Saïda Keller-Messahli | © Sylvia Stam
Schweiz
Saïda Keller-Messahli | © Sylvia Stam

«Es ist möglich, extremistische Propaganda im Internet zu entlarven»

Zürich, 31.10.17 (kath.ch) Der Bund unterstützt vier Projekte, die Jugendliche vor der Radikalisierung im Internet schützen sollen. Die liberale Muslimin Saïda Keller-Messahli hält dies für sinnvoll, wie sie im Interview mit kath.ch sagt. Die Präsidentin und Gründerin des «Forums für einen fortschrittlichen Islam» kritisiert aber, dass bei einigen Projekten islamische Dachverbände mitwirken.

Barbara Ludwig

Finden Sie es sinnvoll, dass der Bund Projekte gegen die Radikalisierung Jugendlicher durch finanzielle Unterstützung fördert?

Saïda Keller-Messahli:  Grundsätzlich finde ich es sinnvoll, gezielt ein Gegennarrativ in Gang zu setzen und diese Arbeit auch finanziell zu unterstützen. Denn es braucht eine andere Stimme, da wo Jugendliche Gefahr laufen, nur eine radikale Sichtweise zu hören.

Ausgerechnet die Islamverbände fungieren bei einigen Projekten als Partner.

Allerdings habe ich Bedenken, was die Rolle der Islamverbände betrifft: Ausgerechnet sie, in deren Moscheen Radikalisierte ein- und ausgehen – etwa in der An’Nur-Moschee in Winterthur (bis zu ihrer Schliessung, d.Red.), die zur Vereinigung der islamischen Organisationen in Zürich gehörte, oder in der grössten Genfer Moschee, die zur Föderation islamischer Dachorganisationen der Schweiz  gehört – fungieren bei einigen Projekten als Partner. Als wären die Islamverbände vertrauenswürdig und völlig unbeteiligt daran, dass die Schweiz über 90 Jihadisten vorzuweisen hat.

Was halten Sie generell von dem Ansatz, den Kampf gegen die Radikalisierung von Jugendlichen im Internet zu führen?

Keller-Messahli:  Das Internet ist bekanntlich ein Ort, der zu Radikalisierung führen kann, weil viele radikale Prediger und auch Rekrutierer von Jihadisten sehr aktiv im Netz sind und dort versuchen, unsichere Jugendliche anzusprechen.

Eines der Projekte sieht vor, dass Jugendliche ihre Altersgenossen ansprechen, was besonders wirksam sei. Finden Sie das eine gute Idee?

Keller-Messahli: Es ist sicher sinnvoll, Jugendliche über ihre Altersgenossen anzusprechen. Da besteht weder alters- noch autoritätsmässig ein Gefälle, und die Bereitschaft zuzuhören ist sicher grösser.

Geht es um islamistische Radikalisierung, muss sich die Person mit dem Islam sehr gut auskennen.

Die Projekte wollen extremistische Propaganda im Internet entlarven und ihr positive Alternativen entgegenstellen. Glauben Sie, dass das funktionieren kann?

Keller-Messahli: Ja, das kann funktionieren, wenn es gelingt, die Propaganda intelligent und überzeugend zu dekonstruieren. Dazu braucht es geschulte Personen, die fähig sind, Propaganda so zu lesen und zu analysieren, dass sie deren rhetorische Mittel und Ziele sezieren und erklären können. Geht es um islamistische Radikalisierung, muss sich die Person mit dem Islam sehr gut auskennen, um beispielsweise den Begriff «Jihad» in all seinen Schattierungen erklären und problematisieren zu können.

Wissen Sie von Projekten in anderen Ländern, die damit bereits Erfolge vorweisen konnten?

Keller-Messahli: Solche Projekte existieren zum Beispiel bereits in Dänemark und Frankreich, doch sie werden primär von erfahrenen Sozialarbeitern durchgeführt. Da werden radikalisierte Jugendliche angesprochen, um ihnen aufzuzeigen, dass sie sich in einem mentalen Gefängnis bewegen. Man bietet ihnen ein alternatives Narrativ und eine verbindliche Beziehung an und begleitet sie später auch auf ihrem Weg zu einer Ausbildung oder zu einer beruflichen Tätigkeit. In Nizza hat die Organisation «Entr’autres» auf diese Weise mehrere Hundert Reisen in den Jihad verhindern können. Sie betreut auch Rückkehrer.

Welches der Schweizer Projekte überzeugt Sie am meisten und warum?

Keller-Messahli: Am ehesten überzeugt mich «Gegennarrativ Winterthur», weil hier das Thema diskret integriert ist in andere Lebensbereiche und unaufdringlich in einer App daherkommt. Das anonyme Kommunizieren mit der Fachstelle reduziert so mögliche Hemmschwellen. Ausserdem ist das beiläufige Erlernen des Handwerks des Films ein sehr attraktives Angebot für Jugendliche, die sich engagieren möchten.  Ein Pluspunkt ist sicher auch, dass hier keine Islamverbände dahinterstecken.

In vielen autoritären Familien existiert keine echte Gesprächskultur.

Was halten Sie persönlich für dringlich im Kampf gegen die Radikalisierung von Jugendlichen?

Keller-Messahli: Die offene Auseinandersetzung mit dem Thema. Es gilt die Personen, die täglich mit Jugendlichen und jungen Erwachsenen zu tun haben, etwa die Angestellten von Bildungsinstitutionen, Kulturzentren, Strafvollzugsanstalten und Flüchtlingsheimen, diesbezüglich auszubilden und zu sensibilisieren. Die Diskussion über Radikalisierung muss auch möglichst früh mit den Schülern stattfinden, weil die Gefahr auch aus ihrem sozialen Umfeld kommen kann. In vielen autoritären Familien existiert keine echte Gesprächskultur. Auch hier gilt es anzusetzen: Den Jungen aufzuzeigen, dass das offene Gespräch Antworten auf ihre Fragen und Sicherheit geben kann.

Internet | © pixabay.com CCO
Internet | © pixabay.com CCO
Muslime demonstrieren in Köln gegen Terror | © KNA
Muslime demonstrieren in Köln gegen Terror | © KNA
Junge Musliminnen im Gebet | © Regula Pfeifer
Junge Musliminnen im Gebet | © Regula Pfeifer

Projekte gegen Extremismus im Internet

Der Bund will gegen die Radikalisierung von Jugendlichen im Netz vorgehen. Gerade junge Menschen seien besonders anfällig für gewalt-extremistische Propaganda; es brauche deshalb aufklärende Angebote, welche sie ansprechen, heisst es in einem Informationsblatt der «Nationalen Plattform «Jugend und Medien», die vom Bundesamt für Sozialversicherungen (BSV) betrieben wird. Im Sommer fand eine Ausschreibung für entsprechende Projekte statt. Ende September fiel die Wahl auf vier Pilotprojekte, die finanziell unterstützt werden, bestätigte Liliane Galley, zuständig für den Bereich Kinder- und Jugendfragen beim BSV. Der Bund übernimmt dabei maximal 50 Prozent der Projektkosten, heisst es im Informationsblatt.

Die Projekte, die wissenschaftliche begleitet werden, wenden sich an Jugendliche zwischen 12 und 18 Jahren sowie an junge Erwachsene bis 25 Jahren. Die jungen Menschen werden Texte, Bilder und Videos erarbeiten, die über die sozialen Netzwerke verbreitet werden sollen. Die meisten der vier Pilotprojekte setzen beim islamistischen Extremismus einen Schwerpunkt, wie aus einem Projektbeschrieb auf der Plattform «Jugend und Medien hervorgeht und wie auch die Namen der Projekte zeigen.

«Gegennarrativ Winterthur» heisst eines der Projekte. Es will fünf Kurzclips und Social-Media-Kampagnen produzieren, berichteten die «Schaffhauser Nachrichten» (20. Oktober). «Gegennarrativ Winterthur» sei besonders wirksam, weil hier Jugendliche andere Jugendliche ansprechen, sagte Rafael Freuler, Geschäftsführer der für das Projekt verantwortlichen Anlaufstelle «Jugendinfo Winterthur», gegenüber der Zeitung. Bei diesem Projekt kommt zudem eine bereits existierende Jugend-App zum Einsatz, bei der die Nutzer anonym mit der Winterthurer Fachstelle Extremismus und Gewaltprävention kommunizieren können. Die Fachstelle ist Partner des Projekts.

Ein weiteres Projekt heisst «#SwissMuslimStories». Getragen wird es vom Verein «Ummah – Muslimische Jugend Schweiz». Es will mit einer Kampagne von Kurzfilmporträts gegen gängige Klischees über Muslime angehen, schreibt die Zeitung. Dieses Projekt wird von der Föderation islamischer Dachorganisationen der Schweiz (Fids) und der Vereinigung der islamischen Organisationen in Zürich (Vioz) als Partner unterstützt. Galley stellt gegenüber kath.ch klar, dass das nicht bedeute, dass diese Verbände Geld vom Bund erhielten. Als Partner unterstützten sie das Projekt unter anderem bei der Vernetzung, mit Infrastruktur und beim Kontakt zu Medien.

Das dritte Projekt «#knowislam» will laut Zeitung islamische Begriffe und Alltagsfragen erklären, die für junge Muslime relevant sind. Träger ist das private «Institut für Interkulturelle Zusammenarbeit und Dialog» in Zürich. Für das vierte Projekt mit dem Namen «Positiv Islam» ist das Schweizerische Zentrum für Islam und Gesellschaft an der Universität Freiburg (Schweiz) verantwortlich. Dieses will einen Blog aufbauen, an dem sich Muslime und Nichtmuslime beteiligen, heisst es im einem Projektbeschrieb auf der Plattform «Jugend und Medien». Die jungen Blogger sollen kurze Artikel verfassen, Kurzvideos posten und mit den Jugendlichen und jungen Erwachsenen über eine Internetplattform interagieren. (bal)

News ›
Medienspiegel ›
Katholisches Medienzentrum