Zoff in Hergiswil: Katholischer Kandidat wirbt mit reformiertem Pfarrer
Der katholische Kirchenrat von Hergiswil rechnete mit stillen Wahlen. Nun muss er sich einer Kampfwahl stellen. Auch der reformierte Pfarrer mischt sich in den katholischen Wahlkampf ein und ergreift einseitig Partei. Manche werten die Abstimmung als Richtungswahl zwischen dem alten und dem neuen Bistum Chur.
Thomas Vaszary
In Nidwalden sind wieder einmal die Kirchen los. Nach Penis-Affäre, der Diskussion über Beichte als Mittel gegen Porno-Sucht und dem «Buebetrickli» folgt nun der nächste Streich: Am Sonntag wählt das katholische Stimmvolk von Hergiswil an der Urne den Kirchenrat.
Leserbriefe, viele Wahlplakate
Wenige Stunden vor Eingabeschluss – als sich alle schon in stiller Wahl gewählt sahen – reichten Kritikerinnen und Kritiker des amtierenden Kirchenratspräsidenten Martin Dudle eine Gegenkandidatur ein. Und zwar den ehemaligen Schweizergardisten und Unternehmer Daniel Sarbach.
Für die Leserbriefspalten der «Nidwaldner Zeitung» ist das ein gefundenes Fressen. Und wer durchs Lopperdorf am Fusse des Pilatus am Vierwaldstättersee entlangfährt, sieht rechts und links viele Wahlplakate. Seit Wochen zieren ganzseitige Inserate die Lokalmedien und Gratis-Anzeiger.
Warum mischt sich der reformierte Pfarrer ein?
Unter die Wahlkämpfer haben sich auch der katholische Pfarrer von Hergiswil, Stephan Schonhardt, und sein reformierter Kollege Tobias Winkler gemischt. Sie ergreifen einseitig Partei für Kirchenratspräsident Martin Dudle-Ammann und die Kandidatin Mirjam Meyer-Wölkli.
Zwei mobile Plakatwände wurden wieder abmontiert, ein Plakat am Bahnhof von Hergiswil hängt aber nach wie vor. Dies wirft Fragen auf: Warum mischt sich ein reformierter Pfarrer in den katholischen Wahlkampf ein? Und überschreitet ein katholischer Pfarrer, der für pastorale Fragen zuständig ist, mit seinem Engagement im Wahlkampf nicht die Grenzen des dualen Systems?
Reformierter Pfarrer relativiert Aussagen
Der reformierte Pfarrer Tobias Winkler distanzierte sich zunächst von einem Wahlkampfplakat mit seinem Gesicht. Die Nutzung der Bilder im katholischen Wahlkampf «war mir nicht bewusst und darüber bin ich auch nicht glücklich», schrieb er zunächst. Er stehe auch mit dem Gegenkandidaten Daniel Sarbach in gutem Kontakt.
Später relativierte der reformierte Pfarrer jedoch seine Aussagen: «Der bestehende Kirchenrat unter Präsident Martin Dudle setzt sich intensiv für den von Pfarrer Stephan Schonhardt eingeschlagenen Weg ein. Die katholische Kirche Hergiswil entscheidet in der Wahl vom 15. Mai nicht nur über Personen, sondern auch über einen ökumenischen Weg, über eine erfolgreiche Zusammenarbeit. Dem reformierten Gemeindekreis Hergiswil kann deshalb die Entscheidung dieses Tages nicht gleichgültig sein.»
Martin Dudle: Reformierter Pfarrer hat Einverständnis gegeben
Das Einverständnis zur Verwendung eines gemeinsamen Fotos basiere auf diesem vertrauensvollen Einvernehmen. Dieses Foto werde zur Bewerbung von ökumenischen Aktivitäten weiterhin genutzt, da es unabhängig vom Wahlkampf gemacht worden sei, behauptet Tobias Winkler.
Wahlkämpfer Martin Dudle schreibt, das Bild sei im Zusammenhang mit ökumenischen Aktivitäten im Dorf entstanden: «Wir haben das Einverständnis des reformierten Pfarrers eingeholt für die Verwendung des Bildes.»
«Schonhardt ist in Hergiswil fehl am Platz»
Der reformierte Pfarrer Tobias Winkler ist seit 2021 im Amt. Seitdem hat es in Hergiswil neue ökumenische Gehversuche gegeben, etwa mit der Fastenwoche oder der gemeinsamen Osternachtfeier. Kritiker von Pfarrer Stephan Schonhardt kaufen ihm ein echtes ökumenisches Engagement allerdings nicht ab.
Werner Marti ist pensionierter Gemeindeschreiber von Hergiswil. Er wandte sich schon früh an den Kirchenrat und wollte die Wahl Schonhardts zum Pfarrer verhindern: «Schonhardt ist in Hergiswil fehl am Platz, er ist – biblisch gesprochen – ein Jünger Huonders.» Der Quereinsteiger aus Bayern mit Wirtschafts- und Marketingerfahrung wurde 2018 vom früheren Churer Bischof Vitus Huonder zum Priester geweiht.
Whisky-Degustations-Exerzitien
Gewisse Kritiker halten ihm durchaus zugute, dass er frische Ideen hat und mit unkonventionellen Mitteln versucht, die Gemeinde aufzurütteln. Daraus sind Angebote entstanden wie spezielle Eltern-Kind-Events, die Aktion «Volks-Chile» oder Whisky-Degustations-Exerzitien.
Doch ist in der Verpackung drin, was auf der Verpackung steht? Es sind vor allem inhaltliche Sorgen, welche manche Kirchenmitglieder umtreiben und auch bereits aus der Gemeinde in andere Kirchen getrieben haben.
Der Pfarrer hat Fans und Kritiker
Martin Dudle-Ammann findet, der Pfarrer habe sich gut eingelebt: «Pfarrer Schonhardt spürt die hiesigen Wünsche, aber auch Befindlichkeiten immer besser.» Schonhardt bestätigt dies und spricht von einer vorbildlichen Zusammenarbeit zwischen Kirchenrat und Pfarrer: «Dank dieser Kooperation konnten Baustellen der ersten Monate meiner Arbeit hier schnell in freundschaftlicher Tonalität aufgehoben werden», sagt Schonhardt.
Eduard und Agnes Müller aus Hergiswil sehen dies anders. Sie waren entsetzt, als sie die Antwort des Kirchenrates auf einen Brief von Werner Marti lasen. Marti hatte sich wochenlang vergeblich um ein Gespräch unter vier Augen mit Pfarrer Schonhardt bemüht und schliesslich seine Bedenken in einem Brief an den Kirchenrat konkretisiert.
Kündigungen im Kirchen-Team
Viele Kündigungen im Kirchen-Team, Beerdigungen, Querelen mit Kirchenchor, Samichlaus-Gesellschaft, Jodlerchor und Musikgesellschaft hätten Spuren hinterlassen, kritisierte Marti. In der sechsseitigen Antwort hält der Kirchenrat Marti Rechthaberei vor. Von einem selbsternanntem Richter ist die Rede, einem Tribunal. Die Flughöhe der Vorwürfe sei niedrig, schreibt der Kirchenrat.
Schonhardt habe in Hergiswil einen heftig unbestellten Garten übernommen. Das Kraut sei wahrhaftig in alle Richtungen geschossen. In vielen Bereichen sei das kirchliche Leben mehr «Hergiswilerisch» denn katholisch, kritisiert der Kirchenrat. Dabei war zu diesem Zeitpunkt Martin Dudle-Ammann bereits vier Jahre lang Kirchenratspräsident. Und: Auf die lange Liste der Kündigungen seit 2014 sind diesen Frühling zwei weitere Namen langjähriger Mitarbeiterinnen gerückt.
Gegenkandidat Daniel Sarbach: «Ich stehe auf der liberalen Seite der Kirche»
Pfarrei und Kirchgemeinde in Hergiswil kommen also nach wie vor nicht zur Ruhe. Was sagt der Herausforderer Daniel Sarbach? «Ich habe mich auf Wunsch von verschiedenen Hergiswilerinnen und Hergiswilern aufstellen lassen, weil ich eine demokratische Auswahl bieten möchte und keine stillen Wahlen. Allerdings spüre ich beim Amtsinhaber eine starke Betroffenheit. So habe ich beispielsweise nie gesagt, ich wolle Pfarrer Schonhardt absetzen. Ich schätze Schonhardt als Menschen, habe viele Anlässe besucht, sehe seine Talente und will ihn stärken», sagt Daniel Sarbach.
«Doch ich stehe auf der liberaleren Seite der Kirche und begrüsse den Wandel des neuen Bischofs Bonnemain sehr. Daher werde ich Toleranz und Respekt als wichtigen Grundsatz einfordern, wenn ich in den Kirchenrat oder gar ins Präsidium gewählt werden sollte. Meine Prioritäten sind klar: zuhören, Bedürfnisse abholen, vermitteln.»
Früher wurde die Ökumene nicht auf Wahlplakaten herbeibeschworen
Vor Ort ergibt sich der Eindruck: Am 15. Mai geht es auch um einen Richtungsentscheid. Kirchenratspräsident Martin Dudle-Ammann, Teile des Kirchenrats und Pfarrer Stephan Schonhardt stehen für einen konservativeren Kurs, für den auch die frühere Bistumsleitung mit Bischof Vitus Huonder und dem damaligen Generalvikar Martin Grichting steht.
Herausforderer Daniel Sarbach und Teile des Kirchenrates stehen für ein anderes Kirchenbild. Sie berufen sich auf Bischof Joseph Maria Bonnemain und frühere Zeiten in Hergiswil, wo die Ökumene ganz selbstverständlich gelebt wurde – und nicht auf Wahlplakaten herbeibeschworen werden musste.
Darf ein Pfarrer Wahlkampf machen?
Der Kirchenrechtler Urs Brosi möchte sich nicht zum Wahlkampf in Hergiswil äussern. Ganz allgemein sehe das Kirchenrecht vor, dass Kleriker sich politisch zurückhalten sollten: «In politischen Parteien und an der Leitung von Gewerkschaften dürfen sie nicht aktiv teilnehmen, ausser dies ist nach dem Urteil der zuständigen kirchlichen Autorität erforderlich, um die Rechte der Kirche zu schützen oder das allgemeine Wohl zu fördern», zitiert Brosi den entsprechenden Passus im Kirchenrecht.
Staatskirchenrechtlich gebe es keine Einschränkungen der individuellen Meinungsäusserungsfreiheit. «Auch kirchliche Mitarbeitende, auch Kleriker dürfen sich politisch positionieren», sagt Brosi. Er persönlich würde einem Pfarrer allerdings abraten, «sich öffentlich in einem Wahlkampf der eigenen Kirchgemeinde zu positionieren, solange sich die Situation normal gestaltet. Denn erstens gefährdet ein Pfarrer damit seine geistliche Funktion. Und zweitens kann es die zukünftige Zusammenarbeit belasten, wenn sein Favorit nicht gewählt wird.»
Eine Parteinahme sei dann gerechtfertigt, wenn eine Kandidatin oder ein Kandidat sich disqualifiziere «oder mit unredlichen Mitteln und Aussagen antritt. In diesem ausserordentlichen Fall sollte ein Kleriker um der Gerechtigkeit willen seine Position einbringen, da die Wahrheit und die Gerechtigkeit höher zu gewichten sind als die Eintracht.» (rr)
Hier geht es zur › Bestellung einzelner Beiträge von kath.ch.




