Habermas und die Theologie
Ein deutscher Philosoph von Weltrang ist nicht mehr: Jürgen Habermas ist am vergangenen Wochenende im Alter von 96 Jahren gestorben. In seinem Alterswerk spielt Religion eine zentrale Rolle. Fromm ist Habermas zwar nicht geworden. Er hat aber erkannt, dass Vernunft allein nicht genügt, um die Weltprobleme zu lösen. Mit seiner Kritik an der gesellschaftlichen Tendenz zur Vergegenständlichung bietet er wertvolle Ansatzpunkte für eine zeitgemässe Theologie.
Francesco Papagni
Mit dem Tod von Jürgen Habermas verliert die Welt einen ihrer bedeutendsten Denker. Der Frankfurter Soziologe und Philosoph hat während Jahrzehnten im deutschsprachigen Raum und darüber hinaus Debatten angetrieben. Er war ein hoch geachteter Wissenschafter, aber er war auch das, was im englischsprachigen Raum »public intellectual» genannt wird: Einer, der öffentliche Diskussionen initiiert und sich diesen auch aussetzt.
Ein distanziertes Verhältnis
Seine Beziehung zur Theologie war lange distanziert. Im Zuge der Veröffentlichung seines ersten Hauptwerks «Theorie des kommunikativen Handelns», welche eine Theorie verständigungsorientierter Vernunft entwickelt, die in einem «herrschaftsfreien Diskurs» zur Geltung kommen soll, gab es einen Austausch auf Distanz mit dem katholischen Theologen Johann Baptist Metz.
Metz fragte Habermas, wo denn die Toten in der Kommunikationsgemeinschaft ihren Platz hätten. Die Frage ist nicht so weit hergeholt, wie es auf den ersten Blick erscheinen mag. Hinter dem Einwand von Metz steht ein deutsch-jüdischer Denker, der für beide wichtig war: Walter Benjamin. Es ist seine 1940 verfasste Schrift «Über den Begriff der Geschichte», die nach der Gerechtigkeit für die Opfer der Geschichte fragt.
Habermas konnte als säkularer Philosoph keine Antwort im Rahmen seiner damaligen Philosophie liefern. Später jedoch sprach er von der «rettenden Erinnerung», möglicherweise eine Konsequenz dieser Diskussion.
Selbstzweifel
Die Rede zum Friedenspreis des deutschen Buchhandels unmittelbar nach dem Terroranschlag des 11. September 2001, der die New Yorker Zwillingstürme und das Pentagon traf, brachte die Wende. Er, der auch schon von Religion als «opaker Form des Denkens» gesprochen hatte und der gut kantisch die Aufgabe der Philosophie darin sah, den rationalen Kern von Religion in säkulare Sprache zu übersetzen, äusserte nun Zweifel an seinem eigenen Programm.
Vielleicht ginge bei dieser Übersetzung etwas – «vielleicht das Wesentliche» – verloren. Hoffnung ist mehr als Zuversicht, Nächstenliebe mehr als Solidarität, Heilsgeschichte etwas anderes als Fortschritt, so erkannte Habermas.
Münchner Spitzentreffen
Wenige Jahre später, nämlich am 19. Januar 2004 trifft sich Jürgen Habermas mit Kardinal Josef Ratzinger zum Gespräch in der Katholischen Akademie in München. Thema waren die «vorpolitischen moralischen Grundlagen des freiheitlichen Staates».
Die intellektuelle Welt staunte. Was machte Ratzinger für Habermas als Diskussionspartner interessant? Drei Gründe entdeckte vor Jahren der emeritierte Luzerner Professor für Fundamentaltheologie Edmund Arens: Der katholische Universalismus, dessen praktischer Gegenpart die weltumspannende Präsenz der katholischen Kirche ist. Die katholische Soziallehre, die eine normative Gesellschaftstheorie darstellt wie auch Habermas selbst eine entworfen hat. Und der starke Vernunftbegriff, der namentlich nach thomistischer Lehre alle Menschen einschliesst und es ihnen ermöglicht, auch ohne Kenntnis der Offenbarung zur Idee des einen Gottes zu gelangen.
Ein spätes Hauptwerk
Das Münchner Spitzentreffen hatte keine unmittelbaren Folgen, das Thema Religion hat den nach eigener Aussage «religiös unmusikalischen» Denker aber nicht mehr losgelassen. 2019 folgte der Donnerschlag: Der damals schon Neunzigjährige veröffentlicht das 1750-seitige Werk «Auch eine Geschichte der Philosophie».
Es rekonstruiert den geistigen Weg des Westens von der Prähistorie bis zur Gegenwart. Religion spielt darin eine zentrale Rolle. Habermas unterteilt diese Geschichte in drei Epochen: das Zeitalter des Mythos, dasjenige des Weltbildes und die Neuzeit, die er als das «postmetaphysische Zeitalter» bezeichnet. Dieses wird durch die «Entkoppelung von Glauben und Wissen» durch Martin Luther eingeläutet.
Die Neuzeit wird durch Veränderungen in den Sphären der Religion und des Rechts ausgelöst, nicht etwa durch die Entstehung der modernen Naturwissenschaft. So sehr Habermas hier der Religion Tribut zollt, so bleiben es doch historische Meriten, die der Religion, eigentlich dem Christentum zugesprochen werden.
Religion als Rettungsanker der Vernunft?
In der Neuzeit zerbricht die Einheit von Glauben und Wissen, die das christliche Weltbild charakterisiert hatte, die Philosophie übernimmt die Aufgabe der Weltdeutung. Habermas vermeidet den Begriff Fortschritt tunlichst und spricht stattdessen von «Lernprozessen».
Ende gut, alles gut, so könnte man meinen. Wäre da nicht ein zehnseitiges Postscriptum, das der im Ganzen optimistischen Sicht eine ganz andere Note hinzufügt: Die von der Beziehung zur Religion befreite Vernunft gerät in Gefahr, sich gegen sich selbst zu richten.
Habermas deutet an, dass Religion Vernunft vor ihnen eigenen selbst-destruktiven Tendenzen bewahren kann, «aber nur eine Religion, die sich in der liturgischen Praxis einer Gemeinde von Gläubigen verkörpert.» Hier spielen zwei Motive zusammen: die «Dialektik der Aufklärung» seiner Lehrer Horkheimer und Adorno, die erkannten, dass Aufklärung kein linearer Prozess ist. Und die eigene, späte Erkenntnis, dass die Liturgie starke Ähnlichkeiten mit der kommunikativen Praxis hat.
Während unserem Zeitalter eine starke Tendenz zur Vergegenständlichung innewohnt, stellen kommunikative Praxis und Liturgie nicht-vergegenständlichende Weisen sozialen Seins dar. Sie sind Vollzüge, die sich nicht verdinglichen lassen und damit Bollwerke gegen diese fatale Tendenz.
Kein kognitiver Gehalt
«Alt, aber nicht fromm», betitelte der Metz-Schüler Edmund Arens eine Hommage an Jürgen Habermas, mit dem er in freundschaftlichem Austausch stand. Tatsächlich bleibt bei aller späten Hochschätzung einer bestimmten Form von Religion ein Punkt unverändert: Religion hat keinen kognitiven Gehalt, sprich: bietet keine Erkenntnisse.
Diese Verhältnisbestimmung kontrastiert mit der traditionell katholischen von Josef Ratzinger, der von der «weiten Vernunft» sprach, die Glaube einschliesst. Liturgie ist für Habermas demgegenüber das Nicht-Rationale, das auf eine geheime Weise die Vernunft speist. Für jemanden, der als Neomarxist angefangen hatte, ist das ein weiter Weg.
«Theologien oben ohne»
Habermas hat bis zuletzt geschrieben. Eine seiner allerletzten Wortmeldungen bildet ein Brief an seinen Schüler Thomas Schmidt, der in Schmidts Festschrift abgedruckt ist. Dabei geht er auf das Buch «Atheistisch Glauben» des lutherischen Theologen Hartmut von Sass ein, das Thema eines Gesprächs unter ihnen gewesen war. Von Sass will die Triade Glaube – Liebe – Hoffnung umkehren. Er propagiert Hoffnung als Haltung – eine Hoffnung, die nicht mehr durch einen Glauben an einen Retter getragen wird.
«Theologien oben ohne» war die spöttische Bemerkung, mit der Adorno diese Theologien ohne Gott quittierte, und Habermas zitiert das Bonmot seines Lehrers. Dann liefert er ein scharfsinniges Argument, wieso das nicht funktioniert: Von Sass «bürdet dem Begriff einer inhaltlich unbestimmten Hoffnung die Bedeutung einer ekstatischen Erfahrung auf, die einen religiösen Charakter behalten soll.
Aber wem könnte sie diesen Charakter verdanken, wenn nicht einer autobiografischen Erinnerung an die Hoffnungszustände einer einmal vitalen, inzwischen jedoch entglittenen, ‹gläubigen› Existenzweise, die auf die Konstellation von Glaube, Liebe und Hoffnung gegründet war.»
Es muss also eine Glaubensgemeinschaft geben oder gegeben haben, die den Sinn von Hoffnung verständlich gemacht hat, und man muss sich daran erinnern können, damit man überhaupt versteht, was Hoffnung meint.
Das würde aber den Kreis der Adressaten dieser Lehre «auf den Kreis ´letzter´ Christen einschränken, die unter dem Verlust ihres Glaubens leiden.» Hoffnung ohne Glauben an Gott hat keinen Bestand. Zudem ist den Universalisten Habermas, für den der Ritus, das Herzstück von heute relevanter Religion darstellt, ein solcher Ansatz schlicht uninteressant.
Habermas in Luzern
Die Wirkung insbesondere des späten Habermas wird sich erst mit den Jahren zeigen. Spätestens mit der nachdenklichen Friedenspreisrede und erst recht mit dem Gespräch in München ist Habermas zu einem Referenzpunkt für die Theologie geworden. Es ist aber sein monumentales, 2017 erschienenes Alterswerk, der ihn unumgänglich gemacht hat.
Eine erste systematische Rezeption hat «Auch eine Geschichte der Philosophie» in einem Buch des Luzerner Professors Adrian Loretan unter dem Titel «Der demokratische Rechtsstaat – eine Ideengeschichte» gefunden. Loretan will die Genese von Rechtsstaat und Demokratie oder, wie der Untertitel besagt, die «Rechtskultur des Westens und der Westkirche» rekonstruieren.
Seine These, dass diese so unwahrscheinlichen Errungenschaften von der mittelalterlichen Kanonistik grundgelegt worden sind, überschneidet sich mit der Habermasschen Sicht, die der Konstituierung der Kirche als Rechtskörper eine Vorreiterrolle in der europäischen Entwicklung zumisst.
Während aber der Philosoph die Neuzeit aus einem Bruch mit dem Spätmittelalter hervorgehen lässt, erkennt der Luzerner Kirchen- und Staatskirchenrechtler die Kontinuität der Rechtsentwicklung. Es ist die Spanische Spätscholastik, die das Bindeglied zwischen der Entstehung des Konzepts subjektiver Rechte und der neuzeitlichen Entwicklung hin zu Partizipation und Rechtssicherheit bildet.
Ausblick
Jürgen Habermas war als Philosoph und Soziologe immer auch Zeitdiagnostiker, der die «Pathologien der Moderne» aufdeckte. Die Kritik an der Tendenz zur Vergegenständlichung bildet das basso continuo des zweiten Bandes seines Alterswerks. Wenn Angestellte als «Humankapital» tituliert werden, werden Menschen zu Objekten gemacht.
Viele sprechen heute von sich selbst in der Beobachterperspektive und sagen «mein Körper», als wäre ihr Leib ein Gegenstand in der Welt. Das sind Anzeichen einer Selbstentfremdung, die die Kehrseite der gesellschaftlichen Tendenz zur Verdinglichung darstellt. Eine gesellschaftsrelevante Theologie, die die Pathologien unserer Zeit erfassen und kritisieren will, findet im habermas’schen Alterswerk viele Anknüpfungspunkte.
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