Zwischen Demut, Erotik und Liebe: Maria Magdalena fasziniert
Sind Kunstgalerien die neuen Kathedralen religiösen Kults? Wenn man sich den Besucherandrang der Ausstellung «Maria Magdalena» im Frankfurter Städel-Museum vergegenwärtigt, könnte man dies glauben. Die biblische Figur, die zugleich Heilige und Sünderin war, lockt die Massen an. Ein persönlicher Augenschein.
Wolfgang Holz
Maria Magdalena kniet auf dem Boden und salbt Jesus die Füsse. So kennt man die legendäre Szene aus der Bibel, als Maria Magdalena – eigentlich eine namenlose Sünderin – im Haus des Pharisäers Simon die Füsse von Jesus zunächst mit ihren Tränen benetzt, mit ihren Haaren trocknet, sie küsst und mit Alabasteröl einsalbt. «Ihre vielen Sünden sind vergeben, denn sie hat viel geliebt», sagt Jesus im Lukasevangelium. «Wem aber wenig vergeben wird, der liebt wenig. Und er sprach zu ihr: Dir sind deine Sünden vergeben.» (Lukas 7,47)
Halbnackt in roter Unterwäsche
David LaChapelle, amerikanischer Fotograf und Regisseur, hat diese Bibelszene in der Frankfurter Ausstellung auf seine Weise dargestellt. Jesus mit langen Haaren findet sich in einer spartanisch anmutenden Küche mit Gasherd wieder. Er sitzt auf einem Stuhl und hat seine Hände wie zum Predigen ausgebreitet.
Vor ihm auf dem Boden kniet Maria Magdalena halbnackt in roter Unterwäsche. Sie streichelt gerade einen Fuss Jesu und schmiegt ihr Gesicht liebevoll an ihn. Neben ihr steht eine Schüssel mit Seifenwasser und ein Fläschchen mit gelber Flüssigkeit. «Jesus ist mein Homeboy: Salbung» heisst auf deutsch die Fotoarbeit von LaChapelle aus dem Jahr 2003 – eine intim-gefühlvolle Interpretation der Bibelszene, die anklingen lässt, dass Maria Magdalena Jesus wirklich liebt. Auch als Frau.
Der Begriff Homeboy stammt übrigens aus dem US-amerikanischen Englisch und bezeichnet umgangssprachlich einen guten männlichen Freund, einen Kumpel oder jemanden aus der gleichen Stadt oder aus der Nachbarschaft.
Kunstfigur im Neuen Testament
Sin. Pray. Love – Sündige, bete, liebe. So lautet der Untertitel zur Ausstellung «Maria Magdalena» im Städel-Museum. Wobei man nicht nur zahlreiche Darstellungen der biblischen Frauenfigur aus verschiedenen kunsthistorischen Epochen – vom Mittelalter bis in die Moderne der Gegenwart – präsentiert bekommt. Man erfährt auch einiges über den Mythos von Maria Magdalena.
Denn eigentlich ist Maria Magdalena eine Kunstfigur im Neuen Testament. Um 600 nach Christus legte nämlich Papst Gregor der Grosse die Texte der Bibel neu aus und etablierte eine neue Rolle der Maria Magdalena. Er identifizierte sie mit den biblischen Figuren der besagten namenlosen Sünderin aus dem Lukasevangelium und der Maria von Bethanien, der Schwester Lazarus’, aus dem Johannes- und Lukasevangelium. «Mit dieser Verschmelzung etablierte Papst Gregor Maria Magdalena als christliches Vorbild des sündigen und reumütigen Menschen», wie es im Ausstellungskatalog heisst.
Vielfältige Rollen
Dabei wird sie in der Bilderschau auch als erste Zeugin der Auferstehung in den Vordergrund gerückt. Sie wird als weibliche Apostelin unter Männern inszeniert. Sie wird mal als reuige Sünderin, mal als ekstatische Heilige, als Predigerin, als Büsserin, mal als Identifikationsfigur für andere Frauen gezeigt.
Ein faszinierendes Panoptikum, geschaffen unter anderem durch viele bedeutende Künstler wie Dürer, Tizian, El Greco, Max Beckmann und vielen andere mit bemerkenswerten Bildfindungen. Eine Ausstellung, die nicht zuletzt viele Frauen zu interessieren scheint – wie man sich vor Ort vergewissern kann.
Kein Wunder. Denn es gibt viele Hingucker zu bestaunen. Da ist zum Beispiel die ikonische Maria Magdalena mit dem Titel «La sfida» (»Die Herausforderung») von Nieves Gonzalez von 2025. Die 30-jährige Künstlerin zeigt die Heilige als junge Frau mit blondem Haar, das sie wie einen Schal um ihren Hals drapiert hat.
Unabhängige Frau von heute
Das leuchtende Rot ihres voluminösen, modernen Daunenmantels ist traditionell die Farbe von Liebe, Leidenschaft und Verführung – wirkt hier aber auf Betrachtende als Zeichen weiblicher Coolness. Glänzend rot ist auch der Totenschädel in Maria Magdalenas Händen – ein jahrhundertealtes Symbol für die Vergänglichkeit des Irdischen.
Die Malerin scheint der Heiligen nicht nur ihre machtvolle Präsenz zurückgeben zu wollen, die mit der Zeit verblasst ist. Sondern sie etabliert über die Figur von Maria Magdalena auch ein leuchtendes Beispiel für die moderne, unabhängige Frau von heute.
In karminrotem Kleid
Ganz anders das farbige Triptychon der Kreuzigung Jesu von Girolamo di Benvenuto (1470-1524). Um 1500 schildert er in einheitlicher Landschaft gleich drei aufeinanderfolgende Episoden. Auf dem ersten Bild stützt Maria Magdalena die Gottesmutter Maria, während Soldaten Jesus zur Hinrichtungsstätte Golgatha treiben.
Auf dem zweiten Bild umklammert sie in leuchtend karminrotem Kleid mit beiden Händen den Kreuzesstamm, als wolle sie Jesu Füsse berühren und zu ihm hochklettern. Im dritten Bild berührt sie die Füsse des vom Kreuz genommenen Christus – eine Szene, wie sie in keinem Evangelium steht und zeigt, welche Liebe und Emotionalität die heilige Maria Magdalena auszustrahlen versteht.
Nicht Gottesmutter Maria beweint toten Jesus
Arnold Böcklin (1827-1901), der berühmte Schweizer Künstler des Symbolismus, bricht mit seinem Gemälde «Trauer der Maria Magdalena an der Leiche Christi» (1867) mit den traditionellen Regeln der sakralen Kunst. Er lässt nämlich nicht die Gottesmutter ihren toten Sohn beweinen, sondern eben «Maria Magdalena» – und deutet damit auf das enge (Liebes-) verhältnis zwischen beiden hin. Maria Magdalenas Schmerz ist nicht zu übersehen.
Was die Auferstehung Christi betrifft, deren erste Zeugin Maria Magdalena laut Neuem Testament war, gibt es zwei eindrückliche Gemälde. Das eine stammt von Giovanni Girolamo Savoldo (1480 bis 1549).
Der Venezianer lässt Maria Magadalena unter einem silbernen Seidenumhang den Betrachtenden in Grossformat gefühlvoll anblicken. Das Licht der aufgehenden Sonne scheint auf den Ostermorgen zu verweisen, an dem Maria Magdalena Jesu Grab leer vorfindet. Gleichzeitig idealisiert das Bild die Rolle Marias als Apostelin, die den Jüngern Jesu ihr wunderbares Geheimnis überbringt.
Im lauschigen Hain
Völlig skurril wirkt dagegen das Gemälde «Landschaft mit Noli me tangere» des französischen Klassikers Claude Lorrain (1600/05-1682). Beinahe verloren, als fast winzige Gestalten begegnen sich der auferstandene Jesus und Maria Magdalena vor dem Grab auf einer lauschigen Waldlichtung.
Lorrain stellt Jesus mit breitkrempigem Hut und Schaufel dar. Nicht ohne Hintergrund. Berichtet doch das Johannesevangelium, wie Maria Magdalena den Auferstandenen zunächst nicht erkennt und mit einem Gärtner verwechselt (Johannes, 20,15).
Die Wendung «noli me tangere» ist in der lateinischen Übersetzung des Johannesevangeliums der an Maria Magdalena gerichtete Ausspruch Jesu nach seiner Auferstehung (Joh 20,17) und bedeutet übersetzt auf Deutsch «Berühre mich nicht». Offenbar auf ihren Versuch, Jesus zu küssen oder zu umarmen, reagiert Jesus mit dem sprichwörtlich gewordenen Ausspruch und begründet sein Verbot damit, er sei noch nicht zum Vater aufgefahren. Bekanntlich durfte nur der Jünger Thomas Jesus und seine Wunden nochmals berühren. Wobei Jesus gleichzeitig klarstellte, dass die selig sind, die nicht sehen und doch glauben.
Topos der Berührung des Gottessohns
Der Topos der heiligen Berührung von Jesus als Gottessohn durch Maria Magdalena erweist sich als eine zentrale Magie der Figur Maria Magdalenas – und auch als Leitmotiv der Ausstellung.
Wobei Maria Magdalenas Liebe zu Jesu ständig zwischen Demut, Erotik und romantischer Liebesbeziehung zu Gott und zu Jesus zu oszillieren scheint. Eine Art ambivalente Heiligkeit, die viel Menschliches und Greifbares enthält und deshalb wohl immer wieder Künstler fasziniert hat.
Nicht zuletzt hat Maria Magdalena auch Popstars wie Lady Gaga elektrisiert. In ihrem Musikvideo Judas (2011) präsentiert sich die US-amerikanische Sängerin in der Rolle der Maria Magdalena und zieht mit einer rebellischen Bikergang durch dunkle Strassen. Als Anführer tritt Jesus mit Dornenkrone auf dem Kopf in Erscheinung, hinter dem Maria Magdalena auf dem Motorrad sitzt.
Lady Gaga: Jesus oder Judas?
Nach einer erotischen Fusswaschung entbrennt eine emotional aufreibende Dreiecksbeziehung. Maria Magdalena sucht die Nähe zu Jesus und fühlt sich gleichzeitig zum «bad guy» Judas hingezogen. «Maria Magdalena faszinierte mich, weil sie als diese Prostituierte galt, die eigentlich Jesu Freundin war und Christus die Füsse gewaschen hat», sagte Lady Gaga schon im Jahr 2002. «Sie hat eine ikonische Präsenz – und sie ist einfach so wichtig.»
*Die Ausstellung im Frankfurter Städel-Museum ist bis zum 17. Januar 2027 zu sehen.
Hier geht es zur › Bestellung einzelner Beiträge von kath.ch.




