Szenenbild aus dem Film «Der Verdingbub» von Markus Imboden | ©  2011 Bildrechte Ascot Elite
Schweiz
Szenenbild aus dem Film «Der Verdingbub» von Markus Imboden | © 2011 Bildrechte Ascot Elite

Ehemalige Schweizer Heimkinder beim Papst

Zürich, 26.3.15 (kath.ch) Guido Fluri, ehemaliges Heimkind, war am Mittwoch, 25. März, zusammen mit zwei weiteren Personen, die als Kind in einem christlichen Heim Opfer von Missbrauch wurden, zu einer Generalaudienz bei Papst Franziskus. Fluri ist Initiant der Wiedergutmachungsinitiative, die sich für eine Anerkennung des Leids von Opfern fürsorgerischer Zwangsmassnahmen einsetzt. Er erhofft sich von dieser Begegnung, dass die christlichen Werte die Diskussion um die Initiative mitprägen werden, wie er im Interview mit kath.ch sagt.

Gemäss einem Bericht des Tages-Anzeigers (25. März) war Guido Fluri gemeinsam mit zwei Geschwistern auf Einladung des Vatikans nach Rom gereist.

Herr Fluri, was hat die Einladung des Papstes für Sie persönlich bedeutet?

Die Einladung zur Generalaudienz kam aufgrund eines Briefs zustande, den ich dem Papst vor der Einreichung der Wiedergutmachungsinitiative geschrieben hatte. Für mich war diese Einladung ein Zeichen dafür, dass sich die Kirche mit dem Thema Missbrauch auseinandersetzt und es nicht tabuisiert. Darum sind wir mit einem Geschwisterpaar, das in einem kirchlich geführten Heim missbraucht wurde, nach Rom gereist.

Hatten Sie die Möglichkeit, persönlich mit dem Papst zu sprechen?

Die Möglichkeit zur persönlichen Begegnung hatten wir am Schluss leider nicht, auch wenn wir wenige Meter vom Papst entfernt standen, in der sogenannten zweiten Reihe. Trotzdem hat die Nähe zum Papst gut getan. Vor allem die beiden Betroffenen, die mit mir mitgereist waren, empfanden diese Generalaudienz als positives Zeichen.

Wird dieser Besuch beim Papst Auswirkungen auf die politische Diskussion um die Wiedergutmachungsinitiative haben?

Die Kirche ist eine grosse moralische Instanz, auch für mich als Christ. Ich hoffe, dass die christlichen Werte die Diskussion rund um die Wiedergutmachung mitprägen. Es geht darum, Menschen in Not zu helfen. Es geht darum, das grosse Leid, das die Opfer erlitten haben, anzuerkennen. Immerhin waren viele Missbrauchsopfer in Heimen unter christlicher Obhut untergebracht.

Was erhoffen Sie sich diesbezüglich von der Schweizer Bischofskonferenz?

Als Staatsbürger hoffe ich, dass die Schweizer Bischofskonferenz aktiv mithilft, eine Lösung für die Opfer von fürsorgerischen Zwangsmassnahmen und Fremdplatzierungen  zu finden. Die Stimme der Kirche wird in Bundesbern zu Recht gehört, was gleichzeitig einer grossen Verantwortung gleichkommt. Der Präsident von Justitia und Pax (Thomas Wallimann-Sasaki, Anm. d. Red) ist bei uns im Unterstützungskomitee der Wiedergutmachungsinitiative. Das ist bereits ein sehr guter Anfang, die gemeinsamen Bemühungen für die Schwächsten in der Gesellschaft müssen aber weitergehen.

Initiative und Kollekte

Die von Fluri lancierte Initiative fordert eine «Wiedergutmachung des Unrechts, das insbesondere Heimkinder, Verdingkinder, administrativ versorgte, zwangssterilisierte oder zwangsadoptierte Personen sowie Fahrende aufgrund fürsorgerischer Zwangsmassnahmen oder Fremdplatzierungen erlitten haben», so der Initiativtext. Ein Fonds mit über 500 Millionen Franken soll geschaffen werden, um Opfer solcher Massnahmen zu entschädigen. Die Initiative wurde am 19. Dezember 2014 bei der Bundeskanzlei eingereicht. Im Januar erklärte sich der Bundesrat bereit, die Opfer fürsorgerischer Zwangsmassnahmen mit 250 bis 300 Millionen Franken zu entschädigen. Laut Tages-Anzeiger will sie noch vor der Sommerpause dazu einen Gesetzesvorschlag in die Vernehmlassung schicken.

Die Schweizer Bischofskonferenz (SBK) hatte im vergangenen Jahr dazu aufgerufen, mit einer einmaligen Sonntagskollekte zur Äufnung des Solidaritätsfonds für Opfer von fürsorgerischen Zwangsmassnahmen beizutragen. In der deutschsprachigen Schweiz solle dieses Opfer «wenn immer möglich am 16. August 2015» aufgenommen werden, teilten die Bischöfe vor einem Jahr mit. Es ist dies der Sonntag nach dem Fest Mariä Himmelfahrt. Walter Müller, Sprecher der SBK, rechnete letzten Sommer damit, dass mehrere Hunderttausend Franken zusammenkommen werden. Der Schweizerische Evangelische Kirchenbund ruft die reformierten Kirchgemeinden für den Ostersonntag, 5. April, zu einer solchen Kollekte auf. (sys)

News ›
Medienspiegel ›
Katholisches Medienzentrum