Guido Fluri, Unternehmer und Philanthrop
Schweiz

Guido Fluri: «Beim Kinderschutz stelle ich nicht die Schuldfrage ins Zentrum, sondern die Verantwortung»

Schweizweit berühmt geworden ist Guido Fluri – er war selber ein Heimkind – mit der Wiedergutmachungsinitiative. Anfang März hat er eine Initiative für ein sichereres Internet lanciert. Was treibt ihn an, und wie blickt der gläubige Katholik auf die Kirche? Darüber spricht Guido Fluri im Podcast «Laut + Leis».

Sandra Leis

An die Zeit Anfang der 1970er Jahre im Kinderheim im solothurnischen Mümliswil hat Guido Fluri keine guten Erinnerungen. «Die ganze Atmosphäre war beängstigend für mich.» Ins Detail geht er nicht, nur soviel: «Wir wurden in den Kellerräumen eingesperrt.»

Das habe ihn noch viele Jahre geprägt, sagt Fluri. Er war damals fünf Jahre alt, 40 Jahre später hat er mit seiner Stiftung das einstige Kinderheim gekauft und darin die schweizweit erste Gedenkstätte für Heim- und Verdingkinder aufgebaut.

Konfrontation mit dem eigenen Schicksal

«Als ich das Heim gekauft hatte, brauchte ich länger, bis ich es überhaupt von innen besichtigen konnte.» Allerlei sei ihm durch den Kopf gegangen, «aber dann habe ich es geschafft».

Das ist typisch für Guido Fluri: «Ich suche die Konfrontation mit meinem eigenen Schicksal und verarbeite so ein Stück weit auch meine Probleme.»

Mutter an Schizophrenie erkrankt

Probleme gibt es von Anfang an: Seine Mutter wird mit 16 schwanger von einem verheirateten Mann. Kurz nach der Geburt erkrankt sie an Schizophrenie, der Bub wird fremdplatziert. Teilweise lebt er auch bei seinen Grosseltern.

Urängste: Schicksalsschläge traumatisierten den jungen Guido Fluri.
Urängste: Schicksalsschläge traumatisierten den jungen Guido Fluri.

Im Teenageralter verliert er den Boden unter den Füssen: Der Grossvater stirbt, der Lieblingsonkel, eine Identifikationsfigur, verunglückt 24-jährig bei einem Autounfall tödlich, und schliesslich brennt auch noch das Haus der Grosseltern nieder. 

Fluri schmeisst die Lehre als Spengler, ist traumatisiert. «Ich hatte Existenzängste, Angst vor Krankheit und Tod. Und: Ich wollte nie mehr anschreiben lassen müssen.» In schrecklicher Erinnerung hat er auch den Moment, als seiner Mutter die Wohnung gekündigt wurde, weil sie die Miete nicht mehr bezahlen konnte.

«Geld ist Sicherheit»

Fluri macht schliesslich eine Lehre als Tankwart und legt das Trinkgeld konsequent zur Seite. Als er 5000 Franken beisammenhat, kauft er mit einem Bankkredit Land, baut ein Dreifamilienhaus und verkauft es später gewinnbringend.

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Das klingt nach Tellerwäscher-Karriere und ist es auch. Gemäss Wirtschaftsmagazin «Bilanz» gehört Fluri heute zu den 300 reichsten Menschen der Schweiz.

Auf die Frage, was ihm Geld bedeutet, sagt Fluri im Podcast «Laut + Leis»: «Geld ist Sicherheit und Freiheit. Ich kann etwas Sinnstiftendes tun und gesellschaftliche Verantwortung übernehmen.»

Opposition von Bauernverband und Kirche

Rund ein Drittel der Gewinne, welche die Guido Fluri Group Holding AG erwirtschaftet, fliesst in die Stiftungsprojekte. Und die haben immer etwas mit den persönlichen Erfahrungen von Fluri zu tun. Seine Stiftung engagiert sich in den Bereichen Hirntumore, Gewalt an Kindern und Leben mit Schizophrenie.

Juni 2018: Treffen ehemaliger Heim- und Verdingkinder im solothurnischen Mümliswil
Juni 2018: Treffen ehemaliger Heim- und Verdingkinder im solothurnischen Mümliswil

Politisch aktiv wird er erstmals im Jahr 2014: Er lanciert die Wiedergutmachungsinitiative und fordert, dass Heim- und Verdingkinder finanziell entschädigt werden. «Anfänglich standen der Bauernverband und die Kirche dem Anliegen kritisch gegenüber», sagt Fluri. 

Er habe viele Gespräche geführt, auch mit den Mitgliedern der Bischofskonferenz. «Nach zahlreichen Gesprächen trat die römisch-katholische Kirche schliesslich dem Unterstützungskomitee bei und bekannte sich zur Aufarbeitung.»

Audienz beim Papst und Lehrstuhl

Seit mehreren Jahren kämpft Fluri europaweit für Kinderschutz. 2019 erhält er eine Audienz bei Papst Franziskus; dieser entschuldigt sich für das Unrecht, das Heim- und Verdingkinder in der Schweiz erlitten haben. 

Guido Fluri erhält 2019 eine Audienz bei Papst Franziskus.
Guido Fluri erhält 2019 eine Audienz bei Papst Franziskus.

Zudem finanziert Fluri im Vatikan einen Lehrstuhl zur Prävention gegen sexuellen Missbrauch. «Die Nähe zum Vatikan ist wichtig», so Fluri. «Ich bin auch im Gespräch mit Kardinal Kurt Koch – um Resultate zu bewirken, braucht es den konstruktiven Austausch.»

Sein Ziel bei der Missbrauchsbekämpfung sei eine einheitliche Linie – beispielsweise mittels eines Dekrets, das vom Heiligen Vater gesprochen werde. «Sonst wird es schwierig, denn die einzelnen Bischofskonferenzen funktionieren unterschiedlich.»

Dialogbereit und konstruktiv

Fluri sucht den Dialog und will konstruktiv bleiben, auch wenn es harzt und gute Lösungen in weiter Ferne scheinen. «Ich sehe es als meine Aufgabe an, beharrlich zu bleiben und christliche Nächstenliebe zu leben.»

Diese Grundhaltung habe ihm Türen geöffnet. Hinzu kommt: «Ich stelle nicht die Schuldfrage ins Zentrum, sondern die Verantwortung. Das heisst, ich möchte, dass Menschen Verantwortung übernehmen für geschehenes Unrecht.»

Die Internet-Initiative von Guido Fluri fordert, dass die Tech-Konzerne die Verbreitung von illegalen, kriminellen und gefährlichen Inhalten verhindern.
Die Internet-Initiative von Guido Fluri fordert, dass die Tech-Konzerne die Verbreitung von illegalen, kriminellen und gefährlichen Inhalten verhindern.

Das gilt auch für die Internet-Initiative, die Fluri Anfang März lanciert hat. «Die Tech-Konzerne sind nicht schuld an den pädokriminellen Machenschaften, doch sie tragen Verantwortung für die Verbreitung der Inhalte.» Die Initiative fordert, dass die Tech-Konzerne die Verbreitung von illegalen, kriminellen und gefährlichen Inhalten verhindern.

«Ich komme jeden Tag an meine Grenzen»

Bereits im ersten Monat hat das überparteiliche Komitee über 15’000 Unterschriften gesammelt für ein sichereres Internet. Bis im September 2027 müssen es 100’000 sein. «Ich bin überzeugt, dass wir die nötigen Stimmen bis Weihnachten zusammen haben», sagt Fluri.

Er stemmt ein Grossprojekt nach dem anderen und ist jede Woche in direktem Kontakt mit missbrauchsbetroffenen Menschen. Das kostet Energie. Wann kommt der bald Sechzigjährige an seine Grenzen?

Darauf antwortet er im Podcast «Laut + Leis»: «Ich komme jeden Tag an meine Grenzen.» Er müsse immer wieder dafür sorgen, dass er seinen Halt wieder bekomme und im Glauben verwurzelt bleibe. «Wenn ich einen vierzigjährigen Mann und Vater von drei Kindern vor mir habe, der in einem Jahr an seinem Hirntumor sterben wird, dann fühle ich mich ohnmächtig.»

Manchmal sei er erschöpft, sagt Fluri. «Doch ich zehre von vielen schönen Erlebnissen mit Menschen, die dankbar sind, dass wir ihnen helfen konnten.»


Guido Fluri, Unternehmer und Philanthrop | © Sandra Leis
10. April 2026 | 07:00
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