Schweiz

«Eine Äbtissin konnte sogar Priester ernennen»

Mehr Macht den Frauen: Das fordern Ordensschwestern, die im Rahmen von «Voices of Faith» nach Rom pilgern. Im Mittelalter war so manche Äbtissin mächtiger als viele männliche Geistliche. Ausgerechnet das II. Vatikanische Konzil war für die Unabhängigkeit von Ordensschwestern fatal, sagt die Freiburger Historikerin Annalena Müller.

Raphael Rauch

Wie mächtig waren Klosterfrauen im Mittelalter?

Annalena Müller: Das kommt ganz auf das Kloster an und darauf, was man unter mächtig versteht. Wenn man mit Macht Einfluss, Gestaltungs- und Entscheidungsvollmachten meint, dann gab es sehr viele mächtige Klosterfrauen im Mittelalter, vor allem Äbtissinnen. Sie haben die Klöster nach innen und aussen geleitet.

War eine Äbtissin eine Art Aussenpolitikerin?

Annalena Müller

Müller: Sie war definitiv eine Politikerin, ja! Eine Äbtissin war nicht nur für ihre Mitschwestern verantwortlich, sondern hat Ländereien verwaltet, Steuern erhoben, Lehen vergeben und war Richterin über die weltlichen Leute, die dem Kloster unterstanden. Äbtissinnen haben sogar Priester ernannt – für die Pfarreien, die ihrem Kloster unterstanden. Einige Äbtissinnen herrschten als Stadtherrinnen.

Im Zwingli-Film ist eine mächtige Zürcher Äbtissin zu sehen. Film oder Wirklichkeit?

Müller: Die Äbtissin des Zürcher Fraumünster war im Mittelalter auch die Stadtherrin Zürichs. Wie ihre Kolleginnen in Quedlinburg und in Essen gehörte sie auch dem Reichsfürstenstand an und hatte somit einen Sitz und Stimmrecht im Reichstag – der Ständeversammlung des Heiligen Römischen Reichs.

Waren Äbtissinnen im deutschsprachigen Raum damit eine Ausnahme?

Müller: Nein! Die Äbtissin im französischen Fontevraud hat einen grossen Orden geleitet, ohne einer bischöflichen Kontrolle zu unterstehen. Über ihr war nur noch der Papst. Rom war weit weg, die Äbtissin konnte also sehr unabhängig schalten und walten. Und die Äbtissin von Soissons hatte, wie weltliche Fürsten, im Kriegsfall dem französischen König 100 Fusssoldaten zu stellen. Natürlich nicht aus den Reihen ihrer Nonnen, sondern untergebene Bauern. Diese Art von Macht war für mittelalterliche Äbtissinnen eher die Norm als die Ausnahme – in ganz Europa!

Konnten es Frauen im Mittelalter also ziemlich weit bringen?

Müller: Bestimmte Frauen schon. Wir müssen aber beachten, dass es sich bei den Beispielen um hochadelige Klöster handelt. Im Zürcher Fraumünster lebten im Schnitt nur elf Nonnen. Und um eine dieser Elf zu werden, musste man aus den entsprechenden Familien stammen. Als adelige Frau konnte man es im Mittelalter ziemlich weit bringen. Eine Bauerntochter hingegen wurde weder Nonne noch Äbtissin eines mächtigen Klosters.

Wenn eine Äbtissin sogar Priester einsetzen konnte: Hatte sie früher auch mehr Macht im religiösen Bereich als heute?

Müller: Einerseits definitiv, andererseits muss man hier unterscheiden. Wirtschaftlich, juristisch und politisch waren viele Frauenklöster unabhängig und auch sehr einflussreich. Spirituell waren sie aber immer von Männern abhängig. Das Kirchenrecht unterscheidet zwischen der «potestas iurisdictionis», also der juristischen Leitungsvollmacht, und der «potestas ordinis», der Weihevollmacht. Im Mittelalter waren beide voneinander unabhängig. Die juristische Vollmacht war geschlechtsneutral, wenn man so will. Eine Äbtissin konnte also Priester ernennen oder Richterin sein. Aber sie konnte keine Messe feiern, denn die Weihevollmacht war immer Männern vorbehalten. Und sie konnte auch keine Priester weihen.

Was bedeutete das für den Alltag im Kloster?

Müller: Für die Seelsorge in den Frauenklöstern waren schon im Mittelalter Priester und damit Männer zuständig. Frauenklöster mussten sich also etwas einfallen lassen. Viele Frauengemeinschaften schlossen sich männlichen Orden an, in denen sich Priestermönche um die Seelsorge der Frauen kümmerten, zum Beispiel die Zisterzienserinnen. Andere Frauenklöster hatten Männerklöster, die ihnen unterstanden (Fontevraud), oder zumindest bepfründete Kanonikerstellen, auf die sie Geistliche beriefen.

Das ist doch ein Widerspruch: Äbtissinnen konnten Untertanen in den Krieg schicken, aber für die Sakramente waren sie nicht gut genug. Hat das die Schwestern nicht gestört?

Müller: Das ist eine moderne Frage – ich weiß nicht, ob die Frauen damals auch so gefragt hätten. Man kann sich das eher als eine Art Arbeitsteilung vorstellen: Die Nonnen haben akzeptiert, dass die Priester in der Nachfolge Jesu und der Apostel standen. Dass es auch weibliche Apostel gab, war im Mittelalter nicht bekannt. Nonnen hatten – aufgrund ihrer jungfräulichen, besonders reinen Seele – den Status als Bräute Christi. Ihren Gebeten wurde eine besondere Wirkmacht zugesprochen. Die spirituelle Macht der Nonnen lag nicht im Spenden der Sakramente, sondern in ihrem Gebet für die Lebenden und vor allem für die Verstorbenen.

Wann haben Frauen in der Kirche an Einfluss verloren? 

Müller: Das war ein gradueller Prozess. Gerade die besonders mächtigen Frauenklöster waren oft sehr alt. Das Zürcher Fraumünster wurde im frühen 9. Jahrhundert gegründet. Aus diesen Zeiten stammten auch die Privilegien und der Machtumfang, mit denen ihre Äbtissinnen ausgestattet waren. Das Fraumünster ist dann der Reformation zum Opfer gefallen, andere Klöster wurden infolge der französischen Revolution aufgelöst. Kirchenrechtlich waren es aber erst die grossen Konzilien der Moderne, die geistlichen Frauen ihre Agency genommen haben.

Wie bitte? Ausgerechnet die Reformkonzilien haben die Rolle der Frau verschlechtert?

Müller: Genau. Das II. Vatikanischen Konzil (1962–65) hat die juristische Leitungsvollmacht an die Weihevollmacht gebunden. Seit den 1960er-Jahren kann also nur noch ein Bischof Priester ernennen, eine Äbtissin könnte das heute nicht mehr. Es sind also kirchenrechtlich gesehen recht junge Entwicklungen.  

Gibt es eine Figur, die vielleicht der Maria 2.0-Bewegung als Patin dienen könnte?

Müller: Es gab immer wieder Frauen, die sich laut eingemischt, Reformen gefordert und auch die Machtträger der Kirche kritisiert haben. Hildegard von Bingen und Katharina von Siena sind die zwei bekanntesten. Oder nicht-ordinierte Frauen wie Johanna von Orléans. Aber wir brauchen gar nicht diese Ausnahmeerscheinungen. Die besten Vorbilder sind die unzähligen Äbtissinnen, Nonnen und Beginen, die im Mittelalter ganz selbstverständlich Rechte, Verantwortung und Einfluss in der Kirche ausgeübt haben. Weil darum geht es ja bei Maria 2.0 – dass weibliche Mitsprache die Norm und keine Ausnahme ist. Der lange vergessenen Agency mittelalterlicher Klosterfrauen widmet das Schweizer Landesmuseum in Zürich ab März 2020 eine grosse Ausstellung. Da kann man sicher auch noch die ein oder andere Patin für Maria 2.0 finden.

Wie steht es um die mächtigste Katholikin der Kirchengeschichte, die Päpstin: Gab es sie – oder nur in der Fiktion?

Müller: Die ist sicher Fiktion. Wenn auch eine unterhaltsame. Die Geschichte hat ja alle Charakteristika der Kleriker-Satire. Sie macht sich über die doch so gelehrten Kirchenherren lustig, die sich von einer kleinen Frau an der Nase herumführen lassen und es erst merken, als sie gebiert. Historisch steckt da aber keine reale Geschichte dahinter.

Dr. Annalena Müller ist Mediävistin an der Universität Tübingen und der Université de Fribourg. Aktuell forscht sie im Rahmen eines SNF-Ambizione Fellowships zur wirtschaftlichen und politischen Macht von Äbtissinnen und Frauenklöstern im mittelalterlichen Europa.

Die Äbtissin des Zürcher Fraumünster war im Mittelalter auch die Stadtherrin Zürichs – eine sehr mächtige Frau. | © zVg
30. September 2019 | 12:38
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