Erzbischof Gallagher plaudert über den Papst und dessen Politik
Spitzendiplomaten des Heiligen Stuhls sind für ihre Verschwiegenheit zu Interna bekannt. Umso bemerkenswerter war es, dass kein Geringerer als der vatikanische Aussenminister in Rom offen plauderte; auch über seinen Chef.
Ludwig Ring-Eifel
(KNA) Der vatikanische Aussenminister, Erzbischof Paul Richard Gallagher, hat am 27. Oktober vor einigen Dutzend in Italien akkreditierten Auslandskorrespondenten in einer einstündigen Plauderei von seiner Arbeit und über seinen Chef, den Papst, erzählt – und das durchgehend «on the record». Für die anwesenden Medienleute wurde es eine wahre Fundgrube für Anekdoten und Details. Und der diskrete Brite gab unerwartete Einblicke in das Funktionieren des sonst so lautlos arbeitenden Räderwerks der vatikanischen Diplomatie.
Natürlich konnte 14 Tage nach der Lungenkrebs-Operation des Papstes die Frage nicht fehlen, ob denn sein Aussenminister vorher etwas davon gewusst habe, dass der Pontifex beim Angelusgebet am 11. Oktober vor aller Welt den medizinischen Eingriff ankündigen würde. Die Antwort war so kurz wie glaubwürdig: «Nein, ich wusste es nicht.»
Der Papst als armseliger Sterblicher
Auf die Frage, ob dieses Ereignis für das Pontifikat einen Wendepunkt darstelle, führte der Spitzendiplomat aus, verändert habe sich vor allem die allgemeine Wahrnehmung Leos. Während man ihn in den ersten knapp eineinhalb Jahren dank seiner körperlichen Fitness und Präsenz in Anlehnung an den Comic-Helden Superman beinahe wie einen «Superpope» gesehen habe, sei durch die vorübergehende Krebserkrankung allen bewusst geworden, dass er «ein armseliger Sterblicher ist wie wir alle».
Dies könne nicht nur die Aussenwahrnehmung auf ihn verändern, sondern «möglicherweise auch die Weise, wie er sich selbst sieht». Zugleich bezweifelte Gallagher, dass der Papst nun mit grösserer Eile und Dringlichkeit an Dinge herangehen werde. «Er wird bei seinem Plan bleiben», mutmasste er. Zugleich werde der Papst aber auch seine zurückhaltende Art, über seine Pläne zu sprechen, nicht ändern: «Er ist nicht der Typ, der anderen mitteilt, was er in einem Zeitraum von drei oder vier Jahren vorhat.»
Leo XIV. ist extrem gut informiert
Eine weitere Eigenheit des ersten amerikanischen Papstes schilderte der 72-jährige Gallagher mit den Worten: «Er ist ausserordentlich gut informiert. Wenn ich ihm etwas vortrage, weiss er fast immer schon alles, was ich ihm sage. Wann er die Zeit findet, so viel zu lesen, ist mir ein Rätsel.»
Wie seine Vorgänger habe auch Leo ein natürliches Gespür für Politik. Was ihn von seinen Vorgängern unterscheide, sei die Gelassenheit, die er sogar angesichts von schweren Konflikten ausstrahle. Auch Kritik an seinem eigenen Tun nehme er sehr gelassen und betone dann lediglich, dass er weiterhin das Evangelium verkünden werde.
Papst versteht Bilanzen
Die Herangehensweise des Papstes an Probleme charakterisierte Gallagher als professionell geschäftsmässig. Die für Finanzen zuständigen Leute im Vatikan lobten Leo dafür, dass er Bilanzen und Haushaltsentwürfe lesen und verstehen könne. Aus seiner Sicht, so Gallagher, sei es einfacher, mit Leo zu arbeiten als mit dessen Vorgänger Franziskus, was auch mit der gemeinsamen englischen Sprache zu tun habe.
Zudem stelle Leo XIV. sehr viel mehr Nachfragen, man müsse daher besser vorbereitet in ein Gespräch mit ihm gehen.
Medienspekulationen, dass die vatikanische Kurie den Papst aus den USA am Ende des Tages ebenso «auffressen» werde wie seine Vorgänger, entgegnete Gallagher: «Sobald es Anzeichen für so etwas geben sollte, wird er seine Zähne zeigen.»
Baldige Papstreise in die USA
Gallagher äusserte sich in dem Gespräch auch über mehrere aussenpolitische Themen. Zu seinem mehrtägigen Besuch in Moskau Ende August merkte er an, dass es der russische Aussenminister Sergej Lawrow gewesen sei, der ihn eingeladen habe. Mit Blick auf die USA erklärte er, er erwarte eine USA-Reise des Papstes «in der nahen Zukunft». Vielleicht werde er sie mit einer Reise nach Mexiko kombinieren, da er auch das Marienheiligtum der Jungfrau von Guadalupe besuchen wolle.
Eine solche Reise solle möglichst weder in die Nachwehen der Midterm-Wahlen noch in den Vorwahlkampf zur Präsidentschaft geraten.
US-amerikanische Vatikanbeobachter rechnen daher mit einer Reise im kommenden Jahr: Da die «Primaries» zur Präsidentenkür im Januar 2028 beginnen, bliebe für eine zeitnahe USA-Reise von Leo XIV. nur das wahlfreie Jahr 2027.
Vatikan-Gesprächskanäle nach Washington
Über die Beziehungen zur US-Regierung sagte der vatikanische Aussenbeauftragte, der Heilige Stuhl verfüge sowohl zum Weissen Haus als auch zum US-Aussenministerium über Gesprächskanäle. Es gebe zudem eine gute Verbindung über den Vatikan-Botschafter der USA, Brian Burch, mit dessen direktem Draht ins Weisse Haus.
Wenn es noch keinen direkten Gesprächskontakt zwischen Papst Leo XIV. und Donald Trump gab, liege das daran, dass es «bislang dafür keine Notwendigkeit gegeben hat». Zur Rolle des Vatikans in den Gesprächen mit der Ukraine und Russland bemerkte er, der Vatikan sei froh, dass beide Seiten immer wieder den Kontakt zu Rom suchten.
Willen zu einem Kriegsende
Zwar wollten weder Moskau noch Washington eine direkte Vermittlerrolle des Heiligen Stuhls. Dennoch schätzten alle beteiligten Parteien die humanitären Vermittlungen des Vatikans und des päpstlichen Sondergesandten, Kardinal Matteo Zuppi, zwischen Russland und der Ukraine.
Zur Frage, ob der jüngste Waffenstillstand in der ukrainischen Stadt Oleschky einer Intervention des Papstes oder einer Vermittlung von Präsidentengattin Melania Trump zu verdanken sei, bemerkte Gallagher, es sei völlig «unwichtig, wer hier was beigetragen hat, entscheidend ist das Ergebnis». Der Vatikan sei über die parallelen humanitären Bemühungen der First Lady nicht im Bilde gewesen.
Derzeit spreche manches dafür, dass die beteiligten Parteien gewillt sind, den Krieg in naher Zukunft zu einem Ende zu bringen. Er könne sich vorstellen, dass im Verlauf dieser Entwicklung auch der Papst sich in diesen Prozess einbringen werde.
Eine neue Helsinki-Konferenz?
Zur Überwindung festgefahrener internationaler Konflikte regte Gallagher an, die Staaten sollten wieder an den Geist der Helsinki-Konferenz anknüpfen. Dieses Format habe es in den 1970er Jahren ermöglicht, dass die verfeindeten Blöcke von Ost und West trotz aller Gegensätze miteinander ins Gespräch kamen. Etwas Vergleichbares sei auch jetzt wünschenswert.
Zudem würde er es begrüssen, wenn die Atommächte konstruktiv miteinander über die künftige «Architektur der atomaren Abschreckung» sprächen. Sie sei im Kalten Krieg entwickelt worden, doch seien viele Verträge heute nicht mehr in Kraft, die einst dazu gehörten.
Neue Lehre vom gerechten Krieg nötig
In diesem Zusammenhang bekannte Gallagher, dass er persönlich kein Pazifist sei. Er glaube, dass es gefährlich wäre, sich vollständig von einer Theorie des gerechten Krieges zu verabschieden, es drohe dann ein «gefährlicher Pazifismus». Notwendig sei die Neuformulierung einer realistischen Lehre vom gerechten Krieg, die von der Kirche geteilt und vom Papst verkündet werde und die auf die heutige Weltordnung passe.
In ihr müssten sich auch jene vielen tausend Katholiken wiederfinden können, die in den Streitkräften als Soldaten dienten. Der Vatikan müsse im Dialog mit Experten darum ringen, eine zeitgemässe und angemessene Formulierung für die Lehre vom gerechten Krieg zu finden; dies habe eine politische und eine theologische Dimension.
Eigenlob für Roms China-Politik
Zur vatikanischen China-Politik und zum Geheimabkommen zwischen Rom und Peking aus dem Jahr 2018 sagte Gallagher, der Vatikan sei froh, dass mittlerweile alle katholischen Bischöfe in China in Gemeinschaft mit dem Papst seien. Das sei ein erheblicher Fortschritt.
Das zugrundeliegende Abkommen habe einige offensichtliche Schwächen, aber der Dialog funktioniere. Auf die Frage, ob es irgendwann eine Ständige Vertretung des Vatikans in Peking geben würde, erklärte Gallagher, ein solcher Schritt würde einen Preis haben, doch der Vatikan sei nicht bereit, diesen Preis zu zahlen.
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