Wie Pfarreipartnerschaften Weltkirche erlebbar machen
Sommerzeit ist Reisezeit. Viele Menschen zieht es ans Meer, in die Berge oder in ferne Länder. Doch manche Reisen führen nicht nur an einen anderen Ort, sondern auch zu einer anderen Sicht auf die Welt.
Sabine Zgraggen
Die Kirche entdeckte nach dem 2. Vatikanischen Konzil Weltkirche neu: Christinnen und Christen sollten erfahren, dass Kirche weit mehr ist als die eigene Pfarrei oder das eigene Land. Partnerschaften zwischen Gemeinden entstanden, um Solidarität, Begegnung und gegenseitiges Lernen zu fördern. Die Hochblüte lag zwischen den 1970er und 1990er Jahren.
Bis heute lassen schätzungsweise 500 aktive Partnerschaften auf katholischer Seite weltweite Solidarität gedeihen. Es fliessen auch beachtliche Hilfsmittel in diverse ärmere Regionen, um dort die wirtschaftliche Entwicklung voranzubringen.
Kampf gegen die Mafia
Seit über 36 Jahren besteht eine Pfarreipartnerschaft zwischen Thalwil am Zürichsee und Kalabrien in Süditalien.
Ausgangspunkt war Don Gregorio Montillo. Der aus Kalabrien stammende Mann studierte in Chur Theologie und wurde 1972 zum Priester geweiht. Nach Jahren in der Schweiz, unter anderem in Thalwil und Rüschlikon, kehrte er 1990 in seine Heimat zurück.
Kalabrien ist landschaftlich wunderschön, zeigt sich aber wirtschaftlich betrachtet in einem schlechten Licht: Die Löhne sind tief, die Arbeitslosigkeit sehr hoch. Wo es viel Armut gibt, wo sich Resignation ausbreitet, gewinnt die Mafia an Boden.
Neues Leben
Don Gregorio war nicht in seine alte Heimat zurückgekehrt, um sich zur Ruhe zu setzen. Er packte an und konnte sich dabei auch auf die Hilfe von Schweizer Katholikinnen und Katholiken verlassen. So konnte im Süden Europas neues Leben aufblühen. Davon durfte sich eine Reisegruppe aus der Schweiz vor Ort überzeugen.
Zu den eindrücklichsten Reiseerlebnissen dürfte ein Sonnenaufgang am Meer gehören. Während die Sonne langsam über dem Ionischen Meer aufstieg, feierten die Teilnehmenden Eucharistie am Strand. Himmel, Wasser und Gebet verbanden sich zu einer Erfahrung, die vielen noch lange in Erinnerung bleiben wird.
«Würde es die Feste der Kirche nicht geben, das kulturelle Leben in den Dörfern wäre tot», berichtet Don Gregorio, der bald 80 Jahre zählt. Stolz erzählt er, dass er mit Freiwilligen und Ordensleuten zusammen sieben grosse Gemeindeerneuerungen startete, und wie der christliche Zusammenhalt die Mafia zurückdrängte.
Auf der Suche nach Arbeit
Sehr bewegend war auch der Besuch der Kartause von Serra San Bruno. Hier wirkte der heilige Bruno, Gründer des Kartäuserordens, dessen Suche nach Stille und Gottesnähe bis heute Menschen inspiriert.
Besonders wertvoll waren jedoch die Begegnungen mit den Menschen vor Ort. Don Gregorios Herz wird schwer, wenn er an die Abwanderung Hunderttausender Junger aus Kalabrien denkt. Viele hat er persönlich durch die Erstkommunion hin zur Firmung geführt. Er kenne sie alle. Doch sie ziehen weg, weil es hier keine Zukunft gibt: «Zurück bleiben die Alten».
Brücken bauen
Die harte Arbeit auf den Feldern für die feinen italienischen Vorspeisen, werde heute meist von Migranten aus Afrika verrichtet. Don Gregorio spricht von ihnen mit grossem Respekt. Für drei Euro die Stunde müssten sie hart schuften, empört er sich: «Es ist eine Schande».
«Ohne ihre Arbeit würden viele landwirtschaftliche Betriebe längst nicht mehr funktionieren. Die Tomaten und Oliven, die selbstverständlich auf europäischen Tellern landen, werden von diesen Menschen geerntet, deren Lebensrealität kaum jemand wahrnimmt. Auch hier helfen die Christinnen und Christen in den Pfarreien. Und es bewahrheitet sich einmal mehr, dass gerade diejenigen, die wenig haben, grosszügig sind.
Darin liegt vielleicht die tiefere Bedeutung von Pfarreipartnerschaften. Sie sind weit mehr als wirtschaftliche Fördermassnahme oder Solidaritätsprojekt. Sie ermöglichen Begegnungen mit Menschen, die anders leben, aber ähnliche Hoffnungen und Sorgen haben. Sie schaffen Verständnis für gesellschaftliche Zusammenhänge und machen erfahrbar, was mit dem Begriff «Weltkirche» eigentlich gemeint ist. Glaube kann Brücken bauen – zwischen Nord und Süd, zwischen Generationen und Kulturen.
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