Annemarie von Matt: Künstlerin und Geliebte eines Priesters
Annemarie von Matt war begabt, unkonventionell und liebte einen Priester. Der Auftritt des Feldpredigers Josef Vital Kopp auf einem weissen Schimmel warf das Leben der Künstlerin aus den Bahnen. Die Briefe an den Geliebten wurden zu Lyrik. Das Kunstmuseum Luzern zeigt aktuell einige Bilder der Künstlerin.
Eva Meienberg
«Was tatsächlich geschieht, ist nie von Belang» steht in roten Lettern neben einem Frauenakt. Die Bleistiftzeichnung stammt von Annemarie von Matt und zeigt eine Dionëa, die Mutter der römischen Göttin Venus. Die Darstellung ist auch ein Selbstbildnis der Künstlerin. Mit Wanderschuhen und transparentem Schleier über den Beinen schaut Annemarie von Matt rotwangig mit Kugelbrüsten und Myrtezweig in der Hand versonnen ins Weite.
Das Zitat verweist auf das reiche Innenleben der Künstlerin, die sich im Verlauf ihres Lebens immer mehr zurückzog und nur ganz wenige Menschen in ihre Nähe liess. In ihrem Innern – auch im Innern ihres Hauses auf dem Brünig – herrschte schöpferisches Chaos, das sie durch ihre Kunst sichtbar machte. Alltagsgegenstände versah sie mit lyrischen Zitaten, sie zeichnete Schattenspiele am Boden nach und verwandelte Porzellanteller und Seidenpapier zu Gemälden.
«Das Unbewusste zeigt sich in den Werken von Annemarie von Matt unvermittelt», sagt Alexandra Blättler. Sie ist Sammlungskuratorin des Kunstmuseums Luzern und zeigt in der aktuellen Ausstellung einige Werke von Annemarie von Matt. Themen aus der Mythologie verwebe die Künstlerin mit ihrer eigenen Lebensgeschichte, sagt Alexandra Blättler. Und die Lebensgeschichte von Annemarie von Matt hatte es in sich.
In einfachen Verhältnissen aufgewachsen
Als Annemarie Gunz ist die Künstlerin 1905 im luzernischen Root in einfachen Verhältnissen auf die Welt gekommen. Nach sechs Jahren musste das Mädchen aus wirtschaftlichen Gründen die Schule verlassen. Sie arbeitete als Haus- und Kindermädchen zuerst in St. Gallen, später bei einer reichen Familie in Siders, wo auch der Schriftsteller Rainer Maria Rilke zu Gast war.
Nach mehreren Stellen in Genf, wo das Dienstmädchen Französisch lernte, bestellten die besorgten Eltern ihre freiheitsliebende Tochter zurück nach Root, wo sie es jedoch nicht lange aushielt. Von 1926 bis 1928 wurde sie von der Goldschmiedin und Textilgestalterin Martha Haefeli kunstgewerblich ausgebildet. Annemarie von Matt fand in Luzern Anschluss an die Zentralschweizer Kunstszene, wo sie breit gefördert wurde. Unter den Kunstschaffenden war auch ihr späterer Mann, der Bildhauer Hans von Matt.
Als Gestalterin entwarf sie etwa textile Arbeiten für Architekten. Ihre Mädchenakte waren beliebt, ebenso die Muttergottesdarstellungen, für die Annemarie von Matt auf die Innerschweizer Volkskunst zurückgriff.
Visionäre Schweizerin
Aber die Künstlerin ergänzte die Volkskunst mit etwas, was der Ausstellungsmacher Harald Szemann als «individuelle Mythologie» bezeichnete. Und das vielleicht den Ausschlag gab, dass Annemarie von Matt zu den wenigen Künstlerinnen gehörte, die der Ausstellungsmacher für seine berühmt gewordene Ausstellung «Visionäre Schweiz» im Kunsthaus Zürich 1991 auswählte.
1928 wurden Annemarie Gunz und Hans von Matt ein Künstler-Paar. Die Zeit sei ungebunden, gesellig und schaffensfroh gewesen, schreibt die Publizistin und Herausgeberin Beatrice von Matt in ihrem Nachwort zum «Tagebuch der Liebe und des Zorns». Es enthält Passagen aus dem brieflichen Nachlass von Annemarie von Matt.
Heirat und Rückzug
1935 heiratete das Paar. Mit der Heirat nahm der gesellschaftliche Druck auf Annemarie von Matt zu: Haushalt, Familie und Gäste forderten ihren Tribut. Die Künstlerin fühlte sich zunehmend beengt. Die Aufträge für die lieblichen Madonnen liess die Künstlerin immer häufiger liegen und entzog sich ihrem Mann und der Welt im Wighus auf dem Brünig, das sie in den Sommermonaten alleine bewohnte.
Eine Plastik von Hans von Matt zeigt seine Frau als aufrechte Kirchgängerin mit dem Gebetsbuch in den Händen. Im Ausstellungskatalog zu einer Retrospektive im Nidwaldner Museum im Frühling 2003 wurde der «Christlichen Thematik im Werk von Annemarie von Matt» denn auch ein eigenes Kapitel gewidmet.
Keine fromme Katholikin
Die Ausführungen zeigen aber, dass Annemarie von Matt keine stramme und fromme Katholikin war, sondern eine Frau, die das Geheimnisvolle, Mystische und Rätselhafte liebte. Sie hatte sowohl gesegnete Lichtmess-Kerzen zu Hause als auch Würfel und Karten, mit denen sie die Welt zu verstehen versuchte – allerdings nie ohne eine Portion Selbstironie, wie Hans von Matt über seine Frau schrieb.
Der Luzerner Künstler und Kunsttheoretiker Theo Kneubühler, der den Katalog zur Ausstellung in der Galerie Räber 1973 verantwortete, sah Annemarie von Matts Werk eine «Individuelle Spiritualität» zu Grunde liegen. Ihr Gesamtschaffen sei als Ausdruck einer höchst privaten und von Mystik durchsetzten Gefühlswelt zu begreifen.
«Schwesternschaft vom einsamen Leben»
1947 gründete Annemarie von Matt, die Eremitin auf dem Brünig, gar eine eigene «Schwesternschaft vom einsamen Leben». Sie war deren Oberin und ebenso die briefeschreibende Schwester Scribonia, die kochende Schwester Servula und die theologisch versierte Schwester Sophisma in Personalunion.
Von 1940 an wurde die Gefühlswelt Annemarie von Matts durch eine Figur belebt, welche die Künstlerin ab und an auch als Gehörnten darstellte: Sie lernte den Priester Josef Vital Kopp kennen und lieben. Als «Grossereignis» bezeichnete die Künstlerin die Erscheinung des strammen Luzerner Feldpredigers Josef Vital Kopp auf seinem Schimmel während des Truppenaufmarschs im ersten Kriegssommer in Stans.
Heimliche Liebe
Um Annemarie von Matt war es von da an geschehen und eine Beziehung, die man heute wohl als toxisch bezeichnen würde, nahm ihren Lauf. «Ich hatte von dir ein Nein gehört, es war wohl so gemeint. In meinen Gedanken dann wurden in der Folgezeit Fusstritte und Schläge daraus. Doch du hast es nicht verstanden mich fortzujagen. Aus Dir», schreibt Annemarie von Matt in einem ihrer zahlreichen Briefe an Josef Vital Kopp.
Während zwölf Jahren führten die Künstlerin und der Priester eine heimliche Beziehung, die geprägt war von geografischer und emotionaler Nähe und Distanz. Der Briefwechsel, der während dieser Zeit zwischen dem Liebespaar entstand, erweiterte das künstlerische Werk Annemarie von Matts um ihre sprachgewaltige Lyrik. Immer mehr fand sie ihren Ausdruck als Lyrikerin, immer weniger als Malerin.
Liebesbriefe in verschlossenen Koffern
«Ich muss dir immer wieder schreiben, denn du bist der einzige Mensch zu dem ich sprechen kann von dir», schreibt Annemarie von Matt an ihren geliebten Priester, zu dem sie ambivalente Gefühle hat. «Ich befinde mich leider konstant in deinem RING. Ein RING ist ein Kerker zugleich. Dein Ring ist ein Dämon, ein starker. Du bist stark und du bist ein Phänomen […].»
Hans von Matt erfährt erst nach dem Tod seiner Frau von der Beziehung zu Josef Vital Kopp, der mit dem Paar vor und während der heimlichen Beziehung freundschaftlich verbunden war. In verschlossenen Koffern und Kisten mit dem Vermerk: «Freue mich, wenn ihr Einblick tun werdet, eines Tages, in meine Unterwelt» findet Hans von Matt die heimlichen Briefe. 1969 veröffentlichte er eine Monographie über seine Frau und zitiert dabei aus den Briefen an Kopp, ohne jedoch seinen Namen zu nennen. Aus Rücksicht auf lebende Verwandte behielt er das Geheimnis für sich.
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