Fall Allaz: Orden und Kirche haben lange geschwiegen

Freiburg, 28.3.18 (kath.ch) Einen 160-seitigen Bericht hat die unabhängige Untersuchungskommission im Fall des pädophilen Kapuziners Joël Allaz am Dienstag in Freiburg der Presse vorgelegt. Fazit: Durch ihr Schweigen trugen der Kapuzinerorden und die Kirchenleitung dazu bei, dass der Täter lange Zeit nicht juristisch belangt wurde.

Jacques Berset

Beim «Fall Allaz» handle es sich um einen «schweren Fall von Pädophilie», den das Bistum Lausanne, Genf und Freiburg (LGF) und der Kapuzinerorden ein Vierteljahrhundert lang untergraben hätten. Dies hält die Kommission, die im Auftrag der Kapuziner und unter dem Vorsitz von Alexandre Papaux, ehemaliger Freiburger Kantonsrichter, tätig war, in ihrem Bericht fest. Die Taten selber reichten über ein halbes Jahrhundert zurück: Die ersten sexuellen Missbräuche durch den Kapuziner seien im Jahr 1958 geschehen.

Geständnis 2017

Allaz, der im Mai 2017 von der Glaubenskongregation aus dem Priesterstand entlassen wurde, habe anlässlich der Bekanntgabe dieser Entscheidung gestanden, in Frankreich weitere Kinder missbraucht zu haben, ohne ihre Namen zu nennen.

Diese Aussagen hätten die ehemalige Freiburger Ermittlungsrichterin Yvonne Gendre, heute Staatsanwältin, dazu bewogen, den Fall am 16. Januar 2018 erneut an die französischen Justizbehörden zu überweisen. Die Taten des inzwischen aus dem Orden entlassenen Kapuziners hätten zu zahlreichen Opfern in der Westschweiz und in Frankreich geführt, aber nur 24 von ihnen seien identifiziert worden, 22 in der Schweiz und 2 in Frankreich, hiess es an der Medienkonferenz.

Defensive Haltung

Für die Unabhängige Kommission veranschaulicht dieser Fall die Schwierigkeiten der katholischen Kirche, «das abnormale Verhalten bestimmter Geistlicher gegenüber Minderjährigen allein zu bewältigen». Die Kirche habe lange Zeit «eine defensive Haltung eingenommen», indem sie sich damit begnügt habe, den misshandelnden Priester samt seinem Problem zu versetzen und ihn dadurch der Justiz zu entziehen, betonte Papaux.

Augen schliessen und schweigen

Der ehemalige Kantonsrichter beklagte den Mangel an Mut und Verantwortungsbewusstsein einiger Zeugen der Taten, «die es vorzogen, die Augen zu schliessen und zu schweigen». Er bedauerte das Schweigen der katholischen Gemeinschaft und der Zivilgesellschaft angesichts dieser Verbrechen, die mangelnde Hartnäckigkeit des Walliser Ermittlungsrichters von 1995, der seine Untersuchung wegen Verjährung einstellte, ohne Joël Allaz anzuhören oder dessen persönliche Situation zu untersuchen, was weitere Missbräuche hätte verhindern können.

Offene Archive und Verweigerung der Aussage durch Geistliche

Für die Erstellung ihres Berichts hatte die Kommission Zugang zu den Archiven der Schweizer Kapuzinerprovinz sowie der Bistümer LGF, Grenoble und Lyon. Sie wandte sich auch an die Institute, in denen Allaz tätig war, namentlich die in den Walliser Dörfern Champlan und Monthey.

Die Kommission hatte Zugang zu den Protokollen der Justiz, darüber hinaus habe sie 16 Anhörungen durchgeführt. Jacques Banderet, ehemaliger Bischofsvikar unter Bischof Pierre Mamie, und Nicolas Betticher, ehemaliger Generalvikar unter Bischof Bernard Genoud, haben sich laut Papaux geweigert auszusagen.

Die Mehrheit der Pädophilen findet man nicht in der Kirche.

Daniel Pittet, Opfer von Allaz und Autor des Buches «Pater, ich vergebe Euch», das im Februar 2017 erschien, wies darauf hin, dass die Mehrheit der Pädophilen nicht in der Kirche anzutreffen sei.

Die etwa 25’000 bis 30’000 Pädophilen in der Schweiz lebten, wie der Untersuchungsrichter ihm gesagt habe, zu 80 Prozent in der Familie oder bei Angehörigen missbrauchter Personen, 19 Prozent würden ihre Opfer in Sport- und Freizeitvereinen treffen und nur ein Prozent bei Priestern und Ordensleuten. «Die grosse Mehrheit der Menschen in der Kirche sind wundervolle Menschen!», so Pittet.

Ruf des Ordens wahren

Agostino Del Pietro, Provinzial der Schweizer Kapuziner, räumte ein, dass in seiner Gemeinschaft die Hinweise auf Joel Allaz’ Taten lange Zeit zu wenig ernst genommen oder sogar verharmlost wurden, «um den guten Ruf des Ordens und der Kirche zu bewahren».

Das Leid der Opfer könne nicht durch eine finanzielle Entschädigung oder eine Therapie kompensiert werden, hielt der Tessiner Ordensmann fest. Denn die psychischen Wunden der Opfer dauerten ein Leben lang an. «Wir sind auch weiterhin bereit, Betroffene anzuhören», so Del Pietro in einer Medienmitteilung der Kapuziner (27. März). Zudem beteiligten sich die Kapuziner am Genugtuungsfonds der Schweizer Bistümer und Orden für die Opfer von verjährten Fällen.

Das Unrecht könne nicht wiedergutgemacht werden, so Del Pietro weiter. «Es bleibt uns letztlich nur, die betroffenen Menschen um Entschuldigung zu bitten für die Delikte eines Mitglieds unseres Ordens und auch für unser eigenes Versagen, dass wir die Vergehen zu wenig ernst genommen, zu lange keine Massnahmen ergriffen, den Täter nicht angezeigt haben.»

«Opfer müssen sprechen»

Ein Problembewusstsein sei heute vorhanden, bemerkte Alexandre Papaux. Dennoch sei es notwendig, dass die Massnahmen auf allen Ebenen der Kirche angewendet würden. «Die Opfer müssen sprechen, das Wort befreit, und Schweigen ermutigt die Täter!»

Bischof Charles Morerod, Bischof von Lausanne, Genf und Freiburg, begrüsste die Initiative der Schweizer Kapuziner, die Ergebnisse der Untersuchung der Öffentlichkeit zu präsentieren, wie er in einem Communiqué mitteilte. Das Bistum habe der Kommission Zugang zu den Archiven des Bistums verschafft und den Kontakt zu Opfern oder Zeugen vermittelt, die sich seit Erscheinen von Pittets Buch an das Bistum gewandt hatten.

Morerod erinnerte daran, dass die Opfer nachdrücklich aufgefordert seien, sich in jedem Fall an die Justiz zu wenden. Die verjährten Fälle würden zumindest Gegenstand eines kanonischen Verfahrens sein. Für diese Fälle gebe es einen Entschädigungsfonds. Die Opfer würden in den einzelnen Bistümern von der jeweiligen Fachkommission für sexuelle Übergriffe im kirchlichen Umfeld angehört, in der Romandie gebe es ausserdem die Kommission für «Anhörung, Vermittlung, Schlichtung und Wiedergutmachung» (Cecar). (cath.ch/Übersetzung: sys)



Die Kapuziner Agostino del Pietro und Marcel Durrer | © Jacques Berset
28. März 2018 | 05:21
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Der Fall Allaz

Der Kapuziner Joël Allaz hat sich über Jahrzehnte des sexuellen Missbrauchs Minderjähriger schuldig gemacht. Er stand für seine Taten dreimal vor Gericht: 1995 wurde eine erste Anklage erhoben, auf die aber infolge Verjährung der Fälle nicht weiter eingegangen werden konnte. 2008 kam es zu einer gerichtlichen Voruntersuchung, dabei waren 22 Opfer identifiziert worden, die Fälle waren ebenfalls verjährt. Allaz nannte während dieser Untersuchungen zwei weitere Opfer, die zwischen 1992 und 1995 in Frankreich missbraucht worden seien. Das Dossier wurde daraufhin an die Staatsanwaltschaft von Grenoble (F) weitergeleitet. 2012 wurde Allaz in Grenoble zu einer Haft von zwei Jahren bedingt schuldig gesprochen.

Der Fall geriet erneut in die Schlagzeilen, als eines der Opfer, Daniel Pittet, im Februar 2017 das Buch «Mon Père, je vous pardonne» (Pater, ich vergebe Euch) publizierte. Darin schildert Pittet, wie er als Ministrant während vier Jahren von Allaz missbraucht wurde. Papst Franziskus hat das Vorwort zum Buch geschrieben. Das Buch erschien im August auch auf Deutsch.

Die Kapuziner setzten nach Erscheinen des Buches eine unabhängige Untersuchungskommission ein, die ihre Tätigkeit im Mai 2017 aufnahm. Zur Kommission gehörten Alexandre Papaux, Anwalt und ehemaliger Freiburger Kantonsrichter, Francis Python, emeritierter Professor für Zeitgeschichte an der Universität Freiburg, und Yves Mausen, Professor für Rechtsgeschichte und Religionsrecht an derselben Universität. Am 27. März 2018 präsentierte die Untersuchungskommission den Medien ihre Resultate, die in einem 160-seitigen Bericht zusammengefasst sind.

Joël Allaz wurde im Mai 2017 durch den Vatikan aus dem Orden und dem Klerikerstand entlassen. Er lebt heute im Kapuzinerkloster Wil. (sys)