Erzbischof Paul Richard Gallagher.
Vatikan

Vatikandiplomat Gallagher in Moskau

Wenn Konflikte ausweglos scheinen, schlägt oft die Stunde der Diplomatie. Für den immer härter werdenden Krieg zwischen Moskau und Kiew könnte der Moment näher rücken. Der Vatikan hat sich dafür in Stellung gebracht.

Oliver Hinz und Ludwig Ring-Eifel

(KNA) Wie ein Stück aus dem Lehrbuch für Diplomatie verlief vom 24. bis 28. August der Besuch des vatikanischen Aussenministers Paul Richard Gallagher in Moskau. Gut einen Monat nach einem gleich langen Besuch in Kiew machte sich der erfahrene britische Diplomat das zur Maxime, was einst Papst Franziskus bereits postuliert hatte: «Kein Besuch in Kiew ohne einen Besuch in Moskau!»

Erstaunlich war, dass Russland sich überhaupt darauf einliess. Hatte doch Gallagher bei seinem Besuch in Kiew Mitte Juli keinen Zweifel an seiner Solidarität für die angegriffene Ukraine gelassen. Allerdings hatte er – so wie auch Papst Leo XIV. es seit einigen Wochen tut – auch von den zivilen Opfern in Russland gesprochen, die der Krieg inzwischen immer häufiger fordert.

Appell an beide Seiten

Dass selbst in diesem asymmetrischen Krieg sich am Ende beide Seiten bewegen müssen, wenn es Frieden geben soll, sprach Gallagher auch bei seinen Treffen in Moskau an. Dies brachte ihm von seinem russischen Gegenüber Sergej Lawrow ein Lob für die «ausgewogene» Haltung des Vatikans ein.

Ähnliches gilt für die Frage der Unterdrückung der russischen Sprache und des als moskautreu verschrienen Zweigs der orthodoxen Kirche in der Ukraine: Der Vatikangesandte versprach laut Lawrow, sich bei der Ukraine für die Menschenrechte und die religiösen Rechte einzusetzen.

Hinzu kommt der unermüdliche Einsatz des päpstlichen Sondergesandten, Kardinal Matteo Zuppi, und der vatikanischen Botschafter in Kiew und Moskau für den Austausch von Gefangenen und Gefallenen. Was der Vatikan hier geleistet hat und weiter leistet, bringt ihm auf beiden Seiten des Krieges grosse Sympathien ein.

Im Westen verankert, aber in keinem Bündnis

Dies alles, und die Tatsache, dass der Heilige Stuhl, obwohl «im Westen» gelegen und verankert, weder der EU noch der Nato noch sonst einem westlichen Bündnis angehört, ermöglicht ihm, Dinge «zu tun, die andere nicht tun», wie Gallagher später formulierte. Als einziger Aussenminister aus Westeuropa kann er nach Moskau reisen und mit Menschen wie Putins Chefberater Juri Uschakow sprechen, der auf der Sanktionsliste vieler westlicher Länder steht.

Und er muss keinen Aufschrei und keine Boykottdrohungen fürchten, wenn er – auf dem Umweg über die Türkei und durch den Luftraum von Belarus – nach Moskau fliegt. Wie wichtig dem russischen Regime das Treffen mit einem Staatsmann war, der nicht zu den «üblichen Verdächtigen» wie Chinas Xi, Nordkoreas Kim oder Belarus’ Lukaschenko gehört, zeigen die Bilder vom Treffen zwischen Lawrow und Gallagher im russischen Aussenministerium.

Grosser Bahnhof bei Lawrow

Immerhin zehn Funktionäre sassen da auf der russischen Seite der halb so grossen vatikanischen Delegation gegenüber. Und beim dazu gehörigen Pressestatement überliess Lawrow dem Gast aus Rom neun Minuten lang das letzte Wort, so dass dieser unwidersprochen in Gegenwart des wie üblich versteinert dreinblickenden Lawrow appellierte: «Um es klar zu sagen: Dieser Krieg muss enden.»

Der russische Aussenminister Sergej Lawrow
Der russische Aussenminister Sergej Lawrow

Seine Worte richtete Gallagher an Moskau und Kiew. Er machte in seinem Statement keinen Unterschied zwischen dem angreifenden Russland und der überfallenen Ukraine. Sowohl Lawrow als auch Gallagher bemühten sich später in Interviews gegenüber ihren jeweiligen Staatsmedien darum, noch einmal die Lufthoheit in der Letztdeutung des Geschehenen und des Gesagten für sich zu reklamieren.

Dabei wiegelte Lawrow ab, Gallagher habe im Grunde nur die bekannten Friedens-Slogans des Vatikans wiederholt. Wenn es wirklich nicht mehr war, fragt sich freilich, warum er dann mit so grossem Bahnhof in Moskau empfangen wurde.

Auch Russen sehnen sich nach Frieden

Eine andere Deutung legte Gallagher im Bilanzinterview mit «Vatican News» nach: Man habe jenen in Russland Mut machen wollen, die sich nach Frieden sehnen und daran erinnern wollen, dass alle Kriege am Ende doch durch Verhandlungen zum Frieden führen. Damit bot er sich und den Vatikan all jenen als Vermittler an, die insgeheim über ein Russland jenseits von Putin, Lawrow und Co nachdenken.

Wörtlich sagte er: «Wir sind nach Moskau gereist, um von Frieden zu sprechen und um jene zu ermutigen, die wegen des Krieges beunruhigt sind. Ihnen sagen wir: Habt Mut, schlagt den Weg des Friedens ein; habt die Hoffnung, an bessere Tage zu glauben.» Auch an den Westen mit seinen Sanktionen hatte er eine Botschaft. Der Vatikan lade alle «ein, zu überlegen, ob die bisher eingeschlagenen Strategien die Ergebnisse hervorbringen, die es braucht, um die Tragödie zu beenden».

Auch wenn Kiew sich vergangene Woche erneut für Friedensverhandlungen aussprach – an eine Wiederaufnahme der direkten Gespräche von Mai 2025 in Istanbul denkt der Kreml momentan nicht. Beide Kriegsparteien favorisieren offenbar weiter die USA als Vermittler. Und so stellte Gallagher fest: «Es scheint, als sei eine direkte Einbindung unserer diplomatischen Vertretungen nicht erwünscht.»

Clevere Medienstrategie des Vatikans

Ungewöhnlich war die Medienstrategie des Vatikans am Rande der Reise. Zwar gab es kaum «amtliche Mitteilungen». Doch Stefano Leszinsky, Osteuropa-Experte der Vatikan-Medien, begleitete Gallagher und berichtete täglich auf «Vatican News» ausführlich in Wort und Bild über die Schritte der Reise.

Daneben postete das vatikanische Staatssekretariat die entscheidenden Fotos und Stichworte auf seinem eigenen X-Account «Terza Loggia». Darunter war auch der Terminplan für die gesamte Reise, so dass die Tatsache der eintägigen Verspätung des Treffens mit Uschakow bekannt wurde. Auch der kommentarlose Handshake mit Putins aussenpolitischem Chefberater wurde auf diese Weise verbreitet – während sich Moskau zu dem Treffen ausschwieg.

Ein Besuch bei den Kriegsgefangenen?

Der russisch-orthodoxe Priester Walerian Dunin-Barkowski, Vorsitzender der deutschen Anti-Kriegs-Initiative «Friede Allen», machte darauf aufmerksam, dass Gallagher die russische Seite ohne Erfolg um die Erlaubnis gebeten habe, inhaftierte Ukrainer in Russland besuchen zu dürfen. Kardinal Zuppi konnte sich dagegen im Juli in der Ukraine ein Internierungslager für russische Kriegsgefangene anschauen.

Kardinal Matteo Zuppi
Kardinal Matteo Zuppi

Damals sagte er den festgehaltenen Soldaten, die für Russland in den Krieg zogen, er hoffe, sie könnten bald nach Hause zurückkehren. Und: «Der Papst betet für euch.» Zuppi wird diesen Monat auch in Russland erwartet. Die Frage ist, ob er dann auch zu ukrainischen Kriegsgefangenen gelassen wird.

Klare Aufgabenteilung beim Vatikan

«Während die russische Regierung die Rolle des Vatikans auf den humanitären Bereich beschränken möchte, zeigt der fünftägige Besuch Gallaghers in Moskau, dass der Vatikan sich nicht darauf beschränken lassen will», lautet das Fazit von Johannes Oeldemann. Der Theologe vom Paderborner Johann-Adam-Möhler-Institut für Ökumenik engagierte sich im deutsch-russischen «Petersburger Dialog» und koordinierte dessen «Arbeitsgruppe Kirchen» von 2007 bis zur Auflösung wegen des russischen Ukraine-Krieges 2022.

Es gibt Oeldemann zufolge auf vatikanischer Seite eine klare Aufgabenteilung: Kardinal Zuppi solle sich um Vermittlung im humanitären Bereich kümmern, Erzbischof Gallagher solle diplomatische Gesprächskanäle öffnen. Der Generalsekretär der Russischen Bischofskonferenz, Weihbischof Stephan Lipke, sieht Gallaghers Besuch in Moskau als «kleinen, aber wichtigen Schritt», wie er dem «KNA-Hintergrund» sagte. «Er zeigt, dass die weltweite Kirche sich für Russland interessiert; und er ermutigt uns, für den Frieden zu beten und zu arbeiten und uns einzubringen.»

Die Rolle der katholischen Minderheit

Gallagher hatte sich in seinem Pressestatement an der Seite von Lawrow für die katholische Minderheit in Russland stark gemacht. Es müsse «die uneingeschränkte Ausübung des Grundrechts auf Religionsfreiheit» gewährleistet werden, so der Erzbischof. Lipke räumt ein, dass die katholische Kirche in Russland mit Vorsicht agiere: «Es ist richtig, dass wir umsichtig vorgehen, um nicht zum Beispiel Abschiebungen von Priestern oder Ordensschwestern zu riskieren.»

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Trotzdem wolle man sich einbringen und Brücken bauen, wie es Papst Leo XIV. ihnen schon im Oktober 2025 in Rom gesagt habe. «Das können wir auch gut tun, denn wir haben den Reichtum, eine internationale Gemeinschaft zu sein, mit Gläubigen nicht nur aus den verschiedensten Völkern Russlands, sondern auch aus den unterschiedlichsten Ländern, von Ecuador bis zu den Philippinen und von Simbabwe bis Kanada», so Lipke. «Und daraus dürfen wir wohl etwas machen und uns konstruktiv einbringen.»

Dem Weihbischof zufolge gelingt das auch immer wieder. Als kleines Beispiel erzählt er von der Caritas in Nowosibirsk: «Sie hat über die Jahre gelernt zu fragen, was die Nöte sind und was die Menschen brauchen. Deshalb hat sie vor ein paar Jahren, neben allem anderen, ein Programm zur Begleitung der Verwandten von Demenzkranken gestartet. Nach einiger Zeit haben das dann kommunale Sozialarbeiter kopiert. Und das ist ja genau das, was wir uns wünschen.»

Interview mit Erzbischof Gallagher auf Vatican News (engl.)


Erzbischof Paul Richard Gallagher. | © KNA
4. September 2026 | 09:00
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