Eucharistiefeier © Barbara Fleischmann
Schweiz

Ist es okay, zur Messe zu gehen, wenn man zu spät kommt?: «Gottes Uhren ticken anders»

Das Phänomen ist so alt, wie es die Kirche gibt: Es gibt Menschen, die zu spät zum sonntäglichen Gottesdienst erscheinen. So manche Kirchgängerin und mancher Kirchgänger kann sich dadurch gestört fühlen. Priester nehmen es in Zeiten von Gläubigenschwund indes eher gelassen. Nach dem Motto: Wer zur Messe erscheint, ist willkommen.

Wolfgang Holz

«Schon war jeder Betstuhl besetzt; und als auch die Gänge zwischen den Betstühlen mit Menschen vollgepfropft waren, mussten jene, die zu spät kamen, in der Torhalle bleiben und draussen auf dem Friedhof stehen. Mancher kam wohl gerne zu spät, denn draussen in der linden Wintersonne war’s gemütlicher als in der dumpfen, kalten Kirche. Und da wurde gezischelt und gelacht, während die sanfte Predigt, die der hochwürdige Herr Felician seinen ›Andächtigen in Christo‹ hielt, kaum noch vernehmlich heraustönte durch das offene Kirchentor.»

Schon in seinem legendären Jahrhundertroman «Der Dorfapostel», der 1900 erschien, kannte der bayerische Heimatromanschriftsteller Ludwig Ganghofer das Phänomen von Kirchgängerinnen und Kirchgängern, die zu spät zur Messe auftauchen.

Früher waren die Kirchen noch proppenvoll

Damals waren die Kirchen am Sonntag allerdings noch proppenvoll, und es fiel besonders auf, wenn jemand zu spät kam und möglicherweise nach einer freien Kirchenbank suchen musste. Auch heute, in Zeiten von oft immer leereren Kirchen am Sonntag, gibt es noch Gläubige, die in Gottesdiensten zu spät kommen – selbst, wenn es sich um Messen handelt, die nicht in aller Herrgottsfrüh stattfinden.

Kurioserweise, wie man anhand von eigenen Gottesdienstbesuchen feststellen kann, handelt es sich nicht selten um die stets gleichen «Zuspätkommerinnen» und «Zuspätkommer», die meist leise plötzlich neben einem in der Kirchenbank stehen.

Gewissensbisse wegen Zuspätkommens

Dabei gibt es Gläubige, die offenbar Gewissensbisse plagen, wenn sie zu spät zum Gottesdienst erscheinen. «Ist es okay, zur Messe zu gehen, auch wenn man zu spät kommt und/oder früher gehen muss? Oder ist das so respektlos, dass man es gleich ganz lassen kann?», fragt eine Gläubige auf «Reddit», einem Online-Portal für «Catholic Women».

Diakon Stefan Staub
Diakon Stefan Staub

«Es ist besser, überhaupt zur Messe zu gehen, als zu schwänzen!!! Auf jeden Fall, wenn die Wahl zwischen zu spät kommen/früh gehen und gar nicht hingehen besteht, ist es immer besser, hinzugehen!», antwortet eine verständnisvolle Katholikin der besorgten Zuspätkommerin «Trotzdem solltest du wenigstens für die Predigt und die Eucharistiefeier da sein. Die Lesungen sind wichtig, aber im schlimmsten Fall könntest du die Lesungen des Tages selbst lesen.» 

«Die Messe ist ein Fest»

Eine andere Gläubige findet, dass es keine Sünde sei, zu spät zum Gottesdienst zu kommen, wenn man durch unvorhergesehene Umstände aufgehalten worden sei. «Die Messe ist ein Fest, und man sollte nicht pharisäisch die Pflicht über den Wunsch, daran teilzunehmen, stellen. Das heisst: Zum Sonntagsmesse sollte man wirklich da sein wollen, anstatt die Konsequenzen des Fernbleibens zu negieren.»

Eine andere Stimme dagegen findet kritisch: «Wenn es zu einem Verhaltensmuster geworden ist, zu spät in die Messe zu kommen, ist es eine andere Sache. Du musst dir die Gründe ansehen. Wenn sie nichtig sind, dann ist es irgendwann respektlos.»

4’300 Eucharistiefeiern pro Woche in der Schweiz

Eigentlich gibt es nicht unbedingt triftige Gründe, zu spät in die Kirche zu kommen. Oder gar die Messe zu verpassen. Laut SPI, dem Schweizerischen Pastoralsoziologischen Institut in St. Gallen, wird hierzulande nämlich in den Schweizer Pfarreien jede Woche über 4300 Mal Eucharistie gefeiert – davon rund 1900 Messen allein am Sonntag (inklusive Samstagabend). Hinzu kommen am Sonntag rund 350 Wortgottesfeiern, welche nicht durch einen Priester, sondern von Seelsorgenden oder Diakonen geleitet werden.

Zudem läuten die Kirchenglocken vor jedem Gottesdienst einige Minuten lang. Damit soll die Gemeinde zum Gottesdienst zusammengerufen werden. Eine Tradition, die auf Zeiten zurückgeht, als es noch keine Armbanduhren und digitale Gedächtnisstützen gab – und die auch weit zu hören ist.

«Das Phänomen kenne ich zumindest nicht so, dass es störend wäre.»

Aber wie empfinden eigentlich Priester und Seelsorgende die Zuspätkommenden in Gottesdiensten? Nicht alle von kath.ch angefragten Geistlichen antworten auf diese Frage. Stefan Staub, Diakon im appenzellischen Teufen, scheint sich jedenfalls noch nie von Personen, die zu spät kommen, in der Messe gestört gefühlt zu haben, wie er gegenüber kath.ch bemerkt.

«Das Phänomen kenne ich zumindest nicht so, dass es störend wäre. Es ist mir noch nie aufgefallen, dass jemand zu spät und vor allem mit unliebsamen Nebengeräuschen in die Kirche gekommen ist, so dass es mir aufgefallen wäre», so Staub.

«Hauptsache, die Menschen kommen überhaupt noch in den Gottesdienst.»

Auch Mario Pinggera, Pfarrer in Richterswil/Samstagern, zeigt Verständnis für Personen, die es nicht immer pünktlich in den Gottesdienst schaffen. «Eigentlich sind es immer die Gleichen und lediglich Einzelfälle», meint er mit Milde gegenüber kath.ch. Darunter seien etwa Familien mit Kinder. «Bis die sich am Sonntagmorgen in die Messe sortiert haben, kann es eben eine kleine Weile dauern.» Er fühlt sich als Priester von solchen verspäteten Kirchgängerinnen und Kirchgängern jedenfalls nicht gestört.

Mario Pinggera ist Pfarrer in Richterswil.
Mario Pinggera ist Pfarrer in Richterswil.

«Gottes Uhren ticken anders»

«In anderen Ländern wie Italien und Spanien stehen die Kirchentüren während den Gottesdiensten stets offen, und es herrscht ein ständiges Kommen und Gehen von Gläubigen», erzählt Pinggera, der zum Zeitpunkt des Gesprächs mit kath.ch gerade mit dem Motorrad in «Bella Italia» unterwegs ist. «Ich möchte über solche Gläubigen wegen ihrer Verspätung nicht den Stab brechen», bekennt er. «Zumal Gottes Uhren anders ticken, und es um Liebe und Geborgenheit in der Kirche geht. Hauptsache, die Menschen kommen überhaupt noch in den Gottesdienst», versichert Pinggera.

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Eucharistiefeier © Barbara Fleischmann
21. August 2026 | 12:00
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