Die Synode aus der Sicht von Daniel Kosch
Die Krisen der Kirche werfen wichtige Glaubensfragen auf. Sind unsere kirchlichen Strukturen den aktuellen Herausforderungen der Evangelisierung angemessen? Für den Theologen und langjährigen RKZ-Generalsekretär Daniel Kosch hat der von Papst Franziskus angestrebte synodale Weg seine volle Berechtigung.
Lucienne Bittar, cath.ch
Der von Franziskus gewollte synodale Weg sei der von der Kirche erlebten Krise angemessen, sagte Daniel Kosch bei einem Vortrag bei der Basisgemeinde Meyrin bei Genf über die Synodale Kirchenreform im Kontext der Schweizer Strukturen. Mit ihrem Credo «Die Kirche ist in erster Linie das Volk Gottes, nicht die Kleriker; der Impuls muss also von unten kommen» konnten die christlichen Basisgemeinden (CDB) in der Romandie nicht am synodalen Prozess teilnehmen.
«Die Situation war seit der Reformation noch nie so kompliziert, natürlich wegen der Missbrauchsskandale, aber auch wegen des veränderten Verhältnisses unserer Gesellschaften zur Transzendenz und des weitgehenden Desinteresses an religiösen Fragen», hielt Kosch fest. Gemeinsam zu gehen und nach neuen Wegen der Evangelisierung zu suchen, sei daher keine blosse Stilübung oder eine Frage der Strukturen allein, betont Daniel Kosch. Für ihn geht es um die Zukunft der Kirche.
«Wie sollen wir unseren Kindern und Enkeln erklären, dass die Liebe Gottes in unserem Leben wichtig bleibt, wenn die Tagesschau jeden Tag zeigt, dass es Tausende von Kindern gibt, die ohne diese Liebe leben? Wie sollen wir das Credo für sie übersetzen?», so der ehemalige Geschäftsführer der Römisch-Katholischen Zentralkonferenz RKZ. Angesichts von Kriegen, Wirtschafts- und Umweltkrisen «geht es darum, dass wir als katholische Gemeinschaft definieren, was für uns der Glaube an Gott ist und wie wir ihn in der Nachfolge von Papst Franziskus in die Welt einbringen».
Synodalität geht weiter
Franziskus hatte zu Beginn seines Pontifikats den sensus fidelium (Sinn des Glaubens) wiederbelebt, und mit Evangelii gaudium im Jahr 2013. Dort wurde seine erste, informelle Einladung zu einem synodalen Weg ausgesprochen, findet Kosch. In seinem Apostolischen Schreiben «betonte Papst Franziskus die Verantwortung aller Getauften und erklärte, dass die Bischöfe von den Gläubigen etwas zu lernen haben». Die Versammlung im Übrigen trägt nicht mehr den Namen Bischofssynode, sondern schlicht und einfach Synode.
Was die Dauer anbelangt, so wird nicht alles in einem Jahr enden. «Die Synodalität ist dazu bestimmt, uns in der kommenden Zeit zu begleiten», so Kosch. An der Bischofssynode im Jahr 2015 sagte Franziskus, dass sie der Weg sei, den Gott von der Kirche des dritten Jahrtausends verlange. Seitdem hat er das Konzept stetig weiterentwickelt. Es ist übrigens noch Zeit für jeden und jede, sich an dieser umfassenden Reflexion zu beteiligen.
Die fünf vom Sekretariat der Synode eingesetzten Expertengruppen, die sich unter anderem mit der Frage des Amtes oder der Verantwortung des Bischofs bei der Bekämpfung von Missbrauch befassen, werden ihre Berichte erst in einem Jahr vorlegen. «Schreiben Sie ihnen! Wir können sicher sein, dass die konservativsten Gruppen in der Kirche ihnen massenhaft Briefe schicken werden», rief Kosch zu Aktivität auf.
Steuern zahlen reicht nicht
Als Experte für die pastoralen Realitäten in der Schweiz sieht Daniel Kosch die kirchlichen Strukturen als Hebel für das Glaubensleben der Gläubigen. Aus diesem Grund müssen sie überarbeitet werden. Die Integration der neuen Realitäten vor Ort bedeutet, dass die Getauften ihren Auftrag der Evangelisierung besser erfüllen können.
«In der Schweiz beteiligen sich 5 bis 6 Prozent der Getauften am Gemeindeleben. Die anderen begnügen sich damit, ihre Steuern zu zahlen – in den Kantonen, in denen es sie gibt. Aber die Bischöfe scheinen sich nicht genug darum zu kümmern. Wo werden wir in 30 Jahren sein?», fragte Kosch.
Diese Frage wurde zuerst von den Deutschen aufgeworfen, rief er in Erinnerung. Erschüttert von den Ergebnissen einer Studie über sexuellen Missbrauch in der Kirche schlug die Deutsche Bischofskonferenz (DEBK) 2018 vor, einen nationalen Synodenweg unter Einbeziehung von Laien einzurichten, um die Glaubwürdigkeit der kirchlichen Strukturen wieder herzustellen.
Um ihren evangelisierenden Auftrag erfüllen zu können, müsse die Kirche das Vertrauen derer, an die sie sich wendet, zurückgewinnen, sagte der damalige Vorsitzende der DBK, Kardinal Reinhard Marx. «Wir stellen fest, dass es für viele Menschen die Kirche selbst ist, die das Bild von Gott verdunkelt. Wir setzen auf die Kraft des Heiligen Geistes, um die Kirche zu erneuern, damit sie Jesus Christus als das Licht der Welt glaubwürdig bezeugen kann», kündigt die Präambel der Satzung des Deutschen Synodalwegs an.
Der Prozess fand von 2020 bis 2023 in Frankfurt statt.Das Zentralkomitee der deutschen Katholiken (ZDK) stimmte seiner Teilnahme unter der Bedingung zu, dass das Thema der Rolle der Frau in der Kirche aufgenommen wird. Geprägt durch Covid und eine deutsche Organisationskultur, nahm die deutsche Synode zeitweise allzu technische Züge an, mit einer parlamentarischen Arbeitsweise, die nicht auf andere europäische Länder übertragbar ist. Nichtsdestotrotz sei sie Ausdruck einer imposanten Arbeit und eines echten spirituellen Weges, betonte der ehemalige Generalsekretär der RKZ.
Demokratische Logik oder kanonisches Recht?
Umgekehrt erscheint die Synode über die Synodalität einigen Beobachtern zu wenig konkret. «Der synodale Stil ist hin- und hergerissen zwischen der spirituellen Suche nach einem Konsens und der Notwendigkeit, klare Entscheidungen zu treffen. Es ist schwierig, die demokratische Logik, die wir in der Schweiz haben, und die Logik des Kirchenrechts zusammenzubringen. (…) Wenn der Prozess nicht zu einer Überprüfung der aktuellen Lehrmeinungen und zu Reformen des Kirchenrechts führt, wird die Kirche nicht wirklich vorankommen», meint der Theologe.
Wird diese zweite Synodenversammlung zu echten Reformen führen? Daniel Kosch sagte, er hoffe, dass nicht alle unangenehmen Fragen aus dem Weg geräumt werden und dass die Laien in Rom, insbesondere die Frauen, «ihren Mut zusammennehmen und sagen, was ihnen wirklich unter den Nägeln brennt», wie Schwester Philippa Rath. Am 30. Januar 2020 sagte die Benediktinerin und Delegierte der Orden im deutschen Synodenprozess: «Wer sind wir, frage ich mich, dass wir Gott vorschreiben wollen, wen er in welche Ämter und Dienste in seiner Kirche beruft und welches Geschlecht diese Berufenen haben sollen?». (kath.ch/cath.ch)
Hier geht es zur › Bestellung einzelner Beiträge von kath.ch.




