Martin Werlen
Rauchzeichen

Martin Werlen, Leo Schenker, Annalena Müller: Was diese Woche wichtig wird

Der frühere Abt von Einsiedeln, Martin Werlen, feiert heute seinen 60. Geburtstag. Der abgewählte Pfarrer Leo Schenker stellt sich der Kirchgemeindeversammlung. Die Historikerin Annalena Müller informiert über mächtige Äbtissinnen. Und der Streit in Näfels könnte am Samstag eskalieren.

Raphael Rauch

«Eine Kirche, in der alles klar ist, ist nicht katholisch.» Oder: «Gott ist ein Gott der Überraschungen.» Pointierte Sätze wie diese stammen von Martin Werlen, der heute seinen 60. Geburtstag feiert. Der ehemalige Abt des Klosters Einsiedeln verbringt seinen Geburtstag auswärts von seiner aktuellen Wirkungsstätte, der Propstei St. Gerold in Vorarlberg. Er ist nach wie vor ein gefragter Referent mit auswärtigen Verpflichtungen.

Schon vor zehn Jahren visionärer als viele heute

Vor dem Hintergrund des synodalen Prozesses lohnt sich eine Relektüre seiner wegweisenden Schrift «Miteinander die Glut unter der Asche entdecken». Vor zehn Jahren, noch unter Benedikt XVI., hat Martin Werlen für katholische Verhältnisse Visionäres eingefordert: mehr Dialog, mehr Menschenrechte, mehr Partizipation – auch bei Bischofsernennungen –, weniger Pflichtzölibat, mehr Frauen – auch als Priesterinnen.

Hans Küng (rechts) mit Martin Werlen
Hans Küng (rechts) mit Martin Werlen

Kurzum: Visionärer als so manches Papier zum synodalen Prozess, das zurzeit zirkuliert. Herzlichen Glückwunsch zum Geburtstag, @MoenchMartin! Ein Interview mit dem twitternden Benediktiner erscheint später auf kath.ch.

Stärken und Schwächen des dualen Systems

Das duale System in der Schweiz hat Stärken und Schwächen und sorgt immer wieder für Diskussionen. Am Freitag hat die Römisch-Katholische Zentralkonferenz der Schweiz (RKZ) in Näfels ihr 51-jähriges Bestehen mit den Bischöfen gefeiert. Anwesend war auch der Gesandte des Papstes für die Schweiz, Erzbischof Martin Krebs. 

Nuntius Martin Krebs scherzt mit Monika Rebhan Blättler (links) und Thomas Franck in Näfels.
Nuntius Martin Krebs scherzt mit Monika Rebhan Blättler (links) und Thomas Franck in Näfels.

Die Zeiten sind vorbei, in denen aus der Berner Nuntiatur die Vertreterinnen und Vertreter des dualen Systems mit dem Antichristen gleichgesetzt werden: Krebs’ Vorgänger Thomas Gullickson hatte auf Facebook aus dem «Hirschengraben 66» in Zürich auch mal den «Hirschengraben 666» gemacht. 

Leo Schenker kommt zur Kirchgemeindeversammlung

Die Stimmung in Näfels war bestens. Nichtdestotrotz rumort es nach wie vor immer wieder, wenn es um Konflikte zwischen weltlichem und kirchlichem Recht geht. Der Streit eskaliert zurzeit im Thurgau und in Glarus.

Leo Schenker
Leo Schenker

Am Donnerstag findet um 20 Uhr in Tobel TG die ordentliche Kirchgemeindeversammlung statt. Die spannendste Frage lautet: Wie verhält sich Leo Schenker? Der Priester wurde kürzlich abgewählt. Bislang machte Schenker keine Anstalten, die Abwahl zu akzeptieren. Gegenüber kath.ch bekräftigte er letzte Woche: «Ich möchte hier Pfarrer bleiben oder an einen anderen schönen Ort ziehen, zum Beispiel in eine Kaplanei aufs Land.» Wir werden berichten, wie sich Leo Schenker am Donnerstagabend verhält.

Zerstrittene Kirchgemeinde in Näfels

Während die Fronten im Thurgau relativ klar sind – Bischof und Kirchgemeinde versus Leo Schenker –, ist es in Näfels etwas komplizierter, schliesslich bekämpfen sich hier einzelne Körperschaftsmitglieder.

Stanislav Weglarzy, Pfarradministrator in Näfels GL
Stanislav Weglarzy, Pfarradministrator in Näfels GL

Pfarradministrator Stanislav Weglarzy hatte im Herbst angekündigt, nicht mehr mit der Präsidentin der Kirchgemeinde Daniela Gallati zusammenarbeiten zu wollen – allerdings ohne konkret zu werden. Der einzige, der einigermassen Klartext spricht, ist der Priester Kurt Vogt, der schon zu Zürcher Zeiten gerne Kritik an den Körperschaften übte.

Stanislav Weglarzy soll am Samstag zum Pfarrer gewählt werden

Letzte Woche gab die Kantonalkirche bekannt: Die gegen Daniela Gallatis Willen anberaumte ausserordentliche Versammlung am 2. April ist rechtlich unzulässig und damit abgesagt. 

Daniela Gallati-Landolt, Kirchgemeindepräsidentin Näfels GL
Daniela Gallati-Landolt, Kirchgemeindepräsidentin Näfels GL

Doch Gallatis Kollegen im Näfelser Kirchenrat sehen das anders: Aus ihrer Sicht findet die Sitzung am Samstag wie geplant statt. «Am Traktandum Wahl des Pfarradministrators Stanislav Weglarzy zum Pfarrer wird festgehalten», heisst es in einer Einladung, die kath.ch vorliegt.

Am Ende gibt es lauter Verliererinnen und Verlierer

Schon jetzt dürfte feststehen, dass dieser Konflikt am Ende viele Verliererinnen und Verlierer produzieren wird: Es gibt keine belastenden Fakten, dafür umso mehr Gerüchte und Schuldzuweisungen. Doch die Verlierer sitzen nicht nur in Näfels, sondern auch im Zürcher Generalvikariat und der Ombudsstelle, die wie schon öfter weder vermittelnd noch deeskalierend aufgefallen sind. Wir werden berichten.

RKZ-Präsidentin Renata Asal-Steger beim Kyrie in der Pfarrkirche Näfels GL.
RKZ-Präsidentin Renata Asal-Steger beim Kyrie in der Pfarrkirche Näfels GL.

Nun noch etwas Erfreuliches zum dualen System: Die Frage, welche Rolle Frauen in der Liturgie wahrnehmen sollen, ist auch in der Schweiz, wo es seit Jahrzehnten Lektorinnen gibt, immer wieder neu eine Herausforderung. Beim RKZ-Jubiläum in Näfels indes waren Frauen stark in die Liturgie eingebunden – da es keine Messe war, war das auch einfacher umzusetzen. (Nein, ich habe keine Alben vermisst.)

Frauen in der Liturgie – auch 2022 keinesfalls selbstverständlich

RKZ-Präsidentin Renata Asal-Steger, ihre Stellvertreterin Franziska Driessen-Reding und Sonia Wyss aus Neuenburg trugen Kyrie und Lesungen vor. Offenbar hat Bischof Felix Gmür dazugelernt: An der synodalen Versammlung in Basel gab es Frauen wie Helena Jeppesen, die weinen mussten: «Beim Hochgebet standen die Priester vorne am Altar und die nichtgeweihten Theologinnen und Theologen einen Schritt zurück. Ich war nicht die Einzige, die bei diesem starken Bild einer klerikal geprägten Kirche weinen musste.»

RKZ-Vizepräsidentin Franziska Driessen-Reding in der Pfarrkirche Näfels GL.
RKZ-Vizepräsidentin Franziska Driessen-Reding in der Pfarrkirche Näfels GL.

Eine Lernkurve in Sachen Frauen und Liturgie kann hingegen noch Bischof Joseph Maria Bonnemain hinlegen: Genau ein Jahr nach seiner Bischofsweihe, als Frauen zumindest mehrere Parts einnahmen, war davon nichts mehr zu spüren: An der Priesterweihe in Chur befanden sich nur Männer im Altarraum, Ministranten und Lektoren eingeschlossen. 

Sonja Wyss in der Pfarrkirche Näfels GL.
Sonja Wyss in der Pfarrkirche Näfels GL.

Frauenpower im Mittelalter

Die Trennung von Leitungs- und Weihevollmacht gehört zu den zentralen Anliegen des synodalen Prozesses. Auch die beschlossene Kurienreform geht in diese Richtung. Der Luzerner Kirchenrechtler Adrian Loretan vertritt gar die These, dass von Pfingsten an auch Frauen das mächtige Staatssekretariat leiten könnten.

Annalena Müller forscht an der Uni Freiburg.
Annalena Müller forscht an der Uni Freiburg.

Wem diese Deutung zu optimistisch ist: Die Kirchengeschichte kennt viele Beispiele, in denen Leitungs- und Weihevollmacht getrennt waren: «Die juristische Vollmacht war geschlechtsneutral, wenn man so will. Eine Äbtissin konnte Priester ernennen oder Richterin sein. Aber sie konnte keine Messe feiern, denn die Weihevollmacht war immer Männern vorbehalten. Und sie konnte auch keine Priester weihen», sagt die Historikerin Annalena Müller. Am Freitag erscheint ein Relaunch des Podcasts «Rauchzeichen» – in den nächsten Wochen tauchen wir in die Welt des Mittelalters ein und erzählen von mächtigen Frauen.

«Digital Religion(s) in Zürich»

Ebenfalls am Freitag stellt sich der Forschungsschwerpunkt «Digital Religion(s)» der Universität Zürich im «Museum für Gestaltung» vor. Die Forscherinnen und Forscher untersuchen Themen wie «Trauerpraktiken im Internet», «Digitale Beziehungen und lokale Religionsgemeinschaften» oder «Religion und der Digital Turn: Neue rechtliche Herausforderungen im Cyberspace».

Karin Iten und Stefan Loppacher arbeiteten zusammen als Präventionsbeauftragte des Bistums Chur.
Karin Iten und Stefan Loppacher arbeiteten zusammen als Präventionsbeauftragte des Bistums Chur.

Nächste Woche stehen zwei kirchenpolitisch brisante Termine an: der Start des Pilotprojekts zur Studie über «Missbrauchsfälle im Umfeld der katholischen Kirche Schweiz». Und die Präsentation des neuen Verhaltenskodex für das Bistum Chur. Was wird sonst wichtig? Ich freue mich auf Ihren Input an rauchzeichen@kath.ch.

Einen guten Start in die Woche wünscht Ihnen

Ihr

Raphael Rauch


Martin Werlen | © Franz Kälin
28. März 2022 | 05:00
Lesezeit : ca. 5  Min.
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