Johannes Schelhas
Schweiz

Johannes Schelhas: Warum die Kirche die Taufe neu entdecken muss

Die Eucharistie gilt als Höhepunkt des christlichen Lebens. Der Dogmatiker Johannes Schelhas fordert dennoch einen Perspektivwechsel: Nicht die Eucharistie, sondern die Taufe müsse neu ins Zentrum rücken – mit weitreichenden Folgen für Kirche, Ämter und Gemeindeleben.

Jacqueline Straub

Die Eucharistie ist «Quelle und Höhepunkt» des christlichen Lebens. Sie sprechen in Ihrer neusten Publikation «Sakrament im Wachsen und im Vergehen» aber vom «Primat der Taufe vor der Eucharistie». Ist das eine theologische Provokation – oder eine pastorale Notwendigkeit?

Johannes Schelhas*: Es ist eine Provokation und zugleich eine Notwendigkeit. Gleichzeitig ist es ein Gedanke, der den christlichen Glauben von Anfang an begleitet hat, aber über Jahrhunderte in den Hintergrund geraten ist. Schon die reformatorischen Bewegungen des späten Mittelalters und der Neuzeit haben diesen Gedanken wieder aufgenommen. Die stärkere Betonung der Taufe richtet sich nicht gegen die Eucharistie. Das Zweite Vatikanische Konzil hat die Bedeutung der Eucharistie neu entfaltet – besonders unter dem Gedanken der Gegenwart Christi im Volk Gottes. Der Titel meines Buches spielt auf unterschiedliche Aspekte des Lebens, Verstehens und Feierns von Sakramenten an.

«So wird christliches Zeugnis sichtbar und der Glaube gewinnt Ausstrahlung.»

Welche Folgen hätte es für das Kirchenverständnis, wenn die Taufe neu als Grundvollzug kirchlicher Existenz entdeckt würde?

Schelhas: Dann müsste vor allem die enge Verbindung der drei Initiationssakramente neu gesehen werden: Taufe, Firmung und Eucharistie. Diese drei gehören zusammen und bilden die Grundlage des christlichen Lebens – persönlich und gemeinschaftlich. Was Gott den Glaubenden darin mitteilt, begründet die sogenannte kirchliche Existenz getaufter Menschen, mit der sie sich in Kirche und Gesellschaft einbringen und die Aufgaben des Reiches Gottes in Schule, Beruf und Freizeit sowie in zwischenmenschlichen Beziehungen erfüllen. So wird christliches Zeugnis sichtbar und der Glaube gewinnt Ausstrahlung.

Eine Frau empfängt die Erwachsenentaufe.
Eine Frau empfängt die Erwachsenentaufe.

Ist Ihr Taufprimat eine Antwort auf den Priestermangel?

Schelhas: Keinesfalls. Die Taufe ist auf die Eingliederung der Menschen ins Volk Gottes bezogen. Priester- und Bischofsweihe realisieren eine spezifische Form der sakramentalen Präsentation Jesu Christi. Sie stellen auf besondere Weise Jesus Christus sakramental dar und zeigen seine besondere Stellung gegenüber der Gemeinde.

Was verändert sich, wenn man Charismen stärker aus der Taufe als aus der Weihe denkt?

Schelhas: Charismen, also Gnadengaben, gehen aus der Taufe hervor. Paulus spricht davon, wenn er über die verschiedenen Gaben in der Gemeinde nachdenkt. Er will Übertreibungen und Abwertungen vermeiden. Der Massstab jedes Charismas ist die Liebe. Es geht darum, Menschen gemeinsam mit Gott auf göttliche Weise zu lieben. Charismen werden nicht mit aussergewöhnlichen Fähigkeiten verbunden. Nur in sehr spezifischem Sinn sollte man vom Charisma der Weihe und der Ordensgelübde sprechen.

«Der Blick auf das Leben wird intensiver.»

Welche spirituellen Folgen hätte ein «Leben aus der Taufe» für Gemeinden?

Schelhas: Erstens: eine gemeinschaftliche und persönliche Vergewisserung des Glaubens im Alltag – also ein bewusstes Einholen der Taufe ins tägliche Leben. Das ist wie eine Tiefenbohrung.

Was meinen Sie mit dieser «Tiefenbohrung»?

Schelhas: Ein Wasserstrahl steigt umso höher, je stärker der Druck ist, bevor er wieder herabfällt.

Und zweitens?

Schelhas: Die Beziehung zur eigenen Grundlage als Christin oder Christ wird gestärkt. Dies wirkt sich auf die gesamte Lebenswirklichkeit aus. Und drittens: Der Blick auf das Leben wird intensiver. Alltag und Feste werden bewusster gestaltet.

Was ist der konkrete Nutzen davon?

Schelhas: Es gibt eine Stütze in Krisen und Krankheiten. Es ist ein Kompass für das Leben, welcher Zweifel, Glaubensschwäche und Lebensangst in die biographische Orientierung einbezieht. Und es eröffnet eine Perspektive über den Tod hinaus.

«Die katholische Kirche muss hier neu nachdenken.»

Sie schreiben in Ihrem Buch einige Seiten über Konzelebration in der Eucharistie. Wie hängt Konzelebration mit dem gemeinsamen Priestertum zusammen?

Schelhas: Konzelebration ist ein komplexes Thema. Seit den Anfängen der Kirche kennt man sie, ohne dafür den Begriff zu verwenden. Sie geriet in der Westkirche in Vergessenheit, wurde erst im 20. Jahrhundert wiederentdeckt und später rechtlich bestimmt. Die «sakramentale» Konzelebration betrifft neben dem Zelebranten die weiteren, am Altar beteiligten Priester in der Messe. Dadurch hat sich die Konzelebration vom gemeinsamen Priestertum aller Getauften entfernt. Die katholische Kirche muss hier neu nachdenken. Sie darf dabei nicht mehr nur auf die geweihten Priester blicken. Die Glaubensauffassung, die von der Taufe ausgehend die anderen sechs Sakramente bedenkt, kann dann – von einigen Theologen der orthodoxen Konfession inspiriert – die Einsicht gewinnen, wonach die «liturgische» Konzelebration der Gemeinde der «nur» Getauften sinnvoll ist. Wenngleich der Gedanke noch fremd ist, geschieht dies in Partizipation und Mitwirkung. Die Rede von der Konzelebration drängt auf einen Mentalitätswandel, der bei der Taufe ansetzen muss.

Ein Priester bei der Gabenbereitung.
Ein Priester bei der Gabenbereitung.

Wie verändert ein stärkerer Taufakzent das Verständnis des Altars?

Schelhas: Die Taufe ist nicht nur ein vergangenes Ereignis, an das man sich erinnert. Sie wird im sakramentalen Gedenken in die Gegenwart hineingeholt. Dadurch verändert sich auch das Verständnis des Altars. Brot und Wein in der Eucharistie sind Zeichen, durch die Christus jetzt gegenwärtig wird. Sie sind gleichsam Werkzeuge, die das stärken, was in der Taufe grundgelegt wurde: vor allem die Beziehung des Getauften zu Gott.

«Es stellt sich die Frage nach dem Geschlecht der Person, die der Eucharistiefeier vorsteht.»

Könnte die Umsetzung Ihres «Primats der Taufe vor der Eucharistie» zu veränderten ordinierten Ämtern führen?

Schelhas: Die stärkere Betonung der Taufe wird sowohl zu weiteren als auch zu veränderten ordinierten Ämtern führen. Was die derzeitigen Ämter betrifft, die aus dem dreistufigen Weihesakrament (Diakon, Priester, Bischof) herrühren, müssen die Zulassungsbedingungen neu bestimmt werden. Dabei stellt sich auch die Frage nach dem Geschlecht der Person, die der Eucharistiefeier vorsteht.

Und was wäre noch zu berücksichtigen?

Schelhas: Wichtiger ist aber die Notwendigkeit, in der Eucharistie Jesus Christus gegenwärtig zu setzen und das Sakrament zur authentischen Begegnung mit ihm zu machen. Nicht allein die Gaben der Eucharistie, sondern auch die elementaren Glaubensschätze, die ihnen mit der Taufe gegeben sind, gilt es Tag für Tag neu sich anzueignen. Dafür braucht es einen stärkeren Ausbau der Laienämter. Auch neue berufliche und ehrenamtliche Dienste auf dem Fundament der Taufe sind möglich und notwendig.

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Was heißt «Priester heute» realistisch?

Schelhas: Zeuge Gottes in der Welt von heute zu sein, die um ihre Zukunft bangt und um Hoffnung und Freude ringt. Sie bezeugen die Auferstehung Jesu und seine Nähe zu den Menschen. Sie helfen gute Beziehungen in der Gemeinde und Gesellschaft zu fördern über ihre Grenzen hinaus auf sozialem, diakonischem und liturgisch-gottesdienstlichem Feld. Und sollen Inspiration anbieten zur persönlich geformten Beziehung zum dreieinen Gott und zu anderen Menschen.

*Johannes Schelhas ist Professor für Dogmatik an der Katholisch-Theologischen Fakultät der Universität Bonn. Sein neustes Buch «Sakrament im Wachsen und im Vergehen. Zeitgenössisch, kontextbezogen, anwendungsorientiert – ein Plädoyer für Sakramente heute» ist im Grünewald Verlag erschienen.


Johannes Schelhas | © zvg
20. Mai 2026 | 17:00
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