Pater Philipp Steiner neben dem Kondolenzbuch in der Klosterkirche EInsiedeln
Schweiz

Zum Beispiel Vitus Huonder: «Benedikt XVI. hatte kein gutes Händchen bei Personalentscheidungen»

In Einsiedeln liegt ein Kondolenzbuch für Benedikt XVI. aus. Es ist sehr begehrt. Die Menschen trauern in vielen Sprachen um den emeritierten Papst – auch auf Arabisch und Tamil. Kritik? Fehlanzeige. Dabei hatte auch Einsiedeln unter Benedikts Personalentscheidungen zu leiden.

Magdalena Thiele

Knapp die Hälfte der Seiten ist schon gefüllt. Dabei liegt das dicke Kondolenzbuch für den emeritierten Papst Benedikt XVI. erst seit dem frühen Samstagnachmittag in der Klosterkirche Einsiedeln aus.

Viele Menschen tragen sich ins Kondolenzbuch ein

Am Montag bildet sich nach dem Konventamt am Mittag nur noch eine kleine Warteschlange. Etwa 150 Menschen haben den Gottesdienst besucht. Ein paar Menschen wollen persönliche Worte für Benedikt XVI. hinterlassen.

Kondolenzbuch für den emeritierten Papst Benedikt XVI. in der Einsiedler Klosterkirche
Kondolenzbuch für den emeritierten Papst Benedikt XVI. in der Einsiedler Klosterkirche

Am Neujahrstag sei deutlich mehr los gewesen, sagt Pater Philipp Steiner. Er gehört zu den 42 Mönchen, die dem Kloster Einsiedeln angehören, und ist für die Pilgerinnen und Pilger zuständig. «Am Sonntag kommen generell mehr Besucherinnen und Besucher als sonst», sagt Pater Philipp. Am Donnerstag wird in der Klosterkirche um 11.15 Uhr ein Pontifikalrequiem für den emeritierten Papst stattfinden. Er sei gespannt, wie voll die Kirche werde.

Um 9.34 Uhr stirbt der Papst – um 10.45 Uhr läuten in Einsiedeln die Glocken

Am Silvester-Samstag starb Benedikt XVI. um 9.34 Uhr, was aber erst eine Stunde später bekannt wurde. Um 10.38 Uhr ging auf kath.ch die Eilmeldung online: «Benedikt XVI. ist tot». Bereits um 10.45 Uhr läuteten in Einsiedeln die ersten Glocken für den emeritierten Papst.

Pilgerinnen und Pilger nehmen Abschied von Benedikt XVI.
Pilgerinnen und Pilger nehmen Abschied von Benedikt XVI.

Pater Philipp erzählt, wie die Mönche sofort ein Benedikt-Porträt und eine Kerze vor den Stufen des Altars der Klosterkirche aufgestellt haben. «Wir wollten für die Menschen, die zu uns kommen, einen Ort gestalten, an dem sie Abschied nehmen können.» Er sei froh, dass dieses Angebot so dankbar angenommen werde.

«Man könnte sagen, ich habe ihn geliebt»

Etwa von Menschen wie Hildegard Marten. «Man könnte sagen, ich habe ihn geliebt», sagt 86-Jährige. «Er war genau zehn Jahre und zwei Tage älter als ich.» Sie wollte sich sofort im Kondolenzbuch eintragen. Doch sie sei nicht gut zu Fuss habe deshalb nicht lange anstehen wollen.

Die Dominikanerinnen Teresa (links) und Benedikta vom Kloster Cazis in Einsiedeln.
Die Dominikanerinnen Teresa (links) und Benedikta vom Kloster Cazis in Einsiedeln.

Auch die Dominikaner-Schwestern Teresa und Benedikta haben einen Eintrag hinterlassen. «Wir haben ihm für sein tiefes Glaubenszeugnis gedankt und um Erneuerung des Glaubens gebeten», erzählen die beiden. Die Nachricht vom Tod Benedikts XVI. habe sie sehr berührt. 

Viele Menschen kondolieren auf Tamil

Dabei flogen Joseph Ratzinger in der Schweiz nicht gerade die Herzen zu. Erst im Januar 2022, nach Veröffentlichung des Münchner Missbrauch-Gutachtens, gab es viel Kritik. Denn Ratzinger soll als Erzbischof von München Missbrauchsfälle vertuscht haben. Der Einsiedler Pater Martin Werlen organisierte in St. Gerold gar eine «Auskotzete», um seinem Ärger Luft zu machen.

Trauer um den Papa emeritus: Ein Foto zeigt Papst Benedikt XVI. und Georg Gänswein.
Trauer um den Papa emeritus: Ein Foto zeigt Papst Benedikt XVI. und Georg Gänswein.

Angesichts des Todes scheinen die kritischen Stimmen in Einsiedeln verstummt. Im Kondolenzbuch finden sich keine kritischen Einträge. Manch einer schreibt eine ganze Seite voll, ein anderer nur ein paar Worte – fast jeder benutzt das Wort «Danke». Es steht schon dort auf Deutsch, Portugiesisch, Spanisch, Französisch, Englisch, Arabisch und auffällig oft auf Tamil. Denn Einsiedeln ist ein beliebter Wallfahrtsort für die tamilische Gemeinde. Rund 50’000 Tamilinnen und Singalesen leben in der Schweiz. 

Kritik an Vitus Huonder

Nicht Trauer, sondern Dankbarkeit sei die dominierende Komponente, die er dieser Tage spüre, bestätigt Pater Philipp: «Die Menschen nehmen Abschied und erkennen an, was Joseph Ratzinger und Papst Benedikt für die Kirche getan haben.»

Mittlerweile ist Vitus Huonder bei den schismatischen Piusbrüdern zuhause.
Mittlerweile ist Vitus Huonder bei den schismatischen Piusbrüdern zuhause.

Das heisse freilich nicht, die Schattenseiten auszublenden. «Er hatte kein gutes Händchen bei Personalentscheidungen», sagt Pater Philipp. Die Ernennung von Vitus Huonder zum Bischof von Chur im Juli 2007 sei beispielsweise sehr unglücklich gewesen. Huonder habe – anders als sein Vorgänger Amédée Grab – nicht das Format eines Bischofs gehabt. Seit 2019 lebt er als emeritierter Bischof bei den schismatischen Piusbrüdern.

Joseph Ratzinger war als junger Priester in Einsiedeln

Nach Einsiedeln kam Joseph Ratzinger einmal als junger Priester – danach aber nicht mehr, berichtet Pater Philipp. Dafür schickte Rom Benedikts Privatsekretär: Erzbischof Georg Gänswein kam im Mai 2014 auf Einladung von «Kirche in Not» nach Einsiedeln. Gänswein sprach damals über eine angeblich gesellschaftlich zunehmend akzeptierte Blasphemie, die als Kunst oder Satire getarnt werde. Doch dieses Referat liegt lange zurück. Ein Einsiedeln zählt in diesen Tagen ein grosses Danke – in vielen Sprachen.


Pater Philipp Steiner neben dem Kondolenzbuch in der Klosterkirche EInsiedeln | © Magdalena Thiele
2. Januar 2023 | 18:17
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