«Wenn Weihrauch ganz fehlt, geht Liturgie die Dimension der Sinnlichkeit verloren»
Neulich in Wien. Bei touristischen Besichtigungen von katholischen Kirchen fällt auf, wie Weihrauch geschwängert zahlreiche Kirchen sind – auch ausserhalb von Gottesdiensten. Man fühlt sich sofort geborgen im heiligen Ambiente der Gotteshäuser. Wer jeden Sonntag in der Deutschschweiz in die Kirche geht, weiss dagegen aus Erfahrung, dass Weihrauch zur Rarität geworden ist. Zur Präsenz und Absenz des sakralen Duftes.
Wolfgang Holz
Im Kloster scheint die Welt des Weihrauchs noch in Ordnung. «Bei uns im Kloster Engelberg wird auf jeden Fall Weihrauch regelmässig gebraucht», versichert Abt Christian Meyer gegenüber kath.ch.
Opferkult und Bild für aufsteigende Gebete
«Weihrauch gehört dazu und darum riecht, wer unsere Kirche betritt, immer die leicht mit Weihrauch geschwängerte Luft. Auf der Empore noch viel mehr. Weihrauch verleiht der Liturgie eine gewisse Mystik, erinnert an den Opferkult und ist ein Bild für die aufsteigenden unsichtbaren Gebete», erklärt Meyer die grosse Bedeutung des Weihrauchs für die Liturgie.
Aber wenn dem so ist: Warum fehlt Weihrauch immer häufiger in der sonntäglichen Liturgie? Als Gläubiger, der jeden Sonntag in die Kirche geht, sieht man das Weihrauchfass oft nur noch an Festtagen in den Händen der Seelsorgenden beziehungsweise von Ministrantinnen und Ministranten geschwungen. Stattdessen: Worte, Worte, Worte. Warum ist das so?
Problem: Übelkeit von Gläubigen
«An vielen Orten wird Weihrauch nicht mehr gebraucht, weil Gläubige wegen Übelkeit klagen», sagt der Abt. Hinzu komme, dass bei Festmessen häufig Sängerinnen und Sänger im Vorfeld schon klagen würden, dass ihre Stimme durch Weihrauch blockiert werde. «Mal schauen was passieren würde, wenn ich Trockeneis ins Weihrauchfass legen und damit in die Kirche einziehen würde», fragt er sich. «Nur schon dann, auch wenn es kein Rauch ist, wird es gewissen Gläubigen unwohl.»
Dabei verfüge Weihrauch ja auch über eine «desinfizierende Note» und übe somit einen Einfluss auf die Gläubigen aus. «Denken wir nur an das grosse Weihrauchfass in Santiago de Compostela», sagt der Engelberger Abt. «Dieses wäre also durchaus, massvoll angewandt, für die Atemwege, gut.»
«Unkenntnis im Umgang mit Weihrauch»
Wenn Meyer Messen in anderen Pfarreien hält, hat er in gewissen Pfarreien, bei Firmungen etwa, Weihrauch im Gepäck, in gewissen nicht. «Das kommt halt auch auf die örtliche Tradition an.» Nicht zuletzt gebe es Priester, die nicht wüssten, wie Weihrauch zu gebrauchen sei: «Es gibt dann nur Rauch, aber keinen Duft. Und dann wird auch die Kirche schneller russig.»
Szenenwechsel. Diakon Stefan Staub ist Seelsorger in der katholischen Pfarrei Teufen-Bühler- Stein in Appenzell Ausserrhoden. Er findet die Frage nach dem Weihrauch in heutigen Gottesdiensten sehr berechtigt. Er sieht für den reduzierten Gebrauch von Weihrauch in erster Linie praktische Gründe.
«In unserer modernen Kirche aus den 70er-Jahren kommt Weihrauch selten zum Einsatz – nicht, weil er ‹verboten› wäre, sondern aus sehr konkreten Gründen», so Staub gegenüber kath.ch.
«Kirche soll ein Raum sein, in dem sich alle wohlfühlen können – auch jene mit empfindlichen Atemwegen.»
«Unsere Kirche hat keine aktive Lüftung. Frische Luft entsteht im Wesentlichen durch geöffnete Fenster und Durchzug. Die Erfahrung zeigt: Mit dem Weihrauch, den wir bisher verwenden, bekommen manche Menschen Mühe – Atemnot, Schwindel oder sogar Übelkeit. Das nehme ich ernst. Kirche soll ein Raum sein, in dem sich alle wohlfühlen können – auch jene mit empfindlichen Atemwegen.»
«Weihrauch passt besser zu Barock»
Staub stellt aber auch fest, dass der Charakter des Kirchenraums nicht unbedingt zu Weihrauch passe. «Ein moderner Bau mit Beton und klaren Linien «trägt» Weihrauch anders, als ein barocker Raum mit Holz, Stucco, Gold und jahrhundertelangem sakralem Duft.» In einer Barockkirche wirke Weihrauch wie eine passende Sprache. In einem modernen Kirchenraum könne er – je nach Sorte und Menge – dagegen schneller «fremd» oder zu dominant wirken.
«Religiosität kommt nicht ohne Sinnlichkeit aus.»
Und dennoch bedauert es der Diakon, wenn Weihrauch in der Kirche fehlt. «Wenn Weihrauch ganz fehlt, geht der Liturgie eine Dimension verloren – nämlich die Dimension von Sinnlichkeit.» Und Sinnlichkeit sei für ihn ein wesentlicher Bestandteil der Liturgie. «Religiosität kommt nicht ohne Sinnlichkeit aus. Sie ist Trägerin von Emotionen. Weihrauch ist dabei nicht Dekoration, sondern etwas, das den ganzen Menschen anspricht, nicht nur den Kopf.»
Trotzdem: Wieder mehr Weihrauch einsetzen
Fürs neue Jahr nimmt sich Stefan Staub sogar konkret vor: «Ich will mich auf die Suche nach einem qualitativ wirklich guten und möglichst verträglichen Weihrauch machen und das Thema mit unserem liturgischen Team besprechen.» Ziel wäre es für ihn, «Weihrauch wieder bewusster und massvoll einzusetzen: weniger ‹Rauch›, dafür mehr ‹geweihte Atmosphäre› in guter Qualität – und so, dass es zur Architektur passt.»
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