Bruno Hensler: «Andere Orte wären froh, sie hätten jährlich 800'000 Gäste»
Seit einem halben Jahr leitet Bruno Hensler die wirtschaftlichen Geschicke des Klosters Einsiedeln. Zuvor war er Verwaltungsdirektor der Universität St. Gallen. Im Podcast «Laut + Leis» sagt er, wie er das Kloster für die Zukunft fit machen möchte und wie die Zusammenarbeit mit Abt Urban Federer aussieht.
Sandra Leis
Institutionen und Unternehmen, die sich vertieft Gedanken über ihre Zukunft machen, definieren Ziele und entwerfen eine Strategie. So auch der grösste Wallfahrtsort der Schweiz, das Kloster Einsiedeln. Der strategische Dreiklang lautet: Menschen empfangen, begegnen und begleiten.
Um dieses Ziel zu erreichen, hat das Kloster Einsiedeln die Stelle des Geschäftsführers neu ausgerichtet. Seinen Kernauftrag beschreibt Bruno Hensler so: «Ich helfe mit, die Strategie in Initiativen zu übersetzen, die zukunftsfähig sind, um die Daseinsberechtigung des Klosters zu unterstützen.»
Er nennt ein konkretes Beispiel: «Wenn ich Menschen empfangen möchte, dann muss ich einen entsprechenden Gästebereich anbieten. Da reichen 13 Gästezimmer wahrscheinlich nicht.»
Beeindruckender Lebenslauf
Aufgewachsen ist Bruno Hensler in Einsiedeln, Anfang der 1980er-Jahre besucht er die Stiftsschule und absolviert danach eine Ausbildung zum Primarlehrer. Weiter geht’s mit einer Lehre als Landwirt, und als 33-Jähriger startet er das Studium an der Hochschule St. Gallen (HSG), das er mit einem Doktorat in Betriebswirtschaftslehre abschliesst.
Schliesslich wird er Rektor des Gymnasiums im Kloster Disentis und wechselt nach einigen Jahren an die HSG, wo er als Verwaltungsdirektor tätig ist. Alles in allem: beste Voraussetzungen für die Position des Geschäftsführers im Kloster Einsiedeln.
«Stabilitas in progressu»
Auf die Frage, was er aus dem Benediktinerkloster Disentis für seine jetzige Aufgabe in Einsiedeln mitnimmt, antwortet Bruno Hensler: «Offenheit und Neugier sind ur-benediktinische Eigenschaften. Der Benediktiner ist immer suchend und auf dem Weg.» Dieses Auf-dem-Weg-Sein und die nächste Herausforderung sehen und annehmen, das möchte er auch in Einsiedeln einbringen.
Hensler verweist auf Abt Vigeli Monn von Disentis, der die Benediktsregel zur 1400-Jahr-Feier des Klosters so auf den Punkt gebracht hat: «Stabilitas in progressu, also Beständigkeit im Voranschreiten oder Stabilität und Fortschritt.» Es gehe darum, nicht einfach die Asche anzubeten, sondern Feuer zu entfachen, so Hensler.
Letztlich entscheidet Abt Urban
Das ist ganz im Sinne von Abt Urban Federer, der im vergangenen August seine zweite Amtszeit angetreten hat. Hensler beschreibt die Zusammenarbeit als sehr offen und vertrauensvoll.
«Das muss auch so sein, sonst gelingt es nicht, das Kloster in die Zukunft zu führen.» Dabei sei klar: «Der Abt entscheidet, und die Klostergemeinschaft ist Auftraggeberin für meine Tätigkeit.»
Raus aus dem Bewältigungsmodus
Was Hensler unbedingt verändern möchte, konnten Kloster und Dorfbevölkerung kürzlich im «Einsiedler Anzeiger» lesen: «Ich möchte mithelfen, Einsiedeln und das Kloster aus dem jahrelangen Bewältigungsmodus zu führen und eine echte Willkommenskultur wiederzubeleben.»
Heute besuchen pro Jahr rund 800’000 Menschen Einsiedeln. Sie kommen mit dem öffentlichen Verkehr, dem Privatauto oder zu Fuss. Und: Sie müssen verpflegt werden. Dieses Müssen sei immer stärker als Müssen aufgefasst worden und nicht mehr als Privileg, sagt Hensler.
«Viele touristische Orte würden sich wünschen, sie hätten so viele Gäste wie wir. Doch wir denken, ein bisschen weniger wäre auch gut. Die vielen Menschen verstopfen unsere Verkehrswege.» Das stimme teilweise, so Hensler. «Nur ist das nicht das Problem derjenigen, die nach Einsiedeln kommen, sondern derjenigen, die das organisieren müssen.»
Willkommenskultur konkret
Was es verstärkt braucht, damit Gäste sich willkommen fühlen, skizziert Hensler an zwei Beispielen: «Heute sind Pilger und Velofahrerinnen direkt neben der Strasse unterwegs nach Einsiedeln entlang eines Maschendrahtzaunes. Das müssen wir ändern.»
Ein anderer Punkt ist die Verpflegung: «Anders als vor zwanzig oder dreissig Jahren möchten Gäste heute ein kulinarisches Angebot erhalten oder zumindest in Anspruch nehmen können.» Da sei Einsiedeln weniger gut ausgerüstet als andere Orte.
Nach einem halben Jahr als Geschäftsführer des Klosters Einsiedeln zieht Bruno Hensler ein überraschendes Fazit: «Es gibt Menschen, die möchten in Einsiedeln Geld ausgeben, können es aber nicht, weil die heute passenden Angebote gar nicht da sind.»
Auf Donationen angewiesen
Die Benediktsregel besagt, ein Kloster muss keinen Gewinn abwerfen, aber selbsttragend sein. Damit das gelingen könne, so Hensler, müsse definiert werden, «was machen wir ‹for profit›, und was ist ‹non profit›? Mit den verschiedenen Betriebszweigen versuchen wir eine positive Wertschöpfung zu erzielen, um die klösterlich-monastischen Tätigkeiten zu tragen.»
Und selbstverständlich ist das Kloster Einsiedeln wie jede NGO auch auf Donationen angewiesen. Ob es in der Folge der Missbrauchsskandale in der römisch-katholischen Kirche schwieriger geworden ist, Spenden zu erhalten, kann Hensler noch nicht beurteilen.
Er blickt zurück auf seine Tätigkeit an der HSG und sagt: «Dort hat es finanzielle Missbrauchsfälle gegeben. Das hat beim Fundraising gewisse Spuren hinterlassen.» Trotzdem hätten viele Menschen weiterhin Geld gespendet, weil sie der Meinung waren, man könne nicht die ganze Organisation für das Fehlverhalten bestrafen.
Deshalb sei er auch für das Kloster Einsiedeln positiv eingestellt: «Ich bin überzeugt, dass wir mit guter Arbeit und transparenter Information Donatorinnen und Donatoren finden können.»
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