Merve Sulemani | © Sylvia Stam
Schweiz
Merve Sulemani | © Sylvia Stam

«Gläubig zu sein, heisst oft schon, konservativ zu sein»

Zürich, 3.1.18 (kath.ch) Gegen 20 junge Musliminnen und Muslime treffen sich alle vierzehn Tage und diskutieren Fragen rund um ihren Glauben. Ein Besuch beim «Project-Träff» des Vereins «Ummah» zeigt: Das Bedürfnis nach Austausch unter jungen Muslimen ist gross.

 Sylvia Stam

«Wenn ich im Gespräch mit christlichen Kollegen sage, dass ich fünfmal am Tag bete und im Ramadan faste, sagen sie ‘Mann, bist du strenggläubig!'» Am Tonfall des jungen Mannes wird deutlich, dass er sich selber nicht als strenggläubig bezeichnen würde.

«Project insert» – Graffiti an der Wand | © zVg

Einige in der Runde nicken, das Phänomen der «Schubladisierung» durch Aussenstehende ist auch ihnen nicht fremd. Im Lokal in Zürich Oerlikon haben sich an diesem Freitagabend gut zwanzig junge Leute versammelt. Die meisten sind in den Zwanzigern, einige wenige jünger. Gut die Hälfte sind Frauen, einige von ihnen mit, andere ohne Kopftuch. Die Diskussion wird auf Schweizerdeutsch geführt. Vereinzelt verrät ein leichter Akzent eine anderssprachige Herkunft.

«Wie gehe ich mit Muslimen um, die anders sind als ich?»

Sie sind gekommen, um über ihren muslimischen Glauben zu diskutieren. Unter der umsichtigen Moderation von Asmaa Dehbi (26) steht heute das Thema «Meinungsverschiedenheiten» im Zentrum: «Wie gehe ich mit Muslimen um, die anders sind als ich?», bringt Dehbi die Frage auf den Punkt.

NICHT WEITER VERWENDEN

Asmaa Dehbi moderiert an diesem Abend |© Sylvia Stam

In einer ersten Phase bleiben die Voten noch recht allgemein: «Man sollte Gemeinsamkeiten suchen» – «Unterschiede sind eine Bereicherung» – «In jeder Hinsicht gleiche Auffassungen zu haben, ist unmöglich». Nachdem auch einige Unterschiede bei den Essgewohnheiten und beim Tragen des «Hijabs» benannt worden sind, hakt die Moderatorin freundlich, aber beharrlich nach: «Und wie geht ihr damit um?»

Nicht blind befolgen

Man könne Unterschiede akzeptieren, sich gegenseitig inspirieren, man müsse Kompromisse eingehen, lauten die Voten aus dem Plenum. Wenig Zuspruch findet die Variante, jemanden als «nicht-gläubig» abzustempeln, der etwa gewisse Kleiderregeln nicht einhält.

An geeigneter Stelle liest Merve Sulemani (27), die ebenfalls zum Leitungsteam gehört, eine Passage aus dem Koran vor, in der Engel einen Gottesentscheid hinterfragen und aus der hervorgeht, dass das Hinterfragen von religiösen Dingen nicht verpönt ist, wie dies häufig angenommen wird.

Lebhafter wird die Diskussion, als Asmaa Dehbi, angehende Erziehungswissenschaftlerin, in der Mitte des Kreises zwei Blätter auf den Boden legt: «konservativ» steht auf dem einen, «liberal» auf dem andern. Schon in der Erläuterung dessen, was diese Begriffe meinen, sind sich nicht alle einig: Von «streng» ist die Rede, aber auch «stur» wird als Erklärung für «konservativ» genannt. Demgegenüber wird «liberal» mit «offen» und «locker» erklärt, irgendwo fällt auch der Begriff «wischiwaschi».

«Der Islam ist keine politische Partei.»

Widerstand regt sich, als Dehbi die Anwesenden auffordert, sich in diese beiden Kategorien einzuteilen: «Gläubig zu sein heisst oft schon, konservativ zu sein», sagt eine junge Frau. «Ich fühle mich jedoch nicht konservativ, aber ich bin auch nicht so liberal, wie dieser Begriff in den Medien verwendet wird.» Die beiden Begriffe werden offensichtlich nicht als hilfreich für die Einschätzung der eigenen Religiosität erlebt. Eine weitere Teilnehmerin wirft ein, der Islam sei keine politische Partei, man könne somit nicht von Liberalismus oder Konservatismus sprechen.

Junge Musliminnen diskutieren im «Project Träff» Glaubensfragen | © Sylvia Stam

Ein Mann, der sehr intensiv mitdiskutiert, nennt schliesslich lapidar jene Namen, die unter diesen Etiketten dennoch immer wieder in den Medien präsent sind: «Liberal ist Saïda Keller-Messahli, konservativ ist der Islamische Zentralrat

Nicht in Schwarz-Weiss-Denken verfallen

An dieser Stelle hätte man sich eine vertiefende Sachinformation zu den Begriffen und ihrer Verwendung etwa in den Medien gewünscht. Angesichts der fortgeschrittenen Zeit zeigt Dehbi jedoch zum Abschluss der Runde ein Video. In diesem werden muslimische Gläubige in sieben witzig karikierte Typen eingeteilt. Die Frage, wer sich in welchem Typus wiederfindet, vermag die Diskussion zwar nicht mehr zu entfachen, aber an den Lachern in der Runde wird deutlich, dass die übertrieben gezeichneten Figuren offensichtlich doch bekannte Aspekte muslimischer Religiosität zeigen.

Mahmoud Achour (25), der einzige Mann des dreiköpfigen Leitungsteams, beendet die Runde mit einem Gebet: Er dankt für den Abend und bittet Allah um Hilfe, «dass wir nicht in Schwarz-Weiss-Denken verfallen».

Heftig, aber nicht hitzig

«Es war eine lebhafte Diskussion heute», sagt Asmaa Dehbi hinterher, «aber sie war nicht hitzig.» Sie hätten Diskussionen auch schon stoppen müssen. Das Team hat deshalb Leitlinien zusammengestellt, von denen auch an diesem Tag zwei an den Anfang des Abends gestellt wurden: Keine Monologe und keine Dialoge halten, damit die Diskussion so offen wie möglich bleibt. Sachlich diskutieren, so die zweite Regel, an die sich an diesem Abend alle gehalten haben.

NICHT WEITER VERWENDEN

Mahmoud Achour | © Sylvia Stam

Das Bedürfnis nach einem Austausch über Glaubensfragen ist offensichtlich gross: Rund 20 kämen an die alle 14 Tage stattfindenden Diskussionsrunden, die seit Beginn dieses Jahres stattfinden. Ziel sei, gemeinsam nach Antworten auf Fragen zu suchen, welche die Teilnehmenden einbringen.

An einer Säule hängt dazu eine Box, in welche Fragen eingeworfen werden können. Das Team, das sich in der Leitung des Abends abwechselt, recherchiert zum Thema, will jedoch nicht einfach Antworten geben, zumal alle drei keine theologischen Fachleute sind. «Wir versuchen vielmehr aufzuzeigen, dass es auf wichtige Fragen häufig keine einfachen Antworten gibt», erklärt Dehbi.

«Ich finde hier andere Meinungen über meinen Glauben.»

«Ich finde hier andere Meinungen über meinen Glauben», sagt denn auch eine der Teilnehmerinnen zu ihrer Motivation. Ihr Umfeld sei mehrheitlich christlich und säkular, und die Meinungen innerhalb ihrer Familie kenne sie schon, sagt die junge Frau, die an diesem Abend zu den jüngsten gehört.

Jüngeren ein Vorbild sein

«Auch ich erlebe es als Bereicherung zu hören, was andere denken», bestätigt eine Frau mit einem auffallend offenen Blick. Sie hatte sich in der Diskussion mehrmals mit pointierten Aussagen zu Wort gemeldet. Die Diskussion helfe ihr, die eigene Meinung zu finden und zu formulieren. Als eine der Älteren in der Diskussionsrunde sei es ihr wichtig, darin den Jüngeren auch ein Vorbild geben zu können.

«Warum gibt es Böses auf der Welt?»

Das Angebot richte sich an Jugendliche ab 14 Jahren, erklärt Merve Sulemani, angehende Biologielehrerin. Mehrheitlich kämen Leute über zwanzig. Diskutiert wurden etwa grundsätzliche Fragen wie: Warum gibt es Böses auf der Welt?

Junge Muslime diskutieren im «Project Träff» Glaubensfragen | © Sylvia Stam

Wie umgehen mit der Diskriminierung aufgrund des muslimischen Glaubens? Warum werden Menschen mit Behinderung von der Gesellschaft ausgeschlossen?

Die Themen gehen den jungen Musliminnen und Muslimen offensichtlich nicht aus. Zu wünschen ist ihnen, dass das Leitungsteam bald Erweiterung findet. Denn es sei schon ziemlich intensiv, alle zwei Wochen am Freitagabend in der Diskussionsrunde anwesend zu sein, gibt Sulemani lächelnd zu.

Kommentar zum Thema:

In bester demokratischer Manier

Der Verein Ummah

Der Verein «Ummah» wurde 2009 gegründet aus der Motivation heraus, ein Netzwerk für junge Muslime und Musliminnen in der Schweiz zu schaffen. Der Name entstand aus den Begriffen «unmittelbar, muslimisch, multikulturell, aktiv und hilfsbereit», er erinnert gleichzeitig an den arabischen Begriff «Umma», der die Gemeinschaft aller Muslime bezeichnet.

Schwerpunkt des Vereins sind Aktivitäten für Jugendliche und junge Erwachsene wie der im Haupttext beschriebene «Project Träff», aber auch Unterhaltungsabende oder Workshops zu Themen von Kalligraphie bis Radikalismus. Ein zweiter Schwerpunkt sind Jugendlager. Der Verein basiert auf Freiwilligenarbeit und bezieht Jugendliche möglichst partizipativ ein. Der Verein Ummah finanziert sich aus den Mitgliederbeiträgen und Spenden seiner Mitglieder. Für einzelne Veranstaltungen werden Teilnahmegebühren erhoben. Der Verein hat gut 100 Aktiv- und gut 40 Passivmitglieder.

Die meisten Vereinsmitglieder sind in der zweiten oder dritten Generation in der Schweiz, über die ursprünglichen Herkunftsländer wird keine Statistik geführt. Ummah arbeitet mit dem Freiburger Jugendverein «Frislam» zusammen und ist Mitglied der Vereinigung Islamischer Organisationen Zürich sowie des «Forums junger Christen und Muslime». (sys)

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