Kirchenbänke im Chorraum des Kölner Doms.
Gastkommentar

Warum werden die Kirchen immer leerer?

Die Säkularisierungstheorie besagt, dass Religion in der modernen Welt mit innerer Notwendigkeit schwindet. In den Sozialwissenschaften war diese Theorie bis in die 1980er Jahre Standard. Jörg Stolz hat sich ihrer in einem Interview kürzlich bedient, um die leeren Kirchen zu erklären. Heute gibt es jedoch starke Einwände gegen diesen Ansatz.

Francesco Papagni

Der Religionssoziologe Jörg Stolz, Professor in Lausanne, beschäftigte sich kürzlich in einem auf kath.ch publizierten Interview mit den Fragen, warum Kirchen immer leerer werden und warum Religion überhaupt an gesellschaftlicher Bedeutung verliert.

Die Antwort des Religionssoziologen: «Meine Erklärung lautet, dass die gesellschaftliche Entwicklung Innovationen hervorbringt, welche Religion immer weniger wichtig machen. Religion löst menschliche Probleme aller Art auf symbolische Weise. Durch gesellschaftlichen Fortschritt werden die Probleme aber oft technisch lösbar und so dem Feld der Religion entzogen.»

Implizite Annahmen

Stolz macht dabei implizite Annahmen: Erstens, dass Religion dazu da ist, «menschliche Probleme» zu lösen und zweitens, dass heute «Innovationen», namentlich solche technischer Art, diese Probleme effizienter lösen würden. Nun wird niemand leugnen wollen, dass es technische Innovationen gibt, die bestimmte Probleme lösen. Oft erzeugen diese Innovationen aber unbeabsichtigte Nebenwirkungen, die manchmal gravierend sind. Die Klimaerwärmung ist eine solche. Jörg Stolz behauptet, dass es ein Set an Problemen gibt, die von der Religion «symbolisch» gelöst wurden, während die Technik diese dann real gelöst hat.

Drei Menschheitsfragen

Von einer Innenperspektive aus betrachtet, ist Religion – die christliche zumal – nicht primär dazu da, Probleme zu lösen. Vielmehr versucht sie eine Antwort zu geben auf existentielle Fragen, die gerade nicht wissenschaftlich-technischer Natur sind. Eine Solche Frage ist die nach der Schuld, eine andere betrifft den Tod, eine dritte die andauernde Gewalt in der Welt.

Immanuel Kant, der Erzaufklärer, formulierte die drei wesentlichen Fragen des Menschen auf seine Weise: Was kann ich wissen? Was soll ich tun? Was darf ich hoffen? Keine dieser drei Fragen kann mit wissenschaftlich-technischen Mitteln beantwortet werden. Die erste fällt in den Bereich der Philosophie, die zweite in denjenigen der Philosophie und der Theologie, die dritte in denjenigen der Theologie.

Aus christlicher Perspektive geht es um diese Fragen, aber nicht nur: Es geht um Erfahrungen, um die Beziehung zum ganz Anderen, um eine Existenz, die nicht nur eine Dimension kennt.

Religion verschwindet mit Notwendigkeit

Jörg Stolz hängt einem Modell an, das Säkularisierungstheorie genannt wird und das bis in die 1980er Jahre hinein in den Sozialwissenschaften populär war. Diese Theorie besagt, dass mit der «Entzauberung» (Max Weber) der Welt die Religion gleich welcher Art schwindet. Das ist eine Art sozialer Gesetzmässigkeit.

Der Religionssoziologe José Casanova wies nun aber schon in den 1990er Jahren nach, dass es an ganz verschiedenen Orten zu einem Revival der Religion gekommen war. Das hätte es nach Theorie nicht geben dürfen. Heute sind wir mit Nachrichten aus Frankreich konfrontiert, die von einer stark steigenden Zahl an Taufwilligen berichten. Es handelt sich um einige Tausend, in absoluten Zahlen zugegebenermassen wenig, relativ zu den Taufwilligen früherer Jahre aber eine markante Steigerung quasi aus dem Nichts.  

Die Verheissung des Fortschritts

Der «Fortschritt», den Stolz anführt, war die grosse Verheissung der Neuzeit. René Descartes sah den Menschen als «maitre et possesseur de la nature», als Meister und Besitzer der Natur. Aber die Fortschrittsverheissung beinhaltete noch mehr: Der Mensch hätte den Krieg überwinden können durch «Handelsgeist», wie Kant meinte. Letztlich hätte Fortschritt durch Naturbeherrschung eine bessere Welt schaffen sollen.

Dieses Versprechen wirkt heute hohl. Das bedeutet nicht, dass es wissenschaftlich-technischen Fortschritt nicht gibt. Es bedeutet aber schon, dass die grossen Menschheitsfragen auf einer anderen Ebene angesiedelt sind.

Eine sozialwissenschaftliche Kritik

Hans Joas, einer der zurzeit hellsten Köpfe, argumentiert, dass das Heilige in der modernen Gesellschaft nicht verschwindet, vielmehr wandert. Galt den Menschen früher Gott als heilig, so ist es heute der Mensch selbst. «Sakralisierung der Person» lautet die Formel bei Joas.

Die enorme Bedeutung der Menschenrechte, die durch immer mehr Gruppenrechte wie beispielsweise Behindertenrechte oder Kinderrechte erweitert werden, ist ein Indiz dafür, dass etwas an der These dran ist. Religion würde in diesem Fall nicht verschwinden, sondern sich verwandeln. Damit leugnet Joas nicht, dass es Säkularisierungsphämomene gibt; er leugnet jedoch, dass wir uns auf dem Weg zu einer Welt ohne Religion befinden.

Stolz könnte mit seiner Definition der Religion als Gaube an eine übernatürliche Macht kontern. Wenn die Menschen an die Sakralität der Person glauben, wäre da nichts Übernatürliches mehr, also keine Religion.

Das Argument ist leicht zu entkräften. Die Unterscheidung natürlich/übernatürlich war eine Rückfallposition der Theologie im 19. Jahrhundert, um sich einen eigenen Zuständigkeitsbereich zu sichern. Diese Unterscheidung wurde dann von Karl Rahner als «Stockwerkdenken» kritisiert. Wie Gott nicht nur im Himmel ist, sondern überall, so ist auch Religion kein Bereich unter vielen – wenigstens aus der Perspektive religiöser Menschen.

Eine philosophische Kritik

Jürgen Habermas, der lange eine raffinierte Form der Säkularisierungstheorie vertreten hat, ist später ins Grübeln gekommen. Er, der den rationalen Kern der Religion in säkulare Sprache übersetzen und damit herkömmliche Religion überflüssig machen wollte, sagte in seiner Friedenspreisrede 2001, dass in dieser Übersetzung etwas, «vielleicht das Wesentliche», verloren gehen würde: Nächstenliebe ist mehr als Solidarität, Hoffnung mehr als Zuversicht, Heilsgeschichte etwas anderes als Fortschritt.

In seinem monumentalen Alterswerk «Auch eine Geschichte der Philosophie» (2019) schlägt er selbstkritische, gar kulturpessimistische Töne an. Die säkulare Moderne, so schreibt er, würde Gefahr laufen, «dem Sog zu einem transzendenzlosen Sein» nachzugeben und damit selbstdestruktiv zu werden.  Und er deutet an, dass nur Religion sie daran hindern kann. Aber nur eine Religion, «die sich in der liturgischen Praxis einer Gemeinde von Gläubigen verkörpert (…).» Hier spricht kein Theologe vielmehr der Bannerträger der säkularen Intelligenz, ein Parteigänger von Jürg Stolz.  

Und warum sind dann die Kirchen leer?

Es ist ein Fakt, dass viele aus den Kirchen austreten. Und von denen, die drin bleiben, engagieren sich vielleicht fünf Prozent in der einen oder anderen Weise. Die Frage der Bewertung dieses Phänomens ist auch eine Frage nach den Kriterien.

Es gab in Europa eine Zeit zwischen 1850-1950 zirka, wo die christlichen Kirchen die Mehrheit umfassten. Aber wie erreichten sie das? Wesentlich durch soziale Kontrolle. Zudem war das nur ein Jahrhundert in einer zweitausendjährigen Geschichte. Deswegen sollte man die Verhältnisse zwischen 1850 und 1950 nicht als Kriterium für heute verwenden. Jedenfalls ist ihnen nicht nachzutrauern.

Und was machen die Kirchen heute falsch? Die Säkularisierungstheorie wirkt für die Kirchen paradoxerweise entlastend: Wenn sich die Verweltlichung mit innerer Notwendigkeit vollzieht, ist nichts zu machen. Und doch gibt es Pfarreien, die blühen, und solche, die verdorrt sind. Kann die Säkularisierungstheorie das erklären?

Keine Angst vor der Minderheitsposition

Die grossen Menschheitsfragen können von den Wissenschaften nicht beantwortet werden, das ist auch nicht ihre Aufgabe. Die existentiellen Fragen werden heute durch die «Gesellschaft des Spektakels» (Guy Debord) verdeckt. Aber die erstaunliche Steigerung der Taufkandidaten in Frankreich ist ein Hinweis, dass das Spektakel schal geworden ist und das säkulare Versprechen eines immer besseren Lebens immer weniger überzeugt.

Die christliche Botschaft hat hingegen nichts von ihrer Anziehungskraft verloren. Die Kirchen müssen aber lernen, diese Botschaft in einer für heutige Menschen angemessenen Sprache zu verkünden. Christinnen und Christen bilden heute schon eine gesellschaftliche Minderheit. Aber wie Papst Benedikt XVI. sagte, haben Minderheiten in der Geschichte oft viel bewirkt.


Kirchenbänke im Chorraum des Kölner Doms. | © KNA
8. Februar 2026 | 17:00
Lesezeit : ca. 5  Min.
Teilen Sie diesen Artikel!