Schweiz

Frauen und Jugendliche mischen den Schweizer Islam auf

Bern, 24.10.17 (kath.ch) Die Veranstaltung trug den Titel: «Wer spricht für den Islam in der Schweiz?» Der Abend begann mit einer Medienschelte: «Die Medien bringen immer die gleichen muslimischen Köpfe.» Die Richtigstellung folgte auf dem Podium: «Autoritäten» und «Influenzer» prägten das Bild des Schweizer Islam. Die Muslime müssten sich erst selbst finden und ihre innermuslimischen Grabenkämpfe beenden, bevor sie gesellschaftlich wirken könnten.

Georges Scherrer

Der Aufmarsch an Rednern und Debattierenden im Kuppelraum der Universität Bern am Montagabend machte Eindruck und hatte auch eine zahlreiche Hörerschaft herbeigelockt. Zur Gesprächsrunde eingeladen hatten Soziologen, Islamforscher, das Schweizerische Zentrum für Islam und Gesellschaft, Religionswissenschaftler und die Schweizerische Gesellschaft Mittlerer Osten und Islamische Kulturen.

Drei Impulsreferate führten in das Thema des Abends ein. Der Luzerner Islamwissenschaftler Andreas Tunger-Zanetti machte deutlich, dass muslimische Jugendliche in der Schweiz bei ihrer Suche nach «Autoritäten» nicht auf eine bestimmte Person fixiert seien. Auffällige Konvertiten wie der Deutsche Pierre Vogel oder der Schweizer Qassim Illi, die aus den Medien bekannt sind, gehörten im Internet zwar zu den ersten Anlaufstellen. Ihre Haltung würde aber sehr schnell hinterfragt. Wichtige Informationsquellen seien zum Beispiel auch «Blogs».

Beim direkten Kontakt spiele aufgrund seines Amtes der «Iman» eine wichtige Rolle, aber auch seine Frau. Eine Kontaktstelle sei auch die eigene Familie und der Koran. Tunger erklärte, dass in der Schweiz nicht einzelne Personen das Sprachrohr des Islam sein könnten. Diese Rolle würde eher Sprechern von breit abgestützten muslimischen Organisationen oder Dachverbänden zukommen, «welche die interne Vielfalt der Organisation aushalten». Die Medien sollten sich bei der Darstellung des Islams nicht auf einige auffällige Personen stützen, sondern dieser Vielfalt des Islams Rechnung tragen.

Weder Hassprediger noch Superimame aufbauen

Auf die spezielle Situation der Frauen und von Konvertitinnen ging Petra Bleisch von der Pädagogischen Hochschule Freiburg ein. Musliminnen würden wenig lesen und seien durch ihre Rolle als Mutter und Hausfrau doppelt belastet. Für sie seien die Imame und Scheichs, also Männer, die im gesellschaftlichen Leben eine bestimmte Stellung einnehmen, wichtige Ansprechpersonen. Konvertitinnen würden sich aufgrund ihrer eigenen Tradition und dem Einfluss der Gesellschaft, in der sie aufgewachsen sind, gern an «erfahrene Konvertitinnen» wenden und aus deren Erfahrungen im Zusammengehen von Islam und hiesiger Gesellschaft lernen.

Im dritten Impulsreferat warnte der Freiburger Islam-Experte Hansjörig Schmid  davor, den Islam in Schablonen zu sehen. Es sei zu einfach, von «Hasspredigern» zu reden und ihnen als positive Beispiele «Brückenbauer» oder «Super»-Imame gegenüber zu stellen. Die Medien könnten einen Imam zudem «überfrachten». Auf einen Imam kämen so viele Aufgaben zu, dass er diese selber nicht lösen könne. Er sitze an einer Schnittstelle und sei gleichzeitig der Kritik vor allem von «Frauen und Jugend» ausgesetzt. Bei der Lösung eines Problems seien im muslimische Umfeld «alle Ansprechgruppen» in die Mitverantwortung einzubeziehen.

Ein Podium mit Zündstoff

Für die Podiumsdiskussion hatten die Organisatoren der Veranstaltung eine explosive Mischung zusammengestellt. Neben dem Imam der albanischen Moschee in Wil SG, Bekim Alimi sassen die Islamwissenschaftlerin und Publizistin Amira Hafner-Al Jabaji und die Buchautorin Jasmin El-Sonbati , Mitbegründerin der Offenen Moschee Schweiz.

An einem solchen Ort können wir streiten.

Auf einen wunden Punkt legte Jasmin El-Sonbati ihren Finger, indem sie sagte: «Wir Muslime (in der Schweiz, die Red.) kommen nie zusammen.» Sie lobte darum die Veranstaltung in Bern. Denn an solchen Orten «können wir streiten». In der hiesigen muslimischen Gemeinschaft gebe es aufgrund der Vielfalt der muslimischen Glaubensrichtungen viele offene Fragen. Die Differenzbereinigungen «müssen die Muslime selber leisten», erklärte die SRF-Moderatorin Amira Hafner-Al Jabaji. Sie verglich die Situation der Muslime mit den Juden. Orthodoxe Juden würde liberale jüdische Gemeinschaften auch heute nicht anerkennen.

Die Einbindung der Frauen und Jugendlichen war ein wichtiger Diskussionspunkt. Der Islam sei sowohl für Frauen wie für Jugendliche eine «hochdynamische Angelegenheit», so Amira Hafner-Al Jabaji. Die Jugend sei nicht daran interessiert, strikte Regeln zu befolgen, sondern wie die jungen Christen in der Schweiz auf der Suche.

Ein Imam müsse nicht «für» die Muslime reden, sondern «zu» ihnen. Im Schweizer Islam wüchsen andere «Influenzer» heran, darunter Konvertiten und Frauen. Damit war der Ball Jasmin El-Sonbati zugespielt. Sie betrachtet sich aber nicht als Influenzerin, sondern als eine «Facette des Islam». Sie sieht sich nicht als «Autorität». Ihre Gruppe suche lediglich einen Raum, wo sie beten könne.

 

Jede Facette ist für den Kanton Bern eine Autorität.

Martin Koelbing, Beauftragter für kirchliche Angelegenheiten im Kanton Bern, wies jedoch auf die Bedeutung der prominenten Muslimin hin: «Jede Facette ist für den Kanton Bern eine Autorität.» Sein Amt reagiere auf jeden Hinweis aus der Bevölkerung und suche dann nach Lösungen, falls eine solche nötig sei. Für den Kanton stelle sich ganz allgemein die Frage: «Wer ist der staatliche Fürsprecher für die Muslime, die als Teil des Kantons gelten.»

«Seriöse» Gesprächspartner

Viel Erfahrung mit den Behörden hat der Imam der Wiler Moschee, Bekim Alimi. Als er in die Schweiz kam, gab es hier wenig Muslime. Es habe sich gezeigt, dass die Behörden nicht auf diese «grosse Masse» vorbereitet waren, wie sie heute in der Schweiz lebt. In Wil wurde die Moschee verwirklicht. Für Bekim Alimi bedeutet dies, dass die Behörden mit seinem Verein «sehr seriös» arbeitende Leute kennengelernt haben. Imam Alimi machte klar, dass er nur für die Organisationen sprechen könne, die er vertrete.

Der Kanton Bern will die Gemeinschaften erst einmal wahrnehmen.

Ist der nächste Schritt die öffentlich-rechtliche Anerkennung? Der Berner Martin Koelbing gibt sich absolut pragmatisch, nicht zuletzt aufgrund der Diskussion, welche die Muslim-Vertreter am Podium von ihrer Religion gegeben hatten. Koelbing sieht weniger die öffentlich-rechtliche Anerkennung. Er sprach vielmehr von einem «Fonds». Der Kanton könne über diesen auf spezielle Bedürfnisse der Muslime reagieren.

Koelbing erachtet eine Anerkennung als ungeschickt. Denn man könne die Massstäbe, welche für die öffentlich-rechtlichen Landeskirchen, die eine lange Tradition in der Schweiz kennen, nicht einfach für die «jungen muslimischen Gemeinschaften» verwenden. Bern wolle diese Gemeinschaften nicht kontrollieren, sondern erst einmal «wahrnehmen». Neben den Medien suchen also auch die Behörden nach jenen Personen und Organisationen, welche für den Schweizer Islam massgebend sind.

Musliminnen in Zürich | © 2015 Regula Pfeifer
24. Oktober 2017 | 16:06
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