Allein mit dem Friedhofsgärtner am Grab
Keine Angehörigen, Freunde, Bekannte am Grab – wie oft kommt es vor, dass Menschen nur im Beisein eines Pfarrers oder einer Seelsorgerin und des Friedhofgärtners bestattet werden? Kath.ch hat bei katholischen Seelsorgenden in Zürich nachgefragt. Offenbar selten – trotzdem fänden sie die Begleitung durch Freiwillige sinnvoll. Bei den Reformierten gibt es das schon.
Barbara Ludwig
Marcel von Holzen ist Pfarrer in Zürich-Wipkingen. Bestattungen ohne trauernde Angehörige, Freunde oder Bekannte kämen sehr selten vor. «Das habe ich in den letzten 20 Jahren ein oder zwei Mal erlebt», sagt der Geistliche, der die Pfarrei Guthirt leitet.
Hin und wieder bekomme die Pfarrei einen Bestattungsauftrag vom Sozialamt, das Menschen betreut, die sehr isoliert und ohne familiäres Umfeld leben. In solchen Fällen nähmen manchmal zwei oder drei Bezugspersonen an der Beerdigung teil.
«Es war sehr intim, sehr persönlich und intensiv.»
An einen «Extremfall» vor zirka zehn Jahren kann sich von Holzen jedoch gut erinnern. Da sei er mit dem Bestattungsbeamten allein am Grab gestanden und habe das Grabritual gefeiert. «Es war sehr intim, sehr persönlich und intensiv», erzählt der Pfarrer.
Da sei man – anders als wenn noch ein Dutzend Trauernde da sind – ganz auf die verstorbene Person fokussiert. «Ich hatte das Gefühl, wir machen das, was wir immer machen, auch jetzt mit aller Sorgfalt.» Es gehe darum, Anteil zu nehmen, ob nun 100 Menschen anwesend seien oder nur der Friedhofsmitarbeiter und er.
Interessant fand von Holzen, wie Mitglieder der Gemeinde damals reagierten, als er ihnen von dem einsamen Begräbnis erzählte. Sie hätten es traurig gefunden und vorgeschlagen, eine Gruppe von Freiwilligen zu gründen, die in solchen Fällen zur Begleitung aufgeboten werden könnte. «Sie sagten: Wir würden doch als Pfarreimitglieder kommen und diesen Dienst der Nächstenliebe bieten», so der Pfarrer.
Reformierte Begleitgruppe stösst auf Interesse
In der reformierten Kirchgemeinde Zürich existiert seit Februar 2021 eine solche Begleitgruppe von Freiwilligen. Geleitet wird sie von Urs Niklaus. «Es ist in meinen Augen eine wichtige und solidarische kirchliche Gruppe, die still im Hintergrund wirkt beim Abschied von jenen, die einsam sterben», teilt der reformierte Pfarrer auf Anfrage mit. Pro Jahr wird sie zwei bis drei Mal aufgeboten.
Pfarrer von Holzen, der nun das erste Mal davon hört, sagt, er fände eine solche Begleitgruppe auch auf katholischer Seite sinnvoll. Eine offizielle katholische Freiwilligengruppe gibt es in den Kantonen Zürich und Glarus bislang tatsächlich nicht, wie Manuela Moser, Informationsbeauftragte des Generalvikars, auf Anfrage mitteilt. «Ob einzelne Pfarreien allerdings einen solchen Dienst anbieten, entzieht sich unserer Kenntnis, wäre aber durchaus möglich.»
Man nehme diesen Input jedenfalls auf, verspricht die Informationsbeauftragte. Von Holzen werde die Idee einer Begleitgruppe an der nächsten Dekanatssitzung der Zürcher Pfarreien einbringen, er sei dort für das Thema Beerdigungen zuständig. Auch Generalvikar Luis Varandas halte das Angebot der Reformierten für eine gute Sache, so Moser.
«Es war toll, wie der muslimische Friedhofgärtner mitgemacht hat.»
Daniela Scheidegger, Pfarreibeauftragte von St. Konrad in Zürich, ist seit 1988 in der Seelsorge tätig. Und sie macht die gleiche Erfahrung wie ihr Kollege von Holzen. Es komme sehr selten vor, dass sie Verstorbene ohne Angehörige beerdigt. Scheidegger erinnert sich an einen Fall, da sei das Sozialamt der einzige Kontakt gewesen. «Die Sozialarbeiterin hatte keine Ahnung, ob jemand zur Beisetzung kommen würde. Tatsächlich kam dann niemand. Und so war ich mit dem Friedhofsgärtner allein am Grab», erzählt Scheidegger.
Sie habe auf einige einleitende Elemente verzichtet, ansonsten das Grabritual aber wie üblich gestaltet. Es sei ihr wichtig gewesen, das «würdig» zu machen, so Scheidegger. «Und es war toll, wie der muslimische Friedhofsgärtner mitgemacht hat. Er hat zum Abschluss des Grabrituals gemeinsam mit mir das Vaterunser gebetet.» Im Normalfall beteiligten sich die Friedhofsgärtner nämlich nicht am Ritual.
Pfarreibeauftragte für ökumenische Begleitgruppe
Das einsame Begräbnis habe sie als «speziell» erlebt, berichtet die Pfarreibeauftragte weiter. Es habe sie bewegt und nachdenklich gemacht, dass es solch einsame Menschen gebe. Dies sei jedoch eine Realität unserer Gesellschaft, stellt Scheidegger fest.
Auch ihr gefällt die Idee einer Begleitgruppe, die für die Beisetzung von Verstorbenen ohne Angehörige aufgeboten werden kann. Allerdings schlägt sie vor, dass sich die Katholiken der reformierten Initiative anschliessen und nicht eine eigene Gruppe gründen. Eine ökumenische Begleitgruppe sollte es aus ihrer Sicht sein. Denn die Menschen, die bei einer Beisetzung zusammenkommen, seien jeweils konfessionell vollkommen gemischt, erklärt sie.
Immer mehr einsame Begräbnisse?
In der Stadt Zürich gibt es seit 2017 das literarische Projekt «Das Einsame Begräbnis». Seither begleiten Dichterinnen und Dichter die Beisetzung von Menschen, die keiner Religionsgemeinschaft angehören und weder bekannte Angehörige noch nahestehende Personen haben, mit eigens verfassten Gedichten.
Jährlich werden in Zürich im Rahmen dieser Zeremonie etwa fünf bis zehn Menschen im Gemeinschaftsgrab des Friedhofs Nordheim beigesetzt. Dies teilt Samuel Müller, Leiter Kompetenzzentrum des Bestattungs- und Friedhofamtes, auf Anfrage von kath.ch mit. Das Amt übernimmt in solchen Fällen die Organisation der Bestattung.
Daneben gebe es weitere Verstorbene ohne bekannte Angehörige oder nahestehende Personen, deren Bestattung das Amt unter Einbezug einer Kirchgemeinde oder Religionsgemeinschaft organisiere. Diese Fälle (siehe Beispiele im Artikel) würden statistisch nicht separat erfasst, erklärt Müller. Aus diesem Grund bleibt offen, wie viele es insgesamt sind und ob die Zahl von Menschen zunimmt, die in Abwesenheit von Verwandten, Freunden oder Bekannten beerdigt werden. (bal)
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