Ein phallisches Objekt des US-Künstlers Robert Gober, im Hintergrund zwei alte Meister.
Religion anders

Kuratierter Katholizismus: Queere Kunst trifft in Basel auf alte Meister

Eine kleine Ausstellung im Basler Kunstmuseum gibt Einblick in das Werk des US-Künstlers Robert Gober. Und in die Interpretation durch den Museumsleiter Josef Helfenstein. Das Resultat ist ein Dialog zwischen Gegenwart und Vergangenheit. Und eine Auseinandersetzung mit dem Katholizismus.

Annalena Müller

Josef Helfenstein, der Leiter des Basler Kunstmuseums, verspricht eine «transhistorische Ausstellung, die den Horizont erweitert». Dafür stellt er fünf Objekte des US-Künstlers Robert Gober in einen Dialog mit selten gezeigten Sammlungsstücken aus dem späten Mittelalter und der Renaissance. 

Werke des US-Künstlers Robert Gober im Kunstmuseum Basel.
Werke des US-Künstlers Robert Gober im Kunstmuseum Basel.

Das Ergebnis ist eine Auseinandersetzung mit Fragen zu Schuld, Leid und Religion. Die Antworten müssen die Besucherinnen und Besucher selbst finden. Hilfreich ist die Prämisse, die ein alter Artikel von René Ammann über Robert Gober verrät: Vom Katholizismus habe er «die Beschäftigung mit dem Körper und die theatralische Präsentation der Geheimnisse des Lebens» gelernt.

Entblösstes Beichtgeheimnis, verschlafener Mord

Der Ausstellungsraum ist kuratierte Konfrontation. Rechts vom Eingang steht ein offener Beichtstuhl. Die geschützte Intimität des Beichtgeheimnisses scheint entblösst. Links davon schaut eine Renaissance-Madonna mit Kind die Besuchenden streng an und verstärkt das Gefühl der emotionalen Nacktheit.

Im Hundekorb sind ein gelynchter schwarzer und ein friedlich schlafender weisser Mann zu sehen.
Im Hundekorb sind ein gelynchter schwarzer und ein friedlich schlafender weisser Mann zu sehen.

Auf der gegenüberliegenden Seite des Raums steht ein Hundekorb. Das Kissen zeigt das Bild eines gelynchten schwarzen und eines friedlich schlafenden weissen Mannes. Das Gefühl hier: Auch Schlafende sündigen. Über dem Korb hängt ein Bildnis des Martyriums des Heiligen Lazarus aus dem 16. Jahrhundert. 

Kinderbeine im Kamin

Hier kommt kein Wohlbefinden auf. Auch nicht beim Betrachten des Kamins. In ihm liegen Kinderbeine. Ein makabres Brandopfer. Ein künstliches Feuer lodert. Die Gitterstäbe des Kamins sind auseinandergebogen und erinnern an die Comiczeichnung eines Gefängnisausbruchs. 

Kinderbeine im Kamin – Objekt des US-Künstlers Robert Gober im Kunstmuseum Basel.
Kinderbeine im Kamin – Objekt des US-Künstlers Robert Gober im Kunstmuseum Basel.

Die Ausstellung setzt auf starke Emotionen. Am Telefon erklärt Josef Helfenstein (66), dass er den leerstehenden Raum genutzt habe, um Themen, die Gobers Arbeit prägen, ins Zentrum zu stellen. Und diese Themen habe er mit Stücken aus der Sammlung des Kunstmuseums unterstrichen, die nur selten gezeigt würden. Zentrales Thema sei Gobers Katholizismus.

Queerer Katholik

Die Auseinandersetzung mit Katholizismus, Tod und Queerness ist für Robert Gober (68) wichtig. Er wuchs in einer strengkatholischen Familie an der Ostküste auf und zog als junger Mann nach New York. 

Dieses Plakat ist Teil der Ausstellung "Take Care", die im Kunsthaus Zürich zu sehen war. Das Plakat war Teil einer "Stop Aids"-Kampagne des BAG.
Dieses Plakat ist Teil der Ausstellung "Take Care", die im Kunsthaus Zürich zu sehen war. Das Plakat war Teil einer "Stop Aids"-Kampagne des BAG.

In den 1980er-Jahren erschüttert ihn die Aids-Krise – Gober ist Teil der «gay community». Die erlebten und beobachteten sozialen, religiösen, aber auch rassistischen Ausgrenzungen in der amerikanischen Gesellschaft bewegen Gober und prägen sein Werk.

«100 Prozent Helfenstein»

Doch die Basler Ausstellung ist keine klassische Gober-Ausstellung. Tatsächlich sind nur fünf seiner Plastiken zu sehen. Die restlichen Werke sind «katholische Dialogpartner» aus der Kunstsammlung. 

Werke des US-Künstlers Robert Gober.
Werke des US-Künstlers Robert Gober.

Auf die Frage, ob die Ausstellung 50 Prozent Gober und 50 Prozent Helfenstein sei, antwortet der Kurator: «Gober findet sogar, dass sie 100 Prozent Helfenstein ist. Aber sie gefällt ihm. Er war vor zwei Wochen in Basel und hat sie sich angeschaut.»

Eine Kirche, die schläft, sündigt

Der Dialog von Mittelalter und zeitgenössischer Kunst ist ein Gewinn. Provoziert Helfenstein hier doch eine kritische, vielschichtige Auseinandersetzung mit Religion im Allgemeinen und dem Katholizismus im Besonderen. Dass Schlafende sündigen, das gilt auch für die Kirche von heute.

Die Ausstellung befindet sich im Untergeschoss des Neubaus des Basler Kunstmuseums. Sie ist bis zum 26. März zu sehen.


Ein phallisches Objekt des US-Künstlers Robert Gober, im Hintergrund zwei alte Meister. | © Max Ehrengruber
25. Februar 2023 | 16:07
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