Ausland

In Australien sind Zehntausende Opfer von Missbrauch geworden

Canberra, 15.12.17 (kath.ch) Zehntausende Kinder und Jugendliche sind in Australien Opfer von sexuellem Missbrauch in kirchlichen und staatlichen Einrichtungen geworden. Das geht aus dem Abschlussbericht hervor, den die staatliche Missbrauchskommission am Freitag in Canberra der australischen Regierung übergab. Zu den 189 Handlungsempfehlungen des mehrere zehntausend Seiten umfassenden Berichts gehören auch eine Abschaffung des Beichtgeheimnisses und des Pflichtzölibats für katholische Priester.

Der Vorsitzende der Missbrauchskommission, Philip Reed, sagte, die australische Öffentlichkeit habe durch die geleistete Arbeit von einem «mannigfaltigen und andauernden Versagen» beim Schutz von Kindern, von einer Kultur des Geheimhaltens und Vertuschens und den «verheerenden Folgen» erfahren, die sexueller Missbrauch von Kindern auf das Leben der Betroffenen als Erwachsene haben könne.

Premierminister Malcolm Turnbull kündigte an, schon im Januar ein Gremium zur Umsetzung der Empfehlungen einsetzen zu wollen.

Der Vorsitzende der katholischen Bischofskonferenz, Erzbischof Denis Hart von Melbourne, wiederholte am Freitag seine «bedingungslose Entschuldigung für das Leid der Betroffenen», denen Gerechtigkeit widerfahren müsse. Die «herrschende Kultur von Geheimnistuerei und Selbstschutz» habe vielen Opfern und deren Familien «unnötiges Leid» zugefügt.

Vorwürfe gegen Kardinal Pell

Zu Harts Kirchenprovinz Melbourne gehört das Bistum Ballarat, das einer der Brennpunkte des australischen Missbrauchsskandals war. An der Vertuschung von Missbrauchsfällen in Ballarat soll als junger Priester auch Kurienkardinal George Pell beteiligt gewesen sein. Der Kardinal steht derzeit in Melbourne wegen des Vorwurfs vor Gericht, als Priester in Ballarat im Schwimmbad zwei junge Männer sexuell belästigt zu haben.

Psychologische Test für Priesteramtskandidaten

Die Kommission empfiehlt den Kirchen unter anderem, künftig die Eignung von Priesteramtskandidaten für den Umgang mit Kindern zu prüfen, etwa durch psychologische Tests sowie eine psychosexuelle Einschätzung durch externe Experten. Weiter solle jede Person, gegen die ein begründeter Vorwurf sexuellen Missbrauchs von Kindern erhoben oder die wegen Missbrauchs verurteilt wurden, für immer aus der Seelsorge entfernt werden. Auch Staat und sonstige Institutionen sollten «eine nationale Strategie» zur Missbrauchsprävention entwickeln.

Die 189 neuen Empfehlungen im Abschlussbericht ergänzen die bisher in einer Reihe von Zwischenberichten formulierten 220 Empfehlungen der Missbrauchskommission. Der Abschlussbericht besteht aus 17 Bänden mit insgesamt mehr als 100’000 Seiten.

8000 Missbrauchsopfer angehört

Die 2013 von der australischen Regierung eingesetzte Missbrauchskommission hat in den fast fünf Jahren insgesamt 57 öffentliche Anhörungen abgehalten und hinter verschlossenen Türen die Aussagen von 8013 Missbrauchsopfern gehört. Zudem erhielt sie 1344 schriftliche Aussagen. Von diesen 9357 Aussagen wurden 3955 anonymisiert im Abschlussbericht veröffentlicht. Reed erklärte, die Kosten der Kommissionsarbeit hätten mit umgerechnet 223 Millionen Euro gut 20 Millionen unter dem von der australischen Regierung finanzierten Budget gelegen.

Kirchenspitzen wollen Bericht ernst nehmen

Sydneys katholischer Erzbischof Anthony Fisher erklärte, er müsse akzeptieren, wie die Vorfälle «die Glaubwürdigkeit der Kirche in der Gesellschaft zerstört» hätten. Nun gelte es, sich ein neues Vertrauen der Menschen zu verdienen. Er werde den Abschlussbericht der Missbrauchskommission «sorgfältig studieren» und dann detailliert Stellung nehmen. Die Vorsitzende des Verbandes der katholischen Orden Australiens, Schwester Ruth Durick, versicherte, den Abschlussbericht «sehr ernst zu nehmen».

Bischof Vincent Long Van Nguyen von Parramatta, der als junger Mann in Australien selbst Opfer von Missbrauch in der Kirche geworden war, erklärte: «Unsere Verfehlungen der Vergangenheit können nicht ungeschehen gemacht werden. Aber wir stehen felsenfest zu unserer Pflicht, dass auch für die Zukunft unsere gegenwärtigen Verfahren zum Kinderschutz eine Sicherheit vor lüsternen Verhaltensweisen bieten», so der einstige Bootsflüchtling.

Die Erzbischöfe von Perth und von Canberra-Goulburn, Christopher Charles Prowse und Timothy Costelloe, versicherten, künftig so schnell wie möglich auf jede Anzeige von Missbrauch zu reagieren und die Polizei einzuschalten. «Nichts wird mehr unter den Teppich gekehrt, nichts wird vertuscht. Wir hören zu und handeln», betonte Costelloe. (kna)

Angst | © pixabay.com ninocare CC0
15. Dezember 2017 | 12:11
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Australischer Missbrauchsskandal in Zahlen

Jedes zweite der rund 8000 Missbrauchsopfer, die vor der australischen Missbrauchskommission ausgesagt haben, wurde nach eigener Darstellung als Kind in Einrichtungen christlicher Kirchen sexuell missbraucht. Die meisten davon, 2489 Betroffene oder rund 61 Prozent, wurden in insgesamt 964 Einrichtungen der katholischen Kirche Opfer von Sexualstraftaten. Das geht aus dem am Freitag in Canberra veröffentlichten Abschlussbericht der Kommission hervor. Mit 594 Betroffenen (14,7 Prozent) folgen die anglikanische Kirche und die Heilsarmee mit 294 (7,3 Prozent).

Zwei Drittel der Opfer waren den Angaben zufolge männlich. 51 Prozent der Opfer beiderlei Geschlechts waren zum Zeitpunkt der Taten zwischen 10 und 14 Jahre alt, 31,5 Prozent wurden als 5- bis 9-Jährige missbraucht; 5,9 Prozent waren 4 Jahre alt oder jünger.

Die Mehrheit der Täter fungierte in den jeweiligen Einrichtungen als Autoritätsperson. Mit 2113 Personen bestand die grösste Gruppe der Täter aus Geistlichen aller Glaubensrichtungen, gefolgt von 1378 Mitarbeitern von Kinderheimen und 902 Pflegeeltern. Auch Sporttrainer, Pflegepersonal und Ärzte, Laien, Polizisten und Gefängniswärter waren unter den Tätern.

An der Spitze der Institutionen, in denen sich die Missbrauchsfälle ereigneten, lagen mit knapp 42 Prozent Waisenhäuser, Kinderheime und Kindergärten. 32 Prozent der Fälle ereignete sich in Zusammenhang mit religiösen Aktivitäten, gefolgt von Jugendgefängnissen (14,5 Prozent), Freizeit- und Sportvereinen (8 Prozent) und der Armee (3 Prozent).

Nahezu alle Opfer erlitten durch die Missbräuche psychische und soziale Schäden bis ins Erwachsenenleben, heisst es in dem Report. Die Probleme reichten von psychischen Störungen bei mehr als 94 Prozent über Beziehungsprobleme (67 Prozent) bis zu Problemen bei der Ausbildung und der wirtschaftlichen Situation. 24 Prozent litten zudem unter sexuellen Störungen. – Die australische Regierung hatte die Untersuchungskommission zu Missbrauchsfällen in Institutionen 2013 eingesetzt. (kna)