Isabelle Vernet
Schweiz

«Wir müssen junge Katholiken motivieren»

Wie kommt man an die Jungen in der katholischen Kirche heran? Natürlich über Social Media. Wie das genau geht, weiss Isabelle Vernet, Leiterin der Jugendpastoral für Jugendliche zwischen 15 und 25 Jahren im Kanton Waadt PASAJ.

Bernard Hallet

Der Kontakt mit den Jungen entsteht, wen wunderts, zuerst über die sozialen Medien und erst in zweiter Linie über das Internet. Dieses ist allerdings immer noch wichtig: «Wir wollten eine neue Website, die vor allem praktisch und in erster Linie für die Nutzung auf dem Smartphone gedacht ist», erklärt Isabelle Vernet auf cath.ch.

Die Website ermögliche es, mehr zu erfahren, wenn ein Ereignis auf Instagram oder TikTok angekündigt wird und die Internetnutzer interessiert, so die Theologin. Die Startseite gibt Kontaktdaten der Seelsorgenden an, bietet einen Terminkalender und hebt die Aktivitäten hervor, die von der Pastoral angeboten werden. Aber: «Wir müssen über die sozialen Netzwerke gehen, wenn wir sie erreichen wollen.»

Warum noch eine Website einrichten, wenn die Jugendlichen in sozialen Netzwerken unterwegs sind?

Isabelle Vernet: Die beste Art, unsere Veranstaltungen zu kommunizieren, sind Posts auf Instagram und TikTok. Wir leben in einer Zapping Kultur. E-Mails und Flyer sind out. «PASAJ Events», eine der Gruppen unserer Pastoral, initiiert unter anderem sportliche Aktivitäten, Pilgerreisen, kulturelle Aktivitäten und Lobpreiszeiten. Alle diese Angebote werden auf Instagram gepostet. Wir haben auch an die Eltern der Jugendlichen gedacht, die sich über unsere Angebote informieren möchten.

Ist die Zapping-Kultur mit dem Glauben vereinbar?

Das Hauptziel besteht darin, die Jugendlichen zu begeistern und zu motivieren. Sie werden von einem Post angezogen, danach ist es es nicht mehr an uns. Es ist schwierig, die Gratwanderung zwischen einer ständigen Anpassung an die Kommunikation von Inhalten, wie sie die sozialen Netzwerke erfordern, und der Zeitlichkeit des Glaubens und der Kirche zu meistern. Aber das ist die Herausforderung der Jugend. Es liegt auch an ihnen, im Glauben verwurzelt zu sein und ihn zu pflegen. Es geht nicht um Rekrutierung, sondern darum, auf junge Menschen einzugehen, die das Bedürfnis haben, gemeinsam etwas zu erleben.

Junge Menschen nehmen an Veranstaltungen wie dem Weltjugendtag oder christlichen Festivals teil, aber es ist schwieriger, sie für ein langfristiges Engagement z. B. in einer Kirchengemeinde zu finden. Kann man von einer Event-Kirche sprechen?

Junge Menschen müssen sich versammeln und Kontakte knüpfen. Das ist die Definition von Jugend. Das klassische Schema der Jugendlichen, die sich in der Messe treffen, ist aus der Mode gekommen. Die Organisation von Veranstaltungen, bei denen sich Jugendliche treffen, austauschen und gemeinsam beten, ist jedoch sehr beliebt. Aus diesem Grund haben wir die «PASAJ Events» entwickelt.

Es wird viel über «die Jugend» gesprochen. Wer ist damit genau gemeint?

Ich spreche hier von den 15- bis 25-Jährigen, aber es gibt so viele verschiedene Profile wie es Tage im Jahr gibt! Es gibt keine festen Kategorien, aber es lassen sich Tendenzen erkennen. Ich kann sagen, dass es die «klassischen» Jugendlichen gibt, die ihren Glauben vertiefen wollen, mit Theologie- und Moralkursen. Eine der Jugendlichen aus dem Team hat «Theophilos» ins Leben gerufen, eine theologische Ausbildungsgruppe für Moral und Ethik in Zusammenarbeit mit der Plattform Würde und Entwicklung. 25 Personen haben diesen Kurs ein Jahr lang besucht. Diese Gruppe ist empfänglich für Zeiten der Anbetung. Andere, dynamischere Gruppen sind auf den Weltjugendtag und Pilgerreisen ausgerichtet: Sie steigen mit dem Rucksack in einen Bus, teilen eine Glaubenserfahrung auf dem Weg und finden auf diese Weise Freunde. Wieder andere sind allein und nehmen gerne an Sporttagen teil, um in eine Gruppe aufgenommen zu werden. Wir beobachten, dass viele junge Menschen einsam sind und ihrem Leben keinen Sinn geben können. Covid hat bei den Jugendlichen Spuren hinterlassen.

Gibt es eine Gemeinsamkeit zwischen den verschiedenen Profilen, die Sie nennen?

In erster Linie ist es das Bedürfnis, einen Sinn im Leben zu finden. Die Jugendlichen, die an bestimmten Aktivitäten teilnehmen, sind nicht alle gläubig, aber sie stellen sich Fragen über den Sinn des Lebens und die Spiritualität ist in ihren Fragen sehr präsent. Sie haben das Bedürfnis, Verbindungen zu etwas zu knüpfen, das über sie hinausgeht. Einige haben mit ihren existenziellen Fragen das Bedürfnis, zu einer Gruppe zu gehören, was ihnen ermöglicht, Erfahrungen auszutauschen. Insgesamt sind die Jugendlichen sehr empfänglich für den Begriff der Solidarität und die Sorge um den anderen.

Wer organisiert all diese Aktivitäten?

Das Team von «PASAJ Events» und, je nach Motivation, die Jugendlichen führen die Aktivitäten durch. Als Jugendbetreuer ist es für uns ein wichtiges Ziel, die Jugendlichen durch Selbstständigkeit wachsen zu lassen. Aus diesem Grund bieten wir die JackA-Ausbildungen an, damit sie sich in der Animation weiterbilden können und in der Lage sind, Projekte auf die Beine zu stellen. Wir sind keie Reisebüro, das Veranstaltungen organisiert. Wir versuchen, junge Menschen zu motivieren, Veranstaltungen zu schaffen, die mit der Kirche in Verbindung stehen. Dies ist eine der grössten Herausforderungen der Jugendpastoral. Für unser Projekt Jugend und Solidarität würden wir gerne einen Raum finden, damit sie einen Platz haben, an dem sie ihr Projekt verwirklichen können. Abgesehen davon ist es schwierig, Räume in den Pfarreien zu finden.

Die Jugendsynode 2018 mündete in einer klaren Forderung der Jugendlichen an die Kirche, ihnen einen Platz zu geben und ihnen zu vertrauen. Hat sich die Situation seit der Synode verändert?

Die Mentalität ändert sich, aber nicht schnell genug. Ich glaube, dass es den Jugendlichen wirklich freigestellt werden muss, Treffen und Veranstaltungen zu organisieren. Dafür müssen wir geeignete Orte finden. Manchen Erwachsenen fällt es schwer, ihnen zu vertrauen.

Die Zahl der Katechumenen ist in diesem Jahr stark angestiegen, wobei die meisten von ihnen Jugendliche ab 15 Jahren sind. Überrascht Sie das in einer Zeit, in der die Kirche eine grosse Krise durchmacht?

Ich finde das wunderbar und bin nicht überrascht. Junge Menschen müssen einen Sinn in ihrem Leben finden, was meiner Meinung nach diesen Trend erklärt. Wir stehen vor einer grossen Herausforderung. Das ist eine brennende Frage. Wie werden wir auf die Ausbildung von Jugendlichen zwischen 15 und 25 Jahren reagieren, die um die Taufe bitten? Wir werden einen katechumenalen Weg für junge Menschen entwickeln. Bisher waren die Sakramente in der Abteilung für 0- bis 15-Jährige angesiedelt, aber ich denke, das wird sich ändern und wir werden mehr abteilungsübergreifend zusammenarbeiten.

Sie haben bereits eine Reise nach Rom im Heiligen Jahr geplant. Es handelt sich um eine interkantonale Initiative, die andere Projekte in der Romandie nach sich ziehen könnte?

Ja, für diese Reise Ende Juli 2025 haben wir uns mit den Jugendpastoralen von Freiburg und Genf zusammengeschlossen. Es gibt eine Plattform für die Jugend in der Romandie, die durch ein Büro konkretisiert wurde, in dem sich die Jugendleiter der Romandie regelmässig treffen. Wir haben diese Pilgerreise dank des guten Einvernehmens der Teams auf die Beine gestellt. Das hat den Vorteil, dass es einfacher ist und weniger kostet. Ich wünsche mir, dass es weitere interkantonale Projekte geben wird.

Sie erwähnten die Herausforderung, die die Jugendlichen für die Kirche darstellen.

Wenn wir uns nicht um die Jugend kümmern, haben wir das Evangelium nicht verstanden. Sie sind die Kirche von morgen und haben uns viel zu bieten: Sie dezentrieren uns, stossen uns an und können eine echte Infragestellung bewirken. Ich habe meinen Glauben noch nie so sehr vertieft wie in den acht Jahren, die ich in der Seelsorge an der Hotelfachschule in Lausanne verbracht habe. Viele junge Menschen im Alter zwischen 18 und 23 Jahren – ein Alter, in dem man beginnt, sich mit dem Tod von Angehörigen auseinanderzusetzen – kamen in die Seelsorge, um ihre Fragen zu diesem Thema zu teilen. Diese Fragen waren je nach Herkunft sehr unterschiedlich: Chinesen, Südamerikaner, Südafrikaner, Europäer.

Nur wenige der Jugendlichen waren gläubig, aber viele kamen trotzdem in die Seelsorge?

Ich fand das grossartig! Der Austausch begann immer so: «Ich glaube nicht an Gott, aber ich komme zu euch.» Die Jugendlichen haben drei Kreise, um sich aufzubauen: Der nächste Kreis ist die Familie, der zweite Kreis sind die Freunde und der dritte Kreis ermöglicht es ihnen, sich mit etwas zu verbinden, das grösser ist als sie selbst, und über den Sinn ihres Lebens nachzudenken.
In der Bibel gibt es aussergewöhnliche Passagen oder Psalmen, die immer noch aktuell sind und die bei diesen Jugendlichen Überlegungen auslösen können. Sie können Sinn finden, indem sie die Bibel lesen, aber auch indem sie Gedanken über die Bibel austauschen. Die Seelsorger tragen dazu bei, dass diese Jugendlichen ausgeglichen sind. In der Jugendpastoral können wir nicht Antworten geben, sondern sie auf ihrem Weg begleiten, wie die Jünger von Emmaus. (kath.ch/cath.ch/bh)

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Eine Seelsorgerin für die Jugend

Isabelle Vernet wurde 1967 in Frankreich geboren. Sie hat einen Master in Literatur und ein DEA in vergleichender Literatur der Pariser Universität Sorbonne. Im Laufe ihres Werdegangs engagiert sie sich häufig in Kirchengemeinden, wo sie Jugendliche begleitet. Isabelle Vernet erlangt 2008 am Heythrop College der Jesuitenuniversität London einen Master in christlicher Spiritualität. Seit 2015 ist sie als Jugendseelsorgerin an der Hotelfachschule in Lausanne angestellt. Isabelle Vernet ist seit Januar 2023 Leiterin von PASAJ.


Isabelle Vernet | © Christian Merz
3. September 2024 | 15:00
Lesezeit : ca. 6  Min.
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