Vivienne Westwood Collage (v.l.n.r. VW 2016, und 2008, Kleideraufnahmen 2015)
Religion anders

Die heilige Vivienne der Modewelt

Die Hohepriesterin des Punk ist nur zwei Tage vor dem emeritierten Papst Benedikt XVI. und am selben Tag wie Pelé, dem Heiligen des Fussballs, gestorben. Im Rummel um die beiden Herren gingen die Verdienste der britischen Modedesignerin und Aktivistin Vivienne Westwood beinahe unter: höchste Zeit, dies zu ändern.

Natalie Fritz

Man nannte sie die Königin des Punk – in den Ritterstand erhob die Queen sie bereits 1992 –, doch eigentlich sollte Vivienne Westwood (1941–2022) schnellstmöglich heiliggesprochen werden. Ihr unermüdlicher Einsatz für soziale Gerechtigkeit sowie nachhaltige Produktionsbedingungen und bewussten Konsum ist in der Modewelt bislang einzigartig. Unerschrocken und mit einer gehörigen Portion Witz trat sie dem Establishment auf die Füsse und machte kompromisslos auf Missstände aufmerksam – ohne Rücksicht auf Verluste.

Von der Primarlehrerin zur Hohepriesterin des Punk

Dass die ehemalige Primarlehrerin Vivienne Westwood einst zur gefeierten Missionarin der Gerechtigkeit und Freiheit werden würde, war zu Beginn ihrer Karriere als Modedesignerin noch nicht absehbar. Obwohl man rückblickend sagen kann, dass Westwood bereits in den 70ern als Aktivistin auffiel. Doch damals wurde ihre Punk-Mode zunächst nur als Ausdruck einer jugendlich-rebellischen Subkultur wahrgenommen.

World's End-Boutique, London
World's End-Boutique, London

Zusammen mit ihrem zweiten Ehemann, Malcom McLaren, hatte Westwood 1971 in London eine kleine Mode-Boutique namens «Let it rock» eröffnet, die bis heute unter dem Namen «World’s End» weiterbesteht. Dort verkauften sie exzentrische Kleidung, die Westwood zum Teil aus alten Kleidern neu geschneidert hatte oder mit Sicherheitsnadeln und anderen Alltagsgegenständen verzierte.

Punk hat überlebt: Punks in London, 2013
Punk hat überlebt: Punks in London, 2013

Recycling und «Do it yourself» hatte Westwood als Kind einer Arbeiterfamilie im Nachkriegs-England quasi mit der Muttermilch aufgesogen. Mit dieser «aus alt mach neu»-Einstellung wurden Westwood und McLaren zu Wegbereitern einer antimaterialistischen Punk-Mode, die das Lebensgefühl einer nonkonformistischen Jugendkultur spiegelte: möglichst wenig Regeln und maximale Freiheit.

Für die Freiheit, gegen Monarchie und Religion

Dem Kapitalismus und Egozentrismus der Mittel- und Oberklasse stellten Westwood und McLaren eine Mode entgegen, die gegen das Klassendenken, gegen Unterdrückung aller Art und für persönliche Entfaltung stand. Mode sei ihre Art gewesen, öffentlich zu rebellieren, erklärte Westwood in ihrem Onlinetagebuch Get A Life!.

Mit sogenannten Slogan-T-Shirts, die mit provokativen Aufdrucken versehen waren, wurde Westwood im Punk-Milieu bald zur Ikone. Das bekannte «Destroy»-T-Shirt etwa zeigt eine Swastika, ein Portrait der Queen sowie ein umgekehrtes Kreuz. Die damit verbundene Aufforderung war mehr als deutlich: geht gegen antidemokratische Ideologien und hierarchische Institutionen wie Monarchie und Christentum (bzw. religiöse Doktrinen) vor, wenn ihr euch frei entfalten wollt!

Vivienne Westwood mit dem bekannten «Destroy»-T-Shirt. Screenshot viviennewestwood.com
Vivienne Westwood mit dem bekannten «Destroy»-T-Shirt. Screenshot viviennewestwood.com

Da McLaren mittlerweile auch Manager der Punk-Band Sex Pistols war, erlangte die Mode des «Rebellenpaars» zunehmend öffentliche Bekanntheit. Die Bandmitglieder trugen nämlich die Mode des Duos an Konzerten und Auftritten. Westwood und McLarens gewollt nicht perfekte Mode wurde nun nicht mehr länger als ein naiver Ausdruck jugendlicher Unangepasstheit aufgefasst, sondern als sozialpolitisches Statement für mehr Gerechtigkeit.

Die Daoistin in Jesusnachfolge

1981, kurz nach ihrer Trennung von McLaren, präsentierte Westwood ihre erste professionelle Kollektion mit dem vielsagenden Namen Pirates. Und mit freien Interpretationen des historischen Motivs der Unangepasstheit – Kollektionen mit Namen wie Savages (Wilde) oder Witches (Hexen) folgten – machte sich die Britin alsbald einen Namen in der internationalen Modewelt. Rufe als Gastprofessorin für Mode und die Ernennung zum Officer of the Order of the British Empire sowie später die Ernennung zur Dame Commander of the Order of the British Empire für ihre Verdienste im Modedesign folgten.

Slogan-Kleider von Vivienne Westwood, 2008
Slogan-Kleider von Vivienne Westwood, 2008

Doch trotz dieser Ehren, die ausgerechnet ihr, der Kritikerin starrer Hierarchien und Institutionen, verliehen wurden, blieb Westwood ihrer Linie treu. Nachdem sie sich modisch unermüdlich für die Abschaffung des Klassendenkens und die Gleichberechtigung der Frau stark gemacht hatte, mischte sich Westwood nun auch in andere gesellschaftliche Debatten ein.

So setzte sie sich etwa mit Slogan-Shirts für den unter zweifelhaften Umständen verurteilten Native American Leonard Peltier ein oder trug ein Kleid mit dem Gesicht von Chelsea Manning an einer Gala. Die Ex-Soldatin und verurteilte Whistleblowerin Manning hatte Fälle von Folter durch Angehörige der US-amerikanischen Armee im Irak über die Enthüllungsplattform Wikileaks öffentlich gemacht. Je kontroverser die Thematik, desto Westwood – könnte man sagen.

Auch Julian Assange, der umstrittene Wikileaks-Gründer, wurde von Westwood öffentlich unterstützt.

Vivienne Westwood an einer Kundgebung zu Julian Assanges 50. Geburtstag
Vivienne Westwood an einer Kundgebung zu Julian Assanges 50. Geburtstag

Natürlich wurde der kompromisslose, politische Aktivismus Westwoods längst nicht von allen gutgeheissen. Doch die Königin des Punk liess sich auch von Kritik nicht aufhalten. Unbeirrt verfolgte sie ihre Mission für mehr Gerechtigkeit und Freiheit. Bisweilen wirkte die Daoistin wie eine moderne Jesusfigur, die ebenso radikal und mit ihrem spezifischen Hilfsmittel – der Mode – versuchte, die Welt ein kleines bisschen besser zu machen. Dies, indem sie denjenigen eine Stimme – besser einen Slogan – gab, die nicht gehört wurden oder unangenehme Tatsachen aussprachen.

Mit Nachhaltigkeit zu ewiger Glückseligkeit

Westwood mit Climat-Slogan-Shirt im Jahre 2012
Westwood mit Climat-Slogan-Shirt im Jahre 2012

«Buy less, choose well, make it last – Kauf weniger, wähle weise und behalte es lange» war seit jeher Westwoods Credo; lange bevor Greta und Extinction Rebellion das Thema Nachhaltigkeit salonfähig machten.

In der Modeszene war dieser Fokus auf Material-Recycling, Regionalität und grösstmögliche Klimafreundlichkeit lange Zeit einzigartig. Die Designerin unterstützte diverse Klimaprojekte und demonstrierte regelmässig für unterschiedliche Umweltbelange.

Westwood nutzte die Mode stets als Mittel zum Zweck. Ihr Einsatz für mehr Umweltbewusstsein beruhte auf ihrer Ansicht, dass die Schöpfung als Ganzes gesehen und bewahrt werden muss. Kritiker lästerten zwar immer wieder, dass ein profitorientiertes Modeunternehmen mit unzähligen Standorten weltweit und mit mehreren Kollektionen pro Jahr nicht nachhaltig agieren könne, aber Westwood antwortete stets stoisch, dass sie so anständig wie eben möglich produziere.

Save the Arctic-Projekt von Greenpeace und Westwood. Screenshot viviennewestwood.com
Save the Arctic-Projekt von Greenpeace und Westwood. Screenshot viviennewestwood.com

Sie betreibe kein Greenwashing, stehe dazu, dass sie den kapitalistischen Kreislauf als ein Rädchen am Laufen halte. Aber wer genug Geld habe, sich teure Kleidung zu leisten, solle sich wenigstens ihre Sachen kaufen – und davon nur wenige. Etwa die Slogan-Shirts, die zur Erhaltung der Arktis auffordern.

Vielleicht muss man Vivienne Westwood nicht gleich heiligsprechen, aber eine Beatifikation wäre ein erster Schritt, schliesslich steht im Matthäus 5, 6 «Selig sind die, die da hungerten und dürsteten nach Gerechtigkeit; denn sie sollen satt werden».


Vivienne Westwood Collage (v.l.n.r. VW 2016, und 2008, Kleideraufnahmen 2015) | © flickr.com/Wikimedia Commons/Natalie Fritz/Garry Knight/Mattia/Passeri/Nichelle Stephens, Public Domain/CC BY-SA 4.0/CC BY 2.0/https://creativecommons.org/licenses/by/2.0/deed.de
7. Januar 2023 | 05:00
Lesezeit : ca. 4  Min.
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Vivienne Westwood

Vivienne Isabel Swire wurde am 8. April 1941 in Tintwistle, Cheshire, geboren.  Ihre Eltern führten dort das kleine Postamt. Vivienne zog 1958 mit ihrer Familie nach Harrow, einem Aussenbezirk von London. Dort besuchte sie eine Kunstschule, verliess diese jedoch nach einem Semester wieder, weil sie sich als Arbeiterkind keine Zukunft im kreativen Bereich vorstellen konnte. Sie machte die Ausbildung zur Primarlehrerin und verkaufte nebenher selbstgemachten Schmuck in London. 1962 heiratete sie Derek Westwood. 1963 kam ihr gemeinsamer Sohn zur Welt. 1965 liess sie sich von Westwood scheiden, 1967 heiratete sie Malcolm McLaren und bekam im selben Jahr den gemeinsamen Sohn. Mit McLaren stieg Westwood 1971  in die Modebranche ein. Bis zu ihrem Tod am 29. Dezember 2022 war sie eine bedeutende Stimme in der Modewelt und ausserhalb. Ihr Lable und ihre sozialen Engagements werden von ihrem dritten Ehemann und Chefdesigner, Andreas Kronthaler, weitergeführt.