Grablichter und ein Grabgesteck stehen in der Dämmerung auf einem Friedhof.
Schweiz

«Trauer ist Liebe»: Wenn am 1. November der Friedhof zu einem Kraftort wird

Barbara Lehner (57) begleitet Menschen, die um Verstorbene trauern. Im Interview sagt die Theologin, warum Gräber wichtig sind für den Einzelnen und die Gemeinschaft, warum das Totengedenken vom 1. November wertvoll ist, und welche Aufgaben Trauernde zu bewältigen haben.

Barbara Ludwig

Ein Vater hat im Kanton Zürich vergeblich für eine längere Grabesruhe seiner Tochter gekämpft. Er sagte, das Grab sei ein ritueller Ort geblieben, an dem er mit seiner verstorbenen Tochter in Kontakt kommen konnte. Diese war schon über 20 Jahre tot. Können Sie das nachvollziehen?

Barbara Lehner*: Ja. Das Grab ist ein Begegnungsort und ein Ort der Gemeinschaft. Es kann ein Ort sein, wo Trauernde mit Verstorbenen ins Gespräch kommen. Aber es ist auch ein Ort, wo sie anderen Trauernden begegnen. Das Grab kann also ein wichtiger Ort sein für die Trauer und für Beziehungen, die weiter gelebt werden. Deshalb kann die Aufhebung eines Grabes nochmals einen grossen Schritt des Loslassens erfordern.

Was würden Sie dem Mann denn raten, um den Verlust des Grabes akzeptieren zu können?

Barbara Lehner, freischaffende Theologin.
Barbara Lehner, freischaffende Theologin.

Lehner: Ich würde ihm empfehlen, einen anderen Ort zu suchen, an dem er die Beziehung zur Tochter weiter leben kann. Das kann ein Ort in der Natur sein oder eine Bank im Garten. Möglich ist auch, zuhause einen Gedenkort zu gestalten, zum Beispiel mit einem Foto der Tochter. Wenn es ein Urnengrab war, könnte man die Urne heben und diese in einem eigens gestalteten Ritual in ein Gemeinschaftsgrab überführen. Ein solches Ritual habe ich bereits einmal gestaltet und durchgeführt.

Inwiefern sind Gräber auf dem Friedhof auch für das Kollektiv von Bedeutung?

Lehner: Sie sind wichtig, weil es öffentliche Gedenkorte sind. Wenn jemand einen Verstorbenen im eigenen Garten einäschert, schliesst er ganz viele Menschen aus. Die Gräber- und Friedhofskultur löst sich derzeit langsam auf. Damit geht etwas verloren. Gibt es kein Grab, fehlt Freunden, Nachbarinnen und Nachbarn oder Bekannten aus dem Arbeitsleben ein Ort des Gedenkens und der Trauer.

«Bräuchte es auch Zonen, in denen wir keine Toten wollen?»

Als mein Neffe mit 16 starb, wurden seine Kolleginnen und Kollegen nicht über den Ort der Bestattung informiert. Erst ein halbes Jahr später hat jemand ganz scheu nachgefragt, wo das Grab liege. Der Jugendliche war nämlich nicht an seinem Wohnort bestattet worden, sondern dort, wo sich die Gräber seiner Grosseltern befinden. Für die jungen Menschen war es aber sehr wichtig, einen Ort aufsuchen zu können, wo die Trauer einen Platz hat.

Allerdings wollen heute manche Menschen nicht beerdigt werden, sondern ihre Asche in der Natur oder im Wasser zerstreuen lassen. Da fehlt dann dieser konkrete physische Ort.

Lehner: Es gibt schon einen Ort. Vielleicht ist es eine Bucht im Vierwaldstättersee oder ein Platz neben einem Baum in der Natur. Das kann sehr schön und stimmig sein. Es ist ein Ausdruck der Individualisierung unserer Gesellschaft. Früher gab es den Ort der Toten, nämlich den Friedhof, und den Ort der Lebenden ausserhalb dieser Stätte. Diese klare Trennung gibt es heute nicht mehr – und das ist etwas, das mich doch beschäftigt. Wir sollten uns überlegen, was mit uns als Gesellschaft passiert, wenn wir das so vermischen, wenn plötzlich überall in der Natur kleine Gedenkstätten verstorbener Menschen entstehen. Wollen wir das? Oder gibt es auch Grenzen? Bräuchte es auch Zonen, in denen wir keine Toten wollen?

In der Schweiz ist es erlaubt, die Urne zuhause aufzustellen und nicht zu bestatten. Was halten Sie davon?

Lehner: Tatsächlich kommt es heute immer häufiger vor, dass die Urne zuhause bleibt – auch über längere Zeit. Ist es nur vorübergehend, weil zum Beispiel noch Formalitäten zu klären sind, kann ich das nachvollziehen. Als Dauerzustand finde ich es problematisch. Da wird ein Prozess nicht abgeschlossen. Die Bestattung ist ein wichtiger Teil im Trauerprozess, weil es darum geht, die Verbundenheit über den Tod hinaus auf eine neue Weise zu leben und gleichzeitig den Verstorbenen seinen Weg gehen zu lassen. Dadurch kann man auch Raum gewinnen für das eigene Weiterleben.

«Das Abschiednehmen hat eine Parallele zur Geburt.»

Vielleicht denken manche Leute, zu einem späteren Zeitpunkt falle ihnen der Abschied leichter.

Lehner: Diese Ansicht teile ich nicht. Das Abschiednehmen hat eine Parallele zur Geburt. In der ersten Zeit nach der Geburt bekommt die Mutter die Energie, Dinge zu erledigen und anzupacken, die später viel mehr Kraft bräuchten. Viele Trauernde sagen später: «Ich weiss nicht, wie ich die erste Zeit geschafft habe, aber ich könnte das jetzt nicht mehr.» Hinzu kommt, dass man in den ersten Tagen und Wochen auf die Unterstützung des Umfelds zählen kann. Nach vier oder sechs Monaten sind Freunde und Bekannte jedoch bereits an einem anderen Punkt. Es wird deshalb schwieriger, bei ihnen Unterstützung zu holen.

«Die Verstorbenen sind in einer Gemeinschaft aufgehoben – das wird an den vielen Lichtern sichtbar.»

In katholischen Gegenden gibt es am Nachmittag des 1. November ein Totengedenken mit Gräberbesuch auf dem Friedhof. Inwiefern kann dieses Ritual eine Rolle beim Trauern spielen?

Lehner: Das ist ein sehr wertvolles Ritual. Damit gibt es im gesamten Jahreszyklus einen Tag, der für die Verstorbenen, für die Beziehung zu ihnen und für das Thema Endlichkeit reserviert ist. Wenn man im Wallis am Abend des 1. Novembers auf den Friedhof geht, und es schon eindunkelt, ist es wie ein Lichtermeer – all die brennenden Kerzen auf den Gräbern. Das ist total schön. Da merkt man, wie wichtig und wertvoll die Verbindung zu den Verstorbenen und das Nichtvergessen der Verstorbenen ist. Die Verstorbenen sind in einer Gemeinschaft aufgehoben – das wird an den vielen Lichtern sichtbar. Aber auch die Lebenden: Wenn man an diesem Tag auf den Friedhof geht, ist man eingewoben in eine Gemeinschaft von Menschen, die auch jemanden verloren haben. Da wird der Friedhof zu einem Kraftort.

Sie begleiten Trauernde im Rahmen von Seminaren. Warum ist es wichtig, um Verstorbene zu trauern?

Lehner: Das ist sehr wichtig. Der Verlust eines nahen Menschen ist ein Ereignis, das uns tief prägt. Trauer ist Liebe. Und es ist wichtig, der Trauer Ausdruck zu geben. Die Verbindung zu den Verstorbenen darf weitergehen. Der Verlust eines nahen Menschen ist auch Teil der eigenen Lebensgeschichte. Darüber hinwegzugehen würde bedeuten, ein Stück davon abzuschneiden.

Grablichter
Grablichter

Trauer ist Liebe, sagen Sie. Warum?

Lehner: Die andere Seite der Trauer ist die Liebe. Wenn ich mit jemand nicht tief verbunden wäre, würde mich ja die Lücke, die durch seinen Tod entsteht, nicht schmerzen.

Man spricht auch von Phasen der Trauer. Das suggeriert, dass es für alle Menschen einen optimalen Ablauf von Trauer gibt. Ist da was dran?

Lehner: Ich bin kein Fan von Phasen-Modellen. Phasen-Modelle geben ein Stück weit den Weg vor und vermitteln einem das Gefühl, dass man ohnmächtig der Trauer ausgesetzt ist. Jeder Mensch trauert individuell – je nach Persönlichkeit und Lebensgeschichte. Ich spreche lieber von Traueraufgaben. Es gibt bestimmte Themen, die für Trauernde immer wieder wichtig sind. Und es ist gut für Menschen, die sie begleiten, und für Angehöre, davon zu wissen.

«Zu funktionieren und den Alltag zu überleben, ist eine Traueraufgabe.»

Was wären solche Aufgaben oder Themen?

Lehner: Zu funktionieren und den Alltag zu überleben, ist eine Traueraufgabe. Oder zu realisieren, dass der betreffende Mensch wirklich tot und der Verlust unumkehrbar ist. Auch mit unterschiedlichsten Gefühlen umgehen zu können, ist eine Traueraufgabe. Das geht von Wut über Neid bis zu Sehnsucht nach diesem Menschen.

Wichtig ist auch das Thema Veränderung: Es gibt Dinge im Alltag, die sich ändern oder die man verändern muss. Irgendwann muss man die Sachen des Verstorbenen wegräumen, überlegen, was man behalten möchte oder nicht. Der Verstorbene hat vielleicht verschiedene Aufgaben übernommen, die nun nicht mehr abgedeckt sind. Es kommt auch die Frage auf, wie einen der Verlust verändert, wie man ihn in die Lebensgeschichte einbetten und die Beziehung zu den Verstorbenen weiter leben kann. Dabei spielt der Friedhof für viele Menschen eine wichtige Rolle.

*Barbara Lehner (57) ist freischaffende Theologin und Inhaberin der Firma «Lebensgrund GmbH». Sie bietet zusammen mit Antoinette Brem unter anderem Trauerseminare für Betroffene  an und führt als Ritualbegleiterin Trauerrituale durch.


Grablichter und ein Grabgesteck stehen in der Dämmerung auf einem Friedhof. | © Julia Steinbrecht/KNA
1. November 2024 | 09:00
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