum Ausgeklammerten. 

Weil ihm bewusst ist, wenn wir ihn ausklammern,

286

:

wird er nicht besser. Was er getan hat, hat er 

getan. Aber man muss ihn auch wieder hereinnehmen,

287

:

damit er sich verändern kann. Eine 

wunderbare Form von Friedenstiftung.

288

:Sandra Leis [:

War Franz von Assisi ein Pionier

289

:

des interreligiösen Dialogs? Auch das konnte ich 

lesen in der Vorbereitung auf unser Gespräch.

290

:Markus Hofer [:

Also, mir gefällt es schon,

291

:

wenn er auch bei Reformierten 

oder Protestanten Anklang findet,

292

:

finde ich toll. Nur, wo soll 

der interreligiös gewirkt haben?

293

:Sandra Leis [:

Beim Sultan.

294

:Markus Hofer [:

Er wollte ihn bekehren.

295

:Sandra Leis [:

Die einen sagen,

296

:

das sei so, aber er sei dann selber auch 

begeistert gewesen vom Islam. Kann man lesen,

297

:

keine Ahnung ob das stimmt, 

eben, deshalb frage ich.

298

:Markus Hofer [:

Es ist verrückt, was die Fantasie so alles bringt.

299

:

Ich frage mich schon überhaupt, wie haben die 

beiden, der Sultan und der Franziskus, miteinander

300

:

geredet? Der Franziskus hat Latein können, wenn 

auch nicht besonders gut, und Italienisch ist

301

:

nicht so weit weg. Vielleicht hat der Sultan, 

der war hochgebildet, hat er Latein können.

302

:

Aber ihre Kommunikationsmöglichkeiten waren eher 

sehr begrenzt. Darum die Vorstellung, dass er zu

303

:

ihm geht, um den Islam kennenzulernen, das ist 

einfach jenseits jeder historischen Realität.

304

:

Gut gemeint, aber das passt zur Historie 

hinten und vorne nicht, würde ich sagen.

305

:Sandra Leis [:

Also das heisst, Kirchenreformer,

306

:

Friedensstifter, interreligiöser Dialog – 

der Friedensstifter, das passt am besten.

307

:Markus Hofer [:

Ja, ganz sicher, richtig.

308

:Sandra Leis [:

Lassen Sie uns noch über

309

:

den Franziskaner-Orden sprechen. Sie 

schreiben im Buch sehr anschaulich,

310

:

wie ihm der Orden langsam über den Kopf wächst, 

wie er sich mit dem Verfassen der Regel schwertut.

311

:

Die erste Fassung wird auch abgelehnt. Und am Ende 

seines Lebens schreibt er ein Testament und fasst

312

:

da die wichtigsten Punkte nochmals zusammen. 

Mit der Bedingung oder seiner Vorstellung,

313

:

dass dieses Testament unangetastet bleiben muss, 

ewige Gültigkeit hat und quasi neben der Regel,

314

:

die dann abgesegnet wurde vom Papst, Bestand hat. 

Der Papst hat das schließlich abgelehnt. Warum?

315

:Markus Hofer [:

Auf das Betreiben vieler seiner Brüder.

316

:Sandra Leis [:

Haben die interveniert beim Papst?

317

:Markus Hofer [:

Ja, ganz klar. Je größer der

318

:

Orden geworden ist, umso mehr hat er mit seinem 

eigenen Orden auch Probleme. Er war so ein sehr

319

:

charismatisch impulsiver Mensch, aber war das 

Gegenteil von einem Manager, von einem Leiter,

320

:

von einem Verwalter. Er lebt im Bild, seine 

Begeisterung, sein Vorbild und das Evangelium,

321

:

das müsste reichen. Mehr braucht es nicht. 

Dann ist der Orden derart angewachsen.

322

:Sandra Leis [:

Wie groß muss man sich

323

:

das vorstellen zahlenmässig?

324

:Markus Hofer [:

Tausende. Ich glaube gar

325

:

nicht lange später, nach seinem Tod, 

hat es weltweit schon etwa 20’000

326

:

Franziskaner gegeben. Das ist verrückt. 

In einer Zeit, wo es keine Medien gibt

327

:

und keine Öffis und so weiter, das hat sich 

wie ein Lauffeuer verbreitet, ganz verrückt!

328

:Sandra Leis [:

Aber vor allem in Europa, oder nicht?

329

:Markus Hofer [:

In Europa, ja, aber dann sogar schon im Vorderen

330

:

Orient oder so. Die ersten sind zum Beispiel 

nach Deutschland und haben kein Wort Deutsch

331

:

können. Die haben immer Ja genickt, weil sie am 

Anfang dann was zu essen bekamen. Dann hat man sie

332

:

gefragt, ob sie Sektierer sind, haben sie wieder 

Ja genickt. Dann hat man sie natürlich vertrieben.

333

:

Also man sieht da, wie naiv das am Anfang wirklich 

passiert ist. Und dann hat er gemerkt, man hat es

334

:

ihm sicher auch deutlich gemacht, dass es ohne 

eine umfassende Regel nicht geht. Aber das war

335

:

nie seine Mentalität, da sah er sich gezwungen. 

Und die erste Regel, ein Haufen Bibel-Zitate,

336

:

das ist ein spiritueller Text, aber kein Text, der 

etwas regelt. Hat er sich noch einmal hinsetzen

337

:

müssen, mit Hilfe natürlich wahrscheinlich des 

späteren Papstes, der ein Kirchenrechtler war,

338

:

um eine Regel zu machen, die auch wirklich eine 

Regel ist. Das Hauptproblem hatte er mit den

339

:

Studierten. Er hat ja nie Theologie studiert, 

er war alles andere als ein Intellektueller,

340

:

und dann kommen die ganz gescheiten Studierten, 

und die wollen an allem herumdeuten.

341

:Sandra Leis [:

Interpretieren.

342

:Markus Hofer [:

Interpretieren. Und das hat er gehasst. Und darum

343

:

sah er sich wirklich gezwungen, wie Sie gesagt 

haben, neben der Regel noch dieses Testament zu

344

:

schreiben, wo er unwahrscheinlich energisch wird, 

auch im Ton. Er will, dass das alles wortwörtlich

345

:

genommen wird und nichts interpretiert wird. 

Keine Umdeutungen, also in ganz energischem Ton.

346

:Sandra Leis [:

Das heißt aber schon,

347

:

dass er zeigen wollte, wer der Chef ist.

348

:Markus Hofer [:

Das ist klar. Wenn es um – also Papst,

349

:

Priester, alle hat er respektiert und fast verehrt 

–, aber wenn es um seinen Auftrag geht, da hat er

350

:

nichts gekannt, weil der kommt direkt von Gott. Da 

hätte er sich auch vom Papst nichts sagen lassen.

351

:Sandra Leis [:

Und wie würden Sie seinen

352

:

Auftrag umschreiben? Wie hat 

er das verstanden ganz genau?

353

:Markus Hofer [:

Also wörtlich die Aussendung der

354

:

Apostel im Evangelium: Geht hinaus, predigt in 

alle Welt, nehmt nichts mit, ja, fertig. So und

355

:

nicht anders. Und jetzt hat man einen Riesenorden, 

und man braucht hierarchische Strukturen. Das war

356

:

ihm einfach zuwider. Darum hat er dann auch, wo es 

ihm zu viel wurde, die Ordensleitung niedergelegt.

357

:Sandra Leis [:

Aber dann sein Testament

358

:

nachgereicht, das finde ich eben das Verrückte.

359

:Markus Hofer [:

Wenn es um den Kern der Sache

360

:

geht, da war er trotzdem die moralische 

Autorität, und da hat er nichts gekannt.

361

:Sandra Leis [:

Offensichtlich.

362

:Markus Hofer [:

Ganz klar.

363

:Sandra Leis [:

Markus Hofer, der 800.

364

:

Todestag von Franz von Assisi, der 

. Oktober:

365

:

Gewisse feiern dann auch erst den 4., weil 

er ja am Abend am 3., gestorben ist. Egal,

366

:

3. oder 4., wie werden Sie dieses Jubiläum 

begehen, oder was machen Sie konkret am 3.?

367

:Markus Hofer [:

Für mich ist es der vierte.

368

:Sandra Leis [:

Ist es der vierte, warum?

369

:Markus Hofer [:

Das ist katholische Liturgie.

370

:

Der Sonntag beginnt mit dem Vorabend. 

Mit dem Sonnenuntergang des Samstags

371

:

beginnt in katholischer Tradition der Sonntag.

372

:Sandra Leis [:

Ja, klar.

373

:Markus Hofer [:

Und darum hat man immer,

374

:

und er ist am Samstagabend gestorben, darum 

hat man das immer auf den Sonntag gerechnet,

375

:

auf den vierten. Das ist natürlich klar, dass 

jetzt die Reformierten eher und lieber zum

376

:

dritten tendieren und die Katholischen vielleicht 

mehr zum vierten. Die Frage ist letztlich völlig

377

:

unwichtig. Für mich ist es irgendwie der vierte, 

ich habe das eigentlich nie anders gekannt.

378

:Sandra Leis [:. Oktober:

379

:Markus Hofer [:

Sie bringen mich überhaupt erst auf die

380

:

Frage, was ich da machen werde. Also im Moment 

habe ich da jetzt nicht irgendwas Bestimmtes

381

:

geplant. Wo ich mich geweigert habe, jetzt da mit 

Vorträgen durch die ganze Gegend zu wandern. Ich

382

:

werde es eher daheim irgendwo genießen, vielleicht 

mit einem schönen Spaziergang in der Natur.

383

:Sandra Leis [:

Ja, das passt ja auch zu Franz von Assisi. Markus

384

:

Hofer, vielen herzlichen Dank für Ihre Recherchen 

und Ihre Auskünfte im Podcast «Laut + Leis».

385

:Markus Hofer [:

Vielen Dank für das anregende Gespräch.

386

:Sandra Leis [:

Das ist die 76. Folge des Podcasts «Laut

387

:

und leis». Zu Gast war der österreichische 

Theologe und Buchautor Markus Hofer.

388

:

Seine Biografie heisst «Franz von Assisi – Ein 

radikales Leben, neu erzählt». Erschienen ist das

389

:

Buch im Tyrolia-Verlag. Über Feedback freuen wir 

uns. Schreibt gerne per Mail an podcast-edcard.ch.

390

:

Oder per WhatsApp auf die Nummer 078 251 67 

83. Und abonniert den Podcast und bewertet

391

:

ihn positiv, wenn er euch gefällt. In der 

nächsten Folge von «Laut + Leis» geht es um

392

:

das heiss diskutierte Thema Leimutterschaft. Im 

Podcast debattieren miteinander Wolfram Kötter.

393

:

Er ist Kirchenratspräsident der 

evangelisch-reformierten Kirche des

394

:

Kantons Schaffhausen. Und Sophie Zimmermann: 

Die römisch-katholische Theologin ist

395

:

Pfarreiseelsorgerin im Pastoralraum Stadt Luzern 

und sitzt im Vorstand des Frauenbund Schweiz.

396

:

Bis in zwei Wochen und bleibt 

laut und manchmal auch leise.

Markus Hofer, Theologe und Buchautor | © Sandra Leis
11. September 2026 | 05:30
Lesezeit : ca. 20  Min.
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