Kirchenhistoriker Markus Ries: «Irgendwann wird vielleicht jeder zweite Gläubige ein Piusbruder sein»
In der Schweiz spielt die traditionalistische Piusbruderschaft, die seit Mittwoch vier neue Bischöfe hat und deswegen von Rom exkommuniziert wurde, keine dominierende Rolle. Das sagt der Luzerner Kirchenhistoriker Markus Ries. Aufgrund der Säkularisierung hält er jedoch eine Verschiebung der Grössenordnung für möglich.
Barbara Ludwig
Tausende von Anhängern der Priesterbruderschaft St. Pius X. sind zu dem Grossevent im Walliser Dorf Ecône gereist, wo am Mittwoch vier neue Bischöfe geweiht wurden – gegen den Willen der römisch-katholischen Kirche. Die meisten dieser Gläubigen sind aus dem Ausland angereist, da die traditionalistische Bruderschaft weltweit verbreitet ist.
«Eine Art katholische Freikirche»
Hierzulande spielten die Piusbrüder aber «keine dominierende Rolle», sagt der Luzerner Kirchenhistoriker Markus Ries im Interview mit dem «Bieler Tagblatt» (3. Juli). «Sie sind eine Art katholische Freikirche, die es nicht schaffen wird, die Säkularisierung der Gesellschaft rückgängig zu machen.»
Trotzdem müsse der Mitgliederschwund den traditionellen Landeskirchen zu denken geben, meint Ries weiter. «Wenn dieser Trend anhält, wird irgendwann in ferner Zukunft vielleicht jeder zweite Gläubige ein Piusbruder sein», warnt er.
Schweiz als «Rom der Piusbrüder»
Die Schweiz bezeichnet der Historiker als «eine Art Rom der Piusbrüder». Weil die Priesterbruderschaft 1970 von Erzbischof Marcel Lefebvre in Freiburg gegründet wurde und in Ecône ihr erstes Priesterseminar errichtete.
Aufgrund der unerlaubten Bischofsweihen vom Mittwoch sind die Piusbrüder exkommuniziert und gelten als Schismatiker. Die Gefahr, dass die Piusbruderschaft religiöse Spannungen provoziert, ist nach Einschätzung von Markus Ries innerhalb des Katholizismus indes grösser als im Verhältnis zu anderen Weltreligionen.
«Es gibt unter den Katholiken eine sehr konservative Minderheit mit einem Flair für traditionelle Kirchenästhetik.»
Denn der Absolutheitsanspruch der Piusbrüder «triggert» die Reformierten nicht, sagt der Kirchenhistoriker. Den religiösen Frieden zwischen den Konfessionen würden sie nicht gefährden. «Sie haben ja nicht die Möglichkeit, Angehörige anderer Glaubensrichtungen unter Zwang zu bekehren. Aber es gibt unter den Katholiken durchaus eine sehr konservative Minderheit mit einem Flair für traditionelle Kirchenästhetik, die von den Piusbrüdern bedient wird. Hier sehe ich ein gewisses Konfliktpotential», so Ries.
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