Fabian Brand: «Den Priestern geht es nicht gut»
Das Priesteramt steckt in einer Identitätskrise. Der Dogmatiker Fabian Brand sieht darin kein Zufallsprodukt, sondern eine Folge ungelöster Fragen seit dem Zweiten Vatikanischen Konzil. Im Interview erklärt er, warum das konziliare Priesterbild bis heute missverstanden wird – und welche Rolle dabei die Getauften spielen.
Jacqueline Straub
Wie geht es den Priestern in der katholischen Kirche?
Fabian Brand*: Den Priestern geht es nicht gut. Das Problem ist: Es gibt viele Unklarheiten in Bezug auf ihr Amt. Und das hängt mit vielen Faktoren zusammen, die es den Priestern erschweren, ihr Amt genauer zu definieren.
Können Sie mir ein Beispiel nennen?
Brand: Das Konzil hat die Priester sehr eng mit allen Getauften zusammengedacht und betont, dass beide am dreifachen Amt Christi teilhaben. In der Liturgie der Priesterweihe aber haben die Getauften nichts mitzureden. Hier stehen allein die Kleriker im Fokus.
«»Presbyterorum ordinis» ist ein sehr gehaltvolles Schreiben.»
Es wird von einer Identitätskrise des Priesteramtes gesprochen. Sind die Priester tatsächlich – wie Otto Hermann Pesch meinte – die «Stiefkinder des Konzils»?
Brand: Das würde ich so nicht sagen. Das Problem lag anderswo.
Wo denn?
Brand: Das Konzil hatte sich vorgenommen, auch eine Botschaft an die Priester zu verfassen. Das war den Konzilsvätern wichtig; immerhin sind die Priester diejenigen, die an der Basis einen wichtigen Dienst tun. Aber man wusste dann doch nicht ganz genau, was man über das priesterliche Amt sagen wollte; es hat bis in die letzte Phase des Konzils gedauert, bis man sich dessen bewusst war. Doch wer genau hinschaut: Mit «Presbyterorum ordinis» und «Optatam totius» gibt es zwei Dokumente, die sich auf die Priester beziehen. Und gerade «Presbyterorum ordinis» ist ein sehr gehaltvolles Schreiben, in dem ein völlig neues Priesterbild konturiert wird.
«An neuen Ekklesiologie musste eine Neubeschreibung des Priesteramts Mass nehmen.»
Wie wurde das presbyterale Amt auf dem Zweiten Vatikanischen Konzil überhaupt konstituiert?
Brand: Die Notwendigkeit neue Aussagen über das Priesteramt zu treffen, war in der neuen Ekklesiologie begründet, die das Konzil in «Lumen Gentium» (und «Gaudium et spes») verabschiedet hat. An dieser neuen Ekklesiologie musste eine Neubeschreibung des Priesteramts Mass nehmen. Und das ist es, was wir schliesslich in «Presbyterorum ordinis» haben: Dort wird der Priester nicht als isolierter Kultbeamter beschrieben, dessen Dienst sich hauptsächlich in zwei Vollmachten (der Vollmacht zur Konsekration von Brot und Wein und der Vollmacht der Sündenvergebung) erschöpft.
Sondern?
Brand: Der Priester wird als einer beschrieben, dessen Hauptaufgabe die Verkündigung des Gotteswortes ist, der wie alle Getauften am dreifachen Amt Christi teilhat, dessen Amt eingebunden ist in das ganze Gottesvolk. Das Konzil hat das Priesteramt in der Grammatik der «pastoral» beschrieben. Und um dieses Neue deutlich zu machen, hat das Konzil auch nicht mehr vom «Priester» (sacerdos) gesprochen, sondern vom «Presbyter».
Wie wurde auf die Priester noch am Vorabend des Konzils geblickt?
Brand: Noch am Vorabend des Konzils war man mit dem (bisherigen) Verständnis vom Priesteramt relativ zufrieden. Die Bischöfe der Weltkirche waren vor dem Konzil aufgefordert, ihre Themen für dieses Konzil nach Rom zu melden. Und nur ganz wenige Voten hatten überhaupt die Priester thematisiert. Wenn sie das taten, betraf das häufig eher juristische Regelungen. Strittige Themen waren zum Beispiel die Benefizien, die Versetzung von Pfarrern oder der Priestermangel. Viele Vorschläge waren auch eher «konservativ».
Was heisst das genau?
Brand: Viele Bischöfe wollten, dass die Verpflichtung zum Talartragen beibehalten wird als Zeichen der Trennung zwischen Klerikern und Laien. Oder andere Bischöfe mahnten, Priester sollten nicht ins Theater oder Kino gehen, um den Versuchungen der Moderne nicht zu erliegen.
«Dagegen müssten sich die Priester wehren.»
Und ist die Beschreibung dessen, was das Zweite Vatikanische Konzil darüber sagte, heute noch aktuell?
Brand: Sie ist sogar hochaktuell – aber sechzig Jahre nach der Promulgation von «Presbyterorum ordinis» längst noch nicht umgesetzt. Das beginnt schon beim Namen: Es heisst immer noch «Priesterweihe» und nicht «Presbyterweihe» oder «Priesterseminar» und nicht «Presbyterseminar». Und das geht dort weiter, wo Priester eigentlich immer noch nur Kultbeamte sind und als Mittler zwischen Gott und den Menschen wahrgenommen werden. Diese Sicht wird gerade dort noch stärker, wo der Mangel an Priestern gross ist.
Vielerorts kommt der Priester nur noch zur Feier der Eucharistie in einen Ort.
Brand: Und damit wird das vielschichtige Priesterbild des Konzils auf einen einzigen Aspekt zusammengedrückt. Dagegen müssten sich die Priester wehren.
In Ihrer Habilitationsschrift «Priester in Geschichte und Gegenwart» schreiben Sie, dass es immer ein Innen und Aussen von Kirche gibt. Wenn beim presbyteralen Amt das Aussen ausgeschlossen und ein Schwerpunkt auf das Innen gelegt wird, kommen wir zu einem vorkonziliaren Verständnis. Umgekehrt führt es zu einem rein funktionalen Priesteramt. In welchem Spektrum steht das Priesterbild momentan in der katholischen Kirche?
Brand: Das Priesterbild steht immer in dieser Spannung zwischen Innen und Aussen. Und das ist wichtig, damit Einseitigkeiten verhindert werden. Damit wird das Priesteramt zu einer dritten Grösse, die sowohl das Innen als auch das Aussen umfasst und zugleich etwas völlig anderes darstellt. Das klingt komplex – und das Konzil legt im Vergleich mit der vorkonziliaren Zeit hier auch eine wesentliche Komplexitätssteigerung vor.
Was heisst das?
Brand: Da heisst nichts anderes als: Das Aussen ist der Ort, an dem der Priester seine Sendung realisieren kann. Ein rein auf das Innen der Kirche bezogenes priesterliches Amt ist für das Konzil undenkbar. Und das ist auch wichtig, um eine blosse Sakralität des Priesteramts zu verhindern.
«Die Getauften sind daher fähig, das priesterliche Amt zu relativieren.»
Wie zeigt sich das Innen und Aussen in Bezug auf Priester und Laien?
Brand: Alle Getauften bilden ein Aussen zum priesterlichen Amt. Und mit diesem Aussen ist der Priester untrennbar verbunden. Das bedeutet konkret: Priester haben die Rechte der Getauften zu achten und diese zu befördern. Die Getauften sind daher fähig, das priesterliche Amt zu relativieren. Und das ist wichtig, um männerbündische, abgeschlossene Systeme aufzubrechen und Missbrauch zu verhindern. Allerdings bräuchte es dazu auch Anlaufstellen, an denen die Getauften ihre Rechte notfalls einklagen können.
Warum erleben wir derzeit in manchen kirchlichen Kreisen eine Rückkehr zu einem stärker kultisch geprägten Priesterbild?
Brand: Weil es einfacher ist! Das Zweite Vatikanische Konzil hat im Blick auf das Priesteramt die Komplexität gesteigert, indem es den Priester eben nicht als reinen Kultbeamten beschreibt, der die Vollmacht der Konsekration besitzt. Sondern die Konzilsväter haben viele andere Aspekte einfliessen lassen, die das Priesteramt zum Beispiel an alle Getauften knüpfen und es damit in der «Welt von heute» verorten. Dazu kommt ein anderer Aspekt.
Und der wäre?
Brand: Man hat für dieses «neue» Priesterbild noch nicht genügend Vorbilder. Patron der Pfarrer ist immer noch der Pfarrer von Ars, der aber die Ekklesiologie des 19. Jahrhunderts verkörperte und seinen priesterlichen Dienst entsprechend ausübte. Man müsste verstärkt Leute wie die Arbeiterpriester oder Charles de Foucauld als Vorbild für die Priester von heute betrachten.
«Es bleibt die prekäre Gefahr von Missbrauch.»
Welche neuen Herausforderungen entstehen für Priester in einer zunehmend pluralen und säkularen Welt?
Brand: Es sind vor allem drei Punkte. Erstens: Die Priester müssen sich selbst und ihr eigenes Amtsverständnis im Blick haben. Gerade in immer grösser werdenden Seelsorgeeinheiten wird der Priester schnell zum Beamten, der nur noch in Sitzungen anzutreffen ist, oder zum «fliegenden Sakramentenspender». Hier ist es wichtig, dass Priester selbst reflektieren, inwiefern Realität und der Anspruch des Konzils noch zusammenpassen. Zweitens: Es bleibt die prekäre Gefahr von Missbrauch. Wo man immer noch von «Mitbrüdern» spricht, reproduziert man ein System der Ausschliessung, das höchst anfällig für Vertuschung ist. Hier braucht es Sensibilität für Transparenz, für Mitbeteiligung, für eine Überwindung von Ausschliessungen. Und drittens: Es braucht die Neugier, sich mit den Anforderungen der Moderne auseinanderzusetzen und sprachfähig zu bleiben. Und den Mut, Kirche nicht ausschliesslich von der Gottesdienstordnung her zu denken.
Welche Veränderungen wären nötig, damit das priesterliche Amt in der heutigen Kirche wieder klarer verstanden und akzeptiert wird?
Brand: So paradox das klingt: Es bräuchte vor allem eine Stärkung aller Getauften. Neben der Übernahme von liturgischen Aufgaben gehört dazu auch die Teilhabe an der Leitung. Dann könnte deutlich werden, dass das Priesteramt ein Dienst in und an der Gemeinschaft des Gottesvolkes ist.
*Fabian Brand ist Privatdozent für Dogmatik und Dogmengeschichte an der Katholisch-Theologischen Fakultät der Universität Bochum. Er arbeitet beim internationalen Projekt «Vatican II. Event and Mandate» in der Arbeitsgruppe zu PO mit. Seine neueste Publikation heisst «Priester in Geschichte und Gegenwart. Die Genese von Presbyterorum ordinis und das presbyterale Amt als Verkörperung der Ekklesiologie» und ist im Herder Verlag erschienen.
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