Einsiedeln - Das Kloster dominiert das Dorf. Alte Darstellung im Museum Fram.
Schweiz

Einsiedlerin: «Das Kloster gehört zu unserem Bewusstsein»

Das Dorf Einsiedeln und sein Kloster haben dieselbe Gründungsgeschichte. Doch ihr Verhältnis hat sich über die Zeit verändert. Der Überfall der Franzosen 1798 war dabei Trauma wie Chance. Das zeigt die neue Dauerausstellung «Ein Dorf von Welt» im Museum Fram in Einsiedeln.

Regula Pfeifer

Fünf Personen erzählen in Videos über ihr Verhältnis zu Einsiedeln. Die Installation bildet den Schlusspunkt der Ausstellung «Ein Dorf von Welt» im Museum Fram in Einsiedeln. Wichtig sind diesen der soziale Zusammenhalt im Dorf, die Familienverbindungen, die Freunde.

Videostation mit Flavio Lang (l.) und Pater Aaron Brunner (r.)
Videostation mit Flavio Lang (l.) und Pater Aaron Brunner (r.)

Das Kloster erwähnt nur eine Person, der Bub Flavio Lang. Er fühlt sich wohl im ruhigen Einsiedeln, stört sich aber teilweise an den Touristinnen und Touristen, die bei Proben fürs Welttheater im Weg sind. Auch Pater Aaron Brunner – vom Dialekt her ein Walliser – sagt nichts über die Rolle des Klosters. Er betont das Gemeinschaftliche und die Offenheit gegenüber Fremden.

Kloster und Bevölkerung

Haben denn die Einsiedlerinnen und Einsiedler von heute so wenig Bezug zum Kloster, geht die Frage an die Personen, welche die Pressekonferenz zur Ausstellungseröffnung gestalten – drei vom Stiftungsrat Kulturerbe Einsiedeln, Trägerin des Museums Fram, sowie die Kunsthistorikerin und Co-Kuratorin der Ausstellung, Giulia Passalacqua. Der Historiker und Projektleiter Heinz Nauer ist verhindert.

Gery Kälin, Giulia Passalacqua, Walter Kälin und Marann Schneider
Gery Kälin, Giulia Passalacqua, Walter Kälin und Marann Schneider

Stiftungsrätin Marann Schneider antwortet im Namen der Einheimischen: «Das Kloster ist für uns das Zentrum von Einsiedeln, das, was Einsiedeln ausmacht. Es gehört zu unserem Bewusstsein, ist sozusagen unter unserer Haut.» Das Dorf Einsiedeln ohne das Kloster sei für sie unvorstellbar. «Wir sind uns auch bewusst, dass wir viel profitiert haben von dem Kloster.»

Abgeschiedenheit, Eigeninitiative und Offenheit

Die Tatsache, dass die Jungen – wie im Video zu hören – gern nach Einsiedeln zurückkehren, hat aus ihrer Sicht mit der Verkehrssituation direkt vor den Mythen zu tun. Dies verleihe dem Dorf einen «abgeschlossenen Charakter», sagt Schneider. Wegen seiner Abgeschiedenheit habe das Dorf zudem immer Eigeninitiative entwickeln müssen, damit etwas laufe. «Die Eigeninitiative in diesem Dorf, das muss man sagen, ist einfach grossartig», sagt Schneider. Sie ist selbst in einem örtlichen Theater engagiert.

Einsiedeln - Das Kloster dominiert das Dorf. Alte Darstellung im Museum Fram.
Einsiedeln - Das Kloster dominiert das Dorf. Alte Darstellung im Museum Fram.

«Gleichzeitig sind die Einsiedler offen für Auswärtige», sagt Passalacqua. Sie als Italienerin sei in Einsiedeln gut aufgenommen worden. «In anderen Schweizer Städten haben Leute wie ich keinen Platz», meint sie. Auch die imposante barocke Klosterkirche führt sie auf Weltoffenheit zurück, weil da Architekten aus ganz Europa mitgewirkt hatten. Ebenso die Schwarze Madonna, die Pilgernde teils auch aufgrund ihrer Hautfarbe anspreche.

Animationsfilm zur Meinradslegende

«Das Kloster bildet den Ursprung von Einsiedeln», sagt Stiftungsrat Gery Kälin. Das illustriert ein eindringlicher Animationsfilm gleich zu Beginn der Ausstellung. Er stammt aus der Feder von Roman Kälin, einem in Einsiedeln geborenen Filmemacher und Visual Effect Artist. Der Film stellt die Legende vom Eremiten Meinrad dar, der 861 von Räubern erschlagen wurde. Weitere Eremiten folgten, 934 kam es zur Klostergründung, und das Dorf entstand.

Kunsthistorikerin Giulia Passalacqua und Stiftungspräsident Walter Kälin führen durch die Ausstellung.
Kunsthistorikerin Giulia Passalacqua und Stiftungspräsident Walter Kälin führen durch die Ausstellung.

Zum Rundgang durch die einräumige Ausstellung laden ein hohes, modernes Kreidebild einer Schwarzen Madonna und eine alte Landkarte mit Kloster und Dorf ein. Eine Tafel erklärt dazu, dass Einsiedeln seit dem Mittelalter von der Wallfahrt geprägt sei. Teilweise bis über 100’000 Menschen aus der Schweiz und dem näheren Ausland seien jährlich zur Madonna in der Gnadenkapelle gepilgert. Dadurch sei im Dorf ein starker Dienstleistungssektor mit vielen Gasthäusern entstanden – im 18. Jahrhundert über 70.

Kloster hatte wirtschaftliches Monopol

Damals war die Einsiedler Bevölkerung weitgehend vom Kloster abhängig. Dieses hatte das Monopol auf alle relevanten wirtschaftlichen Bereiche – und kontrollierte diese. Das führte zu Spannungen zwischen den Einheimischen, den sogenannten «Waldleuten», dem Kloster und der Obrigkeit im Hauptort Schwyz, ist auf der Tafel zu lesen.

Mehrmals verwüsteten Brände Kloster und Dorf Einsiedeln.
Mehrmals verwüsteten Brände Kloster und Dorf Einsiedeln.

Die Situation änderte sich mit dem Überfall der französischen Truppen 1798. Das Kloster wurde geplündert, die Mönche flohen – und nahmen die Schwarze Madonna mit. Für die Dorfbevölkerung sei das traumatisch gewesen, sagt Stiftungsratspräsident Walter Kälin. «Doch langfristig sind damit ihre politischen Rechte und wirtschaftlichen Möglichkeiten gestärkt worden.» Denn auch nach der Rückkehr der Mönche und der Wiederaufnahme des Klosterlebens bekam das Kloster seine Privilegien nicht mehr zurück. Ehemals vom Kloster monopolisierte Wirtschaftszweige wurden privatisiert – und konnten von Dorfbewohnern betrieben werden.

«Das aufmüpfige Buch ‹Unfehlbar› des Schweizer Theologen Hans Küng ist ausgerechnet im katholischen Benziger Verlag erschienen.»

Walter Kälin, Stiftungsratspräsident

Es entwickelte sich eine eigentliche Wallfahrtsindustrie, wovon nun auch Einsiedler Betriebe profitierten. Hervorgehoben wird in der Ausstellung insbesondere der Benziger Verlag. Dieser produziert Andachtsbilder, Kalender und Gebets- und andere Bücher.

«Auch das aufmüpfige Buch ‹Unfehlbar› des Schweizer Theologen Hans Küng ist ausgerechnet im katholischen Benziger Verlag erschienen», sagt Kälin, währenddem Küngs übrige Bücher bei Herder und Piper publiziert wurden. Küng stellte in «Unfehlbar» das päpstliche Unfehlbarkeitsdogma infrage – weshalb ihm die Kirche die universitäre Lehrerlaubnis entzog.

Andachtsbilder, hergestellt vom Benziger Verlag
Andachtsbilder, hergestellt vom Benziger Verlag

Der Verlag beschäftigte in Spitzenzeiten in Einsiedeln bis zu 1000 Angestellte. Sowohl Benziger wie auch das Kloster expandierten im 19. Jahrhundert in die USA, beide bauten dort Niederlassungen.

Schauplatz katholischer Frömmigkeit

Bis Mitte 20. Jahrhundert prägte der Katholizismus das Leben der Menschen dieser Konfession – bis in die Vereine hinein. Und Einsiedeln bildete mit seiner Wallfahrt und Wirtschaft einen wichtigen Schauplatz katholischer Frömmigkeit, ist in der Ausstellung zu lesen.

Schabmadonnen - angeblich mit Mörtel der Gnadenkapelle - diente Gläubigen als Heilsbringer.
Schabmadonnen - angeblich mit Mörtel der Gnadenkapelle - diente Gläubigen als Heilsbringer.

Ab den 1960er-Jahren ändert sich dies. Alte Gewissheiten werden infrage gestellt, die Gesellschaft verändert sich, das katholische Milieu verliert an Bedeutung. «Die kirchliche Öffnung durch das Zweite Vatikanische Konzil wird in katholischen Kreisen teilweise euphorisch aufgenommen», heisst es im Pressetext. Die Wallfahrtsindustrie verschwand innert weniger Jahrzehnte, und mit ihr ein grosser Teil des lokalen Handwerks.

Dennoch würden das Kloster und die Wallfahrt «nach wie vor über eine grosse Ausstrahlung» verfügen, heisst es weiter. Der Klosterplatz sei Zentrum und Bühne für sakrale und profane Darbietungen, etwa Prozessionen oder das Einsiedler Welttheater, Musikfestivals oder Sportanlässe. «Wir sind in Einsiedeln das kulturelle Zentrum des Kantons», sagt Schneider. Demgegenüber bildeten Schwyz das politische und Ausserschwyz das finanzielle Zentrum.

Die Ausstellung wird am 18. April eröffnet und kann jeweils Donnerstag bis Sonntag,13 bis 17 Uhr, besichtigt werden. Geschlossen an Pfingstmontag, Fronleichnam und im Juli und August. Weitere Informationen unter dem Link.

Dauerausstellung «Ein Dorf von Welt»

Das Museum Fram bietet erstmals eine Dauerausstellung zu Einsiedeln an – modern präsentiert und mit Mediaguide. Zuvor organisierte es Wechselausstellungen, die nun teilweise mit Exponaten in der Dauerausstellung präsent sind. Diese soll laufend ausgebaut und weiterentwickelt werden. Im Raum werden unter anderem auch bekannte Persönlichkeiten vorgestellt, die einen Bezug zu Einsiedeln und seinem Kloster haben.

Einer von ihnen ist der Schriftsteller Thomas Hürlimann, der seine Erfahrungen in der Stiftsschule Einsiedeln literarisch verwertete. Oder Kaiserin Sissi, die nach dem Tod ihrer Tochter im Kloster um Gebete bat. Zudem hat Huldrych Zwingli einen Platz, er war Leutpriester in Einsiedeln, bevor er als Reformator nach Zürich wechselte. Ebenso der bekannte Schweizer Arzt und Naturphilosoph Paracelsus, der 1492 bei der Teufelsbrücke unweit von Einsiedeln geboren wurde. (rp)

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Einsiedeln – Das Kloster dominiert das Dorf. Alte Darstellung im Museum Fram.
16. April 2026 | 17:00
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