Alfonso de Galarreta (m.), Bischof der Priesterbruderschaft Sankt Pius X., weiht Priester zu Bischöfen bei einem Gottesdienst mit Bischofsweihe, am 1. Juli 2026 in Econe (Schweiz).
Schweiz

Von der Faszination des Ewiggestrigen

16’000 Menschen pilgerten gestern zu den Bischofsweihen der Piusbrüder im Walliser Ort Écône, wo die Bruderschaft ein Seminar unterhält und wo in der Krypta der Kirche Marcel Lefebvre, der Gründer der rebellischen katholischen Traditionalisten, beerdigt ist. Was fasziniert die Menschen und Gläubigen so an dieser rückwärtsgewandten Glaubenslehre? Eine subjektive Betrachtung.

Wolfgang Holz

Die Mittvierzigerin trägt ein elegantes, mit schwarzen Blumen verziertes Kopftuch. «Ich gehe zu den Piusbrüdern in die Kirche, weil sie die traditionelle Liturgie auf Latein zelebrieren», verrät sie im Gespräch mit kath.ch.

Tausende bei der Bischofsweihe der Piusbrüder in Econe.
Tausende bei der Bischofsweihe der Piusbrüder in Econe.

Latein ist kein Problem

Die elegante Dame kommt ihrem Bekunden nach aus Paris und ist für den historischen Moment der Bischofsweihen im winzig kleinen Écône im Wallis extra angereist. «Bei uns in Paris gibt es mehrere Möglichkeiten, am Sonntag solche Gottesdienste zu feiern – in die Notre-Dame gehe ich schon lange nicht mehr», bekennt sie.

Aber versteht sie denn überhaupt die lateinische Liturgie, und wäre es nicht viel besser, man würde die Sprache des Volkes in der Eucharistiefeier sprechen? «Das ist überhaupt kein Problem, es werden einem ja jeweils Übersetzungen zur Liturgie gereicht, mittels derer man 1:1 verfolgen kann, was gerade geschieht und gesprochen,» verwirft sie diese Idee sofort.

Bischofsamtskandidaten der Priesterbruderschaft Sankt Pius X., darunter Pascal Schreiber (v.), Regens des Priesterseminars Herz Jesu in Zaitzkofen, bei einem Gottesdienst mit Bischofsweihe während der Salbung mit Chrisamöl am 1. Juli 2026 in Econe.
Bischofsamtskandidaten der Priesterbruderschaft Sankt Pius X., darunter Pascal Schreiber (v.), Regens des Priesterseminars Herz Jesu in Zaitzkofen, bei einem Gottesdienst mit Bischofsweihe während der Salbung mit Chrisamöl am 1. Juli 2026 in Econe.

In der Messe zu den Bischofsweihen ertönt gerade nach der Kommunion ein Wechselgesang, in dem die Worte «Santa Maria Mater dei», ständig wiederholt werden. Der Wechselgesang hat eine beruhigende, fast schon hypnotisierende Wirkung auf die Gläubigen. Auch der Konsekrator der Bischofsweihe, Bischof Alfonso de Galarreta, scheint sich seinem schweren roten Brokatgewand auf dem Thron zu entspannen.

Goldenfarbige Mitras, weisse Handschuhe, weisse Schuhe

Kurz danach erhalten die vier Bischöfe ihre goldenfarbigen Mitras aufgesetzt und ihre Bischofsstäbe überreicht. Alle vier tragen weisse Schuhe und weisse Handschuhe – die «katholische Gala» kulminiert in einem Fest der Sinne. Als die vier geweihten Bischöfe danach das Kirchenzelt verlassen und den Hügel hochschreiten, wo Tausende von Gläubigen warten, kommen sie einem vor wie Apostel aus längst vergangenen Zeiten. Während die Bischöfe durch die Reihen marschieren, bekreuzigen sich die Gläubigen reflexartig, sobald einer der Neugeweihten die Hand erhebt.

Betende Nonnen vor der Kommunion beim Gottesdienst zu den Bischofsweihen der Piusbrüder
Betende Nonnen vor der Kommunion beim Gottesdienst zu den Bischofsweihen der Piusbrüder

Es ist wohl eine Mischung aus Demut und Faszination, welche die Gläubigen dieser vorkonziliären, jahrhundertealten intakten, aber aus der Zeit gefallenen Liturgie entgegenbringen. Faszination, indem fast wie bei nur einer Grossveranstaltung des Vatikans auf dem Petersplatz in Écône Heerscharen klerikaler Gottesdiener nicht nur während der Messe, sondern auch sonst auf dem Gelände paradieren und präsent sind. In blendend weiss gestärkten sakralen Gewändern. In schwarzen, eleganten Soutanen. Der Glaube wird betört.

«Schneidige» Priester

Die Physiognomien der Priester und nicht zuletzt auch der vielen anwesenden Ordensfrauen wirken gleichzeitig entspannt, selbstbewusst und in sich ruhend. Hier in Écône wird die katholische Tradition gefeiert und nicht in Frage gestellt. Priester gelten hier noch als Respektspersonen, denen man vertraut. Gottvertrauen eben.

Geistliche der Priesterbruderschaft Sankt Pius X. bei einem Gottesdienst mit Bischofsweihe am 1. Juli 2026 in Econe.
Geistliche der Priesterbruderschaft Sankt Pius X. bei einem Gottesdienst mit Bischofsweihe am 1. Juli 2026 in Econe.

Dieses durch Respekt und Autorität vermittelte Gottvertrauen der Gläubigen geht sogar soweit, dass bei dem plötzlichen Gewittersturm, der auf die Bischofsweihen mit Blitz, Donner und tosenden Regen über die Gläubigen auf dem Gelände hereinbricht, die meisten der Besuchenden den Anweisungen des Servicepersonals Folge leistet, auf den Plätzen verharrt. Mit Regenschirmen bewaffnet, trotzen sie dem Sturm. Als die Sonne wieder scheint, setzen sich viele die gratis verteilten weissen Schirmmützen mit dem Écône-Logo auf.

Grosse Hilfsbereitschaft, gute Organisation

Überhaupt: Sowohl das geistliche Personal als auch das Heer an freiwilligen Helfern begegnet den Tausenden von Gläubigen mit grosser Hilfsbereitschaft und guter Laune. Alles scheint gut organisiert. Nirgends ist ein Fluchen oder ein Jammern im Publikum zu vernehmen, obwohl es am Eingang zu Warteschlangen kommt.

Einer der neugeweihten Bischöfe mischt sich unters Volk der Gläubigen.
Einer der neugeweihten Bischöfe mischt sich unters Volk der Gläubigen.

Gehbehinderte und Gebrechliche werden in Kleinbussen so nahe wie möglich zur Bischofsweihe kutschiert – in einem Bus erhält überraschenderweise auch der Autor dieser Zeilen per Zufall einen Platz. Und auch untereinander, in diesem Weltpublikum der Gläubigen, in dem man Stimmen aus den USA und Osteuropa hört, ist man spontan solidarisch, hilft sich, plaudert locker miteinander, lächelt sich an.

Journalisten werden im Auge behalten

Etwas anders verhält sich die Sache mit den Journalisten. Obwohl weit über 100 Personen aus aller Welt akkreditiert sind, um über die Bischofsweihen zu berichten, müssen diese sich relativ eingepfercht in zwei Zelten aufhalten. Es gibt nicht genug Schreibtische. Mitunter werden sie von Pressepriestern darauf aufmerksam gemacht, nicht miteinander zu reden, da es sich ja um einen sakralen Anlass handle.

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Ausserdem dürfen Journalisten ihre kleine Medienzone nicht einfach so verlassen, um etwa ein paar Gläubige über ihre Eindrücke und Gefühle zu befragen. Sofort ist eine Aufsichtsperson da, und fragt, wohin man denn wolle. Es gelte, die Andacht der Gläubigen nicht zu stören, so die offizielle Version. Andererseits erklären einem die anwesenden Priester zuvorkommend Fragen zum komplizierten lateinischen Ritus.

Das Lebendige fehlt

Je länger man der über vierstündigen Messe als gläubiger Katholik folgt, desto mehr wird einem klar, dass diesen Riten das Lebendige fehlt. Die Formelhaftigkeit der Liturgie verliert sich in Weihrauch-Wolken, zu sehen ist ein kompliziertes Ballett, das schwer nachvollziehbar ist.


Alfonso de Galarreta (m.), Bischof der Priesterbruderschaft Sankt Pius X., weiht Priester zu Bischöfen bei einem Gottesdienst mit Bischofsweihe, am 1. Juli 2026 in Econe (Schweiz). | © Bernard Hallet
2. Juli 2026 | 17:00
Lesezeit : ca. 4  Min.
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