Franziska Driessen-Reding mit Papst Franziskus
Kommentar

Zum Weltfrauentag: Petrinisch, Marianisch – und den Frauen die Verwaltung?

Papst Franziskus sieht keinen Spielraum für das Frauenpriestertum. Er beruft sich dabei auf drei Dimensionen der Kirche: die petrinische, die marianische und die administrative. Aber das Lehramt für männlich zu erklären und nur die Verwaltung für Frauen zu öffnen, greift zu kurz. Auch theologisch.

Annalena Müller

In einem Interview mit dem «American Magazine» erläuterte Papst Franziskus letzten November, wieso Frauen nicht Priester werden können. Der Papst berief sich dabei auf theologische Prinzipien, die bis ins Mittelalter zurückreichen: das petrinische und das marianische Prinzip. Dazu kommt laut dem Papst noch ein drittes: das Verwaltungsprinzip. Letzteres könne für Frauen geöffnet werden. Anders gefragt: Männer predigen – und Frauen führen ihnen das Sekretariat?

Lehramt geschieht nicht in Interviews 

Das Interview des Papstes hat bei vielen Frauen Bauchschmerzen ausgelöst. Und beim Vorsitzenden der Deutschen Bischofskonferenz, Georg Bätzing. Bätzing wies vergangene Woche darauf hin, dass Lehramt nicht über Interviews erfolge. Dennoch handele es sich bei dem Gesagten um eine Zusammenfassung der Gründe, warum der Papst bei der Frage der Frauenordination keinen Spielraum sehe. 

Annalena Müller
Annalena Müller

Die vom Papst genannten Dimensionen petrinisch–marianisch sind nicht neu. Petrinisch steht dabei für das Amtsprinzip, marianisch für die Kirche als Ganzes. Problematisch ist die Vorstellung der Geschlechtlichkeit der ersten beiden Prinzipien und der geschlechtslosen Offenheit des dritten, also das der Verwaltung. 

Das petrinische und marianische Prinzip

Zusammengefasst kann man sagen: das petrinische Prinzip meint die Idee eines rein männlichen Priesteramtes. Die traditionelle Argumentation sagt, dass Jesus nur Männer als Apostel berufen hat. Neuere Erkenntnisse der Forschung wie die Junia-Debatte werden dabei nicht berücksichtigt.

Die Junia-Initiative kämpft für Geschlechtergerechtigkeit in der katholischen Kirche.
Die Junia-Initiative kämpft für Geschlechtergerechtigkeit in der katholischen Kirche.

Das marianische Prinzip hat seinen Ursprung in der Patristik und entwickelte sich im Laufe des Mittelalters stetig weiter. Besonders im 12. Jahrhundert etablierte sich die Idee von Maria als Lehrerin der Apostel, der «magistra apostolorum». Zentral hierfür waren unter anderem der Benediktiner Rupert von Deutz (+1129) und Bernard von Clairvaux (+1153). Von der Lehrerin der Apostel, der ersten Gemeinschaft, wurde Maria zur Personifizierung der Kirche.

Hans Urs von Balthasar und Marianismus

Der Schweizer Theologe Hans Urs von Balthasar (1905–1988) war ein Maria-Spezialist. Er schrieb in «Maria für Heute»: «Maria (ist) die «Mutter Kirche» und zugleich «Mutter der Kirche» – sie kann beides sein, weil sie unter dem Kreuz mit dem Liebesjünger zum Urbild, zur Urzelle der vom Gekreuzigten gestifteten Gemeinschaft wird und gleichzeitig den Apostel und in ihm alle Christen zu Kindern bekommt.»

Hans Urs von Balthasar
Hans Urs von Balthasar

Laut von Balthasar waren alle Figuren, die Jesus in seinem irdischen Leben umgaben, Personifizierungen kirchlicher Aufgaben. So repräsentiert Johannes die Liebe, Paulus die Neuheit im Geist und Jakobus die Tradition und Traditionstreue. Petrus repräsentiert die Leitung und das Amt. Und Maria die Kirche als Gesamtheit. 

Das nicht so neue Verwaltungsprinzip

In besagtem Interview hat Papst Franziskus die Administration als eine weitere Dimension benannt. Diese sei «keine theologische Sache». Auch weil sie nicht an biblische Figuren und an lange theologische Traditionen geknüpft ist. In der Verwaltung könne und müsse die Kirche Frauen daher mehr Raum geben. Neu ist dies allerdings nicht.

Bischofsvikar Hanspeter Wassmer und Regionalverantwortliche Edith Rey-Kühntopf
Bischofsvikar Hanspeter Wassmer und Regionalverantwortliche Edith Rey-Kühntopf

Tatsächlich ist eine von Weihe unabhängige Verwaltung in der Kirchengeschichte fest verankert. Bis zum Zweiten Vatikanischen Konzil (1962–1965) war es Frauen theoretisch möglich, qua Amt wichtige kirchliche Verwaltungs- und Führungsaufgaben auszuüben. 

Das gesamte Mittelalter und die Frühe Neuzeit hindurch haben sie dies auch praktisch getan. Man denke an Königinnen, die Klöster leiteten. Oder Äbtissinnen, die Synoden einberiefen und auch sonst umfangreiche Jurisdiktionen ausübten. Sie ernannten zum Beispiel Priester. Historisch gesehen ist die aktuelle Stimmlosigkeit der Frauen eine Anomalie. Ihr Ausschluss vom Priestertum hingegen nicht.

Eine hinkende Logik 1: Petrus war ein Mann, daher müssen Priester männlich sein

Trotzdem: Es greift zu kurz, sich alleine auf die Tradition zu berufen und zu argumentieren: «Weil es nie Priesterinnen gab, kann es auch nie welche geben!» Besonders, wenn man sich dabei auf die Männlichkeit des petrinischen Prinzips beruft. Also: weil Petrus ein Mann war, ist das petrinische Prinzip ein rein männliches. 

Bischof an Bischof - der Klerikalismus als Gefahr für die Kirche
Bischof an Bischof - der Klerikalismus als Gefahr für die Kirche

Dagegen kann man – zugegebenermassen leicht polemisch – einwenden: Maria war eine Frau. Das marianische Prinzip steht für die Kirche als Ganzes. Aber diese besteht nicht nur aus Frauen. Wenn also das marianische Prinzip nicht monogeschlechtlich weiblich ist, dann muss das petrinische nicht zwingend männlich sein. Die Gesetze der deduktiven Logik gelten nicht für ein Prinzip mehr als für ein anderes.

Eine hinkende Logik 2: Die Tradition fesselt

Ausserdem: Kirchendoktrin fusst nicht nur auf Tradition. Sie setzt sich aus mehreren Teilen zusammen – etwa der Heiligen Schrift, dem päpstlichen Lehramt und «loci alienti» – fremde Orte, wie zum Beispiel die «Zeichen der Zeit». Sich alleine auf die Tradition zu berufen, heisst, sich machtloser zu geben als man ist. Sowohl päpstliches Lehramt als auch die Bibel böten Handlungsspielräume für Neuerungen.

Theologen haben in diesem Kontext jüngst auf die Öffnung der Urkirche gegenüber Nichtjuden verwiesen. Um das Jahr 48 musste die Jerusalemer Urgemeinschaft entscheiden, ob sie sich für Nicht-Juden öffnen solle. Die Öffnung bedeutete einen radikalen Bruch mit der jüdischen Tradition. Denn das Judentum ist keine Missionsreligion. 

Im Dialog und unter Berücksichtigung der gesellschaftlichen und religiösen Gegebenheiten hat die Urgemeinschaft den Traditionsbruch gewagt. Ohne ihn wären die ersten Christinnen und Christen eine jüdische Sekte geblieben. Und das Christentum wäre nie eine Weltreligion geworden.

Frauenpriesteramt ist theologisch nicht ausgeschlossen

Kirche und Papst sind die Hände also weniger gefesselt, als es im Papst-Interview anklingt. Denn selbst für einen Bruch mit der Kirchentradition, was die Einführung des Frauenpriestertums ohne Frage wäre, gibt es ein biblisches Vorbild. 

Dorothee Becker leitet eine Kommunionfeier in der Kirche St. Franziskus, Riehen.
Dorothee Becker leitet eine Kommunionfeier in der Kirche St. Franziskus, Riehen.

Für die Legitimation einer solchen Neuerung müsste der Papst – nach Vorbild der Urchristinnen und Urchristen – in einen Dialog mit den Gläubigen treten. Die petrinische Kirche müsste den Schulterschluss mit der marianischen suchen. Der synodale Prozess ist hier der richtige Weg – vertritt er doch die Weltkirche. 

Wer Veränderungen ernst meint, der kann sich diesem Weg nicht a priori verschliessen. Noch viel weniger kann er behaupten, dass ihm die petrinische Tradition keinen Spielraum lasse. Theologisch ist das falsch, weil einseitig. Aber eben, Lehramt wird nicht im Interview gemacht. Und der synodale Prozess ist noch nicht abgeschlossen. 


Franziska Driessen-Reding mit Papst Franziskus | © Vatican Media
8. März 2023 | 13:24
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